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Wir reden über Literatur
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Trotzköpfchen

Wenn man als Mann über das Thema Sexismus schreibt, kann man auch gleich beherzt zu einer Frau in den Fahrstuhl steigen und sagen, „Keine Angst, ich tue ihnen nichts.“ Das geht doch nur in die Hose. Aber dann kamen immer mehr Artikel darüber, wie ich mich oder wie ich mich nicht als Mann zu verhalten habe, sodaß ich Lust verspürte, einfach „me not“ zu posten. Tatsächlich bin ich noch nie sexuell belästigt worden. Das muß man sich mal vorstellen. Klar, ich bin ein Mann, und wenn ich mich im Spiegel so anschaue, dann würde ich ehrlicherweise auch lieber die Finger von mir lassen. Und ein Politiker wie Altmeier wird im Gegensatz zur Staatssekretärin Chebli niemals auf seine Schönheit reduziert werden, weil er schlicht und ergreifend potthäßlich ist. Da hat er wirklich noch mal Glück gehabt…

Huch, Sexistentourette! So schnell passiert es. Ich distanziere mich von mir. Denn sexuelle Belästigung ist natürlich scheiße. Und „me not“ wäre eine Trotzreaktion. Wie bei meinem Freund und Lesebühnenkollegen Peter. Der reagiert ja auch immer so trotzig. Allerdings auf mich. Und ganz besonders, wenn ich ihn auffordere: „Du Peter, es wäre schön, wenn Du auf der Bühne einfach mal ein bißchen mehr mitmachen würdest, zum Beispiel mehr interagieren und reden, und nicht immer nur Deinen Text vorlesen und dann stumm dein Bier austrinken.“ Nachdem ich das gesagt habe, hat Peter bei der nächsten Lesebühne seinen Text vorgelesen und dann stumm sein Bier ausgetrunken. Was soll das? Ich mache ihm gute und vernünftigerweise nicht abzulehnende Vorschläge, um seine Bühnenperformance zu verbessern. Aber der Typ hört einfach nicht auf mich.

Im Zuge der MeToo-Debatte bin ich durch Spiegel online auf die New Yorker Journalistin Helen Rosner aufmerksam gemacht worden, seither kann ich mich empathiemäßig ein bißchen besser in Peter hineinversetzen. Auf Twitter hat sie ungefähr zwanzig Vorschläge unterbreitet, was man als Mann tun kann, um Frauen in ihrem alltäglichen Leben gegen Sexismus zu unterstützen. Einiges davon fand ich durchaus okay. Zum Beispiel: „Unterstütze die Subventionierung von Verhütungsmitteln“. Warum nicht, Kinderlosigkeit sollte bezahlbar bleiben. Oder den Vorschlag: „Überwinde Deine Transphobie. Transfrauen sind Frauen.“ Natürlich, unbedingt, wenn ich eine Transphobie hätte, würde ich sie überwinden. Aber ob ein Transphobiker sagen würde, „sorry, mein Fehler, kommt nicht wieder vor.“ Leute, die andere diskriminieren, sind in Fragen der Toleranz ja oft nicht so aufgeschlossen.

Auch der Punkt: „Kultiviere genuin nichtsexuelle Freundschaften mit Frauen“, hat für mich nie ein Problem dargestellt. Bis zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr hatte ich mit Frauen eigentlich nur solche Freundschaften. Als mich mein Vater im Sommer neunundneunzig fragte, wann ich denn gedenke, bei diesem Mädchen - es war eine gute Studienfreundin von mir - endlich mal aktiv zu werden, sagte ich, das sei bloß Freundschaft. Mein Vater schaute mich an, als hätte ich ihm gesagt, daß die Erde eine Scheibe ist, daß der Storch die Kinder bringt, daß eine Frau mal Bundeskanzlerin wird. „Junge“, sagte er, „es gibt Männer, es gibt Frauen, was es nicht gibt, ist Freundschaft zwischen Männern und Frauen, das laß Dir ma’ gesagt sein.“ Mein Vater der sexistische Alltagsphilosoph. Er entstammt eben einer anderen Zeit und kam, zugegebener Maßen, beim weiblichen Geschlecht auch immer etwas besser an als sein Sohn.

Indes, je länger nun die Liste von Helen Rosner wurde, desto mehr Schwierigkeiten bekam ich damit. Nicht etwa, weil ich die Notwendigkeit, sich gegen sexuelle Übergriffe auszusprechen und etwas dagegen zu unternehmen, doof fand, sondern weil ich mich durch den Stil und Tonfall Helen Rosners doch leicht gegängelt fühlte. Ein weiterer Vorschlag war: „Spreche wenig, und zwar überall und zu jeder Zeit.“ Da hatte sie mich erwischt. Das würde mir verdammt schwer fallen. Peter hingegen würde mit dieser Regel problemlos zurechtkommen. Aber wenn ich auch so wenig sprechen würde wie Peter, dann würde auf unserer Lesebühne ja gar nichts mehr passieren. Ich müßte eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen, damit ich dann als Frau die moralische Berechtigung hätte, soviel reden zu dürfen wie ich rede. Und als vermutliche eher lesbische Frau könnte ich immerhin einigen Problemen auf dieser Liste grundsätzlich aus dem Weg gehen. Zum Beispiel folgendem: „Befrage Dich, was Du nicht tust, nur weil Du denkst, daß das Frauen tun, und dann tue es. Stricke, mache Hautpflege, sende Geburtstagskarten.“ Offen gesagt, eine furchtbare Vorstellung für mich. Denn nicht erst Helen Rosner, sondern bereits meine Mutti hielt mich dazu an, meiner Oma in Berlin immer eine Karte zum Geburtstag zu schicken. Ist das nicht auch schon Mißbrauch, wenigstens ein ganz kleiner, für einen Jungen jedoch nur schwer auszuhaltender Geburtstagskartenschreibenmüssenmißbrauch. Ob ich jetzt auch öfter ein von Kerzen beleuchtetes Wannenbad nehmen und mehr Gemüse essen muß?

Und wie soll ich mit der strengen Aufforderung, ich zitiere wörtlich: „Wichse eine zeitlang ohne Pornos“ umgehen. Sicherlich, versuchen kann ich es ja mal, wozu hat man denn Fantasie. Aber schön ist es nicht.

Der letzte Punkt auf der Liste lautet schließlich: „Befreunde Dich mit Kindern.“ Also ich weiß nicht. Ich sehe mich schon auf Kinderspielplätzen herumlungern, auf der Suche nach neuen Freunden. Dürfte nicht einfach werden.

Vorschriftsmäßiges feministisches Verhalten scheint mir wie Rohkostsalat zu sein. Ich muß mich echt dazu zwingen.

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