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Kultursalon Madame Schoscha

Brief aus Brandenburg [28]

Monatliche Kolumne des Kultursalons Madame Schoscha: Fräulein Ohm schreibt an Madame Schoscha
Pritzwalk

Illustration: Dörte Grimm Madame Schoscha lebt in Barcelona. Ihr alter Bekannter, Herr Altobelli, weiterhin in Berlin. Beide leben sie in einer ganz eigenen Zeit. Und dennoch in dieser Welt, worüber sie sich gegenseitig berichten. Sie schreiben sich Briefe. Im monatlichen Wechsel flattert ein Brief aus Berlin oder Barcelona herein und vereint die aktuelle, kulturelle Erlebniswelt der beiden. Ganz wie im gleichnamigen Kultursalon Madame Schoscha, der mehrfach im Jahr in einem Schöneberger Theater stattfindet, geben sich die beiden Auskunft über ihre Entdeckungen aus Kunst und Alltag. Hin und wieder melden sich auch alte Weggefährten der beiden zu Wort. In diesem Monat ist es ein Fräulein Ohm aus dem nördlichsten Brandenburg.

 

Liebe Madame,

den letzten Brief an Sie schrieb ich vor fast genau einem Jahr. Eigentlich wollte ich Ihre Antwort abwarten und mich in meiner altbekannten Meisterschaft der Geduld üben (bitte lesen Sie das ironisch), doch vor ein paar Tagen griff Altobelli zum Hörer und berichtete mir von Ihrem letzten Brief. Das Wissen um Ihre Trauer und Zweifel, die sie anscheinend so weit von sich haben wegtaumeln lassen, hat mich letzte Nacht lange wach liegen lassen. Ich hoffe, ich kann Ihnen mit ein paar Geschichten aus der Prignitzer Luft ein wenig die Sinne ablenken.

Sie werden jetzt wahrscheinlich die Augen gen Himmel drehen, wenn ich Ihnen schreibe, dass ich immer noch auf der Suche nach Hinweisen auf Heine Klemens bin, dem mittelalterlichen Superstar Pritzwalks. Es deprimiert mich zutiefst, Spuren oft nicht mehr weiterverfolgen zu können. Das Archiv der Kleinstadt fiel 1859 einem Brand zum Opfer, der so viele Urkunden und Schriftstücke vernichtete, dass überdies eine Stadt einen Teil ihrer Vergangenheit verlor. Selbst wenn mir bewusst ist, dass die Vergangenheit auch ohne Papierbeweis existiert, stellt es mich als Suchende vor verlassene Räume, die ich nun mit Phantasie füllen muss. Kreuz und Segen für den Schreiberling. Lande ich dann im stadtnahen Wald Hainholz, ehrlicherweise öfter aus Kalorien verbrennenden Anlässen als recherchebedingten, bin ich bewusst oder unbewusst immer wieder auf der Suche nach dem Versteck des Räubers. Ich habe die berühmte „Klemenskuhle“ bis heute nicht entdeckt und zweifle manchmal an meinem Orientierungssinn. Vielleicht will ich sie aber auch nicht finden in der Sorge, an ihr würde sich ein weiterer Ort der Vergangenheit vor mir verschließen?

Doch wenn ich die mittelalterlichen Wege hier nachziehe und manchmal in glühend verschwitzte, aber glückliche Läufergesichter blicke, macht dieses Abschreiten, dieses Gehen auch etwas mit mir. Ich laufe und sinniere über den Weg. 

Vor einer Woche hielt ich an einer der ältesten Stätten des Prignitzer Mittelalters, dem Heiligengraber Klosterstift, im Jahr 1287 gegründet und bis jetzt erhalten. Auf einem Hügel gelegen, schmiegt sich die Klosteranlage in die Landschaft. Ich war erstaunt über eine Geschichte, die mir dort begegnete: Im Jahr 1532, in dem durch Flugblätter, Studenten und reisende Buchhändler Luthers reformatorische Schriften schon ihren Weg in die Prignitz gefunden hatten, sah sich die Äbtissin Anna von Rohr veranlasst, Legendentafeln, die die Geschichte der Wunderbluthostie von Heiligengrabe zeigten, in Auftrag zu geben. Wer sich fragt, wie alt die Ressentiments gegen Juden wohl sein mögen, wird auch in der Prignitz fündig. Ich war erstaunt, dass das Motiv des „stehlenden Juden“, hier genannt auch „jüdischer Hostienfrevel“, wohl zu der Zeit sehr beliebt war, besonders wenn ein Wunder legitimiert werden sollte:

Der Legende zufolge brach ein Meißener Jude in die Kirche von Techow ein und stahl eine geweihte Hostie. Mit göttlicher Gewalt wurde der Jude am Fortkommen gehindert und vergrub sie unter einem Galgen. Der Jude, an dessen Händen danach Blut klebte, wurde von aufgebrachten und mit Spießen bewaffneten Bauern nach Pritzwalk verfolgt. Ein Bürger schlüpfte in das Gewand eines Priesters und entlockte dem Juden das Versteck, der (in der christlichen Tradition der Beichte!) dachte, der Priester unterläge der Schweigepflicht und würde sein Geheimnis nicht verraten. Auch wenn das Wort Propaganda zu der Zeit noch nicht existiert haben mochte, so war es genau das, Wallfahrtspropaganda! Denn das Kloster konkurrierte mit den Wilsnacker Wunderbluthostien um Pilger.

Mich interessiert an der Geschichte jedoch vielmehr die Kraft des Hasses auf das Fremde. Denn auch in der Legende spielt die Tatsache, dass der Täter nicht nur Jude war, sondern auch aus Meißen kam, keine unerhebliche Rolle. Ziehe ich von hier aus eine Linie zu den aus Syrien zu uns strömenden Menschen, sorge ich mich um die Natur des Menschen, um seine Angst vor dem Fremden. Und hoffe, die Menschen hier erzwingen kein Blutopfer, um „ihren Glauben“ zu legitimieren. Wie absurd ist es, dass die Grenzen Europas so gut beschützt werden, die Grenzen der Menschen jedoch nicht?

Ich beschloss, auch die Nacht in Heiligengrabe zu verbringen und fand am Abend im Nachtschränkchen eine Bibel, die ich mich sogar traute aufzuschlagen. Ich beschloss, die durch Zufall aufgeschlagene Seite vorurteilsfrei zu lesen, meine Ressentiments über die Institution der Kirche für einen Moment zurückzustellen. Schon seit einer Weile zwinge ich mich, gedanklich zwischen „Glaube“ und „Religion“ zu unterscheiden, hält doch Ersteres für mich spannende Fragen bereit. Der Zufall öffnete eine Seite der Psalmen und mein Blick fiel auf einen Bittruf in Psalm 143: „Lehre mich deinen Willen zu tun, denn du bist mein Gott.“ Sofort regte sich bei dem Bild des Menschen als Knecht einer höheren Instanz Widerstand in mir. Wer sind, wer waren diese Menschen, die danach rufen, den eigenen Willen abzuwählen? Mag man doch zu gern sein eigener Herr und Meister sein. Ich glaube, dieses Bekennen zu einem Widerstand oder das Reagieren darauf, den eigenen Willen durch eine Instanz abgesprochen zu bekommen, ist vermutlich älter als der Psalm selbst. Ich beschloss, ein zweites Mal den Zufall über den Inhalt entscheiden zu lassen und landete an einer anderen Stelle, an der der Text für mich eine interessante Antwort ausspricht: 

„Dein guter Geist leitet mich auf ebenem Land.“ Doch was ist damit gemeint? Ich begann zu recherchieren. Ein Gehen ohne Widerstand, so die Bibelinterpreten, soll zu einem aufrechten Leben, einem guten Weg, einem guten Leben führen. Ein Leben, in dem der Mensch sich wohlfühlt, das für ihn vorbereitet ist. Doch das Bild des dienenden Menschen entspricht dem westlich-säkularisierten Zeitgeist nicht mehr. Wie konnte es jemals, fragen Sie sich vielleicht, Madame? Das Paradox, sich zu beugen, um belohnt zu werden, macht das Verstehen schwer. Doch vielleicht mag diese höhere Instanz, nennen wir sie Gott, auch nur, dass wir zu-uns-selbst kommen, damit wir frei leben können? Dem Menschen zu seiner Form zu verhelfen, ist es das, was vielleicht den Glauben ausmacht? Ist damit gemeint, dass der Weg, der für mich als Mensch, als Frau, als Mutter, in meiner Arbeit, für mich vorgesehen ist, sich nicht steinig anfühlen soll? Das wäre eine so schöne Antwort auf meine Frage nach dem guten Leben, dass sie mein manchmal melancholischer Geist nur schwer erhören könnte, fürchte ich.

Madame, Sie merken, welche Fragen mich hier umtreiben. Bitte weisen Sie mich darauf hin, wenn ich beginne, wunderlich in Ihren Ohren zu klingen. Auch dieses Mal lasse ich die Zeilen nicht verstreichen, ohne Sie einzuladen, mich hier zu besuchen. Selbstredend wird dieses Bitten erst enden, wenn Sie mich besuchen. Warum treffen wir uns nicht in Lenzen an der Elbe? Hier kann ich Ihnen den NaturPoesieGarten mit Ihrer Liebe zu beidem wärmstens empfehlen. Eigentlich kann ich nicht verstehen, warum auch ich vorher noch nie hier war. In Lenzen führt sie der Weg an der Burg vorbei in seinen Parterregarten mit historischen Rosenbeeten und fülligen Kräuterwiesen. Notenständer und anderes Kunstutensil schlagen mit Zitaten von Naturphilosophen einen gelungenen Bogen zwischen Natur und Poesie. In der Mitte des Gartens werden Sie ein „badendes Mädchen“ finden, das inmitten von Fröschen in einem Teich weilt. Dieser „Fauna“, die vor 20 Jahren Vandalismus zum Opfer fiel, verhalf der Künstler Bernd Streiter zu neuem Leben. Seine Worte möchte ich Ihnen zu guter Letzt noch mit auf den Weg geben, sollte sich Ihnen der Nagel der Verzweiflung wieder einmal aufdrängen:

Der Zeitgeist kann mir den Buckel runter rutschen.
Ich folge meiner Begeisterung, der Leuchte meines Weges...
Ich halte mich an das klassisch Ewige und so verwende ich Materialien,
die nachgewiesenermaßen nicht nur mich,
sondern auch meine Kinder und Enkel überleben werden.

In diesem Sinne, Madame, ich hoffe, sie gehen ihren Weg und dies nicht nur in stiller Kommunikation mit sich selbst. Ich werde nächstes Jahr auf längere Reise gehen, es zieht mich in den Osten, soviel mag ich schon verraten, mehr aber noch nicht. Vielleicht wird es eine Weile ruhig um mich. Wundern Sie sich nicht, irgendwann schreibe ich Ihnen.

In Verbundenheit, Ihr Fräulein Ohm

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