Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Eingekreist

Die Wahrheit des Wandtellers

Es gibt viele Kriterien von Kitsch. Eins besagt, Kitsch sei etwas, das vorgibt zu sein, was es nicht ist. Zum Beispiel ein bärtiger Pirat, der bei genauerer Betrachtung kein Pirat ist, sondern ein Flaschenöffner. Oder zwei sich umarmende Liebende, die, ihres dekorativen Elements entkleidet, ein Salz- und ein Pfefferstreuer sind. Wären diese Gegenstände Personen, müßte man ihnen eine Profilneurose attestieren, und sagen, tut mir leid, aber ihr seid weder bärtige Piraten noch Liebende, ihr seid Küchenutensilien, und häßliche obendrein.  

Es gibt trotzdem Leute, die so was schön finden.

Recht früh mußte ich mit der bitteren Erkenntnis klar kommen, daß auch meine Eltern darunter sind. In Zingst gab es nämlich die „Kunststube“, voll mit Sachen, die rein gar nichts mit Kunst zu tun hatten. In den Ferien wurde ich nach dem Strand oft dorthin verschleppt. Vor dem Laden standen Zierkrüge. In dem Laden auch. Ich langweilte mich furchtbar. Der Laden lag neben einem vor sich hin müffelnden Melorisationsgraben, in dem eine mückenlarvenverseuchte trübe Brühe stand, die ich nun mit einem Stöckchen näher in Augenschein nahm. Ob aus Forscherdrang oder suizidaler Absicht, weiß ich nicht mehr so genau. 

Und was taten meine Eltern in dieser niemals enden wollenden, schier ewig öden und völlig sinnlosen Zeit dort in dem Kunstgewerbeladen, den ich richtigerweise umbenannt hatte in „Geldrausschmeißerladen“? Ich hätte in den Wassergraben fallen und ersaufen können, sie hätten es nicht mitgekriegt, völlig eingenommen von den ganzen Gegenständen, die man entweder nicht benutzen konnte oder nicht benutzen sollte. Man stellte sie einfach nur hin. Für mich unbegreiflich, warum man für so was Geld ausgibt. Manchmal hatten meine Eltern nicht einmal genügend Geld, weil gerade alles fürs Eigenheim - Kies und Zement – draufgegangen war, trotzdem zog es sie in den Laden hinein, ferngesteuert wie die Menschen im Film die „Zeitmaschine“ in die düstere Höhle der menschenfressenden Morlocks.

Erst viel später las ich bei Georg Orwell, daß ein Gegenstand, der vordergründig gar keinem Zweck dient, durchaus etwas Emanzipatorisches an sich haben kann. Er zeige uns nämlich, daß sich das Dasein nicht im gnadenlosen Nützlichkeitsstreben erschöpft. Das ist ein schöner Gedanke.

Ich könnte mal wieder meine Eltern besuchen, die sich mit all diesen Dingen eingerichtet haben und sagen, „seht, wie mich euer Geschmack geprägt hat. Deshalb habe ich damals mein Studium der Immobilienwirtschaft abgebrochen und bin Lyriker geworden, das ist so nützlich wie dieses blütenförmige Schälchen hier, das seit Jahren bei euch auf der Fensterbank steht. Alles eure Schuld!“

Meine katholische Freundin und ich sind uns immerhin einig darüber, daß wir einen guten Geschmack haben. Einen schlechten Geschmack besitzen zum Glück immer nur die anderen. Bis irgendwann Karl Knoblauch bei uns eingezogen ist. Karl Knoblauch konnte man - vielmehr muß ich wohl sagen „ich“ - mit Hilfe von Treuepunkten bei Penny erwerben. Fast geschenkt! Er hat Arme, Beine, ein Gesicht, ist aus Plüsch und sieht aus wie eine liebenswürdige Knoblauchknolle. In einem Kinderzimmer wäre er noch unter Spielzeug zu verbuchen gewesen, aber er sitzt auf unserem Sofa. Kein Kind weit und breit, nur wir. Ein gutes Argument dafür, Kinder zu haben, ist ja, daß man ihnen dann wenigstens für alle häßlichen Gegenstände in der Wohnung die Schuld geben könnte. Wenn Besuch kommt, verstecke ich Karl Knoblauch.

Karl Knoblauch / Penny

Ich habe einen Designerfreund, der würde sich eher die Hand abschlagen, als Karl Knoblauch ins Wohnzimmer zu lassen. Sein Wohnumfeld ist ein abgestimmtes Ensemble aus Glas, Edelstahl und hygienischen Oberflächen aus hellem Holz. Gemütlich wie beim Kieferchirurgen. Das Einzige, was den Eindruck stört, sind eigentlich nur seine Frau und die beiden Kinder. Von der Linienführung her sind sie nicht klar und kantig definiert genug, um ins Interieur zu passen. Keine Ahnung, wie er das aushält. Vielleicht hat er sie im Keller zwischengelagert.

Das andere Extrem ist die Schwester meiner Freundin. Wir haben sie kürzlich in ihrer neuen Wohnung besucht. Was ich befürchtet hatte, trat ein. Sie mußte uns unbedingt durch Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche und Bad führen - freudestrahlend. Ich wäre nun in der Lage, über jeden Wohnbereich eine detaillierte Beschreibung zu geben. Von guter Literatur habe ich jedoch gelernt, daß erst durch die Aussparung die Fantasie des Lesers beansprucht wird und in seinem Kopf dann um so stärker das ganze Grauen zu wirken beginnt …

Kitsch hat tausend Gestalten. Oft nähert er sich als Geschenk. So bekam ich mal von meinen Eltern die Skulptur des Denkers als abstraktgeschnitzte Holzfigur. Sah aus, als hätte ihnen ein Strandhippie das angedreht. Sie ist mir bisher immer noch nicht aus Versehen in den Grill gefallen. Mein Kumpel Peter wiederum mag Kaninchen. Kaninchen sind per se kitschige Tiere. Als hätte man ein Plüschtier mit einem Blutkreislauf ausgestattet. Und wer Kaninchen mag, ohne ihren Fleischgeschmack damit zu meinen, hat vor dem Kitsch bereits kapituliert.

Vielleicht sollte ich die Anwesenheit Karl Knoblauchs als Warnung verstehen, wie bei der japanischen Mafia den abgeschnittenen kleinen Finger, als die plüschgewordene Linie, die ich nicht weiter überschreiten darf, damit nicht irgendwann Sätze aus meinem Munde kommen wie, „guck mal, ist das nicht hübsch“, oder, „ich lese das nur, um mich zu entspannen.“ Damit ich keine CDs von lasziv blickenden Schlagersängerinnen kaufe und im ZDF eine Verfilmung von Rosamunde Pilcher (mittelmäßige deutsche Schauspieler spielen unglücklich verliebte schottische Landadelige, die in unglücklich verliebte schottische Landmädchen mit dunklem schottischen Geheimnis, gespielt von mittelmäßigen deutschen Schauspielerinnen, verliebt sind) ansehe. Mich nicht doch noch für „Deko mit Glanz“ und „Wohnideen mit Pfiff“ interessiere und der Wandteller ein Comeback als „cooler Wandschmuck“ feiert, wie es neulich in der Zeitschrift „Schöner Wohnen“ hieß. Damit ich niemals vergesse: ein Wandteller bleibt uncool aus einem ganz einfachen Grund. Wenn man was drauflegt, rutscht es runter.

Fixpoetry 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge