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Demonstriert nett miteinander!

Bei meiner ersten Demonstration bekam ich, wie alle meine Mitschüler, von unserer Klassenlehrerin einen roten Holzstern am Stiel ausgehändigt. Damit sollten wir an der Tribüne mit den SED-Genossen vorbeimarschieren. Wir standen erstmal lange nur sinnlos damit herum. Ungeduld breitete sich aus. Dabei zerbrach mein Stern. Man hätte es als Omen für die baldige Wende deuten sollen. Meine Klassenlehrerin deutete es als Unreife. Kein guter Einstieg in die öffentliche Willensbekundung.

Ein halbes Jahr später fragte mich meine Mutter, ob ich mal zu einer Montagsdemonstration, die inzwischen sogar in Bernburg stattfand, mitkommen möchte. Aber wer möchte schon mit seiner Mutter zu einer Demo gehen? Ödipus vielleicht? Außerdem wollte ich lieber die Olsenbande im Fernsehen angucken. Ich blieb zu Hause und die DDR ging trotzdem unter. So hat sich bei mir die bescheidene Einstellung durchgesetzt, daß es auf mich nicht wirklich ankommt. Wer bin ich schon, wenn nicht einmal der Untergang eines Staates von mir abhängt?

Mehr politisches Engagement zeigte ich im Studium. Ich nahm an etlichen Studentendemos teil, bei denen immer die schönsten Studentinnen mitliefen. Als ich mich dann mit der einen oder anderen bei einem Glas Wein über die Veränderung der Gesellschaft unterhalten wollte, lehnten sie leider ab. Dachten sie etwa, ich würde nur demonstrieren gehen, um Frauen kennenzulernen? Da hatten sie sich aber nicht getäuscht.

Die Schwierigkeit bei einer Demonstration ist eben, ganz unterschiedliche Intentionen unter einen Hut zu bekommen. Der eine will die Weltrevolution, der andere nur seine Füße vertreten. Umso wichtiger ist es, nett gegenüber seinen Mitdemonstranten zu bleiben. Doch das gelingt nicht immer. Das zeigte sich neulich wieder in Halle. Ein breites Bündnis hatte zu einer Demonstration gegen die Identitären aufgerufen, als aus den Boxen der mitdemonstrierenden Antifa plötzlich der altbewährte Spruch erschallte: „Wer hat uns verraten, Sozialdemokraten.“ Als Sozialdemokrat hätte man jetzt den Eindruck gewinnen können, man sei hier vielleicht nicht ganz so erwünscht. Im folgenden Redebeitrag stellte sich dann heraus, - genauso ist es. Im ersten Moment dachte ich, nanu, die SPDler sind ja noch schlimmer als die Identitären. Wir demonstrieren gegen die Falschen! Schon Ernst Thälmann schlußfolgerte, kurz bevor die Nazis die Macht übernahmen, daß der historische Hauptfeind die Sozialdemokraten waren.

Nach der SPD kamen die Grünen dran. Es wurde kein grünes Blatt an ihnen gelassen. „Klimaschutz ist Antifa“, stand auf einem Transparent. Nehmt das, Grüne! Nur ein spätbürgerlicher Demonstrant versuchte tatsächlich eine Diskussion darüber anzufangen, ob es sinnvoll sei, sich hier gegenseitig zu kritisieren. Er konnte einfach sein falsches Bewußtsein nicht akzeptieren.

Das erinnerte mich an den Auftritt einer Rapperin auf dem Wagen der Antifa vor zwei Jahren am 1. Mai. Damals waren erfreulich viele Menschen vor dem Hauptbahnhof in Halle erschienen, um den Aufmarsch von Neonazis zu verhindern. Auch der Oberbürgermeister. Selbst Leute von der SPD. Und auch, man kann es wohl nicht anders sagen, viele Heterosexuelle. Die Aktivistin rappte dann einen Song, in dem es gegen die spießige heteronormative Kleinfamilie ging. Angesichts der 150 gewaltbereiten Neonazis ein Problem, das man nicht unterschätzen sollte. Ohne die heterosexuelle Kleinfamilie wären vermutlich nicht diese 150 Neonazis in die Welt gesetzt worden. Dummerweise waren, wie schon angedeutet, die meisten Gegendemonstranten offenkundig sehr heterosexuell, darunter auch etliche Vertreter der Kleinfamilie, noch dazu mit dem quengligen Erzeugnis ihres heteronormativen Lebensentwurfs an der Hand. Und wie es von den Heterosexuellen nicht anders zu erwarten war, fiel der Applaus zu diesem Song etwas zurückhaltend aus. Worauf die Rapperin, der das ja nicht entgangen war, noch schnell das Statement hinterherschob, daß sie jetzt nichts gegen Familie und so gesagt haben wolle, und auch Heterosexualität sei schon irgendwie voll okay. Da war die gute Stimmung zum Glück gerettet.

Womit die Antifa allerdings leben muß, ist, daß die Identitären weiterhin auch von Leuten aufgehalten werden, die es eigentlich überhaupt nicht verdient haben, gegen die Identitären zu demonstrieren. Von Kapitalisten, Präfaschisten, Grünen, SPDlern und sogar von mir. Das kann mitunter frustrierend sein.

Andererseits scheint mir der Vorwurf an die Vertreter der „systemkonformen“  Parteien, sie würden sich nicht deutlich genug mit der Antifa solidarisieren, um gemeinsam gegen die Rechten zu kämpfen, etwas ungerecht. Nach meinen Demonstrationserfahrung zu urteilen, hat die Antifa bisher nicht das größte Interesse an einer solchen Solidarität gezeigt. Das wäre womöglich eine sehr einseitige Umarmung und fiele schon unter politische Belästigung.

Mein Vorschlag ist natürlich auch keine Lösung, aber solange man sich nicht so richtig mag, könnten alle, die gegen die Rechten demonstrieren wollen, den ehernen Grundsatz des preußischen Generalfeldmarschalls von Moltke beherzigen: Getrennt marschieren, vereint schlagen. Dann kommt sich wenigstens keiner in die Quere. Ich hätte in meinem Leben ja bestimmt schon viel öfter demonstriert, wenn ich dabei ganz für mich allein marschiert wäre. Endlich mal auf einer Demo mit jemandem, dessen Meinung ich zumindest einigermaßen teile.

 

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