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Kultursalon Madame Schoscha

Brief aus Brandenburg [18]

Monatliche Kolumne des Kultursalons Madame Schoscha: Fliehkräfte im Freundschaftsdreieck
Pritzwalk

Madame Schoscha lebt seit Kurzem in Barcelona. Ihr alter Bekannter, Herr Altobelli, weiterhin in Berlin. Beide leben sie in einer ganz eigenen Zeit. Und dennoch in dieser Welt, worüber sie sich gegenseitig berichten. Sie schreiben sich Briefe. Im monatlichen Wechsel flattert ein Brief aus Berlin oder Barcelona herein und vereint die aktuelle, kulturelle Erlebniswelt der beiden. Ganz wie im gleichnamigen Kultursalon Madame Schoscha, der mehrfach im Jahr in einem Schöneberger Theater stattfindet, geben sich die beiden Auskunft über ihre Entdeckungen aus Kunst und Alltag. Hin und wieder melden sich auch alte Weggefährten der beiden zu Wort. In diesem Monat ist es ein Fräulein Ohm aus dem nördlichsten Brandenburg.

 

Wie gern hätte ich den Ausdruck auf Ihrem Gesicht gesehen, als Sie in Ihrem Briefkasten meinen Absender auf dem Kuvert fanden, lieber Altobelli.

Es ist eine der Erstaunlichkeiten meines Lebens, dass ich mit zunehmendem Alter an der Dimension von Zeit und ihrer Wahrnehmung nicht unbedingt zu wachsen scheine. Als ich gerade daran dachte, wie lange ich nichts von Ihnen gehört habe, sind mir die Finger zum Zählen ausgegangen. Das soll kein Vorwurf sein, auch ich habe mich im Verstummen geübt.

Nachdem mir Madame mitteilte, dass allein die Erwähnung meines Namens Sie in Wallung brachte, habe ich mich dafür entschieden, mir Ihre Adresse geben zu lassen und gleich zu schreiben. Doch den Brief abzuschicken, hat tatsächlich noch etwas mehr Zeit in Anspruch genommen.

Seitdem wir damals auseinander gingen, hat sich niemand von uns dreien je zum Grund unserer „Trennung“ geäußert. Ich kann Ihnen gestehen, Sie und Madame nicht mehr zu sehen, war qualvoll für mich und unser gegenseitiges Schweigen hat mich vermuten lassen, dass es Ihnen beiden ähnlich erging. Sie mögen vielleicht denken, ich als „Eroberin“ von Madame hätte zu guter Letzt den erfülltesten Teil unserer Verbindung zu verbuchen. Aber glauben Sie mir, so süß jene Stunden auch waren, so schnell fand alles sein Ende. Wussten Sie denn nicht, dass Madame Gefühle für SIE hegte, Altobelli? Ich wurde den Eindruck nie los, Madame und mein Stelldichein hätte nicht nur auf subtile Art und Weise etwas mit Ihnen zu tun.

Sie kennen meinen Freimut, ich hätte mir zu dem Zeitpunkt auch andere Konstellationen vorstellen können. Doch ein kleines Schwanken kann so manchen Stein ins Rollen bringen, das wird mir nun klar. Die Angst, unser aller Freundschaft zu riskieren, ließ mich mehr zögern als die Furcht vor dem Neuen. Und so wurde diese kleingroße Liebelei eigentlich viel zu schnell zu einer Geschichte - aber wen wundert es, sind wir doch die selbsternannten Geschichtenerzähler!?

Vielleicht hat Madame meine Vorsicht gespürt und ist in den ihr angenehmeren Rückzug geflohen. Dass es sie allerdings so weit weg ziehen würde, nach Barcelona, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe es als Flucht interpretiert.

Und Ihr Verschwinden, lieber Freund, konnte ich nie recht deuten. Gab es eine Eifersucht, von der ich nichts wusste? Was haben Sie in der Novembernacht im Café Brel so intensiv besprochen, dass Sie und auch Madame sich darüber so gewissenhaft ausschwiegen?

Gerade im Nachhinein wünschte ich mir, wir hätten schneller das Gespräch gesucht. Das wäre mir lieber gewesen, als einfach gar nichts mehr von Ihnen zu hören. Denn reden, das konnten wir doch immer, oder nicht?

Vielleicht war das der damaligen Dramatik geschuldet, aber ich kann mich erinnern, in jener Zeit Beethoven neu für mich entdeckt zu haben. Kennen Sie sein 14. Streichquartett‚

Opus 131? Auch in meiner Prignitzer Zeit ist es für mich ein wichtiger musikalischer Begleiter geworden. In seinen Notizen hatte das Genie für die Musiker angeordnet, die Sätze ohne Pause hintereinander weg spielen zu lassen und hinterließ gerade den Musikwissenschaftlern ein Rätsel: Sind es nun 6 oder 7 Sätze?  Die Streicher hatten somit auch nicht die Chance, zwischendurch ihre Instrumente nachzustimmen. Für Musiker und Zuhörer ist das Werk in seiner Schönheit betörend anstrengend. Trotzdem denkt man nach jedem Satz, kein Ton hätte an einer anderen Stelle sitzen können; als rutsche jede Melodie an die für sie vorbestimmte Stelle. Das denke ich immer wieder über Beethoven.

Wagner fand die wohl besten Worte, um seine Musik zu beschreiben:

Das ist der Tanz der Welt selbst: wilde Lust, schmerzliche Klage, Liebesentzücken, höchste Wonne, Jammer, Rasen, Wollust und Leid; da zuckt es wie Blitze, Wetter grollen: und über allem der ungeheuere Spielmann, der alles zwingt und bannt, stolz und sicher vom Wirbel zum Strudel, zum Abgrund geleitet: – er lächelt über sich selbst, da ihm dieses Zaubern doch nur ein Spiel war. – So winkt ihm die Nacht. Sein Tag ist vollbracht –

So muss es auch seinem Bewunderer Schubert ergangen sein, der einmal sagte: Wer vermag nach Beethoven noch etwas zu machen? Fünf Tage vor seinem Tod ließ er vier Musiker um sich versammeln, um noch einmal den Tönen dieses Meisterwerkes zu lauschen und dann die Augen zu schließen.

Als hätte auch eine Kleinstadt wie Pritzwalk einen ähnlichen Schwanengesang vernommen, entsteht nun in unserer leider völlig blutarmen Innenstadt eine Kunstaktion, die mein Herz höher schlagen lässt. Michael Clegg und Martin Guttmann als Künstlerduo

Clegg & Guttmann nehmen sich der leerstehenden Schaufenster in der Einkaufsstraße an und schenken ihren Quadern über drei Monate ein künstlerisches Innenleben. Die Pritzwalker Stadtväter hatten den Wegzug von wichtigem Klein- und Großgewerbe an den Rand der Stadt zugelassen. Wie ein Dominoeffekt fiel ein Geschäft nach dem nächsten der Leere zum Opfer, es fehlte die Laufkundschaft. Nun erinnert die Einkaufsstraße in ihrer Ruhe an ein ausgebombtes Stadtzentrum, nur ohne Trümmer. Wenn man an einem Sonntag in Pritzwalk Schaufenster bummeln will, starrt man schnell in die Spiegelung des eigenen Gesichts.

Die aus Dublin und Jerusalem stammenden Künstler sind seit Jahren mit ihren öffentlichen Installationen in der Welt unterwegs. Besonders bekannt wurden sie durch die Installationen von „offenen Bibliotheken“, frei zugänglich installierten Büchervitrinen, aus denen Besucher Bücher herausnehmen und auch eigene hineinstellen konnten. Der Name der Pritzwalker Installation, genannt „Die sieben Künste von Pritzwalk“, signalisiert die Richtung, die die Grenze zwischen öffentlicher Nutzung und künstlerischer Installation überwinden will. Gemeint sind Film, Theater, Musik, Skulptur, Fotografie, Tanz und Sprache, die in den leerstehenden Geschäften zum Ausdruck kommen sollen. Angesprochen sind nun die Pritzwalker selbst zu entscheiden, mit welchem Stadtgesicht sie ihre Heimat nach außen präsentieren wollen. Angelegt ist das Projekt auf drei Monate, aber ich hoffe auf eine Verlängerung!

Das Ewige regt sich fort in allen,
Denn alles muß in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
(Goethe)

Frisch im Mai ist ein neuer Gedichtband von Christoph Danne erschienen den ich Ihnen ans Herz legen möchte: das halten der asche. Der in Köln lebende Lyriker und Kleinverlagsgründer hat es geschafft, die Alltäglichkeit UNSERER Generation in eine Sprache zu gießen, die ebenso zeitgemäß wie poetisch klingt. Ihm gelingt ein Balanceakt, an den man schon gar nicht mehr glauben mag.

Und obwohl die Geschichten Situationen im Hier und Jetzt beschreiben scheint alles auf Abstand gerückt zu sein. Um dann wie durch ein Fernrohr betrachtet und durch die Lupe gesehen wieder aufgeschrieben zu werden. Für mich fühlen sich so die Geschichten meiner Vergangenheit an, diese emotionalen und symbolhaften Fetzen, die in ihrer Konstellation ein Ganzes ergeben. Doch die Zwischenräume, sie sind erfunden.

Ich kann verstehen, dass Madame einmal ein bisschen in ihn verkuckt war. Man hat mir erzählt, Christoph Danne liest beim nächsten Kultur-Salon zum Thema „fremdgehen“ aus diesem Buch. Etwa an einem Freitag, den 13.?

Da ich nun schon eine ganze Zeit wieder in der Heimat weile, schließen sich manche dieser leeren Flecken meiner inneren Landkarte. Auch hier in Pritzwalk findet die ganze Welt statt. Ein Film, der auch in einer kleineren Stadt spielt und mich nicht nur einmal sehr berührt hat ist Lars and the real Girl – Lars und die Frauen. Ich weiß nicht wie oft ich dieses kleine so unpompös daherkommende Meisterwerk schon gesehen habe. Doch hat mich nie der Kasus Knaxus dieser Geschichte fasziniert – Lars unterliegt einer Wahnvorstellung und verliebt sich für eine Zeit in eine Puppe – viel mehr war es, wie sein anfangs geschocktes Umfeld auf die Veränderung reagierte. Falls Sie den Film nicht kennen, will ich nicht zu viel vorwegnehmen. Aber ich habe mich oft gefragt, ob ein derartiges Szenario auch in meiner Heimatstadt möglich wäre. Wie reagieren die Menschen auf Andersartigkeit? Die Erzählweise aus Sicht eines „Außenseiters“, der im Laufe des Streifens erst das Herz des Zuschauers und dann das seiner Mitmenschen erobert, hat sich über die Jahre als festes Genre der Filmkunst etabliert. Denke ich an unsere Dreierfreundschaft zurück, wurden für uns oft die Anderen zu Außenseitern. Oder war es das, was wir sehen wollten und in Wirklichkeit waren doch wir die Aliens? Vielleicht war unsere Einheit auch deshalb so intensiv, weil sie nicht den Regeln entsprochen hat.

Zum Schluss möchte ich gerne noch anfügen, dass Gottfried Benn in Mansfeld geboren ist. Das Dorf ist nur ein paar Kilometer von Pritzwalk entfernt. Seine Gedichte haben in mir als Prignitzer Gewächs die bescheidene Frage hinterlassen, ob auch mein kleiner ganz persönlicher Expressionismus dieser Landschaft geschuldet ist, die durch die Möglichkeit eines solchen Himmels sonderliche Assoziationen freilässt.

Es ist ein Garten, den ich manchmal sehe
östlich der Oder, wo die Ebenen weit [...]
Es ist ein Knabe, dem ich manchmal trauere,
der sich am See in Schilf und Wogen ließ,
noch strömte nicht der Fluß, vor dem ich schauere,
der erst wie Glück und dann Vergessen hieß.

Lieber Altobelli, in dem Sinne, dass Glück auch häufig mit Vergessen zusammenfällt, hoffe ich, dass meine Ehrlichkeit Sie nicht erschreckt. Bitte schreiben Sie mir zurück und erweitern Sie meine Erzählung um Ihren Teil der Wahrheit.

Es grüßt Sie herzlich in neuer Verbundenheit,

Ihr Fräulein Ohm

 

Zitate:
Richard Wagner: Sämtliche Schriften und Dichtungen, 16 Bände, 6. Auflage, Leipzig o. J.
Johann Wolfgang von Goethe: Werke - Hamburger Ausgabe Bd. 1, Gedichte und Epen I
Gottfried Benn: Aus Epilog 1949, IV, S. 345; in Gottfried Benn: Gesammelte Werke in vier Bänden, Band III, Hrsg.: Dieter Wellershoff, Klett-Cotta, 9. Aufl., Stuttgart, 1993

 

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