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Schlaflos am Säntis

Neulich wurde ich zu einem Kolumnisten-Festival eingeladen. Kolumnisten und Kolumnistinnen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum würden anwesend sein. Bedeutende Kolumnisten wie Harald Martenstein, Doris Knecht und Etrit Hasler. Wer ist eigentlich Etrit Hasler? Na egal. Auf jeden Fall berühmt. Darunter Kolumnisten, die mich geprägt haben, deren Bücher ich zu Hause habe. Kolumnisten, denen ich natürlich niemals sagen würde, wie sehr ich sie verehre, denn das ist peinlich und geht immer nach hinten los. Aber ich würde an ihrem Tisch sitzen und von ihren Gesprächen zehren wie der Spatz von den Krümeln, die herunterfallen von der Festtafel.  

Kleiner Haken an der Sache, von Freitag auf Sonnabend soll ich über Nacht eine Kolumne schreiben. Zu einem vom Publikum vorgeschlagenen Thema. Anfangs habe ich diesen Punkt im Vertrag mit großer Gelassenheit betrachtet. Jetzt sitze ich hier im Hotelzimmer vor meinem Laptop wie einst jenes Mädchen im Märchen, das Gold spinnen muß, und, damit das auch gelingt, ihr Erstgeborenes dem bösen Rumpelstilzchen verspricht, der es sich holen würde, noch bevor der schwarze Seim des Kindspechs aus dem Hintern des Säuglings gequollen wäre, und raufe mir das verbliebene dünne Haupthaar voller Grimm: Welche Sadisten denken sich sowas aus? Ich habe es hier mit Menschen zu tun, aber eigentlich waren es eher Schweizer, die offenbar glauben, daß man mit Geld alles kriegen kann. Und sie hatten sich nicht getäuscht.

Sie suchten für diesen Job Kolumnisten, die gleichzeitig auch Poetry-Slammer sind. Offenbar steht dahinter die Auffassung, mit Slammern kann man es ja machen. Die sind jung und hungrig. Die lassen sich auch auf der Bühne mittels Punktetafeln von einer Personengruppe bewerten, deren literarische Qualifikation darin besteht, ein unbegründetes Selbstvertrauen in den eigenen Geschmack zu haben. Dann werden die sich auch die Nacht um die Ohren schlagen. Allerdings bin ich bereits 42. Die meisten Slammer, mit denen ich sonst im Wettbewerb stehe, könnten meine Kinder sein. Es ist schon ein komisches Gefühl, gegen einen 17Jährigen zu gewinnen, der gerade seine ersten literarischen Gehversuche unternommen hat, da fehlt nicht viel zum Mißbrauch von Schutzbefohlenen. Schlimmer ist jedoch, gegen ihn zu verlieren. Dann hilft nur noch die japanische Lösung, Harakiri mit dem Kugelschreiber, einsam im Backstagebereich. Manchmal fühle ich mich wie ein alter Boxer vor seinem letzten Kampf. Und ich brauche doch meinen Schlaf.

Es ist 1 Uhr nachts. Ostdeutsche schreiben in der Schweiz normalerweise keine Texte, sondern kellnern oder klopfen Steine. Klingt wie ein Klischee. Aber Klischees zu vermeiden, bedeutet oft nur die Wirklichkeit zu verfälschen. Der Mann an der Rezeption des Säntis Hotels sagte mir, nachdem ich mich als Hallenser outete, er komme aus Dessau. Das ist tiefstes Sachsen-Anhalt. Um dieses Bundesland bekannter zu machen, hat sich mal eine Marketingfirma den Slogan überlegt: „Wir stehen früher auf“. Die anderen Bundesländer haben uns dafür ausgelacht. Jetzt kann ich sagen, wir legen uns auch später hin. Kennt jemand den Film „Lohn der Angst“? Die Handlung ist kurz erzählt. Es werden Männer angeheuert, die durch den Dschungel mit dem LKW Nitroglycerin transportieren. Am Ende sterben alle. Es hätten auch Ostdeutsche sein können bei der Saisonarbeit in der Schweiz. Doch ich bin selber schuld, Gier und Eitelkeit haben mich auf den Säntis geführt. Deshalb wirst du heute keinen Schlaf finden und morgen einen Text vorlesen, der im schlimmsten Fall auch noch abgedruckt wird. Und du wirst diesen Text Harald Martenstein vorlesen. Der mit eingefrorenem Lächeln dasitzt.

Es ist zwei Uhr nachts. Das Wort „eingefrorenem“ einzutippen fällt schwer. Martenstein durfte natürlich zwei schöne und gutabgehangene Texte präsentieren, wie auch die anderen Kolumnisten und Kolumnistinnen der ersten Garnitur. Die lasen alle ganz entspannt. Tranken danach Wein und konnten sichtlich das Essen genießen, während ich nur am Wein nippte. Mein Magen vertrug höchstens die Hälfte von diesem seltsamen Schweizer Gericht aus Käs‘nudeln, Weißwürsten und Apfelmus, das zusammen mit der Flasche Rotwein, die ich mir nun am Laptop in winzigen Schlucken zuführe, in der Kloschüssel anmuten wird wie das Kindspech aus dem Arsch des Teufels. Ein bißchen hoffte ich ja noch: Wenn du Glück hast, brauchst du nur eine alte Kolumne etwas umformulieren. Andererseits ist es doch unfair. Und man würde es auch merken. Die Leute habe dafür bezahlt, daß du ihnen einen Text vorliest, der in dieser Nacht entstanden ist. Das wäre ja eher schlecht, wenn der gut wäre. Meine beiden Mitstreiter aus der Slamszene waren übrigens auch männlichen Geschlechts. Weder das weibliche noch das dritte Geschlecht war bei der Auswahl der Slammer berücksichtigt worden. Das geht in der Slamszene eigentlich gar nicht mehr. Ein rein männliches Line-up. Dieser Mangel an Diversität hat offenbar die Kolumnistinnen in der Runde dazu veranlaßt, einen kleinen Schabernack mit uns zu treiben. Die Losfee, deren Namen ich nicht erwähne, um sie nicht bloßzustellen, zog bei dem ersten von uns das Thema „Lymphdrainage“ und „Warum die Frauen die Welt beherrschen sollten“. Bei dem anderen „Menstruation“ und „Mansplaining“. Und ich bekam „Mekonium“ und „das 3. Geschlecht“. Das ist so offenkundig Schiebung, aber keiner sagt was. Sind die Schweizer zu höflich dafür. Oder stecken die alle unter einer Decke. Bei Wikipedia steht, obwohl ich glaubwürdig versichern konnte, daß ich wüßte, was Mekonium bedeutet, folgendes: Das Mekonium – im deutschsprachigen Raum auch Kindspech genannt – ist der erste Stuhl eines Neugeborenen. Die Rotweinflasche, die man mir hingestellt hat, damit ich kreativ bin, ist immer noch nicht leer. Und es bringt auch nichts. Es ist um vier. Mekonium ist im eigentlichen Sinne kein Verdauungsendprodukt, sondern eine im noch funktionslosen Darm angesammelte zähe, dunkle Masse aus abgeschilfertem Epithel der Schleimhäute, eingedickter Galle sowie mit dem Fruchtwasser verschluckten Haaren und Hautzellen. In der Regel wird Mekonium in den ersten 24 bis 48 Lebensstunden eines Kindes ausgeschieden. Inzwischen ist es um 5. Vielleicht sollte ich doch lieber kellnern. Die Kolumne ist eine zähe, dunkle Masse, aber immerhin Auftrag erfüllt.

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