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Erotik mit Oma

Als meine Oma noch lebte - ein Umstand, der für das, was jetzt folgt, vorausgesetzt werden muß - drückte sie mir ein Buch in die Hand mit den Worten, „das hat Deinem Großvater gehört, vielleicht interessiert Dich ja so was“. „So was“ trug den Titel: „Das Delta der Venus“. Mein Großvater war bereits über zwanzig Jahre tot, ich war Mitte dreißig, Oma mußte sich die Sache sehr gut überlegt haben, bevor sie zu der Auffassung gelangt war, daß mir eine solche Lektüre zuzumuten sei.  

Was mir dabei überdeutlich ins Auge sprang, jemand hatte auf dem Buchcover mit Kuli die ersten Worte eines dort befindlichen Henry Miller Zitats durchgestrichen, übrig blieben: „sinnlich und sensibel ein schamlos schönes Buch“. Nun ist es aber selten so, daß man bei durchgestrichenen Worten denkt: „O, die Worte wurden durchgestrichen, die werde ich mal lieber nicht zu entziffern versuchen, weil sie ja gar nicht für mich bestimmt sind.“ Solch naive Annahme traute ich meiner Oma nicht zu. Vermutlich hatte mein Großvater diesen Vertuschungsversuch unternommen. Er ging äußerst dilettantisch vor. Unter dem Blau des Kulis schimmerten Buchstaben durch und fügten sich zu dem Wort: „poetisch“. Ich war etwas enttäuscht. Hat ein Lyrikhasser das durchgestrichen oder steckt in dem Wort „Po-etisch“ eine Ferkelei, die sich mir noch nicht erschlossen hat? Das nächste Wort entpuppte sich als ein „und“, und das dürfte eigentlich auch niemanden schockieren. Doch dann kam es, das böse Wort, nämlich „pornographisch“. Henry Miller sagte also: „Poetisch und pornographisch, sinnlich und sensibel, ein schamlos schönes Buch.“

Oma lag sicher richtig in der Annahme, daß mich so was interessieren könnte. Aber in diesem Buch zu lesen, ohne dabei irgendwie an Oma zu denken, ging leider auch nicht. Und wenn ich nachts, wie immer rein zufällig, auf dem Sender Sport 1 lande, auf dem diese Telefonsexwerbung läuft, in der ältere Damen mich mit tiefer Stimme dazu auffordern, sie anzurufen, um es mir, wie sie es formulieren, von Oma machen zu lassen, dann wirkt das auch nicht unbedingt sehr erotisch auf mich. Womit ich nicht sagen will, daß ältere Frauen keine sexuelle Ausstrahlung haben können. Oma hat ja noch mit achtzig stolz von ihren Erfolgen berichtet, sobald es ihr wieder gelungen war, den vermutlich extrem kurzsichtigen Bauarbeitern auf dem Gerüst doch noch ein paar Pfiffe zu entlocken. Allerdings war sie irgendwann realistisch genug, sich zumindest nicht mehr bedankend zu den Herren der Hämmer und Bohrer umzudrehen, um keiner Desillusionierung Vorschub zu leisten, die früher unter dem Ausdruck „Von hinten Lyzeum, von vorne Museum“ bekannt war. Und bis zu ihrem fünfundachtzigsten wollte Oma nachts auch nicht mit dem Taxi fahren, weil sie fest davon ausging, daß der Taxifahrer nichts Besseres zu tun haben würde, als hinter der nächsten Straßenbiege gierig über sie herzufallen. Wenn meine Mutter zart andeutete, daß die Wahrscheinlichkeit für ein solches Abenteuer möglicherweise nicht mehr sehr hoch sei, war sie bei Oma für ein paar Tage unten durch. Auf ihre fuckability, wie es heute heißt, ließ Oma nichts kommen.   

Kurzum, ein Buch, das sexuell stimulierende Texte enthält, möchte man normalerweise nicht von seiner Oma geschenkt kriegen. Das fällt doch schon unter Inzestverbot. Anais Nin hieß die Autorin und hatte sich mit dem Verfassen pornographischer Geschichten eine zeitlang über Wasser gehalten. Manches davon hat durchaus einen bleibenden literarischen Wert, wenngleich es als Strandlektüre eher nicht zu empfehlen ist, gerät so was doch schnell zur Standlektüre.

Ich gehöre ja noch zu der Generation, die mit dem klassischen Pornoheft sozialisiert wurde. Es waren meist Druckerzeugnisse aus den 70er und 80er Jahren, die, wie auch immer, die Grenze der DDR passiert hatten, um von unseren Vätern wie kleine Kostbarkeiten im Nachtschränkchen gehütet zu werden. Kein Wunder also, daß mich Nachtschränkchen anzogen wie Honig den Bären. Anders als im Jugendlexikon „Jugend zu zweit“, gab es in diesen Schundheftchen, wie man offiziell dazu sagte, Bilder zu sehen, die nichts zu wünschen übrig ließen. Nicht, daß uns im Jugendlexikon „Jugend zu zweit“ eindeutige Bilder gänzlich vorenthalten worden wären. Ich erinnere mich noch an das Foto einer Frau mit weit geöffneten Schenkeln, aus deren Scheide gerade der Kopf eines Säuglings herauskam. Wenn man sich das intensiv genug ansah, war man von der Sexualität erstmal ein Weilchen geheilt und konnte sich seiner Jugend weiterhin allein widmen und dem Basteln von Flugzeugmodellen.

Wer nach der Wende stolzer Besitzer eines eigenen Pornoheftes geworden war, studierte endlich in aller Ruhe die neben den Hochglanzkopulationsfotos abgedruckten Texte, von deren sprachlicher Raffinesse man ja immer gleich abgelenkt wird. Ich zitiere aus einem Heft, das ich mir für die Recherche aus der Leipziger Nationalbibliothek ausgeliehen habe, die ja verpflichtet ist, alle Druckerzeugnisse, die auf Deutsch erschienen sind, zu archivieren: 

„Fick mich! Plötzlich spreizt sie die Schenkel und schreit: Fick mich!“

Die suggestive Wiederholung der Worte „Fick mich“ unterstützt hier semantisch den performativen Charakter des bildnerisch eingefrorenen Vorgangs.

Der didaktische Wert dieser Hefte bestand außerdem darin, daß alle Texte in mehreren Sprachen abgedruckt waren. Auf diese Weise verbesserten wir unser Englisch spielend.

„Fuck ME! Suddently she spreads her crotch and shouts: -Fuck ME!”

Daß der Text auch noch in Schwedisch abgedruckt worden ist, hat dann der Erregung auch wieder die Spitze genommen.

„Knulla Me! Plötsligt sprider hon skrevet och ropar: -Knulla Me!“

Da denkt man doch eher an die Kinder aus Bullerbü.

Bei youporn kommt man inzwischen meist ohne Text aus und die Deltas der Venüsse sind komplett gerodet und verbergen keine Geheimnisse mehr. Sollte aber eines Tages ein Enkel bei mir vorbeikommen, dann krame ich dieses Buch aus der untersten Schublade meines Nachtschränkchens hervor und sage, „das hat deiner Ururgroßmutter gehört, vielleicht interessiert Dich ja so was.“

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