Kultursalon Madame Schoscha

Brief aus Barcelona [12]

Monatliche Kolumne des Kultursalons Madame Schoscha: Sieben Leben
Barcelona

Madame Schoscha lebt seit Kurzem in Barcelona. Ihr alter Bekannter Herr Altobelli weiterhin in Berlin. Beide leben sie in einer ganz eigenen Zeit. Und dennoch in dieser Welt, über die sie sich gegenseitig berichten, sie schreiben sich Briefe. Im monatlichen Wechsel flattert ein Brief aus Berlin oder Barcelona herein und vereint die aktuelle, kulturelle Erlebniswelt der beiden. Ganz wie im gleichnamigen Kultursalon Madame Schoscha, der mehrfach im Jahr in einem Schöneberger Theater stattfindet, geben sich die beiden Auskunft über ihre Entdeckungen aus Kunst und Alltag. Es scheint sich daraus eine wahre Brieffreundschaft zu entwickeln.

Ich halte mich diesmal nicht lange mit Grußformeln auf, geschätzter Altobelli, und fahre direkt fort mit diesem Brief. Er wird sich etwas anders ausnehmen, als Sie es gewohnt sind. Was der erstaunlichen Geschichte geschuldet ist, die sich nach meiner Rückkehr aus Deutschland zugetragen hat und die ich Ihnen erzählen muss!

Wie Sie wissen, bin ich kurz vor meiner erneuten Berlinreise umgezogen, weswegen Sie im Oktober auch keinen Brief von mir erhalten haben. Ich hatte also kaum die Kisten ausgepackt, da verreiste ich auch schon wieder und es blieb keine Gelegenheit mich den neuen Räumlichkeiten zu widmen. Als ich aus Deutschland zurückkehrte, stieß ich die Schuhe von den Füßen und die Fensterläden auf, ließ die Meerluft herein und bereitete mir einen Tee in meiner neuen Küche zu. Ich hörte ein Knarzen im Nebenzimmer. Und dort vor dem Fenster auf der angrenzenden Balustrade, saß ein graues Kätzchen und versuchte mit ihrer Pfote den Fensterspalt zu vergrößern. Es sah mich an und behielt die Pfote unentschlossen in der Luft. Um den Hals trug es ein Band mit einem kleinen Schlüssel als Anhänger. Sie müssen wissen, lieber Altobelli, ich respektiere letztlich alle Geschöpfe auf Gottes Erdboden. Aber Katzen! Deshalb stand ich ebenso unentschlossen wie das Tier mit erhobener Pfote, meinerseits mit baumelndem Teebeutel in der Hand und starrte zurück. Dann schloss ich das Fenster und ging zurück in die Küche.

Am nächsten Morgen kam das Tier wieder auf Besuch ans Fenster. Und so am folgenden. Immer saß sie da und starrte mich an, als kenne sie mich aus einem vorherigen Leben. Am vierten Morgen saß die Katze dann im Zimmer auf meinem neuen Flügel. Zwar mag ich diese Tiere nicht, aber ebenso wenig wollte ich sie „sch-sch-sch“ verscheuchen, also ließ ich sie wo sie war. Und sie stahl mir mit ihren Blicken das Brot aus der Hand.

Ich habe Ihnen noch gar nicht erzählt, wie ich zu diesem Flügel gekommen bin, nicht wahr? Es handelt sich dabei um eine Hinterlassenschaft des Vormieters, der das Schmuckstück nicht hatte mitnehmen können. Auch wenn ich gar nicht in der Lage bin Flügel zu spielen, habe ich ihn dennoch gegen einen kleinen Aufpreis von der Hausverwaltung übernommen und jetzt ein Musizierzimmer!

In dieses setzte sich die Katze also jeden Tag auf den Flügel, als gehörte sie dahin und schien eine Belohnung zu erwarten. Für was? Ich beschloss den Besitzer des Tieres zu finden und ihn darum zu bitten, mir diese tägliche Visite zu ersparen. Noch am selben Nachmittag saß ich auf meiner Terrasse zum Hof - stellen Sie sich den Blick in einen quadratischen Innenhof, mit Häusern zu allen vier Seiten vor - und beobachtete meine neue Nachbarschaft. Wem gehörte die Katze?

Ich sah das Tier just am gegenüberliegenden Haus über die Simse steigen und hoffte, sie würde ihr zuhause selbst verraten, in dem sie in eins der geöffneten Fenster sprang. Sie wanderte zunächst zur Wohnpartei mir direkt gegenüber. Mir zur Einsicht zwei Fenster, Küche, Bad. Daneben an der Außenwand ein stümperhaft, zu einem ausufernden Kringel angebrachtes dickes Kabel. In Verbindung mit den kleinen Lüftungsgittern, Abflussrohren und anderen Gerätschaften an der Außenwand, erinnert das Kabel an die Bilder des barcelonesischen Künstlers Miró. Gehörte die Katze also zum Miró-Pärchen, dass hinter diesem Gemälde lebt? Und das ich das ein oder andere Mal abends streiten höre, während er, Amerikaner, in der Küche wütend den Kochlöffel in die Töpfe stößt, als wolle er zumindest seine Spaghetti Arrabiata versohlen. Während sie, Katalanin, schweigend zwischen Bad und Flur hin und her wandert und seinen Schimpftiraden lauscht. Es könnte die Katze der Frau sein, noch alleinstehend war sie ein guter, aber vor allem stiller Begleiter gewesen. Jetzt nach drei Jahren Beziehung mit dem Ausländer, fragt sie sich, warum immer so viele Worte gemacht werden mussten, wenn sie die Mauer des Schweigens doch nur zementierten. Sie sehnt den Platz im Bett zurück, wo man nicht mehr Angst haben muss, sich die Fingerspitzen am Rücken des anderen zu verbrennen und wo sich zu ihren Füßen nur das Tier breit macht. Aber die Katze ließ sich durch das Küchenfenster nur kurz das Kinn vom kochenden Amerikaner kraulen, der ihr aus seinen Töpfen noch eine Leckerei zusteckte. Dann spazierte sie davon. Hier wohnte sie also nicht.

Sie machte einen Satz und schlich über eine Terrasse des Quergebäudes, auf der vier wilde Papageien auf dem Rand eines mit Regenwasser gefüllten Blumentopfuntersetzers saßen. Der lahme Versuch des kätzischen Angriffs wurde von den davon stiebenden Papageien kreischend in alle vier Himmelsrichtungen kommentiert. Die Katze blieb zurück, um sich im getigerten Schatten-Sonnenspiel eines halbheruntergelassenen Rollos die Pfoten zu putzen. Sollte der Metal-Man, der dort wohnte, ihr Besitzer sein? Schwer konnte ich mir vorstellen, dass der Mann Mitte vierzig, mit grauem Zopf, der nur in Armeefarben herumläuft und in den Punk-Rockzeiten der 80iger hängen geblieben ist, sich ein Schmusekätzchen hält. Aber vielleicht steht bei ihm auch eine Kuschelrock-LP „zwischen Störkraft und den Onkelz“?

Wenn der Metal-Man von der Arbeit kommt, haben alle Nachbarn daran teil. Dann wird der Fernseher in einer so atemberaubenden Lautstärke angestellt, dass man selbst bei geschlossenen Fenstern das Gefühl hat, mit ihm auf dem Sofa zu sitzen. Dort knallen dann Bierkronen abwechselnd zu herzhaften Rülpsern und Fürzen. Samstags und sonntags, wenn er frei hat, eröffnet er den Tag mit Punk-Rock und damit ein ums andere Wochenende der Nachbarschaft seinen etwas einseitigen Musikgeschmack. Der Metal-Man ist der Mensch mit dem größten unverbindlichen Mitteilungsbedürfnis, der mir bislang begegnet ist. Im Wechsel regen sich die umliegenden Nachbarn auf, La tele, capron!, Por favor, es domingo!!!, Silencio! Die Beschwerden haben zwar einen unmittelbaren, aber niemals dauerhaften Effekt. Der Metal-Man ist maximal common sense resistent. Was ihn wiederum sehr authentisch macht, vielleicht sogar liebenswürdig. Die Katze allerdings hat er an diesem Nachmittag mit einem Tritt von seiner Terrasse vertrieben, womit ich überrascht eine Gemeinsamkeit und in mir gewisse Sympathieregungen entdeckt habe. Ein Katzenfreund unter harter Schale war er also nicht.

Mit erhobenem Schwanz sprang das Tier davon. Auf den patio (Innenhof) einer alten Dame, die immer abends zum Sonnenuntergang ihre prachtvollen Pflanzen gießt, besprüht, beschneidet, um dann mit ihrer schnabelabwärts tropfenden Gießkanne wieder in ihrer Wohnung zu verschwinden. Sie bleibt nie, um auf dem patio zu ruhen, ihre Pflanzen zu betrachten oder die Sonne zu genießen. Es ist seltsam, es wäre Platz für Tisch und Stühle, einen Sonnenschirm. Aber nichts. Auf dem wunderschön keramikgekacheltem Boden stehen am Rande nur ihre unzähligen Pflanzen, ihr kleiner, domestizierter Dschungel, wuchert um einen leeren Kachelsee. Ich würde sie gerne fragen, warum sie den Raum ihren Pflanzen überlässt, statt ihn mit ihnen zu teilen. Nur manchmal kommt ihr am Stock gehender Mann mit hinaus und hängt mit ihr die wenigen Wäschestücke zum Trocknen auf die Leine oder schnippelt synchron an den hochgeschätzten Pflanzen. Sie unterhalten sich nicht dabei. Dann schlurfen sie zurück in ihr Häuslein. Natürlich, hier würde es gut hinpassen, das Kätzchen, zum sympathischen alten Ehepaar. Aber als die Katze Richtung offene patiotür wandert und ihre Nase lang macht, sträubt sie plötzlich ihr Fell, macht einen Buckel und zischt wie aus einem Bogen abgefeuert davon, während ich ein lautes Bellen vernehme.

So kam ich nicht weiter, das Tier verriet sich nicht selbst und ich musste die folgenden Tage persönlich Klinken putzen gehen. Unterdessen besuchte mich die Katze weiterhin auf dem Flügel. Ganz eindeutig wollte sie etwas, was ich mir nicht erklären konnte. Irgendwann sprang sie unter den Flügel, um dort ihre Kreise zu ziehen. Mein morgendliches Stück Brot noch in der Hand und die Erinnerung an den Vorabend, zu dem ich gleich kommen werde, noch im Kopf, ging ich zu ihr auf die Knie und besah mir den Ort ihrer Zuneigung etwas genauer. Dort unter dem Flügel verbarg sich im selbigen ein mir bislang nicht entdecktes Kästchen, verschlossen durch ein kleines Schloss. Da das Tier nicht sprechen konnte, um meiner Begriffsstutzigkeit auf die Sprünge zu helfen, schmiegte es sich ungeduldig an mich, der Anhänger ihres Halsbandes baumelte mir an die Finger. Der Schlüssel. Vorsichtig streifte ich ihr das Band über den Kopf. Zeitgleich schnappte sie sich das Brot aus meiner Hand und verspeiste es, eindeutig hatte sie sich den Happs verdient. Das war also ihr Antrieb gewesen, ein ihr vertrautes Geschäft: Schlüssel gegen Futter. Ich besah mir das Schloss, steckte den Schlüssel hinein und drehte herum.

Den Abend zuvor war ich ein paar meiner Nachbarn besuchen gewesen, um herauszufinden, wem das Tier gehört. Ich ging zuerst das Miró-Pärchen besuchen. Der Amerikaner öffnete die Tür, während er wieder lautstark schimpfte, nur diesmal so direkt vor mir, entdeckte ich ein Handy-Mikrophon-Kabel von seinen Ohren um seinen Hals liegen, in das er hinein brüllte, „Mum, I have to be here to help her organize this funeral, even though that guy never has been any father, if you like it or not, he still was… mum, mum, please let me finish!“. Als er mich vor der Tür stehen sah, machte er einen Schritt zur Seite, wohl glaubend, ich sei befreundet mit der Frau, „You wanna see my sister, right?“, flüsterte er. Die kam gerade mit feuchter Wäsche auf dem Arm aus dem Bad, um sie im Flur auf einen Ständer zu hängen. Die Schwester des Amerikaners kam an die Tür, während er mit seiner Mutter zurück in die Küche verschwand, um seine Töpfe zu penetrieren. Die junge Frau kannte zwar die Katze, wusste aber nicht wem sie gehörte. Ich verabschiedete mich und ging ins nächste Haus. Mit einem mulmigen Gefühl ging ich in den ersten Stock zum Metal-Man.

Er öffnete mir die Tür und ich schwöre, ich vernahm dabei ein Knurren aus den Tiefen seines riesigen Adamsapfels. Kleinlaut sah ich überrascht auf ihn herab, er war einen halben Kopf kleiner als ich, was aus der üblichen Entfernung nicht aufgefallen war. Hinter ihm lagen wie erwartet zerknüllte Taschentücher und Tabakkrümel auf dem ehemals flauschigen, jetzt rasta-haarigen Teppichboden. Zigarettenpapierchen, Kleidung, Briefumschläge, umgefallene Gläser und ein umgekippter, tragbarer Verstärker. Was ich wolle, fragte der Metal-Man und bevor ich antworteten konnte, runzelte er die Stirn, sah mich genauer an, kam einen Schritt auf mich zu: „Ah, du wohnst doch jetzt in der Wohnung schräg über mir, wo sie den Musikfuzzi kürzlich kalt gemacht haben?“. Er grinste. Ich wich einen Schritt aus seinem Atem, murmelte ich habe mich wohl in der Tür geirrt und hastete über die Treppe davon.

Angespannt ging ich ins Nebenhaus, um das freundliche alte Ehepaar zu besuchen. Vielleicht wussten die nicht nur, wem das Vieh gehörte, sondern auch, was in meiner Wohnung passiert war. Es öffnete mir die alte Dame und zog mich ohne zu Zögern in ihre Wohnung. An der Wand im Flur hing eine verblichene Fotografie einer halbnackten jungen Frau, die ich als die alte Dame identifizierte. Sie bemerkte meinen Blick von ihrem Gesicht zur Fotografie. Richtig, dass sei sie gewesen, sie habe früher hinter den Ramblas gearbeitet, ich wisse schon, aber dass sei jetzt schon ein paar Jahrhunderte her, die Mädels heute täten ihr leid, pobrecitas, durch den Zuwachs Ost, seien die Preise dermaßen versaut, dass sich das Geschäft nicht mehr lohne. Und die gemeinschaftliche Ordnung werde auch nicht mehr gewahrt, ob ich damals die Fotos in El País gesehen habe, es una vergüenza! Ich war nicht sicher, ob ich sie, ob der Sprachbarriere, bezüglich ihrer früheren Beschäftigung richtig verstanden hatte, aber nachdem sie den Ausdruck auf meinem Gesicht gesehen hatte, nickte sie erneut, ja, ja, doch, doch, und schwang eine unsichtbare Handtasche und stellte ihre knochige Hüfte aus. Ich fragte sie, warum ich sie nie ihren patio nutzen sah. „Was dort?“, sagte sie. „Wo mich jeder sehen kann?“. Sie sei zwar ein freigeistiger Mensch, aber mittlerweile über achtzig und nicht mehr so ansehnlich wie damals, Handbewegung Richtung Fotografie, und nehme deshalb immer auf ihrem zweiten(!) patio, der zwar kleiner, aber dafür nicht einsehbar war, ein Sonnenbad. Sie zog die Strickjacke über ihre Schulter, lächelte und sagte: „Wie ihr jungen Leute“, dabei war kein Trägerrand irgendeines jemals getragenen Bikinioberteils auf ihrer nackten Haut zu sehen. Das hier sei Rafael, sagte sie und zeigte auf ihren Mann der auf dem Sofa saß und erwartungsvoll zur Tür gesehen hatte. Rafael war noch älter als er aus der Ferne gewirkt hatte, sein Haar war schwarz gefärbt, an den Schläfen brach das Grau in wilde Löckchen aus, sowie aus dem großzügigen Ausschnitt seines Hemdes, das ein mutiges 70iger-Jahre Muster in schwarzweiß trug. Ich sei auf der Suche nach dem Besitzer der Katze, erklärte ich den beiden, die mich verwirrt ansahen und dann mit dem Finger aus dem Fenster auf meine Wohnung deuteten. Die Katze sei zwar ein Streuner, aber Señor Mataró habe sich um sie gekümmert, er sei der einzige gewesen, zu dem sie ins Haus gestiegen sei. Der Besitzer, vielmehr Versorger des Tieres war also mein Vormieter gewesen, na wunderbar. Sie seien mit Señor Mataró bekannt gewesen, ihr Mann habe damals mit ihm ab und an Geschäfte gemacht, welche  Geschäfte genau ließen sie offen. Aber erneut wurde Señor Mataró als Größe im Musikgeschäft bezeichnet. Es sei ein Drama! Er sei kürzlich unter mysteriösen Umständen in seiner Wohnung tot aufgefunden worden. Die Polizei habe nicht mehr erklären wollen, aber ihnen sei klar, was passiert war, und Rafael zog die Rückseite seines Daumens über seinen faltigen Hals. Ob ich in der Wohnung etwas gefunden habe, wurden ihre Nasen länger, nein nichts, ich hatte nichts gefunden. Auch die Presse habe nichts darüber geschrieben, ob ein Raub stattgefunden habe, das Motiv bleibe also ein Rätsel. Aber vermutlich habe die Polizei sowieso alles geräumt und mitgenommen, nicht wahr? Wie unter einer leisen Vorahnung verschwieg ich den Flügel in meinem Musizierzimmer. 

Schon am nächsten Morgen entdeckte ich unter diesem das Kästchen, deren Hüter das Katzentier gewesen war. Mein Vormieter schien tatsächlich ein wohlbetuchter „Musikfuzzi“ gewesen zu sein, denn ich fand darin unter anderem das Masterband der Platte Just Another Diamond Day, der Sängerin Vashti Bunyan, aus den 70iger Jahren. Ich vermutete ein wertvolles Sammlerstück, vielleicht auch nur semilegal hier an diesem Ort versteckt.

In derselben Nacht wurde ich durch ein Geräusch in meiner Wohnung geweckt. Ich stieg aus dem Bett und ging schlafblind durch den langen Flur. Mit klopfendem Herzen öffnete ich alle Türen, schaute in alle Räume, konnte aber nichts und niemanden entdecken. Ich dachte, vielleicht war die Katze irgendwo hereingeschlüpft, aber auch sie konnte ich nicht finden.

Ob der merkwürdigen Geschichte meines Vormieters, dem Fund der Aufnahmen und dem unbestimmten Gefühl, dass jemand in meiner Wohnung gewesen war, rief ich am nächsten Tag die Polizei. Auch in der Hoffnung, vielleicht noch etwas mehr über die Geschichte zu erfahren. Aber die zwei Beamten, die vorbeikamen, zeigten nicht das kleinste Interesse, mich an ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Sie fragten, ob dort wo ich die Aufnahmen gefunden habe, noch mehr versteckt gewesen sei. Eine große Summe Bargeld zum Beispiel, schlug der eine vor und schaute mich dabei so durchdringend an, als ob er persönlich auf dem Grund meiner Seele meine Unschuld überprüfte. Ich verneinte. Dabei entdeckte ich einen Gehstock auf dem Boden des Musizierzimmers liegen, der mir die Nacht zuvor nicht aufgefallen war. Ob ich Anzeige wegen des Einbruchs erstatten wolle, fragte der andere, und ich schüttelte den Kopf, ich hatte mich wohl getäuscht, es sei niemand hier gewesen. Enttäuscht zogen sie mit den Aufnahmen von dannen. Es versteht sich von selbst, dass ich einen so hohen Betrag, zu dem ich unverhofft gekommen wäre, natürlich niemals für mich behalten hätte, nicht wahr, mein lieber Altobelli? Ich hätte ihn zum Beispiel mit einem unserer protegierten Kunstprojekte geteilt, oder ähnlich wichtigen Einrichtungen. W e n n  ich solches Geld gefunden hätte.

Am nächsten Tag kaufte ich mir alle Alben, nur drei an der Zahl, von Vashti Bunyan. Welch einen musikalischen Segen hatte mir doch das Kätzchen ins Haus gebracht! Ich bin seit langem einmal wieder wahrhaft akustisch verzaubert. Auf dem Rückweg vom Plattengeschäft stellte ich den Gehstock an das gusseiserne Gartentor des patios.

Ich muss Ihnen abschließend gestehen, dass, während ich freitags meine Fischsuppe löffle, seither auch die Katze unter dem Flügel an ihrem Anteil schleckt. Ich habe ihr dort eine Schüssel aufgestellt, in die ich manchmal auch ein bisschen Milch gebe – den Rest des Satzes kennen sie, mein Freund. Mir ist klar, wie die Dinge nun liegen: Eine Katze bei der Schoscha, ist nicht nur das Klischee eines Klischees, es ist die Karikatur einer Karikatur eines Klischees. Wenigstens ist es ein Kater, wie ich gestern vom Veterinärmediziner meines Vertrauens erfahren habe. Und er lebt auch nicht hier, er kommt mich nur regelmäßig besuchen, auf diese Differenzierung unserer Beziehung legen wir beide Wert.

Ich hoffe, liebster Freund, auch Sie kommen mich bald besuchen. Der Amerikaner hat mir kürzlich herrliche Spaghetti Arrabiata gekocht, die ich auch Ihnen gerne servieren würde.

In sehnsüchtiger Erwartung auf ihren Besuch, denkt an Sie ergebenst
mit Flügel
Ihre Madame Schoscha

PS: Anbei wie immer eine Illustration von Gastón Liberto, der vor hat uns nächstes Jahr in Berlin zu besuchen!

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