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A little bit English, please

Neulich beschwerten sich einige CDU-Politiker darüber, daß Kellner in Berliner Lokalen nur noch Englisch sprechen würden. Aber man stelle sich vor, sie sprächen alle nur Sächsisch, dann dürfte jedem sofort klar werden, daß diese Stadt, bei allen Problemen, ob Verschuldung, Flughafen und Terrorbedrohung, zumindest sprachlich noch mal Glück gehabt hat. Und so kann der Berlinbesucher aus der Provinz weiterhin sein Schulenglisch an Menschen erproben, mit denen er nicht um drei Seitensprünge verwandt ist.

Ich sehe zwar nicht aus wie ein Sachsen-Anhalter, aber mein Englisch hat solche Auffrischungen bitter nötig. Meine katholische Freundin und ich teilen nämlich das gemeinsame Schicksal, ein klassisches Eastgerman-English zu sprechen. In der Schule wurde uns manchmal eine Bildungssendung namens „English for you“ gezeigt. Die Sendung war in schwarzweiß, weil Farbe für unsere Augen damals zu bunt gewesen wäre. Dave und Jenny, die beiden Hauptdarsteller, sprachen dann über die Situation der britischen Arbeiterklasse und den Kampf der Gewerkschaften; was junge Menschen in Großbritannien eben so umtreibt. Das taten sie in einem Englisch als richteten sich die Worte an ihre schwerhörige, außerdem geistig zurückgebliebene Urgroßtante. Denn obwohl sich Dave und Jenny auf Demonstrationen gegen die Schergen des kapitalistischen Systems auflehnten, waren sie immer höflich und allseits korrekt, trugen Klamotten, die angesagt waren, als meine Eltern noch zur Schule gingen, sangen Arbeiterkampflieder wie „The Cupper bosses killed you Joe“ oder „The union is our Leader, we shall not be moved. The union is behind us, we shall not be moved“ und waren trotzdem bei den Arbeitern beliebt. Man kann es nicht anders sagen, die beiden gingen uns echt auf den Sack! Für wen „English for you“ auch immer gewesen sein mochte, es hatte mit unserem Leben soviel zu tun wie die Eroberung Roms durch die Ostgoten.

Die Wahrscheinlichkeit, die Sprache irgendwann im Alltag anwenden zu können, war dann auch so hoch wie bei Latein. Es stand ja der sozialistische Limes noch. Und da kein einziger Englischlehrer bei uns je in England gewesen war, war unser Englisch dementsprechend nicht besonders. Doch das wußten wir damals noch nicht. Manche trugen ja auch Jeanhosen, die in der DDR hergestellt wurden. Und so lernten wir das, was man uns als Englisch verkaufen wollte, trotzdem mit großer Begeisterung, weil es die Sprache des verteufelten Amerikas war, die Sprache von Colt Seavers und Rambo, also von Leuten, die, anders als Lenin oder Ernst Thälmann, echte Vorbilder waren.

Nach der Wende hatte ich dann am Gymnasium Englisch-Leistungskurs. Es gibt Menschen, die müssen in ihrem Leben viele schlimme Dinge erleben, sie verlieren früh ihre Eltern oder schlagen sich als obdachlose Drogenjunkies durch, ich kann von meinem Englisch Leistungskurs berichten. Die neue Englischlehrerin, die wir in der zehnten bekamen, war nämlich der Auffassung, daß man im Englischunterricht ab jetzt nur noch Englisch sprechen soll. Was ja nun, wenn man diese Forderung ernst nimmt, nichts anderes bedeutet, als daß man die ganze Zeit ENGLISCH spricht. Den Satz „Sorry, I don’t understand the question“, sprach ich so oft aus, daß ich ihn immer perfekt über die Lippen brachte. Damit es nicht zu eintönig wurde, sagte ich auch mal den Satz, „can you repeat the question please.“ Ich rechne meinen Mitschülern hoch an, daß sie mir „Don’t understand“ nicht als Spitzname verpaßt haben.

Ich hätte mich natürlich auch für Russisch als Leistungskurs entscheiden können. „Ja panimaju voksal“, kann ich dazu nur sagen, und wer das nicht verstanden hat, der versteht eben bloß Bahnhof. Russisch ist leider nur eine Erinnerungslücke in meinem Leben. Und wenn ich nicht wüßte, daß es den meisten anderen genauso geht, würde ich mir große Sorgen machen, ob ich nicht kurz nach der Wende einen unentdeckten Schlaganfall gehabt hatte.

Im Studium nahm ich immerhin freiwillig an einem Anfängerkurs Französisch Teil, um Flör dü Mall richtig auszusprechen oder Buscholee. Mir schien das für einen angehenden Intellektuellen geradezu notwendig zu sein. Meiner vollendeten Intellektualität stand eigentlich nur im Wege, daß ich zu faul war, die Vokabeln jede Woche zu lernen. Und ich vermute, daß ich dafür auch ein klein wenig zu doof war. Ich kann jedenfalls nicht sagen, daß mir Fremdsprachen jemals zugeflogen wären. Sie kamen höchstens angekrochen. Auf allen Vieren. Sehr langsam. Die einzigen fremdsprachigen Filme, die ich im Original sehen kann, sind österreichische Filme. Und selbst da könnten Untertitel nicht schaden. Damit das besser wird, müßte ich mich in Kneipen nur noch auf Englisch unterhalten dürfen.

Übrigens „Hollywood Ending“ ist der einzige Woody Allen Film, der weder synchronisiert noch mit deutschen Untertiteln versehen wurde, obwohl ich seit Jahren darauf warte. Aber wahrscheinlich interessiert sich niemand in der Filmindustrie für meine Bedürfnisse. Ich schätze, wenn das so bleibt, werde ich ihn, bevor ich abtrete, lieber im Original sehen, zusammen mit meiner Freundin, die wie ich ein großer Fan von Woody Allen ist, und wäre es nicht so, wären wir vermutlich auch gar nicht mehr zusammen, weil das ein entscheidendes Beziehungskriterium ist. Leute, die Woody Allen lustig finden, passen gut zusammen. Auch zwei Leute, die ihn nicht lustig finden. Das ist zwar eine traurige und letztlich sinnlose Zweisamkeit, aber bitte.

Letzten Endes bleibt einem ja nichts anderes, als zu seinen Schwächen zu stehen und täglich daran zu arbeiten, daß sie weniger werden. Wir machen oft kleine Übungen. Zum Beispiel bitte ich meine Freundin, diesen amerikanischen Bundesstaat, der furchtbar kompliziert auszusprechen ist, einfach mal auszusprechen. Dann kommt so was raus wie Messezuschitz. Ich finde ja, daß es wichtig ist, in einer Beziehung auch herzhaft miteinander lachen zu können.

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