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Frau Lehmann

Lauf!

Frau Lehmann läuft wieder. Nach einer langen Pause hat sie das kilometerlange Herumstreunen in ihrer Heimatstadt Hamburg wieder aufgenommen. Sie rennt nicht, sie läuft schnellen Schritts. Es ist der frühe Morgen der vereinbarten Waffenruhe in der Ukraine. Frau Lehmann fühlt sich herrlich. Sie kann gar nicht beschreiben, was für Freudensprünge sie machen könnte, so gut fühlt sie sich. Ich werde mir Suppe mit Einlage kochen, fettig und mit Buchstabennudeln, plant sie ihr Frühstück. Auf dem Kiez randalieren frustierte HSV Fans. Null Tore, acht Gegentore. Die Luft riecht nach Schnaps und Urin. Ein undefinierbares Schwert hat sich über alles gelegt. Die kleinen Nebenstraßen drohen aus den Fugen zu geraten und werden zum Tummelplatz verrückter Gefühlsausbrüche. Die Sonne geht auf. Wolken von Schafen verteilt auf einem grau-rosanen Himmel. Der Hund eines Obdachlosen springt sie an. Stellt seine Pfoten auf ihre Schultern und glotzt in ihre Augen. Sie schreit. Der Hund bellt. Das Herrchen schreit. Ihr Herz klopft kurzfristig in Überschallgeschwindigkeit, saugt Tropfen für Tropfen Vergnüglichkeit aus ihr heraus und löst sich in Luft auf. Sie fühlt sich ängstlicher als gewöhnlich. Der Hund lässt ab. Frau Lehmann läuft weiter, schneller als zügiges Laufen. Zurückblickend sieht sie, wie der Mann seinen Hund wiegt wie ein Baby. Später, als es Zeit ist auzuwachen, zieht sie sich in einen Winkel zurück, setzt sich auf eine Stufe in ihrem Zimmer und kreist um den Gedanken: Was geht das alles mich an?

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