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Meine Betroffenheit

Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen. Abweichungen von der gesellschaftlichen Norm werden dort selten akzeptiert. Es gab Kommentare und dumme Bemerkungen, die mich sehr verletzt haben. Nur langsam bekam ich eine Vorstellung davon, daß es woanders Menschen mit meiner Orientierung geben könnte. Meine Eltern ahnten sicherlich etwas, trotzdem war es für sie ein Schock, als ich mich outete. Vielleicht glaubten sie, es wäre nur vorübergehend und ich würde mich schon wieder „normal“ verhalten. Selbst heute noch, wenn ich zu Besuch bin, wird mir signalisiert, daß ein wichtiger Teil meiner Identität nicht in Ordnung sei. Es ging wohl damit los, als ich das Märchen von der Ameise und der Grille erzählt bekam. Gehört die Grille nicht auch zu einer diversen Märchenwelt dazu? Mein Vater versuchte mir einzutrichtern, daß die Ameise das Leben viel besser „kapiert“ hat. Er ist ein alter fleißiger Werktätiger. Meine Mutter nahm mich gegen ihn in Schutz. Aber wir lebten nun mal in einem Arbeiter- und Bauernstaat. Als dann die Lehrerinnen meinten, ich würde im Unterricht träumen und zu oft aus dem Fenster gucken und außerdem ständig Lehrmittel vergessen, unterstützte sie mich heimlich. Ein Herbarium, das ich anlegen sollte, hat sie zum Beispiel komplett zusammengesammelt und auch alle Pflanzen akkurat eingeklebt. Ich bekam die Note Eins dafür, mußte aber mit der Bemerkung der Lehrerin leben, daß meine Mutter eine sehr fleißige Frau sei. Es hat lange gedauert, bis ich über ihre Worte hinweggekommen bin. Daß es selbst meiner Mutter schwer fiel zu verstehen, wer ich bin, zeigte sich in meiner Pubertät, als sie mich aufforderte, einmal in der Woche den Müll rauszutragen. Ich vermag kaum zu sagen, was es mich gekostet hat, eines Nachts im abgeschlossenen Bad vor dem Spiegel zu stehen, und die Worte auszusprechen, erst lautlos, nur mit meinen zitternden Lippen geformt, dann geflüstert: „Kein Bock“. Sogar während meines Studiums habe ich noch so getan, als würde ich später mit meinem Abschluß irgendetwas arbeiten wollen. Wer genau hinsah, hätte natürlich schon in der Auswahl meiner Studienfächer erkennen können, daß ich das nie vorgehabt hatte. Ich studierte Soziologie und Literatur. Für Menschen wie mich sind solche Studiengänge eine Nische, um in dieser ergonormativen Leistungsgesellschaft nicht so stark aufzufallen. Wir stehen hier noch völlig am Anfang einer längst überfälligen Awareness. Ob meiner Freundin eigentlich bewußt ist, wie hart es mich immer noch triggert, wenn sie mir an den Kopf knallt, ich sei „faul“, nur weil ich wochenlang den Spüler nicht ausgeräumt habe? Bedenkenlos benutzen die Werktätigen das f-Wort und werten dadurch Menschen wie mich ab. Durch die kritische Fleißigkeitsforschung wissen wir: Die Ergonormativität wurde Jahrhunderte lang durch das protestantische Arbeitsethos in den Köpfen zementiert. Nun wird sie als naturgegeben hingestellt, obwohl sie ein soziales Konstrukt ist. Es bedurfte vieler Diskussionen, bis auch meine Freundin endlich akzeptiert hat, daß wir einen verkeimten Kühlschrank einfach mal so stehen lassen können.

Wenn ich von mir selber spreche, dann bevorzuge ich den Begriff „müßiggängerisch“. Natürlich ist dieses Wort mit seinen vielen Silben sprachökonomisch nicht so praktikabel wie das einsilbige f-Wort. Sprache formt jedoch das Denken. Um sich klar zu machen, welcher Framing-Effekt durch das f-Wort eintritt, sollte man ein Synonymlexikon zu Rate ziehen. Von „übelriechend, stinkend, ranzig, wurstig, minderwertig, abscheulich, ungesund, madig, widerlich, lahm, schwach, stumpf“ ist dort die Rede. Auf diese Weise werden negative Zuschreibungen vorgenommen, unter denen wir Betroffenen leiden. Das muß in Zukunft vermieden werden.   

Auch in den Medien gibt es fast nur abwertende Darstellungen von uns Müßiggängern. So werden im Privatfernsehen ganz furchtbare Klischees von Menschen mit Arbeitsunlust reproduziert, mit denen man sich als Heranwachsender nicht unbedingt identifizieren will.

Auch die Presse stellt Arbeitsdistanzierte bevorzugt negativ dar. Wer erinnert sich nicht an den sogenannten „Florida Rolf“, der in Florida doch bloß seine Sozialhilfe genießen wollte?

In meiner Findungsphase war ich auf der Suche nach Büchern gewesen, in denen ich Protagonisten zu finden hoffte, die ein Vorbild für mich sein konnten. Ich las „Aus dem Leben eines Taugenichts“ und „Oblomov“. Doch meistens stehen in der Literatur Helden im Vordergrund, die etwas tun. Aus der ergonormativen Perspektive ist ein untätiger Held für das Voranschreiten der Handlung angeblich von Nachteil. Es wird behauptet, dann würde einfach nichts passieren. Old Shatterhand wäre nie einem „faulen“ Winnetou begegnet, wird uns entgegengehalten. Was sie dabei überhaupt nicht verstanden haben, ist, daß Winnetou, wenn er in seinem Wigwam auf seiner müßiggängerischen Haut liegen geblieben wäre, noch leben würde.

Der Roman Homo Faber von Max Frisch, der leider immer noch zur Schullektüre zählt, schließt Menschen wie mich schon im Titel aus, weil hier nur der fleißige Werktätige gemeint ist. Aber wie soll man ein positives Verhältnis zu seinem Müßiggang aufbauen, wenn nicht mal unsere Sichtbarkeit in Filmen und Büchern umfassend gewährleistet wird?

Kein Wunder also, daß es mich oft nach Italien zieht. Italien, ein Land, das ich liebe, weil es ein wunderbar distanziertes Verhältnis zur Geißel der Menschheit hat, wie wir die Arbeit in korrekter Weise bezeichnen sollten. Leider hat das Geißel-der-Menschheitsministerium auf meinen Vorschlag bisher nicht reagiert. In Italien dagegen lobt man das Dolce far niente, „das Süße tue nichts“. Im Deutschen heißt es „arbeitsscheu“. In der DDR kam man sogar ins Gefängnis dafür. Und bis heute ist dieses Unrecht nicht wiedergutgemacht worden. Im Gegenteil. Durch Hartz IV wird die Diskriminierung ungebrochen fortgesetzt. SPD-Politiker wie Müntefering sagen Sätze, die schlimme Erinnerungen wachrufen, Zitat: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“. Als Müßiggänger soll man in dieser Gesellschaft offenbar immer noch das Gefühl haben, es sei besser, man würde, wie alle anderen auch, einfach arbeiten gehen. Doch die Deutungshoheit darüber, ob es notwendig sei, zu arbeiten oder nicht, liegt nicht bei den alten fleißigen Werktätigen, sondern allein bei mir. An allen liegt es jedoch, daran zu arbei… vielmehr müßigzugängern, die tiefverwurzelte Ergonormativität endlich aus den Köpfen zu bekommen.

Sollte ich mal wieder vor einem Fallmanager stehen, wird er diskursiv auf jeden Fall den Kürzeren ziehen.

 

 

 

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