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Edel Essen

Wer kam bloß auf die Idee, Geld sei als Geschenk zu unpersönlich. Manche Leute besitzen einen Geschmack, da kann ihr Geschenk gar nicht unpersönlich genug ausfallen. Andere wiederum schätzen ihre Unfähigkeit, für jemanden ein beglückendes Geschenk zu finden, richtig ein. Sie schenken lieber einen Gutschein. So legten „Freunde“ mal zusammen für einen Tanzkurs. Ich hätte mir aussuchen können, ob ich Walzer, Tango oder Cha-Cha-Cha tanzen lernen möchte. Was mich daran erinnert hat, daß bei Naturvölkern das Schenken oft ein Akt der unverhohlenen Aggression darstellt. Dagegen kam mir dieser Restaurantgutschein neulich beinah wie ein Geschenk vor. Er war im Mahns Chateau einzulösen. Klingt sehr edel, gehoben, französisch. Bis mir wieder einfiel, daß wir in Halle (Sachsen-Anhalt) wohnen. Aus guten Gründen heißen bei uns Wirtshäuser traditionell eher „Gose“, „Sargdeckel“ oder „Schade“. Aber et voila. Ich nahm meine katholische Freundin bei der Hand und sagte: Madam, isch wer de sie eute ins Mahns Schato end führen.

Die Restaurantleiterin Frau Mahn, eine kleine, drahtige Person, reichte uns die Speisekarte und forderte uns auf, den Abend zu genießen. Als ich die Karte aufschlug, wurde mir jedoch klar, daß das nicht ganz so einfach werden würde. Chateau konnte man getrost in Raubritterburg einhallensern. Einundzwanzig Euro für ein Gericht hätte ich nämlich bis zu diesem Moment noch als sehr teuer eingeschätzt, hier waren sie die unterste Kategorie. Der Gutschein, immerhin vierzig Euro, war lediglich als Anzahlung zu verstehen. Was könnte ich eigentlich den beiden, die mir diesen Gutschein geschenkt haben, im Gegenzug mal schenken? Wie wäre es mit einem Karibikurlaub-Gutschein im Wert von zwanzig Euro. Ich guckte unauffällig in meine Geldbörse, ob ich diesen Abend finanziell überhaupt durchstünde. Zumindest theoretisch war es jetzt noch möglich, meine Freundin zu fragen, ob sie nicht Appetit auf einen leckeren Döner hat, doch schon näherte sich Frau Mahn mit schnellen Schritten, um uns nach den Getränken zu fragen. Vielleicht hätte ich es lieber so sehen sollen: für Pariser Verhältnisse war das nullvierer Bier für fünf Euro beinah preiswert. Wohnen in Halle, aber Biertrinken wie in Paris, so ungefähr könnte man mein Lebensgefühl beschreiben, das sich in mir festsetzte wie eine Gräte im Hals.  

Wir bestellten dann das teuerste Gericht unseres bisherigen Lebens. Meine Freundin etwas vom Wildschwein, ich ein Steak vom Rind, das wahrscheinlich mit handverlesenen Grashalmen gefüttert worden war. Und während ich versuchte, mein Bier in homöopathischer Dosierung einzunehmen, kam ein Amuse-Gueule, ein sogenannter Gruß aus der Küche. Etwas Paniertes auf Rotebeetemolekularschaum. Fraglos, im Mahns können sie Schaumschlagen.

Dann wurde unser Hauptgericht serviert. Es sah ganz hervorragend aus, das Auge ist schließlich mit. Und nach dem ersten Bissen, hätte ich meinem Auge auch am liebsten die komplette Mahlzeit überlassen. Ich malmte und malmte und schob schließlich den sehnigen, ausgelutschten Strang von widerständigem Rind unauffällig unter die Beilage. Auch meine Freundin säbelte schweigsam an ihrem wilden Schwein herum. Sie hatte es offensichtlich noch härter getroffen. Auf ihrem Teller lag ein derbes, fast quadratisches Stück Fleischgummi, dick wie ein Ziegel, frisch vom Wildunfall auf den Tisch, wobei der natürliche unverfälschte Charakter des Fleisches womöglich noch extra dadurch betont werden sollte, daß der Koch die daumendicke, borstengespickte Schwarte drangelassen hatte, über die sich eine französische Bulldogge von Herzen gefreut hätte. Als die Schwarte mühsam vom Rest subtrahiert worden war, blieb vom halbgaren Fleisch immerhin noch so viel übrig, um in meiner Freundin einen Spontanvegetarismus auszulösen. Sie sah mich an wie ein Kind, das den Tisch solange nicht verlassen darf, bis es seinen Teller voll mit Knorpelfettrandtoteomaabfall nicht restlos leergelöffelt hat.

Frau Mahn, die uns konspirativ seit einiger Zeit schon im Blick gehabt haben mußte, trat nun an unseren Tisch heran, und fragte, ob alles in Ordnung sei. Diese Frage hätte man auch einem Krebspatienten stellen können, dem gerade der Hund überfahren worden war. Ich rang mich zu einer ehrlichen Antwort durch. Das Fleisch sei zäh. Frau Mahn sagte, das könne sich sie nicht vorstellen. Was für Trump der Klimawandel, war für Frau Mahn offenbar zähes Fleisch. Ich hielt an dieser für sie offenkundigen Fleischlüge fest, bis sie mir immerhin zubilligte: „Wenn Sie das sagen, dann muß ich ihnen glauben“, und die Teller entfernen ließ. Wir hatten sie enttäuscht und uns beim Genießen nicht genügend angestrengt. Frau Mahn gemahnte mich sehr an meine Grundschullehrerin, die ein Tadelheft besaß und uns in die Ecke stellte, wenn wir nicht artig genug waren. Ich rechnete jeden Moment mit dem Wurf ihres Schlüsselbundes, als sie uns im Ton eines preußischen Feldwebels fragte, was wir stattdessen bestellen wollen. Dem ersten Reflex folgend dachte ich, ein Taxi. Dann ergänzte Frau Mahn ihre Frage um den Hinweis, daß sie uns jedoch empfehlen würde, besser kein Fleischgericht mehr zu nehmen. Wir waren des Fleisches für nicht mehr würdig befunden worden. Von den zwanzig Gerichten fielen nach diesem Verdikt achtzehn weg. Eine Minute lang schaute ich hilflos auf die Karte. Die einfachste Lösung wäre wohl gewesen, Frau Mahn bestellte für uns bei Uno zwei Pizzen. Ich hätte sogar den Aufpreis bezahlt für das Anrichten auf dem Teller. Aber ich war ja nicht lebensmüde und wählte eine, wenn man das so sagen kann, preiswerte Vorspeise aus, einen Thunfisch Brotsalat für zwölffünfzig. Meine Freundin die panierten Pilze für einundzwanzig Euro. Die Kapern in meinem Salat waren übrigens gut. Man muß auch loben können.

Als Frau Mahn unseren Gutschein schließlich angesäuert entgegennahm, der dann dank äußerst beherrschten Konsumierens tatsächlich ausreichte, um unsere Zeche im Segment der gehobenen Küche zu begleichen, wurde mir wieder klar: für das geglückte Schenken braucht es Empathie und Liebe. Und das ist sicher ein Grund dafür, weshalb ich für andere oft auch nicht so schöne Geschenke finde wie für mich.   

 

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