Fixpoetry

Wir reden über Literatur
In Augenschein

zu Gast: Christel und Armin Steigenberger

Gespräche über anonymisierte Texte (Ausgabe # 010)

Der Fülle des lyrischen Textes steht die besonders hingegebene Lektüre gegenüber. Wie es den Text zu neuen, erleuchtenden Wortverbindungen treiben kann, wenn er sich den Spielen, Zwängen und Anforderungen eines lyrischen Einfalls hingibt, so kann auch die Lektüre durch Beschränkung in neue Richtungen wachsen: und an Aufmerksamkeit gewinnen, wenn die Sicherheit gewohnter Fangnetze fehlt. In dieses Wagnis will sich die Reihe In Augenschein begeben, indem sie im Gespräch mit Lyrikern über Lyrik Namen und Titel verdeckt. Der blinde Fleck über dem Namenszug der Autoren soll einen freieren Blick auf das erlauben, was die Signatur ihrer Texte ausmacht. Da geht es um Stile, mehr als um Inhalte; gerade deshalb geht es um Beobachtungen und nicht um Wertungen. Kein Quiz, sondern ein Spiel, dessen Regeln sich im Moment erst formen. Nur das Material ist gegeben und älter als wir. Wir bleiben familiär, wir wollen spazieren, die Augen, Ohren und Hirne weit aufsperren. Deutlichkeit und Lösung können dabei selbstverständlich nicht in unserem Interesse liegen.

Christel Steigenberger, 1967 in München geboren, studierte Sozialpädagogik, arbeitete in verschiedenen Bereichen der Jugendhilfe, leitete eine heilpädagogischen Tagesstätte und arbeitet seit 2012 in einer Wohngruppe für Mädchen und Frauen mit Essstörungen. Aber auch im Bereich des Textes vereint sie Hilfsbereitschaft mit Hilfsfähigkeit, etwa als Veranstalterin eines regelmäßigen Schreibworkshops im Kulturladen Westend in München, des TEKST-Seminars auf der Burg Klempenow, in München und Wahlwiller, und als Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift außer.dem. Mit ihren eigenen Texten, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht wurden, war sie unter anderem Finalistin beim Irseer Pegasus (2011). Zuletzt erschien der Gedichtband Stadtrandstrass im Stralsunder Verlag Mückenschwein (2010).

Armin Steigenberger, 1965 in Nürnberg geboren, ist ebenfalls Redaktionsmitglied der außer.dem und leitet Literaturseminare und Schreibwerkststätten; hingegen von Ausbildungswegen her ist er studierter Architekt. Von 1998 bis 2000 war er 1. Vorsitzender des Münchner Literaturbüros, zudem ist er als Essaist und Literaturkritiker aktiv. Unter anderem wurde er beim 2012 und 2013 beim Stockstädter Literaturwettbewerb ausgezeichnet und erhielt beim Irseer Pegasus 2009 den ersten Preis. Sein Roman fleck erschien 2002 im Gangan Verlag, sein Gedichtband gebrauchsanweisung für ein vaterland 2006 im POP-Verlag Ludwigsburg. Sein neuer Gedichtband die fortsetzung des glücks mit anderen mitteln erscheint dieser Tage in der Edition Lyrikpapyri bei Horlemann in Berlin.

Da Sie beide nun schon seit einiger Zeit zusammenleben, würde ich gerne diese Situation nutzen und mit der Frage beginnen: Bemerkt man Spuren und Eigenarten des Schreibstils im sonstigen Denk- und Lebensstil eines Menschen?

AS: Das würde ich auf jeden Fall sagen. Wie jemand denkt, so lebt er auch, und wie er lebt, so schreibt er. Natürlich lässt sich das nicht 1:1 übertragen, sondern man muss die verschlüsselten Eigenarten betrachten. In dieser Angelegenheit stößt man aber an die Grenzen des Beschreibungsvokabulars. Ich erkenne zum Beispiel, wenn Christel ein Wort sagt, die ganz spezielle Christelkonnotation.

CS: Diese Konnotation ist aber eher etwas Inhaltliches. In Bezug auf Inhalte weiß man natürlich, was den anderen gerade beschäftigt, worüber er viel nachdenkt und schreibt. Ich finde aber auch, dass das im Stil so ist. Die Flut der immer wiederkehrenden Bilder, die sich bei jedem Auftauchen um eine Facette verändern, ist zum Beispiel etwas, was in meinen Augen sehr viel mit Armins Texten, aber auch mit ihm selbst zu tun hat. Dass er nicht zufrieden ist mit einer Facette. Das hat etwas mit Stil zu tun, mit Schreibstil und Persönlichkeit.

Geht das also in Richtung des Verdachts, den ich manchmal habe, dass Stil etwas Ganzheitliches ist, und deshalb so schwer zu fassen, zu fixieren, zugleich nie ausreichend als Beschreibung eines Textes?

AS: Ich mag das Wort Stil eigentlich gar nicht, weil es so ungenau ist. In dem Begriff werden verschiedene Sachen zusammengefasst, die aus unterschiedlichen Bereichen kommen und nicht zu integrieren sind. Denkmuster einerseits, Schreiberfahrung, Bildwelten, Rhythmusgefühl, aber auch die ganze Intertextualität, die der Autor durchlebt hat. Der Begriff erscheint mir da zu unscharf. Lebensstil hingegen bezieht sich zwar auch auf sehr viele Dinge, aber der Begriff ist greifbarer, brauchbarer.

CS: Lustig ist, dass meine erste Assoziation bei Schreibstil immer ist: Benutzt der Autor Verdana oder Arial oder Times New Roman oder schreibt er noch mit der Hand oder macht er Schnörkelchen dran? (lacht) Also der handwerkliche Vorgang des Schreibens selbst.

AS: Es ist eben so unabsehbar vielfältig, was man alles macht, indem man schreibt. Ich denke mir immer, dass im Vergleich dazu der Stil nur eine oberflächliche Beschreibung geben kann.

CS: Zugleich lassen sich Stil und Inhalt oft nicht trennen.

AS: Ja gut, klar.

CS: Aber die Frage ist, was der Inhalt sein kann, auch wenn zum Beispiel ein Stil oder eine Form klar dominieren. Ein wenig Inhalt ist ja immer noch da, auch eine kräftige Aussage kann da sein. Abseits all der klar benannten Blümchen.

So wird ja Stil an unseren Schulen gelehrt: als Ansammlung von einzelnen Blümchen und Figuren. Ausschmückung der Rede, die in ihren ornamentalen Einzelteilen wenig Aussage trägt: Ich sitze in einer Kanzlei und schreibe einen Brief und der Chef sagt: dem schreibst du im mittleren Stil, dem im hohen Stil, undsoweiter. Dann geht die Schublade auf. Aber das hat sich ja ausradiert, darum geht es nicht mehr.

AS: Das ist wie ein Puzzelspiel, manches ist erlaubt und manches nicht. In der strengen Stillehre muss man diese Elemente zusammensetzen. Ich habe mich immer geweigert, so zu arbeiten und zu denken.

CS: Gleichzeitig gibt es die wieder erkennbaren Stilzüge, ob man sich nun als Autor dem verweigern will oder nicht. Wenn etwa Autoren wiederholt etwas zur außer.dem einreichen, erkennt man die Herkunft der Einsendungen, noch bevor man sich bewusst den Namen des Absenders angeschaut hat. Zwar kann man nur in seltenen Fällen gleich den Namen nennen, aber man bemerkt es doch deutlich an der persönlichen Präferenz: mancher Stil spricht mich an und mancher nicht. Das geht dann am Inhalt vorbei und ist etwas sehr Prägendes. Und oft genug, wenn ich die Autoren gut kenne, kann ich dann auch sagen: Ich erkenne die Person im Schreiben wieder.

AS: Aber nennen wir das wirklich Stil? Ich glaube, dieses Wort fällt bei den Redaktionssitzung der außer.dem so gut wie nie.

I.

da schaukeln sie
die butterkutter
die satten seekühe
welle für welle
wiederkäuend
anglerschwärme
ziehen hungerhaken
möwen stürzen ab
im augenzwinkern
versilbern heringe
ihren schatten

langsam beschlägt
die brille
mit regenwolken
sonne fällt nördlich:
regenlametta

da hast du die bescherung
und den dorsch
aus der fischhandlung
im hafen
das schwierige manöver
den seemannsgang
aus dem garn
zu befrein

CS: Ein schöner Humor.

AS: Auf den ersten Blick erscheint mir das als ein relativ leichter Text, gerade Wendungen wie butterkutter scheinen mir humoristisch. Sie zeigen an, dass es nicht so sehr um die Schwere geht.

CS: Es arbeitet viel mit Lauten, Lautwiederholungen, Anklänge. Das mag ich recht gerne in Gedichten, das gibt etwas Melodisches in die Sprache. Gleichzeitig operiert dieses Gedicht an der Grenze zum Kalauer.

AS: Ja, das ist zweischneidig. Die satten seekühe, ich weiß nicht.

CS: Aber gerade in solchen Wendungen schreibt die Sprache den Text, nicht der Autor. Dadurch entsteht auch eine neue Freiheit vor der Logik, denn in das norddeutsche Panorama der butterkutter passen ja keine seekühe. Ich sehe die Landschaft, nordisch, friesisch vielleicht. Und es kommt doch mit der Schlusspassage etwas Ernstes hinein, mit dem schwierigen manöver. Gang und Garn, das sprachliche wird wieder aufgegriffen, ich finde das sehr schön.

AS: Ja, es ist so leicht doch nicht. Die Möwen fallen aus dem Himmel, ein apokalyptisches Bild. Da schwingt etwas fast Zynisches mit, ich kann nicht den Finger darauf legen. Ab dem Beschlagen der Brille kippt etwas um.

CS: Das Augenzwinkern nimmt mehr und mehr ab, zieht sich zurück, ebenso die Sprachspielerei. Der dorsch aus der fischhandlung im hafen nimmt drei Verse in Anspruch, aber das ist völlig normale Sprache, ohne Spielerei. Da bricht etwas.

Die Frage wie und vielmehr ob Humor zu lesen ist: da hast du die bescherung: kalauert der Text hier weiter oder gehört das schon zur Pragmatik des Dorsches?

CS: Gerade diese Stelle ist noch so nahe am Lametta, der Kalauer der Bescherung liegt eng daran, und das ist mir fast zuviel. Das weihnachtet es mir zu sehr, das ist zu dick.

AS: Der Text hat es auf den zweiten Blick schon in sich. Er gibt vor, sehr leicht zu sein. Durch die Kalauer ist eine Ironie vorgeblendet, dann aber –

CS: Aber was ist das wirklich Tiefe dahinter? Worum geht es wirklich? Ich habe schon Assoziationen zu Dingen, die in Bezug auf die Nordsee problematisch sein könnten, aber das wird nirgendwo angesprochen. Der Dorsch ist, glaube ich, noch ein recht harmloser Fisch, besonders aus der Fischhandlung am Hafen. Da wird Wohligkeit markiert. Das ist ja nicht das industrielle Tier. Die Welt ist in Ordnung, aber trotzdem geht es darum, etwas aus dem Garn zu befreien. Es gibt die zauberische, versponnene Welt des Seemannsgarns und zugleich den Antrieb, aus dem Versponnenen heraus zu kommen.

AS: Das Gedicht hat etwas Impressionistisches. Es sind leichtläufige Hafenassoziationen, aneinander gereiht. Hingetüpfelt. Als würde jemand, während eines Urlaubes, viel am Hafen sitzen. Es ist kein Alltag, der beschrieben wird, sondern Beobachtungen, Muße.

II.

ein Hoch setzt
            den frischen West
                                   in Fahrt

 

die blätternde Windrose ins Kreisen
            über den Grund
                        segelt entzwei
            was verklebt war
mit dem östlichen Schimmer
                                   wandern Vokale
            in alle Richtungen

                                   ab

rascher Druckausgleich
                        durch die Lunge
                                   gewischt

CS: Definitiv eine andere Grundstimmung. Jetzt ist frischer Wind da.

AS: Das Thema ist schon ungefähr das gleiche, aber es ist völlig anders dargestellt.

CS: Ja, das ist kein mühsames Freischwanken aus dem Garn, sondern es schon etwas auf dem Weg. Das lautmalerische Element tritt hier zurück, aber es gibt dennoch Sprachspiel, entzweisegeln etwa oder der wischende Druckausgleich. Hoch und West sind einerseits ganz klare, nautische Aussagen, aber zugleich sind es ganz andere, symbolische Bedeutungen; ebenso die Windrose. Die Verschiebungen laufen nicht über Klänge, sondern über Bedeutungen. Das Abwandern der Vokale fällt indessen heraus, es wird plötzlich selbstreflexiv angesprochen, was das erste Gedicht vielleicht praktiziert hat.

AS: Das Wort Druckausgleich irritiert mich, gerade in Kontrast zu dem eröffnenden Hoch. Ich denke an eine U-Boot-Fahrt, die den Druckausgleich nötig macht. Oder vielleicht ist es auch ein Taucher-Gedicht. Geht die Fahrt überhaupt über das gleichmäßige hohe Wasser?

CS: Diese abwandernden Vokale. Ich suche die ganze Zeit nach ihnen, aber finde sie im Gedicht nicht. Ich suche und erwarte irgendwie Lauthäufungen, Vokalhäufungen in dem Gedicht, aber es ist überall gemischt.

AS: Aber das bezeichnet doch die Abwanderung. Und es ist doch durch diese Aussage noch nichts vorgegeben. Zum Beispiel das o wandert ab, es taucht ab dieser Zeile nicht mehr auf.

Ein Vokalmischung bleibt, aber es ist doch, als ob der Wind hineingreifen würde, eine Wegbewegung am Ende jedes Abschnitts: Fahrt / ab / gewischt. Der Wind, der das Schiff treibt, treibt auch im Sprechen den Druck aus der Lunge, Mensch und Natur erscheinen ineinander.

CS: Ich muss sagen, dass ich ja schon den Begriff Windrose generell sehr romantisch finde.

AS: Das ist auch verstärkt in der blätternden Windrose, in der die botanische Rose sichtbar wird. Aber was war eigentlich verklebt?

CS: Ich kann es mir schwer vorstellen. Wie wird etwas Verklebtes entzweigesegelt?

AS: Ach, das kann ich mir gut vorstellen. Mir gibt eher der östliche Schimmer Rätsel auf, weil es so viele Anklänge hat. Sonnenaufgang, östlich orientalisch, vielleicht sogar fernöstlich buddhistisch, und so weiter. Die Kostbarkeit des Schimmers: Was bringt uns Marco Polo mit?

An dieser Stelle ist ja auch die Satzstruktur verunklärt durch das Apokoinu mit dem Schimmer: klebt etwas an ihm oder gibt er die Wanderbewegung frei?

CS: was verklebt war hat für mich so etwas psychoanalytisch Verklebtes. Es klingt unglaublich unangenehm. Eine chronische Verklebung. Das ist ein stilistischer Kniff, dass dieses harmlose Wort kleben durch seine Umgebung innerlich gemacht wird und dadurch so unheilvoll. Gerade wenn man es auch noch mit der Lunge in Beziehung bringt.

AS: Aber es gibt eine Lösung, auch eine chronische Verklebung lässt sich entzweisegeln. Nicht in Stücke, in mehrere Teile, sondern in zwei.

Taucht da plötzlich ein Liebesgedicht auf?

CS: Ich finde schon, dass das Gedicht da eine charakteristische Dualität hat: auch Pol und Gegenpol, West und Ost.

AS: Aber ich finde es insgesamt schwer, die Bildwelten zusammen zu bringen: Vokale, Pole, Verklebungen. Das Gedicht ist schwierig. Zugleich kommt mit der Lunge noch eine ungemein körperliche Dimension ins Spiel. Es gibt auch Lungenoperationen, palliative Eingriffe, bei denen zwischen Lunge und Pleura irgendwas verklebt wird; diese Eingriffe werden gemacht, wenn der Patient Wasser in der Lunge hat, damit er nicht erstickt. Das klingt für mich auch an.

CS: Ja, daran musste ich auch denken.

III.

der gegend klemmt die
zigarette im mundwinkel
eine regionalbahn ratscht
über das schotterbett

an wartesteigen kauern
häuser mit muschelherz
wer hier aufsteht hilft
tüten über die straße

den seitenstreifen aus
gebucht mit rauschen
im wald die stehende
ovation der autobahn

CS: Auch nordisch, aber deutlich städtischer. Salopper, alltagssprachlicher, als die beiden vorherigen Gedichte.

Alltagssprachlicher? Dabei präsentiert sich der Text doch durchaus lyrisch: Kleinschreibung, keine Interpunktion, und nicht zuletzt Vierergruppen.

CS: Ja, aber es sind alles geradlinige Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätze.

AS: Aber es sind keine Sätze, die im herkömmlichen Sinne funktionieren. Eine Gegend klemmt für gewöhnlich keine Zigarette im Mundwinkel. Da sind überall semantische Brüche. Gerade in Bezug auf das muschelherz fragt sich schon, was da genau bezeichnet wird. Es dürften ja keine Compostela-Pilger sein. Auch was ein wartesteig ist, ist gar nicht so klar, wie man meint. Vermutlich ist es ein Bahnsteig, an dem man wartet. Vielleicht ist das auch ein norddeutscher Ausdruck. Es fällt auf, dass sehr viele Komposita in dem Text vorkommen. Die Welt setzt sich stückweise zusammen. Dem arbeitet der neunte Vers mit seinem Umbruch im Wort entgegen.

CS: Sehr stark finde ich die stehende ovation der autobahn. Ich habe sofort ein Klangbild im Kopf. Ich höre diese Autobahn, völlig. Zugleich ist es eine Überlagerung von Bildern, die Bewegungslosigkeit der Bäume im Wald und eine frenetische Menschenmenge, etwa bei einer Zieleinfahrt. Das ist ein ausgesprochen rundes Bild, gerade auch mit den vielen os.

AS: Zugleich könnte auch das eine Aussage über diese Gegend, diese Landschaft selbst sein. Eine Gegend, in der es den Leuten nicht so gut geht. Während überall der Sound der Autobahn hörbar ist. Überhaupt diese verschiedenen Bahnen: Es wird Verkehr und Bewegung aufgerufen, zugleich entsteht ein Eindruck von Regungslosigkeit. Es klemmt. In der Bewegung erstarrt.

CS: Ja, die Muschel, der Muschelkalk, Abkapselung und Kaltblütigkeit. Das drängt die Assoziation der Souvenir-Muschel zurück, so eine bunte Muschel mit „Grüße aus Soundso“. Auch das Herz ist erstarrt und verkalkt.

AS: Das Gedicht klingt nach einem Resümee: Das ist jeden Tag so.

CS: Obwohl eine Gegend beschrieben wird, klingt es doch nach Großstadtlyrik. Was mit einem quasi-expressionistischen Duktus bricht, ist das Detail der tüten. Ich sehe da unglaublich deutlich Aldi- oder Lidl-Tüten. Die ganze Szenerie ist schon so grau getönt, das können auf keinen Fall Tengelmann- oder Käfer-Tüten sein. Letztendlich ist das mit der Zigarette im mundwinkel schon angelegt, die Bilder sind sehr sparsam und zielgerichtet. Wenn ich einen Tipp abgeben würde, würde ich da sagen: männlich, aktuell, und eher Berlin als Leipzig.

IV.

Zwischen Festland und Ferne
diese achtzehn mal tausend Meter
eingebläut/abends trug ich Sand
in den Händen, ließ ihn vorm Haus
zu Boden und sagen: Der Grund, auf dem
du schläfst, sei immer Grund
zwischen Festland und Ferne die Häfen
in denen sie die Fische in die Häuser
tragen zwischen Festland
und Ferne mein Lied, in dem ich
Ton um Ton die Lippen zu dir neige
mein leises Lied, in dem ich Wort
um Wort die Haken aus der Sprache hole

CS: Das hat wieder eine ganz andere Melodie, einen ganz anderen Sprachfluss. Es verhält sich wie das Wasser, über das es spricht; obwohl gerade das Wasser ausgespart und nicht angesprochen wird.

AS: Wenn man versucht herauszufinden, wie das funktioniert, stößt man als erstes auf die vielen Alliterationen und refrainartigen Wiederholungen. Umschreibungen. achtzehn mal tausend Meter.

CS: Achtzehn Kilometer. (lacht) Naja, es ist etwas ganz banales, das aber eine sehr schöne Poetisierung ergibt. Es ist im Grunde eine Entdichtung statt einer Verdichtung. Hier funktioniert das sehr gut, da die Ferne nach einem menschlichen Maß zählbar und spürbar gemacht wird. Kilometer sind nur für Autos, nicht für Menschen. Ich finde es auch spannend, was in diesem Gedicht wohin getragen wird: Sand wird vor die Häuser getragen, Fische werden in die Häuser getragen. Da werden nicht nur Wörter wiederholt, sondern es wird auch ein Bild variiert wiederholt. Die Sinnlosigkeit der Tätigkeit, Sand vor ein Haus zu tragen, färbt auf das Tragen der Fische ab. Dadurch wird es entlastet vom Sinn der Ernährung.

Es werden Selbstverständlichkeiten erzeugt, die gar keine Funktion brauchen, sondern beschreiben, wie sich Festland und Ferne austauschen.

CS: Vielleicht ist das auch die Liebe zwischen Festland und Ferne. Spannend ist auch der Vorgang, die Haken aus einer Sprache zu ziehen. Das ähnelt den abwandernden Vokalen. Hier aber fügt sich die poetologische Aussage stärker in die Bildwelt der Küste ein. Zudem bleibt man in diesem Gedicht tatsächlich an keinem Haken hängen, er oder sie (hier stelle ich mir nun eher eine Frau vor) hat sie wirklich herausgeholt – wobei das Gedicht nicht ohne eine gewisse Schärfe ist. Aber es hat keine einzelnen Haken.

Keinen Haken. Ist es nicht erstaunlich, dass nicht einmal die Pathosformel mein Lied dieses Gedicht kaputtmachen, kaputtzuckern kann?

CS: Ja, das ist wie bei den achtzehn mal tausend Metern. Das könnte eine gekünstelte Poetisierung sein, aber es erscheint nicht so. Es erscheint tatsächlich als das Maß, mit dem diese Person misst. Diese Person misst eben nicht in Kilometern. Ebenso sieht dieses lyrische Ich die Fische: und nicht die Tüte, in der sie stecken, oder das Abendessen, das aus ihnen gekocht wird. Dadurch bekommt das Bild etwas Nahes, Fürsorgliches.

AS: Die Bilder sind so weit von jeder Alltagswelt weg, dass sie fast schon etwas Surreales bekommen. Der Sand kann sprechen. Es herrscht eine Schwebe.

CS: Ja, wie der Konjunktiv der Grund sei Grund. Nur Wunsch, nur Möglichkeit. Das entzieht dem Grund alle Solidität. Das ist kein Haken, aber zugleich handelt es sich nicht um ein glattes Gedicht. Zugleich werden durch den Schlaf auf dem Grund, dem Meeresgrund, Schlaf und Tod zusammengebracht.

Was ja nur folgerichtig erscheint, wenn die Welt eingebläut ist und Lieder gesungen werden.

AS: Wobei der Text überhaupt nicht als Todesgedicht daherkommt. Er strahlt Ruhe und Zärtlichkeit aus.

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