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Besuch im Eichsfeld

Alexander Gauland empfahl neulich der Integrationsbeauftragten Aydan Özoguz, das thüringische Eichsfeld zu besuchen. Dort solle sie in Erfahrung bringen, was spezifische deutsche Kultur sei, bevor er sie, O-Ton Gauleiter, in Anatolien entsorgen wolle. Ob nun dieser stark religiöse, provinzielle, durch traditionelle Familienstrukturen geprägte Landsstrich - also das Eichsfeld, nicht Anatolien - spezifisch ist für die wie auch immer geartete deutsche Kultur, bleibe mal dahingestellt. Allerdings kann ich mich inzwischen als Kenner des Eichsfeldes ausweisen, dem Katholien von Deutschland. Einmal im Jahr werde ich nämlich von meiner Freundin mehr oder weniger liebevoll dazu gezwungen, an den Familienfeiern der Eingeborenen teilzunehmen. Das klingt jetzt ein bißchen so, als ob ich keine Lust auf Familienbesuche hätte. All denen, die jetzt unter Umständen diesen Eindruck gewonnen haben könnten, kann ich nur sagen, stimmt. Der Schwager meiner katholischen Freundin hatte uns zu seinem Sechzigsten Geburtstag eingeladen. Es wäre Heuchelei zu behaupten, man sehe einem solchen Ereignis mit Freude entgegen. Die Einladungskarte war gestaltet wie eine Eintrittskarte für ein Fußballspiel. „60. Heimspiel“ stand darauf, „Anstoß 18:30“. Wer es noch nicht gewußt haben sollte, der kann daraus schließen, daß Schwager Gerald ein großer Fußballfan ist. Fußball dient nicht nur dem sozialen Zusammenhalt, sondern auch der Gesunderhaltung des schnell zur Verfettung neigenden männlichen Eichsfelders, der, ohne diese Sportausübung, dem täglichen Genuß von riesigen Mengen Eichsfelder Stracke und Gehacktem komplett anheimfallen würde. Die Einladungskarte zierte außerdem noch ein folkloristisches Gedicht: „So mancher Gast wird sich wohl denken, was sollen wir unserem Freund bloß schenken, Am liebsten wäre mir als da, nebst Wünschen eine Kleinigkeit in bar.“ Das hab ich zwar nicht gedacht, trotzdem hat Schwager Gerald ja grundsätzlich recht mit diesem Wunsch. Nach einem Leben, das sich, um die Fußballmetaphorik der Einladungskarte aufzugreifen, nun auch schon weit in der zweiten Halbzeit abspielt, hat man eigentlich keinen Platz mehr für den ganzen Schrott, den Freunde und Verwandte einem als Geschenk andrehen wollen. Meine ursprüngliche Geschenkidee - eine Krawatte mit dem Bildnis von Lothar Matthäus - habe ich daraufhin fallen gelassen.

Wer mit dem Zug ins Eichsfeld fährt, sollte beachten, daß die Tradition der obligatorischen Zwangstaufe, um überhaupt ins Eichsfeld einreisen zu dürfen, erst Mitte der Sechziger verboten wurde. Unvorsichtigen Atheisten kann es jedoch immer noch passieren, beim Verlassen des Bahnhofs hinterrücks mit Weihwasser besprenkelt zu werden. In diesem Falle ist es ratsam, sich ruhig zu verhalten und auf dem Weg zum Taxi von Onkeln in schwarzen Roben keine Hostien anzunehmen.

Das Eichsfeld kann mit dem berühmten gallischen Dorf verglichen werden. Laut einer Studie ist das Gebiet der ehemaligen DDR das atheistischste der Welt. Das ganze Gebiet der ehemaligen DDR? Nein! Umgeben von Heiden leistete das kleine katholische Eichsfeld Widerstand gegen die Gottlosigkeit. Belohnt wurde es mit dem Besuch Papst Benedikts im Jahre des Herrn zweitausendundelf in Etzelsbach, das für seine alljährliche „Pferdewallfahrt“ berühmt ist. Über 90000 Menschen haben sich auf einem Acker versammelt, auf dem sonst nur Pferde und einige Esel gesegnet werden. Fast alle Mitglieder der katholischen Großfamilie meiner Freundin waren anwesend. Außer meine Freundin. Ihr stehen sowieso schon ewige Höllenqualen bevor, weil sie sich mit mir eingelassen hat.

Damit man im Eichsfeld die guten und vertrauenswürdigen Menschen von den Nichtkatholiken unterscheiden kann, wird außen an die Wohnungstür mit Kreide der Dreikönigssegen geschrieben. Da weiß man immer gleich, wen man grüßen muß und wer im Notfall auf dem Scheiterhaufen verbrand werden darf. Die Scheiterhaufen sind allerdings größtenteils den Grillfeuern gewichen, womit wir auch schon bei der Eichsfelder Küche wären. Laut Wikipedia wird die vorherrschende Leibkultur mit den Attributen „einfach und deftig“ beschrieben. Führwahr, der erste leibliche Segen kurz nach unserer Ankunft bei Schwager Gerald war eine großzügig mit Eichsfelder Gehacktem angereicherte Lauchkäsecremsuppe. Ich nahm zwei Teller. Damit das Gefühl der völligen Übersättigung nicht nachließ, wurde Schmandkuchen aufgetischt. Wem das nicht kalorienreich genug war, hieb sich eine Kelle mit Schlagsahne drüber. Am frühen Nachmittag hatte ich bereits einen Grad von Hartleibigkeit erreicht, von dem ich glaubte, daß er sich nicht mehr steigern ließe. Aber der Glaube versetzt bekanntlich Berge. Und den setzte ich dann auch dorthin, wo einem nichts Menschliches fremd sein soll. Das Bad hatte, wie ich plötzlich feststellte, als es eindeutig zu spät war, kein Fenster. Zu meiner Verteidigung fiel mir bloß ein apokrypher Vers aus dem ersten Buch Mose ein: „Adam, Du wirst Mensch geheißen, deshalb mußt du nun auch scheißen.“

18:30 war der eigentliche Beginn der Feier. Zeit wurde es, denn seit einer knappen Stunde hatten wir schon nichts mehr gegessen. In der Eichsfelder Fuhrmannsstube trafen eine unübersehbare Zahl von Eichsfeldern ein, die so aussahen, als wären sie auf irgendeine nicht näher zu bestimmenden Weise miteinander verwandt. Möglicherweise lag es auch am Schmand, sicherlich aber am Eichsfelder Gehacktem. Darauf läßt sich im Eichsfeld eigentlich alles zurückführen. Denn Gehacktes bist du und zum Gehackten kehrst du wieder zurück. Wir traten an das Büfett. Die Tische trugen, was ein eingefleischter katholischer Karnivore begehrte. Rinderbäckchen, Frischlingsbraten, Kalbsröllchen, Tafelspitz und für die ganz Harten im Nehmen: Schweineschnitzel Hawaii. Wer das erfunden hat, gehört für meinen Geschmack gekreuzigt. Nachdem ich mir die Plauze bis kurz vor dem Darmverschluß zugeknüppelt hatte und nur noch mit Hilfe von Bierspülungen eine Rinne durch meinen Leib offenhielt, begann das kulturelle Rahmenprogramm. Ein Chor aus Angetrunkenen fand sich zusammen und sang schiefer noch als der Turm von Pisa: „Hast du mein Eichsfeld nicht gesehn/ Mit seinen burggekrönten Höhn/ Und kreuzfidelen Sassen/ Dein Rühmen magst Du lassen!“ Wurde nicht selbst aus vollen Lungen gesungen übernahm ein DJ, der schon unter Walter Ulbricht aufgelegt hatte, die akustische Körperverletzung mit Helene Fischer und Ostrock-Klassikern und lockte damit die Generation sechzig Plus auf die Tanzfläche, die als perfekt eingespielte Paarfuhrwerke nach alter Tanzschule und vierzig Zwangsehejahren nun jeden Rhythmus in den Walzertakt stanzten, atemlos und bis ans Ende der Nacht, bis schließlich irgendwann mein vom Fleisch und Bier aufgedunsener Körper die rhythmische Eintracht mit all jenen Menschen auf der Tanzfläche zu suchen begann, die Gott zu seinen Eichsfeldern gemacht hatte, und ich muß gestehen, es kam mir sogar, wohl aus Selbstschutz, wie ein unglaublicher Spaß vor.

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