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Lebenslaufschreiben

Kurz nach dem Abitur, als ich von meinen Eltern gezwungen worden bin, mich für meine berufliche Zukunft zu interessieren, habe ich meinen ersten Lebenslauf schreiben müssen für eine Lehrstelle beim Optiker Menz in Staßfurt. Ich war genau so begeistert, wie es sich anhört. Und ich trug damals noch nicht mal eine Brille. Dafür einen unmißverständlichen Seitenscheitel. Ich war, Mitte der neunziger, noch ziemlich rechtsradikal und malte mir eine Karriere als Adolf Hitler von Bernburg aus. Optiker paßte nicht so gut in meine Karrierevorstellung. In meiner Freizeit las ich Bücher über das Dritte Reich und bastelte Panzermodelle. Meinen Lebenslauf hat dann lieber meine Mutter geschrieben. Unter Hobbies vermerkte sie Geschichte und Modellbau, das traf es zumindest halbwegs.  

Inzwischen schreibe ich Lebensläufe, nicht um mich auf Stellen zu bewerben, als freiberuflicher Bohemien habe ich jegliche Form einer anständigen Arbeit bisher vermeiden können, sondern weil man als Autor hin und wieder eine Selbstdarstellung benötigt. Ich bin zwar nicht mehr rechtsradikal, aber Lebensläufe schreiben macht mir immer noch keinen Spaß. Es ist fast schwieriger, als ein gutes Gedicht hinzukriegen. Meine Lebensläufe ähneln deshalb eher Gedichten von unglücklich Verliebten oder Senioren, die das Schreiben für sich entdeckt haben.  

Mehrere stilistische als auch inhaltliche Hürden sind nämlich bei einem Lebenslauf zu bewältigen. Unter anderem stellt sich die Frage, wie ehrlich ist man. So steht in meinem offiziellen tabellarischen Lebenslauf, der eine gewisse Lückenlosigkeit suggerieren soll, weil ich ihn mal benutzt hatte, um Fördergelder für meine Selbstständigkeit zu ergau… zu erlangen, über einen ominösen Zeitraum von mehreren Monaten drin: „Vorbereitung Bundeswehr“. Ich erinnere mich, es war der Zeitraum zwischen Beendigung der Schule und Beginn des Wehrdienstes und wurde mit Paintballspielen, Größenwahn und onanieren verbracht.

Der Klassiker bei Autorenlebensläufen ist die Auflistung von Jobs. Meist knallharte Jobs wie Bauarbeiter oder Matrose. Ich könnte wissenschaftliche Hilfskraft bei Professor Markowitz hinschreiben. In diesem Job war ich der gefährlichen Feinstaubbelastung alter Kopiergeräte im soziologischen Institut von Halle ausgesetzt. Auch das Kaffeekochen war nicht ohne, es kam auf die genaue Anzahl der gehäuften Kaffeelöffel an, damit es meinem Professor mundete. Eine wichtige Erfahrung für einen zukünftigen Schriftsteller, denn wenn ich es nicht erlebt hätte, könnte ich es nicht in diese Kolumne schreiben.

Als ich dann den eigenen Wikipediaeintrag selbst verfaßt habe, wegen meiner blöden Freunde, die das nicht für mich gemacht haben, bin ich aus Angst, er könnte wieder gelöscht werden, sehr bescheiden geblieben. Mein Lebenslauf dort beträgt höchstens vier Zeilen. Da ich zumindest drei schmale Bücher veröffentlicht und die eine oder andere Auszeichnung erhalten hatte, durfte er zum Glück stehen bleiben. Nun ärgere ich mich jedesmal, sobald ich beim täglichen Selbergoogeln über diese Seite stolpere, mein spannendes Leben nicht breiter dargestellt zu haben. Meine Erweckung zum Dichter mit zehn, als jeder von uns ein Wintergedicht im Deutschunterricht schreiben sollte beispielsweise, und dann, als ich nahtlos daran anknüpfend mit zwanzig mein zweites Gedicht geschrieben habe, weil ich so unglücklich verliebt gewesen bin. „Unglücklich verliebt“ war überhaupt der Pleonasmus meiner Jugendjahre, eine überflüssige Häufung sinngleicher Ausdrücke, wie kleiner Zwerg oder schmutzige WG-Küche, wo ich dann meine unglückliche Verliebtheit mit ungesunden Zigaretten und berauschendem Alkohol in gefühlvollen Liebesgedichten, die niemals veröffentlicht werden dürfen, zum Ausdruck gebracht habe.    

Manche lassen auf Wikipedia das Geburtsdatum weg. Klischeegetreu meistens immer noch Frauen. Das führt dazu, daß ich mich umsomehr für ihr Alter interessiere und im Internet solange suche, bis ich genügend Indizien gefunden habe, um relativ genau ihr Lebensalter bestimmen zu können. Ich bin 1977 geboren. Damit habe ich bereits das vierzigste Jahr überschritten und kein Anrecht mehr als Jungautor bezeichnet zu werden, obwohl mein Werk problemlos als das eines Jungautors durchgehen würde. An meinem vierzigsten war ich trotzdem die Lokalzeitung kaufen gegangen, ein klein wenig hatte ich ja doch auf eine ehrende Erwähnung gehofft. Berühmte Leute werden immer gefragt, wie sie nur mit diesem ganzen Ruhm leben können. Mich hat noch keiner gefragt, wie ich ohne diesen Ruhm leben kann. Meine nächste Chance ist nun der fünfzigste oder wenigstens wenn ich ablebe.  

Zur Buchmesse habe ich mal eine Lyrikerin anmoderiert, die in den Lebenslauf, den sie auf ihrer Website präsentiert, die Abschlußnote ihres Magisterstudiums reingeschrieben hat. Nämlich 1,0. Seltsamerweise denken die Leute über die Außenwirkung ihres Lebenslaufes, der ja nach außen wirken soll, offenbar wenig nach. Ich könnte ja auch meinen Magisterdurchschnitt reinschreiben, der bei 1,5 liegt. Das ist ein Durchschnitt, der laut Regularien immerhin noch als „sehr gut“ definiert wird, jedoch ist es, wie die Zahl Fünf hinterm Komma schon andeutet, dann doch das allerschlechteste „sehr gut“. Dagegen ist 1,0 unschlagbar. Kann nur neidlos gratulieren. Echt toll gemacht! Jedesmal, wenn ich nun an diese Lyrikerin denke, fallen mir gleich wieder die ganzen Strebermädchen ein, die uns als Vorbild hingestellt wurden, und die jetzt wahrscheinlich alle Ärztinnen sind. Was für die Lyrikerin spricht, als Lyrikerin hat sie immerhin eine richtige Karriere verfehlt.

Für eine komische Literaturzeitschrift habe ich auch mal einen witzigen Lebenslauf geschrieben. Das Problem von witzigen Lebensläufen ist, daß sie nach einigen Tagen komischerweise nicht mehr witzig sind. Bevor mir das klar geworden ist, hab ich den Lebenslauf jedoch schon abgeschickt.

Zum Schluß noch ein kleiner Tipp. In professionellen Ratgebern übers Lebenslaufschreiben steht, daß man keine Hobbys mit Verletzungsrisiko angeben soll, die Personalverantwortlichen würden befürchten, der Bewerber könne zu häufig ausfallen. Sollte man also mal gezwungen sein, sich auf einen blöden Job bewerben zu müssen (zum Beispiel beim Optiker Menz in Staßfurt), dann sind Apnoetauchen oder Freeclimbing genau das Richtige.

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