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Wir reden über Literatur
Eingekreist

Hauptsache krank

Manchmal kommt es mir so vor, als ob niemand mehr Krebs hat, ohne ein Buch darüber zu schreiben. Krebs ist ein echter Pageturner. Ein Must-have unter Literaten. Gerne genommen wird auch Depression, Magersucht oder die Alzheimer-Erkrankung der Eltern, und fertig ist die authentische Betroffenheitsliteratur. Dummerweise haben meine Eltern gar kein Alzheimer, zumindest bis jetzt nicht, aber das kann ja noch werden. Zwar bilde ich mir ab und zu ein, Krebs zu haben, aber dann ist es wieder nur ein Pickel. Über Akne hat sich jedoch vor Jahren schon Heinz Strunk erschöpfend ausgedrückt. Wie soll man da am literarischen Markt reüssieren? Und mein bißchen Hypochondrie macht noch lange keinen Roman. Im Grunde bausche ich sie in meinen Kolumnen bloß künstlich auf, damit ich halbwegs was Psychisches vorzuweisen habe. Wenn ich wenigstens eine schöne Zwangserkrankung hätte, denn das ist gerade total in. Schaue ich mir mein Arbeitszimmer so an, wäre eine Portion Ordnungszwang gar nicht so verkehrt. Noch besser wäre ein Schreibzwang, dann wäre ich mit meinem Roman längst fertig. Vielleicht habe ich ja, ohne es bisher bemerkt zu haben, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung, die ich literarisch verwursten könnte? Allerdings weiß ich nicht, ob die Menschen ein Buch über jemanden lesen wollen, der unglaublich intelligent und obendrein auch noch so gut aussehend ist, - damit könnten sie sich doch gar nicht identifizieren. Wenngleich der echte Narzisst wahrscheinlich nicht daran zweifeln würde. Der ultimative Psychoseroman ist leider auch schon geschrieben worden, und ich bin mir absolut sicher, das hat der gute Herr Melle nur gemacht, um mich zu ärgern. Gibt es eigentlich einen Roman über nässende Hämorrhoiden? Nicht, daß ich mich für kompetent genug hielte, darüber zu schreiben, ich überlasse das Thema gerne einem qualifizierteren Autoren oder einer Autorin, befürchte aber, daß Charlotte Roche an dieser Stelle schon Bahnbrechendes geleistet hat. Und was man aus eingewachsenen Zehennägeln literarisch rausholen kann, wurde in dem tollen Buch „Marzahn, mon amour“ neulich erst bewiesen. Anders als Hämorrhoiden sind Phobien wiederum verhaltenstherapeutisch meist sehr gut in den Griff zu bekommen, weshalb die Angststörung für den groß angelegten, existenziellen Schlüsselroman nur bedingt taugt. Meine Mutter zum Beispiel hat eine Spinnenphobie. Und um das Problem zu lösen, hat sie unter anderem meinen Vater geheiratet. Das Eheversprechen basiert ja auch in säkularen Zeiten darauf, selbst wenn man sich nicht mehr liebt, wenigstens für den Partner noch die Spinnen zu entfernen. Ich habe nicht mal eine schwere, sondern nur eine leichte Höhenangst. Damit kann ich sogar die meisten mit dem untersten Schwierigkeitsgrad gekennzeichneten Wanderwege beschreiten, ohne in Panik zu verfallen, um dann als ein Dramaking mit dem Hubschrauber vom Hexentanzplatz gerettet zu werden. Als Kind hatte ich allerdings viele Male Angina und auch mal eine Mittelohrentzündung, was meine Persönlichkeit heute noch prägt, indem ich manche Dinge in den falschen Hals bekomme und oft nicht höre, wenn mir meine katholische Freundin etwas sagt. In der Jugend kam die niederschmetternde Diagnose „Halitose“ dazu. Wer wissen will, was das bedeutet, soll bitte erst nachschlagen, wenn diese Kolumne zu Ende ist. Selbst jetzt noch wende ich mich heimlich ab, sobald mich jemand arglos fragt, ob ich ein Kaugummi möchte, um in meine Hände zu hauchen. Ist demjenigen eigentlich bewußt, was er mit seiner Frage für seelische Schäden anrichtet? Der große Bandwurmroman wurde, soweit ich das überblicken kann, noch nicht geschrieben. Die Inspiration bekommt man durch roh genossenes Gehacktes, weshalb ich kein Gehacktesbrötchen essen kann, ohne an diese Möglichkeit zu denken. Viele Genüsse sind eng mit dem Tod verschwistert. Schnapspralinen und Schokoladenzigaretten sind gleich doppelt riskant. Von meinem Vater, der, was seine Gesundheit anbelangt, etwas übertrieben vorsichtig ist, habe ich vor einigen Jahren ein Blutdruckmessgerät zum Geburtstag geschenkt bekommen. Seitdem messe ich mindestens einmal am Tag und versuche auch meine Freundin davon zu überzeugen, sich unter meiner medizinischen Aufsicht den Blutdruck kontrollieren zu lassen, was sie aber leider verweigert. Dabei würde es mir doch so gut tun. Neulich hatte ich sogar mal einen Wert von 130 zu 95, obwohl ich sonst bei 115 zu 80 liege. Ist das nun der Anfang vom Ende? 130 zu 95 wäre ein guter Titel für einen Roman über den schleichenden Tod. Als ich meiner Freundin diese Diagnose mitteilte, hat sie mich wieder ausgelacht. Worauf ich ihr sagte, daß man auch an verletzter Eitelkeit sterben könne, doch das fand sie komischerweise auch nur sehr lustig. Letztlich bleibt festzuhalten, daß eine gute Gesundheit für den Erfolg oft gar nicht gesund ist, wie man an den vielen Büchern feststellen kann, die in den letzten Jahren über die spannendsten Krankheiten ihrer Autoren verfasst worden sind. Insofern leben wir gerade in den besten Zeiten für Literatur.

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