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Nur eine Frage der Moral

Wer über kleine Sünden und Übeltaten nachdenkt, stellt fest, daß es ja kaum jemandem möglich ist, zu behaupten, er sei frei von Schuld. Mein Lesebühnenkumpel Peter zum Beispiel ist extrem besserwisserisch, obwohl er viele Sachen definitiv nicht besser weiß, und wer könnte das besser beurteilen als ich. Ich kann ja verstehen, daß es nicht einfach ist, sich mit jemandem zu unterhalten, der mehr Ahnung hat als man selbst. Doch dafür kann ich nichts. Trotzdem hält mir Peter das immer vor? Hatte man Einstein vorgeworfen, daß er sich so gut mit Physik auskannte? Oder Thomas Mann, er habe nur an seine Bücher gedachte, sodaß seine Kinder, während er schrieb, ständig leise sein mußten und irgendwann, weil sie ja nicht so genial sein konnten wie er, eins nach dem anderen Selbstmord begingen? Solche Anschuldigungen wären unsinnig. Meine moralische Integrität geht jedoch soweit, daß ich, um diesen Vorwurf erst gar nicht aufkommen zu lassen, lieber gar keine Kinder zeuge. Ich habe mich dazu auch entschlossen, um meinen ökologischen Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Viele Menschen denken bei ihrem Kinderwunsch ja immer nur an sich und nicht an die Umwelt. Ich habe das mal durchgerechnet, von den Windeln bis zum täglichen CO2-Ausstoß. Ich hätte dann nämlich gar nicht so oft in meinem Leben mit dem Flugzeug fliegen dürfen, wenn ich außerdem noch ein Kind in die Welt gesetzt hätte. Und das viele Fleisch, das ich täglich verzehre, wäre mit einem Kind an meiner Seite auch nicht mehr okay. Mein Vater wiederum, der offenkundig bei meiner Zeugung sich das alles gar nicht überlegt hat, wirft mir vor, ich sei faul, nur weil ich noch nie in meinem Leben richtig gearbeitet habe. Anstatt zu bedenken, daß ich durch mein Verhalten einem anderen Menschen auch noch nie die Arbeit wegnahm. Arbeitslosigkeit führt bei sehr vielen Menschen nämlich zu Depression. Ich bin zum Glück mental so stark - und das auch dank meiner Eltern -, daß ich den ganzen Tag zu Hause bleiben kann, ohne einen Handschlag zu tun. Leider würdigt selbst meine Freundin das nicht immer gebührend, sondern ermahnt mich, wenigstens regelmäßig den Spüler auszuräumen oder den Küchenboden zu wischen, wenn ich schon zu Hause rumsitze. Ich versuche ihr dann zu erklären, daß Ordnungswahn und andere Sekundärtugenden die Verbrechen des Nationalsozialismus erst möglich gemacht haben. Es war natürlich nicht meine Absicht, sie zu beschämen, aber es ist nun mal eine historische Tatsache. In ähnlicher Weise wird es mir falsch ausgelegt, wenn ich bei Rot über die Straße gehe, sobald eine Mutter mit ihrem Kind an der Ampel wartet. Wie soll das Kind lernen, daß es Menschen in der Welt gibt, denen man nicht blindlings nacheifern sollte, wenn man das im Alltag nicht an kleinen Beispielen verdeutlicht? Auch Eitelkeit ist jemandem wie mir, der ein gesundes Verhältnis zu seinem Körper hat, völlig fremd. Peter wiederum ist sofort eingeschnappt, wenn ich ihm sage, daß er zu dick ist. Wie eitel muß man jedoch sein, um diese augenscheinliche Tatsache zu verleugnen. Stellt er sich denn nie vor den Spiegel? Würde er wie ich jeden Tag Liegestütze machen und darauf achten, was man tagtäglich zu sich nimmt, würde er nicht so aussehen. Wobei ich gemerkt habe, daß es hilfreich sein kann, den Fortschritt dieser Bemühungen immer wieder zu kontrollieren, indem man sich mindesten einmal am Tag auf die Waage stellt. Ich habe schon bei vielen Menschen diesen Mangel an Selbstreflexion feststellen müssen und bin deshalb gern bereit, Peter, aber auch anderen Freunden dabei behilflich zu sein. Ich versuche auch, soweit es meine Zeit erlaubt, mich sozial zu engagieren. Es gibt schließlich viele Probleme in der Welt, vom Syrienkrieg angefangen bis zur Hungerkatastrophe in Somalia. Manchmal werden Probleme sogar komplett ignoriert. „Hollywood Ending“, ein Woody Allen Film aus der mittleren Schaffensperiode, wurde bis zum heutigen Tag nicht synchronisiert. Für Menschen, die wie ich im Englischen benachteiligt sind, ein kaum zu ertragender Zustand. Durch eine Petition sollte die Filmindustrie dazu aufgefordert werden, den Film endlich mit einer deutschen Tonspur auf den Markt zu bringen. So was würde ich sofort unterzeichnen. Weniger unterstützenswert finde ich die oft sehr selbstbezogenen Petitionen, die mir beispielsweise durch Change.org zugeschickt werden, wie: „Mein Kind braucht einen Rollstuhl“ oder „Mein Kind braucht ein Spenderorgan“. Haben die Leute schon mal daran gedacht, daß es auch noch andere Kinder gibt als nur das eigene? Ich brauchte als Kind ein Playmobilford. Manchmal träume ich immer noch davon, aber im großen und ganzen bin ich darüber hinweg. Es ist einer der wenigen Weihnachtswünsche, die nicht in Erfüllung gegangen sind, obwohl ich meinen Eltern gern die Freude gemacht hätte, mich vollkommen glücklich zu machen. Psychologische Untersuchungen haben schließlich herausgefunden, daß es viel mehr Freude bereitet, jemanden anderes zu beglücken als sich selbst. Meine ganze Kindheit hindurch stand ich dafür meinen Eltern zur Verfügung. Und wie danken sie es mir heute? Ständig muß ich mir ihre Vorwürfe anhören, ich würde nicht oft genug anrufen und wäre ein Egoist. Dabei rufe ich sie doch nur deshalb nicht oft genug an, weil es mir keinen Spaß macht. Zwar steht in der Bibel, liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Doch kaum jemand hat anscheinend darüber nachgedacht, ob der Nächste soviel Liebe überhaupt aushält. Liebe hat auch etwas Anmaßendes. Zum Glück bin ich ja nicht nachtragend und immer wieder bereit, die Fehler der anderen zu tolerieren. Und so habe ich auch Peter, meiner Freundin, meinen Eltern, und im Voraus bereits einigen Lesern, die diesen Text ablehnen sollten, weil sie ihm moralisch nicht gewachsen sind, längst verziehen.

 

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