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Das Fest

Neulich hing ein Zettel am schwarzen Brett, wo sonst die Aushänge der Hausverwaltung uns ermahnten, den Keller zu fegen und die Hoftür verschlossen zu halten. Vom schwarzen Brett geht, wie einstmals vom deutschen Boden, selten etwas Gutes aus. Wahrscheinlich war ich bereits mehrfach daran vorübergegangen, bevor ich endlich die Botschaft des Zettels zur Kenntnis nahm, Zitat: „Liebe Nachbarn, wir laden euch herzlich ein zu einem Nachbarschaftsfest.“

Die Urheber sind ein Nachbar aus unserem Haus und ein Nachbar aus dem Nebenhaus. Sie verstehen sich sehr gut. Auch ihre Frauen verstehen sich sehr gut. Manchmal grillen sie gemeinsam im Garten. Alles wäre gut gewesen, doch nun sind sie der Auffassung - wie der Zettel im Weiteren mitteilt -, daß sich auch sämtliche Nachbarn aus unserem Haus und alle Nachbarn aus dem Nebenhaus besser kennenlernen sollten. Die erste Frage, die sich mir aufdrängte, war, warum? Es gibt so viele Menschen auf der Welt, die ich bis jetzt nicht kennengelernt habe, warum müssen es ausgerechnet unsere Nachbarn sein? Meine Freundin war ähnlich begeistert wie ich. Denn eigentlich kennen wir schon die meisten unserer Nachbarn, weil sie sich mehrfach über uns beschwert haben. Nachbarschaft ist eine Zufallsgemeinschaft von Personen, die sehr unterschiedliche Ansichten darüber haben können, was die Sauberkeit im Hausflur, den Pflanzenbewuchs im Hof, die Lautstärke beim Reden auf dem Balkon, das Stellen von Fahrrädern im Keller, die Rauchentwicklung beim Grillen von Fleisch betrifft; nur um ein paar Konflikte zu nennen, die in unserem Haus so festgefahren sind wie zwischen Palästinensern und Israelis. Im Nahen Osten sind die Chancen auf eine friedliche Lösung allerdings nicht ganz so hoffnungslos. Zuletzt gab es Streit mit der alten Nachbarin von unten. Sie hat die Fällung des Baumes vor dem Haus durchgesetzt. Jetzt knallt im Sommer die Sonne so richtig auf die Fassade. In der Wohnung sind dann 28 Grad. Natürlich ist es ein Pyrrhussieg, denke ich mir. Noch so ein Sieg, und sie kriegt einen Kreislaufkollaps. Im Hausflur grüße ich sie bereits übertrieben freundlich. In der Savanne wartet der Geier auch geduldig neben der langsam dahinsiechenden Ziege.

Doch zurück zu diesem Zettel. In seinem grenzenlosen Optimismus forderte er jede Nachbarschaftseinheit auf, anzugeben, welche Speisen und Getränke sie mitbringen möchte. Die Ideengeber gingen mit gutem Beispiel voran und haben Nudelsalat hingeschrieben. Im Laufe der nächsten Tage warf ich immer wieder einen verstohlenen Blick auf den Zettel, ob bereits ein weiterer Nachbar eine gebräuchliche Salatart drangeschrieben hat, um damit sein Kommen zu bestätigen. Doch nichts. Die gesamte Nachbarschaft hielt sich bedeckt und mußte wohl erstmal mit dem Schock klarkommen, der es bedeutet, mit seinem Nachbarn ein Fest feiern zu müssen.

Meine Freundin und ich waren in einem besonderen Dilemma. Der Vorschlag zu diesem Nachbarschaftsfest kam ausgerechnet von den Nachbarn, die, soweit man das von Nachbarn überhaupt sagen kann, sehr nett sind. Ich würde sogar soweit gehen, und sagen, wären sie nicht unsere Nachbarn, dann wären wir mit ihnen schon längst befreundet. Aber zwischen Nachbarn gilt das Freundschaftstabu. Im Lexikon der Psychologie findet man dazu folgende Erklärung:

Die innere Sperre zu freundschaftlichen Praktiken bis hin zu ausgelassenen Feierlichkeiten zwischen nahen Nachbarn ist weder angeboren noch entsteht sie durch Gesetze oder Verbote, sondern ist aller Wahrscheinlichkeit nach bedingt durch die unmittelbare Wohnnähe, die zwischen Nachbarn naturgemäß besteht, und woraus sich dann mannigfaltige Probleme ergeben können. Gut, das steht zwar in keinem Lexikon. Ich finde, das sollte es aber.  

Auch wenn wir nun also mit den einzigen, netten Nachbarn im Haus nicht befreundet sind, möchten wir ihnen dennoch keinesfalls vor den Kopf stoßen, indem wir einfach wegbleiben. Nach langer Rücksprache mit meiner Freundin gab ich mir schließlich einen Ruck, und notierte auf dem Zettel, um gleich mal zu zeigen, daß wir gewillt sind, die Sache durchaus ganz locker und sehr augenzwinkernd zu nehmen, als unseren Beitrag zu dem Fest „griechisch-unorthodoxer Salat“. Was immer das sein sollte, meine Freundin würde es zubereiten müssen. Ich kann keinen Salat. Ich kann höchstens Bier kaufen. Kaum stand jedoch unser Angebot, schrieben die Nachbarn aus der mittleren Etage mit dem freundlichen Schäferhund, dessen Vorfahren die innerdeutsche Grenze so gut bewacht haben, „Brezeln“ auf den Zettel. Die Fraktion der alten Frau, die was gegen Bäume hat, „Nußkuchen“. Und das ganz alte Pärchen von unten links, das inzwischen keine Kraft mehr für Auseinandersetzungen aufbringen kann, selbst für das Schnippeln eines Salates nicht, „Fruchtsaft und 6 Gläser“. Das war ja fast rührend.

Zu dem Nachbarschaftsfest würde ich auch Willi B. treffen, einen Dichter, der zufällig im Nebenhaus wohnt, wie Zufälle ebenso sind. Wir waren sogar vor Jahren einmal auf einer gemeinsamen Autorenreise in Armenien gewesen. Und Willi gehört sicher zu den größten Dichtern, die ich kenne, zumindest in unserem Nebenhaus, obwohl ich den Kampf um die postume Ehre irgendwann einmal als Namensgeber unserer Straße zu fungieren, noch nicht ganz aufgegeben habe. Zwei Tage vor dem Fest begegneten wir uns, wie immer, bei den Mülltonnen.

„Und, geht ihr da hin,“ fragte er mich.

„Ja, wir werden aber nicht ewig bleiben.“

„Das haben wir uns auch gedacht, Hauptsache man zeigt guten Willen.“

Dann ging ein jeder von uns wieder zurück an seinen Schreibtisch. Eigentlich hätte man als kulturelles Rahmenprogramm für das Nachbarschaftsfest eine Lyriklesung vorschlagen sollen. Willi liest eine Stunde lang Gedichte und spätestens nach einer halben Stunde würden sich die Nachbarn peu a peu unauffällig verabschieden. Wozu ist Lyrik da, wenn sich ihre Stärke nicht auch mal im profanen Alltag bemerkbar machte?

„Wir müssen jetzt runtergehen“, rief ich zu meiner Freundin ins Nebenzimmer rüber, und tippte weiter an meinem Text. „Ja“, sagte sie, und vertiefte sich wieder in den Gedichtband von Tranströmer. Sie wappnete sich mit lakonischer, dem Schweigen sich annähernder Lyrik. Ich floh in einen plötzlich rauschhaft einsetzenden Kreativschub, der mich in ähnlicher Weise überkommt, wenn ich aufgefordert werde, die Küche zu wischen. Keiner von uns beiden machte Anstalten, sein jeweiliges Tun zu unterbrechen. Vor einer halben Stunde hatte das Nachbarschaftsfest bereits begonnen. Der Duft von entzündeten Grills drang in unsere Wohnung hinauf, und ob wir nun nicht wollten oder überhaupt gar nicht wollten, mußten wir wohl trotzdem hinunter zu den Nachbarn. Ich schnappte den Kasten Bier, meine Freundin den „griechisch-unorthodoxen Salat“, der einfach nur ein Salat war, und gingen nach unten, unserem Schicksal entgegen.

Da saßen sie nun, ein Berufssammelsurium aus Krankenschwestern, Technikern, Erzieherinnen, Handwerkern und Lyrikern. Ein Altersspektrum von sieben bis vierzig bis fünfundachtzig. Eine Persönlichkeitsstruktur von lustig bis bärbeißig. Wir warfen ein Hallo in die Runde, und ich öffnete mir gleich einen gesegneten Brandlöscher und Gesprächsbeschleuniger, ein Bier. Die männlichen Nachbarn taten sich ebenso gütlich, während die weiblichen sich noch zurückhielten, obwohl ich irgendwo zwischen Brezeln, Nußkuchen und Nudelsalat bereits eine Flasche Eierlikör aufleuchten sah. Willi winkte mir zu. Manch einer fehlte in der Runde, den ich offenbar nicht vermißt hatte. Jetzt fiel es mir auf. Wo war der ewig hustende Ehemann der grantigen, baumhassenden, alten Nachbarin abgeblieben, der Jahr für Jahr Myriaden von F6 auf dem Balkon in Rauch aufgehen ließ. Seit einem halben Jahr, oder einem ganzen, so genau kann ich es nicht sagen, ward er nicht mehr gesehen, was seltsam ist, war uns doch sein Bronchialgewitter ein steter Begleiter unserer Gespräche auf dem Balkon. Wir erfuhren, daß er ins Pflegeheim gekommen ist. Mit einem Ohr rüberlauschend, über zwei, drei andere Nachbarn und konträre Gesprächssituationen hinweg, hörte ich die Nachbarin sagen, da sei etwas, was sie in seinem Kopf entdeckt haben und in der Lunge auch. Und daß es nicht mehr zu ändern ist, und daß man jetzt damit leben muß. Dann zündete sie sich eine Zigarette an, und bekam ein Bier über den Tisch gereicht, aus dem sie einen großen Schluck nahm. Ich haute mir den Bauch mit Brezeln, Nußkuchen und Nudelsalat voll. Themen gingen auf und wieder unter. Die Bürgermeisterwahl, der letzte Urlaub in Schweden, der Anschlag von Halle. Jetzt weiß man auch im Westen, wo Halle ist. Es wurde dunkel. Ein Feuer wurde gemacht. Und, du lieber Himmel, was gab es einst für Anfeindungen und Schreiereien im Haus, weil wir mal ein Feuer, hinten in unserem Gartenstück entzündet haben. Da scherte sich nun keiner mehr drum. Am lautesten noch hatte sich darüber die Nachbarin aufgeregt, die jetzt mit uns rauchend am Feuer saß und deren Mann irgendwo in Halle im Pflegeheim lag.

Es wurde Mitternacht, und der hageldichte Kern der Nachbarschaft öffnete sich noch ein Bier.

 

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