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Vergißmeinnicht

Neulich kamen zwei Menschen auf mich zu. Ein Mann und eine Frau. Soviel erkannte ich. Mann, kantige Gesichtsform, groß. Frau, etwas kleiner, Brüste. Sie guckten mich an und lächelten. Und dann sagte die Frau zu dem Mann leise, aber immer noch so laut, daß ich es hören mußte, „ich glaube, er erinnert sich nicht an uns“.

Und ich dachte, „warum sollte ich?“

In der letzten Zeit häufen sich die Fälle, daß ich Leute nicht mehr wiedererkenne. Ist das jetzt schon Demenz oder noch normales Desinteresse an den Mitmenschen? Erinnert sich jemand an die alte Werbung von Voltax, diesem durchblutungsfördernden Mittel für graumelierte Herren kurz vor dem Schlaganfall? Zwei von denen begegnen sich, und einer der beiden setzt freudig zur Begrüßung an, worauf je seine Gesichtszüge entgleisen, weil ihm der Name des anderen nicht einfällt. Ich wäre an seiner Stelle einfach vorbeigelaufen.

Inzwischen war ich soweit, den Mann und die Frau zumindest als zusammengehörige Paareinheit einzuordnen, doch wohin genau? Anstatt mir zu helfen, guckten sie bloß enttäuscht, nur weil ich sie nicht wiedererkannt hatte. Die Diagnose Demenz konnte ich aufgrund ihrer komplett durchschnittlichen Allerweltsgesichter zum Glück ausschließen. Herr und Frau Mustermann, wie ich sie inzwischen nannte, nahmen sich überhaupt viel wichtiger, als ihnen zustand. Dabei sollten sie froh darüber sein, daß sie nicht achtlos an einem nicht ganz unbedeutenden Autor vorübergegangen waren. Worauf sie sich allerdings nichts einzubilden brauchten, denn ich machte es ihnen ziemlich leicht mit meinem Gesicht, das auf der rechten Gesichtshälfte ein Feuermal hat, so was wie Gorbatschow oben auf der Stirn, den man ja auch auf der ganzen Welt wiedererkennt. Außerdem besitze ich eine dadurch bedingte, der Gesichtssymmetrie nicht mehr ganz so gehorchende, dicke und zunehmend der Schwerkraft ausgesetzte Unterlippe, die irgendwann komplett nachgeben und den Erdboden erreichen wird, sodaß ich dann ohne mich bücken zu müssen, vom Fußboden essen kann. Wenn es mit der Schriftstellerei nicht so läuft, könnte das mein zweites Standbein bzw. meine Standlippe werden auf Jahrmärkten und Kleinkunstbühnen. 

Als mir kürzlich der DHL-Bote eine Büchersendung im Treppenhaus überreichte, fragte er mich auch, ob ich eine Lebensmittelallergie hätte. Nein, gar nicht schlimm, ich sehe immer so aus, versuchte ich ihn zu beruhigen. Ich sah ihm an, daß er mir nicht glaubte. Andere vermuten, daß ich verprügelt oder von einer Wespe gestochen wurde, von einem Pferd getreten worden oder gegen eine Schwingtür gelaufen bin oder nur eine schwer zu operierende Form von Lippenkrebs habe? All diese Gedanken werden ihnen dabei helfen, sobald sie mich wiedersehen - ob in der Oper oder zufällig in einem Sexshop - sich an den Typen mit der dicken Lippe zu erinnern, „ach ja, der mit der Lebensmittelallergie, dem Pferdetritt“ et cetera. Während ich immer nur ratlos dastehe und mich nicht erinnern kann. Hätte mein Gegenüber eine Hasenscharte oder wenigstens nur ein Bein, dann wäre uns das nicht passiert.

Da ich nun nicht ganz unhöflich erscheinen will, versuche ich, optische Eselsbrücken zu bauen. Als Mann kann ich mir typischerweise bei Frauen sehr gut ihre Oberweiten merken, die ich zu einem Busenmemory zusammenstelle. Das Prinzip, ordne das Dekolleté dem richtigen Gesicht zu. In letzter Zeit habe ich jedoch den Eindruck, daß diese Form der Gedächtnisstütze immer falsch verstanden wird.

Damals in meinem Studium habe ich mich noch der Mühe unterzogen, von meinen Kommilitonen detaillierte Personenbeschreibungen anzufertigen, damit ich weiß, wer wer ist. So was wie:

- macht ständig dumme Bemerkungen oder
- trägt unvorteilhafte Bundfaltenhosen oder
-nervige Lache.

Das hat mir anfangs sehr geholfen, mich im sozialen Gefüge zu orientieren. Ich hätte nur den Hefter mit den Notizen nicht offen liegen lassen sollen.  

Ich habe auch schon mal konsequent den ganzen Abend lang einen ehemaligen Dozenten von mir mit dem Namen eines anderen ehemaligen Dozenten angesprochen. Das ist aber nur das halbe Problem gewesen, denn um genau zu sein, habe ich sogar den einen ehemaligen Dozenten für den anderen ehemaligen Dozenten gehalten. Der eine Dozent, der er wirklich war, hatte Germanistik gelehrt und der andere, der er nicht war, Soziologie. Also sprach ich mit dem Dozenten für Germanistik die ganze Zeit über Soziologie, während ich mich wunderte, warum der immer wieder auf Germanistik zu sprechen kam. Falls sich also jemand in einem Gespräch mit mir irgendwie nicht gemeint fühlen sollte, dann liegt das daran, daß ich ihn nicht meine.

In den meisten Fällen meiner Personenerkennungsschwäche läuft es aber glücklicherweise noch so ab, daß mir schon kurze Zeit später alles wieder einfällt. Nicht anders ist er mir dann mit dem Pärchen von eingangs ergangen. Kaum daß ich mich von ihnen verabschiedet hatte, wußte ich, es waren meine Eltern.

Ach nee, doch nicht. Die hätte ich vermutlich sofort wiedererkannt. Wenn man fast zwanzig Jahre miteinander gelebt hat und sich immer noch einmal im Monat sieht, vergißt man die Gesichter ja nicht so schnell. Aber woher kannte ich nun die beiden? Seid Ihr vielleicht diese Langweiler, die ich mal auf der Geburtstagfeier eines Freundes kennenlernen durfte, mit dem Gespräch über Chia-Samen und grüne Smoothies, oder wart ihr die anderen beiden, die ihr Kleinkind dummerweise nicht zu Hause gelassen haben, und das angeblich keinen Zigarettenrauch verträgt? Also wenn ihr euch jetzt angesprochen fühlt, laßt mir ruhig eine persönliche Mail zukommen, damit ich nicht sinnlos darüber nachgrübeln muß.

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