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Ratschläge eines Verführers

Neulich bin ich schon wieder für das Veranstaltungsformat „Erotikslam“ gebucht worden. Es ist zweifelsohne nur so zu erklären, daß mich die Veranstalter aufgrund meines Instagramprofils ausgewählt haben. Das ist okay. Im Alltag möchte ich jedoch nicht auf meinen Körper reduziert werden, weshalb ich mir oft bequeme Cordhosen und ausgeleierte Pullover anziehe, um meine erotische Ausstrahlung zu neutralisieren. Auch meine entspannte Körperhaltung, die den Anschein erweckt, ich hätte einen Rundrücken, hilft mir dabei. Gegen Honorar bin ich natürlich gern bereit, den jungen Menschen aus meinem großen Erfahrungsschatz zum Thema Erotik, und was die Kunst der Verführung im Allgemeinen anbelangt, zu berichten.

Beginnen wir mit dem Flirten. Flirten ist im Grunde ganz einfach. Es ist bekannt, daß man den Blickkontakt zu einer Frau sucht und ihr dann ein paar Sekunden länger in die Augen schaut als es in normalen Kontexten üblich wäre. Ich hab das mal vor dem Badspiegel geübt. Was ich dort sah, funktioniert garantiert bei jeder Frau, die auf debil grinsende Psychopaten steht. Und wenn man sich die männliche Hälfte etlicher Paare anschaut, sind das gar nicht mal so wenige. Nun ist natürlich noch kein Meister vom Pimmel gefallen, wie mein Großonkel zu sagen pflegte. Ich habe nämlich beim Flirten immer weggeschaut. Das muß jedoch kein Nachteil sein. Im Besonderen dann nicht, wenn man irgendwelche Auffälligkeiten im Gesicht hat wie zum Beispiel eine ausgeprägte Häßlichkeit. Es kann dann zwar ein bißchen dauern, bis sich der Erfolg einstellt, doch wenn man schüchtern ist, paßt die konsequente Blickvermeidung viel besser zu einer verklemmten Persönlichkeit, als wenn man Lockerheit heucheln würde. Es kommt doch immer auf die Authentizität eines Menschen an.

Auch was Komplimente betrifft, wärt Ehrlichkeit am längsten. Was nützt ein charmanter Spruch über die Schönheit einer Frau, wenn sie im Spiegel selber sehen kann, daß er gelogen ist? Das spottet nur ihrer kritischen Selbsteinschätzung und beleidigt außerdem ihren Verstand, weil man offenkundig glaubt, sie würde auf Schmeicheleien hereinfallen. Warum nicht einfach mal ein realistisches Kompliment machen wie: „Du siehst nicht schlecht aus, doch ich hab schon Hübschere gesehen.“ Auf diese Weise läßt sich gleich problemlos feststellen, ob der Humor zueinander paßt.

Eine Kommilitonin, die ich vor langer Zeit einmal sehr erotisch fand, war allerdings der Ansicht, wenn ich einer Frau näher kommen wolle, müsse ich ihr das auch zeigen. Das hat mich überrascht. Ich schätzte Frauen eigentlich für so intelligent ein, ganz von alleine zu begreifen, daß ich mich doch nur deshalb mit ihnen unterhalte, weil ich sie ins Bett kriegen will. Bevor sie dann mit einem anderen Typen abzog, gab sie mir schließlich noch den Tipp, ich solle einfach mal beiläufig die Hand auf das Knie einer Frau legen, denn so könne ich testen, ob sie ebenfalls Interesse an mir habe. Das war 1999, in einem vollkommen zu recht vergangenen Jahrhundert. Hätte ich ihren Rat befolgt, wäre ich jetzt der Harvey Weinstein der sachsen-anhaltischen Literaturszene. Berührungen sind wirklich das allerletzte – und ich kann es nur betonen – Mittel der Sexualität, und am besten, man läßt es gar nicht erst soweit kommen. Erotik ist bekanntlich reine Kopfsache. Eine wichtige Rolle spielt dabei das ausgedehnte, intellektuelle Gespräch. Gern habe ich mich beim ersten Kennenlernen über die Subjekt-Objekt-Problematik in der hegelsche Kritik an der Identitätsphilosophie unterhalten, die dann bei Adornos negativer Dialektik in den Vorrang des Objekts mündet. So habe ich Frauen reihenweise ins Bett bekommen. Aufgrund überholter Geschlechterklischees denken trotzdem manche, so was würde nicht funktionieren. Aber ich kann versichern, spätestens nach dem zweiten Wein, sagten sie immer, daß sie jetzt schnell ins Bett müssen. Auf dem Weg in mein einsames WG-Zimmer sind mir dann viele Gedichte eingefallen, die meinen Ruf als einfühlsamer Lyriker begründet haben. Sie sind teilweise in meinen ersten Gedichtband eingeflossen und tragen Titel wie „Danke, du Schlampe“ oder „Warum bin ich nur so allein?“.

Eine zeitlang ging es mir, daß muß ich nun allerdings gestehen, nicht so gut. In dieser Zeit habe ich angefangen, Studentinnen, die sich in unsere WG-Küche verirrte haben, von meinem Singledasein zu erzählen, in der Hoffnung, bei ihnen auf Mitgefühl und Verständnis zu stoßen. Was ich anfangs nicht bedacht hatte, stellte sich nach drei Jahren der permanenten Scheiterungen als Erkenntnis schließlich ein: Frauen finden Männer, die die ganze Zeit von ihren sexuellen Frustrationen reden, nicht attraktiv. Das hätten sie mir ruhig mal etwas eher sagen können. Dafür habe ich allerdings sehr viele interessante Frauen kennengelernt, denen ich zeigen konnte, daß Männer nicht nur Schweine sind, die sich einfach nehmen, was sie wollen, sondern auch ziemlich tolpatschige Trottel. Liebe Frauen, ihr habt also die Wahl. Und liebe Männer, Frauen sind, und das dürfte inzwischen nach der Lektüre von so wichtigen feministischen Denkerinnen wie Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer deutlich geworden sein, nicht einfach nur Sexobjekte, denen man gern auf ihre unglaublichen, aber letztlich sekundären Merkmale guckt, sondern Subjekte – für einige zum besseren Verständnis, also so was ähnliches wie selbstfahrende Autos. Ich kann deshalb jedem Mann nur empfehlen, mal in sich zu gehen und darüber nachzudenken, was im Leben wichtiger ist: etwa seine gesamte Jugend damit zu verschwenden, sehr viel Sex mit äußerst attraktiven Frauen zu haben – oder, wie ich, lieber Gedichte zu schreiben. Ich glaube, die Frage beantwortet sich von selbst.   

 

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