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Die Wahrheit über den Weihnachtsmann

Als 1983 der Weihnachtsmann vor der Tür stand, wußte ich, irgendwas stimmt da nicht. Bisher hatte nur Danilo in unserer Klasse behauptet, daß es den Weihnachtsmann gar nicht geben würde. Er sei eine Erfindung, um uns Kinder zu manipulieren und uns zu willfährigen Geschöpfen zu machen, die alles kritiklos hinnehmen. Ob Hausaufgaben erledigen, sein Zimmer aufräumen, beim Spielen nicht die Hose schmutzig machen. Immer werde der Weihnachtsmann als Autoritätsargument herangezogen. „Warum ist das so? Denkt mal darüber nach“, ermahnte uns Danilo.

Zu diesem Zeitpunkt gab es jedoch überhaupt keinen Grund für uns, auch nur ansatzweise am Weihnachtsmann zu zweifeln. Trat er denn nicht jeden Dezember in den Mainstreammedien auf? War er etwa nicht auf dem gleichnamigen Markt anzutreffen und erkundigte sich akribisch nach unseren Wünschen? Lagen nicht immer die richtigen Geschenke unterm Tannenbaum? Und nun tischte uns Danilo diese Theorie vom erfundenen Weihnachtsmann auf. Wir haben ihn natürlich für diesen Unsinn ausgelacht. Ein Spinner. Fast so verrückt wie die Leute, die davon ausgingen, ein Kind würde die Geschenke bringen. Dabei fällt jedem ins Auge, daß ein Kind niemals in der Lage sein würde, so viele Geschenke zu transportieren. Es besitzt weder die körperlichen Kräfte dazu, noch die technischen Voraussetzungen. Keinen Schlitten, der mit ausreichenden Zugtieren betrieben werden könnte und auch keinen großen Sack. Wer an dieses Kind glaubte, glaubte wahrscheinlich sogar noch an Gott. Ein Aberglaube, den wir in der DDR zum Glück überwunden hatten.

Dann kam die besagte Bescherung zu Weihnachten 83. Es klingelte an der Tür. Alle Familienmitglieder schauten mich aufmunternd an. Daß mein Vater gar nicht unter den Anwesenden war, übersah ich vor freudiger Erregung. Mir stand nur im Sinn, ob die Geschenkübergabe wie jedes Jahr einen reibungslosen und für mich vollkommen zufriedenstellenden Verlauf nähme. Der Weihnachtsmann war wie immer von meinen Eltern informiert worden. Es dürfte also mit keinen Lieferungsschwierigkeiten zu rechnen sein. Ich öffnete die Tür, und dort stand er, der Weihnachtsmann. Er fragte mich, ob ich der Christian sei. Das machte er immer so, obwohl er vorher ausführlich über die zu beschenkende Person gebrieft worden war. Ein liebenswürdiges, wenngleich auch etwas unglaubwürdiges Kommunikationsverhalten. Denn obwohl er alles weiß, tut er immer etwas unwissend. In ähnlichem Stil fiel dann auch die nächste Frage aus, ob ich auch artig gewesen sei. Ich sagte ja, aber er wußte es eigentlich besser. Und in diesem Moment, als ich meinen Blick in gutgespielter Demut leicht senkte, sah ich auf seine Stiefel. Seine Stiefel glichen haargenau den Arbeitsstiefeln meines Vaters, noch verkrustet mit Zementresten, weil mein Vater ja jedes Wochenende mit der Fertigstellung unseres Eigenheims beschäftigt war. Sollte Danilo doch recht gehabt haben? Gab es den Weihnachtsmann gar nicht? Steckte nur mein Vater dahinter? Es wäre in diesem Fall mehr als verständlich gewesen, alle Fragen mit einem klaren Ja zu beantworten. Ich ließ wie betäubt die Bescherung über mich ergehen. Horchte auf seine tiefbrummende Stimme, die mich aufforderte: „Na, kannst Du denn auch ein schönes Weihnachtslied singen“. Aber hier stutzte ich erneut und noch die ganze Nacht grübelte ich darüber nach. Nein, mein Vater sprach so doch gar nicht. Er hatte eine viel höhere Stimme. Und warum sollte mein Vater einen so groben und offensichtlichen Fehler bei seiner angeblichen Weihnachtsmannverkleidung begehen, daß ich geradezu darauf gestoßen wurde, ihn in der Rolle des Weihnachtsmannes zu vermuten. Wer könnte aber ein Interesse daran haben, daß ich plötzlich davon ausginge, ich hätte es nicht mehr mit dem echten Weihnachtsmann zu tun, sondern bloß mit meinem Vater? Mit Niemandem habe ich darüber gesprochen, weil ja nun alle meine Klassenkameraden der Theorie von Danilo anhingen. Alle vermuteten aufgrund eines Kleidungsstücks oder eines verrutschten Bartes ihre Väter dahinter oder einen Onkel. Alles reiner Zufall oder kalkulierter Plan? Doch keiner traute sich, es offen auszusprechen, aus Angst, für verrückt erklärt zu werden oder als Verschwörungstheoretiker zu gelten. Aber es ist doch seltsam! Ziemlich genau sechs Jahre nachdem uns der Storch gebracht hat, verlieren viele von uns völlig den Bezug zur Realität. Was kommt als Nächstes? Daß es den Osterhasen auch nicht gibt? Daß der Sandmann keinen Schlafsand streut? (Vor dem man sich übrigens schützen kann, wenn man am Ende der Sendung, das mit der Liedstrophe eingeleitet wird: „Kinder, liebe Kinder, es hat mir Spaß gemacht, Nun schnell ins Bett und schlaft recht schön“, die Augen ganz fest zukneift.) Oder daß etwa in der leckeren Hirschsalami nicht nur alte, kranke, häßliche Hirsche drin sind, die sowieso sterben müssen, sondern auch total niedliche Rehe? Daß im Fernsehapparat keine kleinen Männchen und Frauchen leben? Doch wie leicht Menschen zu manipulieren sind, macht uns der Weihnachtsmann vor. Sein Kalkül: „zieh die Stiefel von Christians Vaters an und schon wird er glauben, den Weihnachtsmann gibt es gar nicht“. Ein einfacher Trick, um sich aus der Verantwortung zu stehlen und ab der ersten Klasse den Eltern die Bescherung zu überlassen. Und warum? Weil er zu faul ist, sechs Milliarden Menschen zu bescheren. Dabei täte seiner Figur etwas mehr Bewegung nur gut. Später beschert einen neben den Eltern, die sich inzwischen darauf beschränken, einen Umschlag mit Kohle rüberzureichen, auch noch die Freundin. Meine ist katholisch, und die tut dann immer noch so, als habe dieses schwächliche „Christkind“ die Geschenke gebracht. Jedenfalls darf ich nie das Wohnzimmer betreten, bevor die Geschenke alle unter dem Baum liegen. Dann klingelt sie mit dem Glöckchen und ihre erwachsenen Tochter und ich dürfen das Wohnzimmer betreten. Manchmal frage ich mich, wie blöd hält sie mich eigentlich. Gut, es hat ja auch etwas Rührendes. Aber es kann keinen Zweifel daran geben, daß der verdammte Weihnachtsmann mal wieder seinen Job nicht gemacht hat. Und niemand, der diesen Text hier liest, dürfte diese Tatsache noch ernsthaft bestreiten.

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