Fixpoetry

Wir reden über Literatur
In Augenschein

zu Gast: Tom Schulz

Gespräche über anonymisierte Texte (Ausgabe # 005)

Der Fülle des lyrischen Textes steht die besonders hingegebene Lektüre gegenüber. Wie es den Text zu neuen, erleuchtenden Wortverbindungen treiben kann, wenn er sich den Spielen, Zwängen und Anforderungen eines lyrischen Einfalls hingibt, so kann auch die Lektüre durch Beschränkung in neue Richtungen wachsen: und an Aufmerksamkeit gewinnen, wenn die Sicherheit gewohnter Fangnetze fehlt. In dieses Wagnis will sich die Reihe In Augenschein begeben, indem sie im Gespräch mit Lyrikern über Lyrik Namen und Titel verdeckt. Der blinde Fleck über dem Namenszug der Autoren soll einen freieren Blick auf das erlauben, was die Signatur ihrer Texte ausmacht. Da geht es um Stile, mehr als um Inhalte; gerade deshalb geht es um Beobachtungen und nicht um Wertungen. Kein Quiz, sondern ein Spiel, dessen Regeln sich im Moment erst formen. Nur das Material ist gegeben und älter als wir. Wir bleiben familiär, wir wollen spazieren, die Augen, Ohren und Hirne weit aufsperren. Deutlichkeit und Lösung können dabei selbstverständlich nicht in unserem Interesse liegen.

Im Gespräch: 

Tom Schulz, 1970 in Großröhrsdorf in der Oberlausitz geboren, hat seit seiner ersten Buchveröffentlichung 1997 in mindestens zweierlei Hinsicht als produktiver Beobachter von Lyrik gearbeitet – als Dozent für das Handwerk des Schreibens, etwa an der Universität Augsburg und in der Literaturwerkstatt Berlin, und als Herausgeber mehrerer Anthologie sowie der „Liebesgedichte“ von Nicolas Born. Publizistische Beiträge und Übersetzertätigkeit flankieren dieses Spektrum und dokumentieren die vielfältige Hingabe an die Arbeit mit dem Wort. Seine Lyrikbände erschienen unter anderem bei kookbooks und im Berlin Verlag, seine Prosa bei SuKuLTur und im Verlagshaus J.Frank. Sein Werk wurde etwa mit dem Bayerischer Kunstförderpreis für Literatur (2010) ausgezeichnet und durch Stipendien der Stiftung Preußische Seehandlung, der Villa Decius in Krakau und des Künstlerhofes Schreyahn gefördert.

Inwieweit ist Stil für Sie eine Frage des Vokabulars? Wie tragen Wort- und Wortfeldvorlieben zur Wiedererkennbarkeit eines Tones bei?

Ganz allgemein würde ich vorausschicken, dass ich glaube, dass Stil etwas ist, das sich nachträglich bildet. Ich stelle mir das etwa so vor: Rilke hat geschrieben und geschrieben und irgendwann, später, gab es einen Rilke-Stil. Stil entwickelt sich dadurch, dass er kopiert und nachgeahmt wird. Der Impuls der Nachahmung lässt den Blick scharf werden, welche Elemente einen Stil formieren.

Sie meinen, der Nachahmer, der rilkischer schreibt als Rilke selbst, zeigt uns, was an Rilke rilkisch ist?

Ja, zum Beispiel. Gerade in der Postmoderne ist das ein häufiges Phänomen. Es lassen sich ja derzeit durchaus ein paar Gegenwartsautoren beobachten, denen nachgeeifert wird. Ich meine das nicht negativ, im Sinne eines epigonalen Nachmachens. Das Nacheifern ist, denke ich, ein wichtiger Aspekt dieses schwierigen Begriffes Stil. Stil ist so gesehen etwas, das Erfolg hat, an dem man sich ausrichtet und orientiert. Solange man erfolglos ist (was immer das in Bezug auf Lyrik heißen mag), ist die Frage des Stils noch nicht so vorrangig. Die Vorlieben, die ein Autor hier hat und zu denen auch die Frage des Vokabulars zählt, sind eine Entwicklungssache. Als ich 18 war, konnte ich meine Vorlieben und Orientierungspunkte selbst noch sehr viel deutlicher erkennen, ob nun Bobrowski, Celan oder Hölderlin. Je länger man schreibt, umso mehr vermengt und verwischt sich das. Mit der Zeit hat es sich auch gelegt, dass bestimmte Wörter für mich tabu waren und für einen lyrischen Stil ungeeignet schienen. Vor ein paar Jahren noch hatte ich da ganz klare Vorstellungen, jetzt weniger. Im Schreiben habe ich mich jetzt wieder mehr geöffnet, gerade gegenüber einer, naja, Weltlichkeit.

Das wäre also eine Art Ellipse von der Imitatio über die Öffnung zur späten, nachträglichen, vielleicht unbewussten Verfestigung eines Stils?

Das ist natürlich schwer zu sagen. Es gibt eine Reihe von Dichtern, die man wiedererkennt. Auch wenn man einzelne Gedichte, wie die, die hier vor uns liegen, nicht erkennen könnte, so würde man einen Dichter mit prägnantem Ton doch erkennen, wenn man zehn Gedichte von ihm vor sich hätte. In Bezug auf die eigene Arbeit aber? Ob der Leser mich wiedererkennt – das hat zu sehr mit der Rezeption zu tun. Ich glaube, es ist ein Euphemismus zu behaupten, dass es eine lebendige Rezeption zeitgenössischer Lyrik gibt. Die gibt es im Grunde nur im Kreis derer, die auch selber schreiben. Auch das Feuilleton hat sich längst aus dieser Rezeption verabschiedet und nichts mehr mit eigentlicher Literaturkritik zu tun; es werden vielmehr Kaufempfehlungen abgegeben. Das hat auch damit zu tun, dass kaum mehr ein Kritiker unabhängig ist. In der Rhetorik des Feuilletons ist indessen viel von unverwechselbaren Tönen die Rede – und natürlich ist es eine Qualität des schlauen Lesers, dass er Dichter erkennen kann. Gefährlich aber wird es, wenn das in eine Erwartungshaltung umschlägt. Oder aber, wenn sich ein Stil, eine Manier wiederholt und schließlich nach acht oder zehn Bänden totläuft. Da finde ich dann Autoren, die irgendwann die Erwartungshaltungen unterlaufen oder mit diesen Erwartungen spielen, spannender. Aber um wirklich etwas über diesen Mechanismus zu erfahren, müssten viel mehr Gedichtbände verkauft werden, es müsste viel mehr in der Gesellschaft sein. Dann erst könnte man das wirklich greifen, ob ein Stil tatsächlich irgendwann als „Marke“ funktionieren kann.

Gedicht Nr. 1

So viel Himmelsblau,
an diesem Morgen,
der sich berauscht an seiner Endlichkeit,
den Himmel austrinken,
als wäre mein Durst zu löschen,
besoffen von so viel Himmelsblau
mein Fest feiern,
blökende Schafswolken
an diesem Morgen,
ich mittendrin,
betrunkener Schäfer,
wir rufen die Wölfe
und lassen uns das Fell abziehen,
Gesang zwischen den Zähnen,
so viel Himmelsblau.

Das ist ja ein hübsches Gedicht – und das ist natürlich keine fundierte Aussage. Von wem das wohl ist? Ich würde mir wünschen, dass es von H.C. Artmann wäre, aber es ist sicherlich nicht von H.C. Artmann. (lacht) Es könnte jedenfalls in seine Richtung gehen. Ich würde sagen, dass das ein Gedicht aus dem 20. Jahrhundert ist, kein ganz aktuelles. Es hat einige doch sehr traditionelle Anklänge. Es gibt einige Fügungen in dem Gedicht, die sehr offensichtlich sind, die für meinen Geschmack zu nahe liegen. Die Einfälle sind zu leicht hergeholt, die „blökenden Schafswolken“ etwa. Der Ansatz ist konventionell, aber trotzdem hält das Gedicht in meinen Augen die Wage. Vielleicht ist das kein Gedicht, das ich in den nächsten Wochen noch einige Male wieder lesen möchte, aber andrerseits gelingt es in sich und man legt es mit einem guten Gefühl beiseite. Es klingt ein wenig nach den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts.

Woran würden Sie das fest machen?

Naja, man hört traditionelle Anklänge, aber mit ihnen wird recht wenig gewagt. „Wir rufen die Wölfe“, das ist, wenn man die pastorale Situation ernst nimmt, schon ein Wagnis, das der Text ansagt. Die Frage ist, ob er das einlöst, ob er denn tatsächlich Wölfe ruft – und ich glaube eigentlich nicht. Aber das ist okay. Im Großen und Ganzen würde ich sagen, dass das Gedicht (auch abgesehen von den Wölfen) etwas vorgibt, das es zwar nicht einlösen kann, aber es ist auch nicht so, dass der Text daran scheitern würde. Obwohl da Wölfe sind, ist es bestimmt kein Enzensberger, zum Glück auch kein Grass. Je genauer ich es mir ansehen, desto mehr sticht mir auch der Bruch des vierten Verses ins Auge: „den Himmel austrinken“. Die Zeile müsste länger sein, anders gebaut, um diese rhythmische Unebenheit zu vermeiden. Insofern wird es wieder wahrscheinlicher, dass das Gedicht gar nicht aus der Mitte des 20. Jahrhunderts ist, sondern vielleicht ein späterer Reflex auf diese Poetik. Da ist eine Schwachstelle im Gedicht, es müsste anders gebrochen sein. Dieses Detail wirft ein Licht auf den Autor. „Betrunkener Schäfer“, es wäre auch denkbar, dass eine Autorin diese männliche Sprechrolle einnimmt, aber das glaube ich nicht. Das würde es auch nicht wesentlich besser machen. Es ist ein hübsches Gedicht, aber ich vermute, dass ich es doch relativ schnell wieder vergessen haben werde, weil es mir (und das ist selbstverständlich so ein blöder Satz) nichts wirklich Neues sagt. Ich kann mich nirgends so richtig in das Gedicht einhängen.

Gedicht Nr. 2

Wir
wissen,
woher wir kommen.

Wir
wissen,
wohin wir gehen.

Wir haben den Kompass
in uns,
sagte der Generalsekretär
und drohte mit der Wünschelrute.

Das wird ja jetzt immer vertrackter! Ich muss sagen, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob das unfreiwillig komisch ist. Das ist eine gewisse Schwierigkeit bei diesem Gedicht. Ist das ernst gemeint oder nicht? Aber wir nehmen das Gedicht ernst, wir müssen er ernst nehmen, das ist immer die Bedingung. Es macht mich stutzig, dass das „wir“ und „wissen“ je auf einer Zeile steht. Was ist der Vers dabei? Ich finde es immer problematisch, ein einzelnes Wort in eine Zeile zu stellen. Das heißt ja letztendlich, dass eine besondere Bedeutung, ein besonderer Akzent hergestellt werden soll. Indem „wir“ und „wissen“ so hervorgehoben wird, versucht sich das Gedicht interessant zu machen, aber die Frage ist, was es denn sagt. Wenn man ein Freund der Gedichte von Erich Fried wäre, vielleicht – – Man könnte es anders aufziehen und sagen: Dieses Gedicht möchte sich politisch geben. Aber was kann Kritik in einem Gedicht sein? Ist es möglich, inhaltliche Kritik in einem Gedicht zu äußern – oder geht das vielmehr nur über die Sprache, über die Synthese von Inhalt und Form. Diese Synthese führt überhaupt erst zu einem beobachtbaren Stil, der sich auch als Richtung, Suggestion, Sog wahrnehmen lässt. Zudem wird mir bei diesem Gedicht nicht klar, wie das „wir“ eigentlich konstruiert ist. Sind das zwei Personen oder sechzig Millionen?

Das „wir“ scheint hier doch die übergriffige Projektion des Generalsekretärs zu sein, ein politisches „with us or against us“-wir.

Klar, das „wir“ erscheint in der Rede des Generalsekretärs – aber trotzdem hat der Text einen Sprecher, eine Perspektive, das wird mit den letzten beiden Zeilen offensichtlich. Aber diese Struktur ist zu einfach. Wenn man dem Gedicht einen politischen, einen durch die Kritik verbessernden Anspruch zugesteht, dann liegt es natürlich auf der Hand, dass wir uns über jeden freuen sollten, der schreiben und die Welt verbessern will. Das ist ein hehrer Ansatz. Aber dieser Text bleibt hinter diesem Ansatz zurück. Die Figur des Generalsekretärs ist vielleicht momentan durch Nordkorea wieder etwas präsenter, aber auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass man das im Gedicht anders lösen muss. Oder anders probieren sollte. Eine Frage an solche politischen Texte, ist die nach der Utopie, die sie entwerfen oder implizieren, und das fehlt hier. Vielleicht kommt daher auch der Eindruck, dass das Gedicht unfertig ist. Nehmen wir es doch lieber beiseite.

Gedicht Nr. 3

Morgen Mittag Abend undsoweiter
Samstag Sonntag Montag undsofort
März April bedeckt Mai heiter
Juni Juli und August verdorrt.

Hier ist meine Mütze und mein Schuh.
Und jetzt zieh ich die Gardinen zu.

Das ist ein Gedicht, das völlig das einlöst, was es verspricht. Das ist es, was man sich wünscht. Es gibt so viele Spielarten von Gedichten. Sicher wird der eine immer Benn Ringelnatz oder Tucholsky vorziehen; das sind auch zeitliche Koordinaten, die mir gleich einfallen. „Hier ist meine Mütze und mein Schuh.“, das klingt wie eine Reminiszenz an Günter Eichs „Inventur“, das mit „Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel“ beginnt. Bei diesem Gedicht gibt es bekannte Anklänge, aber ich wäre doch vorsichtig. Das muss nicht unbedingt Frankfurter Schule sein, muss nicht in Richtung Gernhard gehen. Aber es könnte jemand sein, der in einer ähnlichen Tradition schreibt.

Reim ist ja, auch heute, gar nicht so selten und außergewöhnlich, wie man meinen könnte.

Das liegt sicherlich auch daran, dass man im Laufe des Lebens wieder zu bestimmten Formen zurückfindet. Es gibt die These, dass der vers libre das schwerste ist, was man schreiben kann, und alle traditionell gefügten Formen einfacher zu bewältigen sind. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt. Denn wir können ja beobachten, dass junge Dichterinnen und Dichter vom freien Vers kommen, von der Prosa in Versen – sodass der Eindruck entsteht, es sei einfacher ein Gedicht als eine Erzählung zu schreiben. Hier in diesem Gedicht sind die Reime auch nicht mehr die frischesten, „undsoweiter“, man kennt das schon – aber genau davon handelt der Text auch. Er handelt von Versatzstücken und Wiederholungen. Da blitzt auch etwas Morgenstern auf. Es hat Witz und nimmt eine Position gegen die Ernsthaftigkeit ein. Ernsthaftigkeit kann zum Problem werden. Wenn der Autor es nicht schafft, sich auch selbst auf den Arm zu nehmen, mit Distanz und einem Lächeln auf das zu Blicken, was er tut. Ironie kann auch nicht immer die Lösung gegen den Ernst sein, sie ist Gedichten oft eher schädlich. Hier ist es mit Witz gelöst und das ist eine Qualität dieses Gedichtes.

Ist es dadurch ein Abgesang auf Eichs „Inventur“?

Das wäre eine mögliche Lesart. Die erste Strophe mit ihren Tages- und Jahreszeiten macht aber ein ganz anderes System auf als das „Inventur“-System. Ich glaube nicht, dass der Eich-Bezug für den Autor vorrangig war. Das Ich des Gedichtes wird wohnlich in der Wiederkehr des Immergleichen, es entsteht kein Eindruck von Langweile oder Dürftigkeit, „undsoweiter undsofort“ entschärfen es auf der Stelle. Es ist offensichtlich, dass das Gedicht auch einen parodistischen Ansatz verfolgt. Es möchte nicht mehr sein, als es ist. Mir liegt das. Ich muss außerdem ständig an das Gedicht „Die Trichter“ von Christian Morgenstern denken: „fließt weißes Mondlicht / still und heiter / auf ihren / Waldweg / u.s. / w.“

Gedicht Nr. 4

du kennst den scherz:

die blätter links
die äpfel rechts

dann muss den baum
einer umreisen

bis ihm der schmerz im fuß
die ankunft nennt

du kennst den fuß
du weißt wohin

dein eingekreistes herz
setzt rinde an

Ja, (lacht), „du kennst den scherz“. Hier weiß ich sogar, von wem das Gedicht ist. Die Frage ist nur, ob das ein Vorteil oder ein Nachteil in der Beobachtung ist.

Ganz genau das ist die Frage.

Ich tue mal so, als hätte ich es vergessen; man kann schon mal Anflüge von Vergesslichkeit haben, in meinem Alter. (lacht) Was ich an Gedichten sehr schätze, ist ein Wagnis. Wenn sie Mut haben. Letztlich geht es in Gedichten immer um das Sagbare und das Unsagbare. Wenn einem Gedicht gelingt, etwas zu sagen, ist es immer auch der Beweis, dass es so viel Unsagbares gar nicht gibt. Dieses Gedicht hat es sich zur Aufgabe gemacht, den berühmten und verpönten Reim „Scherz, Schmerz, Herz“ durchzuspielen und zu bewältigen. Wenn ich mich recht erinnere, hat sich Uljana Wolf bei diesem Gedicht sehr bewusst die Aufgabe gestellt, dieses Begriffstrio zu verwenden. Das gelingt hier und davor habe ich Respekt, denn das muss man erstmal machen und können. Dieses Gedicht hält die Balance. Es hat Pathos, aber ich mag Pathos. Es wird stets, auch in der Postmoderne, gerne und leicht gesagt, was alles „nicht mehr geht“. Dieses Gedicht beweist, dass es auch im 21. Jahrhundert noch geht, über Herzen und Schmerzen zu sprechen. Ich glaube, dass es im Kern der Dichtung Themen gibt, die nie verschwinden. Natürlich lässt sich leicht behaupten, dass Themen wie Vergänglichkeit und Tod, nicht mehr aktuell sind – aber ich muss sagen, dass es eine seltsame Behauptung ist, Vergänglichkeit und Tod seien nicht aktuell. Das Spiel mit dem Begriffstrio ist hier sehr leicht gemacht, gut gebaut, da sich der „schmerz“ in den Vers zurückzieht, sich aus dem Endreim heraushält. Die Traditionslast des Endreimes bleibt so auf „scherz/herz“. Auch das Spiel mit Bekanntem und Unbekanntem im ersten Vers; im letzten Vers deutet sich gebrochenes Pathos an. Wenn das nicht alles so leicht gemacht wäre, wäre der Text wohl sehr schwierig zu lesen. Das ist schon eine besondere Fähigkeit, die die Dichterin hat – das schreibt nicht jeder so. Man könnte hundert Autoren vor die Aufgabe stellen, mit „Scherz, Schmerz, Herz“ oder „Tod, Not“ zu arbeiten – fraglich, ob das jemand so gut machen könnte. Die Balance zwischen Pathos und Leichtigkeit wird gehalten. Aber auch die Balance zwischen dem Ausloten dessen, was sagbar ist, einerseits und der Freude anderseits, ein Gedicht zu schreiben, ohne etwas über die dastehenden Wörter hinaus zu sagen zu haben. Denn das Gedicht zielt nicht auf eine Bedeutung ab, aber trotzdem werden Empathie und Freundschaft deutlich. Die Opposition von Stil und Inhalt löst sich von Seiten des Inhalts auf, man kann kaum von Inhalt sprechen. Allerdings ist absolut klar, dass die Autorin das Material beherrscht. Das muss man können.

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