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Kultursalon Madame Schoscha

Brief aus Brandenburg [15]

Monatliche Kolumne des Kultursalons Madame Schoscha: Weitersagen
Pritzwalk

Madame Schoscha lebt seit Kurzem in Barcelona. Ihr alter Bekannter, Herr Altobelli, weiterhin in Berlin. Beide leben sie in einer ganz eigenen Zeit. Und dennoch in dieser Welt, worüber sie sich gegenseitig berichten. Sie schreiben sich Briefe. Im monatlichen Wechsel flattert ein Brief aus Berlin oder Barcelona herein und vereint die aktuelle, kulturelle Erlebniswelt der beiden. Ganz wie im gleichnamigen Kultursalon Madame Schoscha, der mehrfach im Jahr in einem Schöneberger Theater stattfindet, geben sich die beiden Auskunft über ihre Entdeckungen aus Kunst und Alltag. Hin und wieder melden sich auch alte Weggefährten der beiden zu Wort. In diesem Monat ist es ein Fräulein Ohm aus dem nördlichsten Brandenburg.

Liebste Madame,

ich schreibe Ihnen aus den Tiefen einer Landschaft, die Ihnen sehr wahrscheinlich nicht bekannt sein wird. Es hat mich in meine alte Heimat verschlagen, nimmt man es räumlich und nicht geschichtlich, denn jene Heimat ist vor zweieinhalb Dekaden nahezu im Nichts verschwunden.

Als ich Sie und Altobelli beim letzten Salon wiedergesehen habe, war ich erleichtert zu spüren, dass wir uns alle noch nicht aufgegeben haben. Trotz aller Irritationen und der räumlichen Distanz. Mir fehlt die Innigkeit unserer früheren Treffen und so will ich gerne mit diesem Brief eine neue Initiative starten.

Nachdem es Sie, Madame, mit dem Ostwind nach Barcelona geweht hat und Altobelli in alter Manier die Berliner Wunderecken umreißt, hat es mich nun in die Prignitz gerufen. Einem Ort, der über seine Himmel und Wälder nicht weniger spricht als durch seine Menschen, gäbe man ihm Stimme und Kehle. Er liegt im nördlichsten Zipfel Brandenburgs und an manchen Stellen steht man nur einen Steinwurf entfernt zwischen zwei sehr unterschiedlichen Dialekten: Dem Mecklenburgischen, das sich durch sympathisches Wenigreden und ein lang gezogenes „E“ auszeichnet, und dem leicht völkisch anmutenden Brandenburgisch, das etwas redebedürftiger daherkommt aber „ickt“ wie in Berlin, nur nicht ganz so schlimm. Und ob man nun fragt oder nicht: Für die Menschen, die in der Nähe dieses Steinwurfes zu Hause sind, ist es enorm wichtig, ob sie noch auf Brandenburger oder schon auf Mecklenburger Seite weilen.

Die Prignitz wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Ort, an dem die wichtigen Entscheidungen der Geschichte ihren Anfang nahmen. Doch sieht und hört man etwas genauer hin, erscheinen wundersame Wesen an der Oberfläche. Dieses Land steckt voller Mythen und Sagen, man muss sie nur finden.

Ich bin hier einem „Räuber“ auf der Spur, besser gesagt schreibe ich ein Buch über ihn. Aber mit diesem Titel muss man sich in Vorsicht üben, denn: Ist jemand ein Räuber, der sich nimmt was ihm zusteht, auch wenn im Nachhinein die Geschichtsschreiber entschieden, dass ihm eben das Recht nicht zugesprochen werden konnte? Heine Klemens war sein Name. Vermutlich war er ein Ritter und entstammte dem niederen Adel. Er lag mit meinem Heimatstädtchen Pritzwalk um 1400 in Fehde aus Gründen, über die man heute nur spekulieren kann. Vielleicht ist er eines Diebstahls oder einer Veruntreuung beschuldigt worden. Das ist nicht überliefert, doch es muss ihn tief in seiner Ehre verletzt haben. Denn das Unrecht das jener Klemens empfand, schien von derartiger Wucht und Dimension zu sein, dass er beschloss, sich etwas zurück zu nehmen. Die Quellen berichten, dass er sich mit einer Bande in den Tiefen des Hainholzer Waldes versteckte und Kaufmannswagen überfiel. Über der durch den Wald führenden Handelsstraße befestigte er einen Draht, der durch das Geäst hindurch bis in sein Versteck führte und ein Glöckchen läuten ließ, wenn ein Wagen den Weg passierte. Pritzwalk war zu jener Zeit eine Hansestadt und lag an einem gut frequentierten Handelsweg, der die Kaufmannswagen durch die Lande führte. Auf den wenigen Bildern, die in der Stadt noch an den Räuber erinnern, wird dieser stets in Ritterrüstung mit Schwert gezeigt. Es ist schwer vorstellbar, wie sich dieser mit Rüstung am Leib lautlos im Wald versteckt halten und angreifen konnte, aber dieses logische Detail lässt sich dem Zauber der Sage nicht mehr entlocken.

Interessant ist aber besonders ein Teil der Geschichte: Natürlich landete Klemens am Galgen, doch sein Ergreifen erfolgte durch einen ungewollten Verrat. In Pritzwalk lebte eine junge Magd, die dem Ritter in die Hände fiel. Er ließ sie am Leben und befahl ihr, die Wirtschaft in seinem Versteck zu führen, was die Magd auch tat. Doch sie sorgte sich, lag doch ihre Mutter krank im Bett. Sie fiel vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: Lass mich ziehen, ich verrate dich nicht. Und Klemens gab ihr sein Wort, sie am Leben zu lassen, wenn sie ihn nicht verrät. Die Magd wiederum gab ihm ihr Wort, ihn niemals zu verraten. Entgegen aller Warnungen gab der Ritter der Magd die Freiheit zurück, die daraufhin in Pritzwalk ihr Verschwinden nur mit Mühe erklären konnte. Schneller als ihr lieb war, wurde ihr Wegbleiben mit dem Räuber in Verbindung gebracht und so emsig sie bestritt, sein Versteck zu kennen oder von ihm zu wissen, so verrieten doch ihre Augen, dass sie mehr wusste als sie zugab. Bei der Seele ihrer Mutter hatte sie geschworen, nicht zu verraten, was sie wusste. Ein kluger Ratsherr verstand die Not ihres Eides und „riet“ der Magd, sich doch, wenn auch keiner Menschenseele, dann doch einem Kachelofen (!) anzuvertrauen und ihre Seele zu erleichtern. Und so absurd dies auch klingen mag, sie tat wie ihr geraten, bemerkte nicht die List und denjenigen, der sich in diesem Kachelofen doch mit großen Ohren versteckt hielt. Die Geschichte nahm ihren Lauf, Klemens wurde gefasst und gehängt.

Versuche ich, wie der Räuber über den Waldweg einen Verbindungsdraht in unsere Zeit zu ziehen, fällt mir Edward Snowden ein, dessen folgenreiche Entscheidung mich tief beeindruckt hat. Snowden fordert nicht nur sein eigenes sondern das Recht von Millionen Menschen ein bzw. zurück. Und ebenso wie Klemens gab auch Snowden sein bis dahin geführtes Leben auf und begab sich in den Untergrund. Auch wenn sein Kampf das Bewusstsein von Massen erwecken könnte, lässt es mich grübeln über das Fundament, auf dem dieser Neo-Guerillakämpfer die Rechte der Demokratie einfordert. Darf oder muss eine Demokratie undemokratische Mittel einsetzen, um neben anderen Staatsformen wie Diktaturen bestehen zu können? Ich stelle mir diese Fragen mit dem Blick auf meine Vergangenheit, denn wie vorhin angedeutet hatte ich das „Glück“, schon zwei Staatsformen kennenzulernen. Ich hoffe, Snowdens Geschichte endet nicht wie die des Ritters.

Ein anderer und wesentlich jüngerer Mythos wird 1938 von Tamara Ramsay eingefangen. In ihren "Wunderbaren Fahrten und Abenteuern der Kleinen Dott", erzählt sie von einem kleinen Mädchen auf ihrem Weg durch die Prignitzer Dörfer, Heine, Flure und Sternenhimmel. Die kleine Dott hatte ihr Versprechen, im Haus auf die Geschwister zu wachen, gebrochen und war ihrer Neugier ans Mittsommerfeuer des Dorfes gefolgt. Die Kleine musste ihren kindlichen Mut in der Johannisnacht mit einem Bann büßen. Sie wurde von der Blüte der Rennefarre verzaubert, die ihre Schönheit nur in dieser Nacht zeigt. Sie wurde unsichtbar, erhielt aber die Gabe, Tierstimmen verstehen zu können. Auf der Suche nach dem Schlüssel ihrer Verzauberung wurden die Tiere der Wälder und Felder zu ihren Verbündeten, zeigten ihr das Land und erzählten von den Sagen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Ein bisschen folge auch ich dem Weg der kleinen Dott, wenn ich hier meine alte Heimat wieder entdecke, den steinernen Roland in Perleberg, das Königsgrab bei Seddin besuche oder den Mäandern der Dömnitz im Hainholz folge, in denen schon der Räuber badete. Die Orte durch die das Mädchen zog, muten manchmal heute nicht weniger verwunschen und eigenbrötlerisch an als damals. Ich wünschte, Sie, Madame, und auch Altobelli könnten mit meinen Augen etwas von dem Zauber dieser Landschaft sehen. 

Von der kleinen Dott hätte ich mir gewünscht, sie wäre in der Zeit zurück gereist und am Haus der Klemens-Familie vorbeigezogen. Vielleicht wüssten wir dann mehr um die Not eines Mannes, der als Rache für fehlende Gerechtigkeit die Fehde mit einer ganzen Stadt sucht. Von Heine Klemens Söhnen wird berichtet, dass sie nach seinem Tod einen Brief an die Stadt schrieben und versuchten, dem Namen ihres Vaters wieder zu Ehre zu verhelfen. Aber auch wenn sich die Stadtväter zu jener Geste überreden ließen, ist dies nicht überliefert.

Derlei Geschichten tragen sich hier von Mund zu Mund, sie gehen nicht verloren zwischen all den Amüsements der Neuen Zeit, die mir mit ihrer Schnelligkeit so manche Sommerfrische vergraulen. Der Zahn der Zeit nagt hier nur halb so emsig am Tagesende. Verstehen Sie, was ich meine? Unser Reichtum zeigt sich hier in der Präsenz eines gewaltigen Himmels, man hört den Wind in den Blättern rauschen und während ich die Wege abschreite, verstehe ichThoreaus' Worte, wenn er schreibt:

In einem gewissen Sinn können wir gar nicht langsam genug leben. Ich möchte nicht so leben, als hätte ich wenig Zeit. Halten wir Schritt mit den Jahreszeiten. Haben wir Muße, auf jede Erscheinung der Natur zu achten und jedem Gedanken, der uns kommt, nachzugehen.
Das Leben soll ein gemächliches Voranschreiten sein durch das Königreich der Natur, selbst ihrer hintersten Winkel.

Er könnte sie auch am Mäander der Dömnitz geschrieben haben.

Schreiben Sie mir gern zurück und berichten auch Altobelli von mir, leider habe ich seine aktuelle Adresse nicht. Ich erzähle Ihnen gern mehr aus der Prignitz und wenn Sie mögen, auch von der verschwundenen Heimat in der Zeit, aber davon ein andermal.

Es verbleibt in freundschaftlicher Treue,

Ihr Fräulein Ohm

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