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Esel auf Mallorca

Ende Februar waren meine katholische Freundin und ich wieder auf Mallorca. Man sieht es uns nicht an, aber wir sind Urlauber, die die Herausforderung suchen und weitab von der Zivilisation noch etwas erleben wollen. Abenteuer und pure Entbehrungen. Mallorca eben. Im Jahr davor mieteten wir darum versehentlich mal ein Häuschen, das zu unserer Überraschung überhaupt gar keine Heizung besaß. Als ich bei der Schlüsselübergabe dezent den Mangel ansprach, pries die Vermieterin ihr Haus mit den Worten, es sei jedoch „very ökologiko“. Auf jeden Fall ein Pluspunkt. Es war etwas frisch damals, sogar die staubtrockensten Torrente verwandelten sich zu reißenden Strömen, als hätte Petrus einen Wasserrohrbruch verursacht, und als wir das Haus betraten, wölkte sich der Atem aus unseren Mündern. Meine Freundin zog alles an, was sie im Koffer dabei hatte, wickelte sich außerdem noch eine Decke um den klammen Leib und ähnelte mehr und mehr einem russischen Mütterlein. Zum Glück hatten wir einen Mietwagen, und da wir bereits ökologisch wohnten, ließ ich hin und wieder abends den Motor laufen, damit sich meine Freundin im Auto etwas aufwärmen konnte. Ich ging dazu über, mit dem Holz, das ich vom Nachbargrundstück gar nicht mehr unauffällig entfernte, jeden Abend ein gemütliches Lagerfeuer zu machen, damit wir den Urlaub überlebten. Nur einmal war es so kalt, dass meine Freundin zu weinen begann. Wo widerfährt einem als Wohlstandsbürger denn so was noch?

Ich fand den Urlaub gerade deshalb toll und sehr lehrreich. Meine Freundin ebenso, weshalb sie nun für diesen Februar ein Häuschen angemietet hat, das unbedingt very unökologiko ist, mit Propangasheizung und Kaminofen. Falls wir beide schon nicht mit unseren literarischen Werken einen großen Fußabdruck in der Welt hinterlassen, dann immerhin einen ökologischen. Außerdem wirbt das neue Häuschen für sich mit der Bezeichnung „Zu den Eseln“. Dazu sollte man wissen, meine Freundin ist seit ihrer Kindheit eine große Eselsliebhaberin. Manche werden jetzt sagen, natürlich, sonst wäre sie nicht mit dir zusammen, ja ja, selten so gelacht. Ich denke aber, dass es möglich sein muß, auch etwas ernsthafter über die platonische Liebe zu Eseln zu sprechen.

Esel sind auf den ersten Blick nämlich grundsympathisch. Sie haben einen kleinen runden Bauch, drollige, dicke Lippen und einen niedlichen Schwanz. Kein Wunder, dass das auf meine Freundin anziehend wirkt. Und mit ihren langen Ohren hören Esel neugierig in die Welt, die sie aus leicht hervorstehenden Augen, wie sie sonst eigentlich nur noch bei Basedowkranken üblich sind, anrührend betrachten. 

Auf dem Anwesen, das wir bewohnten, gab es gleich drei Esel. Nano, Nena und Sanchez. Jeden morgen begrüßten sie uns schnaufend, sie hatten schon auf uns gewartet. Das Eselgehege reichte fast bis an unseren Frühstückstisch heran und während wir unser Essen hinaustrugen, begriffen wir auch, warum der Vermieter das gemacht hat. Die Kosten für die Ernährung dieser funktional längst antiquierten Huftiere konnten auf diese Weise um gut ein Drittel gespart werden. Die Esel reckten die Köpfe über den Zaun und schnappten mit ihren dicken Lippen nach imaginären Möhren in die Luft. Das sah zwar leicht debil aus, war aber sehr effektiv. Bei jedem Einkauf nahmen wir nun einen Sack Möhren mit. Der Verkäuferin dürfte klar gewesen sein, dass es sich bei diesem extremen Rübenbedarf nur um eine klassische Möhrenerpressung handeln konnte. War man dann nicht alsbald zur Stelle, um den dreien ihr Begehren zu erfüllen, formte sich im entrüsteten Eselsleib ein anschwellender fordernder Laut, der immer weiter in die Höhe eskalierte. Dazu wurde mit dem Vorderhuf gegen den Zaun getreten, da war ans eigene Frühstück kaum noch zu denken. Ich versuchte es zumindest, schließlich wollte ich meine Freiheit nicht komplett von frechen Eseln bestimmen lassen, doch meine Freundin schmolz wie irische Butter unter mallorquinischer Sonne. Keine Frage, die Esel dominierten meine Freundin, die sich immer williger unterwarf. Es war wie Fifty Shades of Grautier, nur ohne Sex. Da hätte ich lange schnaufen und mit dem Fuß aufstampfen können, bevor sie mir mal ein Bier gebracht hätte. Apropos Sex. Man sollte wissen, dass Esel sexuell recht aktiv sind. Manchmal guckte ich schon etwas neidisch über den Zaun. Als ich jedoch erfuhr, dass Sanchez der Sohn von Nena war, die er gerade besprang, legte sich mein Neid dann doch etwas. Wer allerdings mit Kindern anreist, sollte sich vorher die eine oder andere Erklärung zurechtlegen, wenn man gefragt wird, was die Esel da machen. Aber wahrscheinlich bin ich selber ein bisschen naiv. Erklärt man heutzutage umständlich, dass es sich hierbei um ein anschauliches Beispiel der Kopulation unter Paarhufern handelt, gucken die Kinder total irritiert und rufen dann, ach, du meinst wohl, dass die ficken. Praktisch habe ich das ja erst mit 24 so richtig verstanden.

Manche wollen es nicht wahrhaben, aber Esel können tatsächlich kleine Sadisten sein. Als meine Freundin ihre leeren Hände ins Gehege streckte, um ihnen zu zeigen, dass sie für heute sämtliches altes Brot verfüttert habe und dementsprechend nun alles alle sei, wurde sie vom dickköpfigen Nano aus Gnatz in den Arm gebissen. Es habe ordentlich gekniept, meinte meine Freundin. Danach gab es einen großen blauen Fleck. Das sah nicht gut aus. Hätte sie das einem Arzt gezeigt und erklärt, ein Esel habe sie gebissen, er hätte nur wissend und mit viel Verständnis für ihre schlimme Lebenssituation genickt. 

Zum Glück haben Esel keine spitzen Zähne. Trotzdem können sie mit ihren stumpfen Beißerchen viel Schaden anrichten. In Ungarn, so titelte vor einiger Zeit die Mitteldeutsche Zeitung, wurde ein ungarischer Rentner, der mit seinem Moped ins Eselsrevier eindrang, von wütenden Eseln totgebissen. Man sollte sich also über die gewalttätige Natur des Esels keinerlei Illusionen machen. Doch ich befürchte, das tut der Liebe meiner Freundin zu Eseln keinen Abbruch. Nicht lange nach dem Biss reichte sie Nano schon wieder eine Möhre hin. In dieser Welt kriegen die brutalen Kerle noch immer, was sie wollen.

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