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Kultursalon Madame Schoscha

Brief aus Buenos Aires [33]

Francisco del Puerto schreibt Madame Schoscha
Buenos Aires

Irene Fernández Arcas Madame Schoscha lebt jetzt schon eine Weile in Barcelona. Ihr alter Bekannter, Herr Altobelli, weiterhin in Berlin. Beide leben sie in einer ganz eigenen Zeit. Und dennoch in dieser Welt, worüber sie sich gegenseitig berichten. Sie schreiben sich Briefe. Im monatlichen Wechsel flattert ein Brief aus Berlin oder Barcelona herein und vereint die aktuelle, kulturelle Erlebniswelt der beiden. Ganz wie im gleichnamigen Kultursalon Madame Schoscha, der sich mehrfach im Jahr an wechselnden Orten zusammenfindet, geben sich die beiden Auskunft über ihre Entdeckungen aus Kunst und Alltag. Hin und wieder melden sich auch alte Weggefährten der beiden zu Wort. In diesem Monat wird eine Flaschenpost von einem schwärmenden Francisco del Puerto aus Madames Sehnsuchtsort Buenos Aires angeschwemmt. Ob sie sich erinnern wird?

(Erstmal erscheint ein Brief auch in spanischer Fassung  - hier gehts zu Francisco del Puerto escribe a Madame Schoscha).

DAS GEGENTEIL VON EINS

Dieser Brief eines Unbekannten mag Ihnen komisch vorkommen, Madame. Dabei bin ich gar kein Unbekannter mehr. Wir lernten uns vor einigen Jahren kennen, es war in Buenos Aires, in der Avenida de Mayo, diese Allee, in der sich die „librerías de viejo“ befinden. So nennen wir die antiquarischen Buchhändler. Sie trieben sich zufällig da herum, durchwühlten wie ich die Bücher und Zeitschriften. Obwohl, wenn ich ehrlich bin, ich bin „habitué“, ständiger Gast des Ladens „Megafon“, man könnte mich fast zum Inventar zählen. Dort finden Sie meine Vorfahren, meine Freunde, meine Kollegen, meine Niederlagen, meine Träume. Sie wiederum versanken in der Poesieabteilung, und als ich Sie in die Gedichtsammlung von Alfonsina Storni vertieft sah, traute ich mich einen Schritt auf Sie zuzugehen. Dank Storni begannen wir uns zu unterhalten, damals waren sie verliebt in das Gedicht, das Mercedes Sosa in „Alfonsina y el mar“ besungen hat.

 

 

Und ich berichtete ihnen von Ariel Ramirez und seiner berührenden Musik, die er für diese Stimme komponiert hatte. Die lyrische Stimme und die musische Stimme... erinnern Sie sich? Ich bin Deutsche, sagten Sie. Ich lebe in Berlin. Es war eine außergewöhnliche Begegnung. Und seitdem wollte ich Ihnen schreiben. In meiner Vorstellung aber, habe ich Ihnen schon etliche Briefe geschrieben. So ist das mit der Vorstellungskraft, mit ihr schreibt und streicht man Minute für Minute, Sekunde für Sekunde, verfasst in Gedanken ganze Romane, bis man aufwacht, verschlafen noch Seite um Seite umblättert, die bald darauf mit dem ersten Frühstücks-Mate verschwinden. Deshalb komme ich immer wieder zurück an diesen Ort, das „Megafon“-Antiquariat, um mich mit Menschen zu umgeben, die es geschafft haben, auf Papier zu bringen, was ihre Fantasie ihnen diktiert hat.

„Das ist mein Brief an eine Welt,
die mir nie geschrieben hat.“

So formulierte Emily Dickinson, die Wunderbare, ihre Poesie. Da sind die Briefe, welche die Poesie gerne schreiben würde, füge ich hinzu. Atahualpa Yupanqui, dieser andere Wunderbare neben Mercedes Sosa - erinnern Sie sich an seine Stimme, seine Hände, die wie Wurzeln an Gitarrensaiten zupften?

„Wo ist mein Herz, das hinter der Hoffnung fortging?
Ich fürchte, dass die Nacht mich auch ohne Seele lässt“

 

 

Atahualpa erzählte immer die Geschichte von einem Bauern, der einen einseitigen Briefwechsel mit Brigitte Bardot betrieb:

‚Und wieso einseitig?‘
‚Nun ja, ich schreibe ihr und sie antwortet nicht‘

Jetzt bin ich es, der einen Brief in die Welt der Madame Schoscha schickt. Hoffentlich wird nicht auch dies ein einseitiger Briefwechsel. Aber wenn es so wäre, hätte ich trotzallem einen Teil meines Zieles erreicht. Jemandem zu erzählen, was an diesem weit entfernten Ort passiert. Was mit mir passiert.

Als Alfonsina aus der Provinz in Buenos Aires ankam und zu veröffentlichen begann, war die Großstadt kein Fest für sie.

„Traurige, gerade Straßen , gräulich und gleich
Wo manchmal ein Stück Himmel aufragt
Ihre dunklen Fassaden und der Asphalt am Boden
Löschten meine lauwarmen Frühlingsträume aus.“

Dies schrieb Alfonsina in ihren „Versen an die Traurigkeit von Buenos Aires“. Das war im Jahr 1916, in dem Rubén Dario* starb, ein Genie, halb Indio in Nicaragua geboren. Stellen Sie sich vor: Aus der untersten Peripherie der spanischen Sprache, Ende des 19 Jahrhunderts geboren, schaffte es dieser Mann, die Dichtkunst zu erneuern. Ein Phänomen. Dario ist Begründer des lateinamerikanischen Modernismus und er veränderte die spanischsprachige Literatur für immer. Aber wussten Sie auch, dass Dario wiederum Schriftstellerinnen verachtete? Er erkannte sie nicht an, die meisten seien hässlich und lesbisch, so Dario, von George Sand bis Sappho…schauen Sie mich nicht so an Madame, so verwundert, solche Dinge passieren... Aber wissen Sie, Ruben litt viel in seinem kurzen Leben, seine erste Frau starb, von seiner zweiten ließ er sich scheiden, er hatte immer Geldprobleme, trank wie ein Loch und starb an einer Lungenentzündung im Alter von 49 Jahren. Ein Biograf - der bekannte Schriftsteller Blas Matamoro, der in Spanien lebt - erklärte, das seine Verachtung von Frauen vermutlich aus einer versteckten Homosexualität herrührte... was für einen Skandal dieser Kommentar erzeugte!

Einige meiner Herzenszeilen:

„Glücklich der Baum, der kaum etwas empfindet,
glücklicher noch der Stein ohne jedes Gefühl,
es gibt keinen größeren Schmerz, als der am Leben zu sein,
und kein tieferes Leid, als bewusst zu leben.“

Beeindruckend, oder? Aber warum so viel Dario in diesem Brief? So viel Melancholie? Weil diese Verse am besten die Ungewissheit beschreiben, in die sich mein Leben in den letzten Monaten verwandelt hat:

Ich bin ein Tier der Kultur. Ich trinke Bücher, träume Gedichte, esse Literatur zu Abend. Aber seitdem sich die neue Regierung in diesem Land niedergelassen hat, seit dem 10. Dezember 2015, weiß ich nicht mehr, wie ich Ihnen meine Welt und die Dinge, die gerade in ihr passieren, erklären soll. Kürzungen ist das Wort. Im Namen einer angeblichen Verschuldung der Ex- Regierung, wird alles gekürzt. Aber ich will Sie nicht mit unzähligen Details belasten. Ich werde Ihnen nur erzählen, wie unsere argentinische Kultur in diesem Augenblick weggekürzt wird.

"Wir informieren Sie, dass wir auf Ihre Dienste ab dem 21 April des laufendes Monats verzichten werden, gemäß der Verordnung 1421/2002 und des Beschlusses Nr 48SGP/ Anexo II, Klausel 7MA ….Sie sind vorschriftsmäßig benachrichtigt."

Gar nicht poetisch, nicht wahr? Dies ist das Kündigungstelegramm das 250 Angestellte der Nationalbibliothek kürzlich erreichte, 25% des Personals, viele von ihnen mehr als 20 Jahren im Dienst. Gleichzeitig wurden alle kostenlosen und offenen Workshops suspendiert, die von anerkannten Schriftstellern angeboten wurden. Der neue Direktor, Alberto Manguel, der in New York lebt und seine Funktion noch nicht eingenommen hat, verordnete die Suspendierung. Falls Sie es nicht wussten, Manguel ist Argentinier und ein bedeutender Schriftsteller…„Aber in welchem Land auf diesem Planeten ernennt man einen renommierten Autor als Direktor, der sagt, er könne das Angebot nicht ablehnen, aber über sechs Monate braucht sein Amt anzutreten?“

Diese Frage stellt sich eine Gruppe Intelektueller, Essayisten und Schriftsteller erster Klasse wie Beatriz Sarlo, Marcelo Cohen, Luisa Valenzuela, Graciela Speranza, Eduardo Grüner u.a. Sie sagen, Verluste für die Bibliothek, seien aber Verluste für die gesamte Gesellschaft... Rückschritt ist das gegenwärtige Gefühl. Positive Errungenschaften müssen aber meiner Meinung nach geschützt werden, ganz egal unter welcher Regierung sie erreicht worden sind. Aber wir sind weit davon entfernt. Leider.

Inzwischen wurde bekannt, dass Alberto Manguel im April nach Argentinien kommen wird, um die Internationale Buchmesse von Buenos Aires zu eröffnen.

Wie geht es weiter? Ungewissheit ist das Wort. Was in der Biblioteca Nacional passiert, ist nur ein Beispiel, die Spitze des Eisbergs einer Politik mit gefährlichen Folgen in vielen  Bereichen. Eine sehr fragliche Entwicklung.

Aber um diese lange Tirade hoffnungsvoll zu beenden, zitiere ich Erri De Luca, italienischer Schriftsteller und großartiger Europäer, der vor kurzem im Lande war:

„Zwei ist nicht das Doppelte, sondern das Gegenteil von eins, von dessen Einsamkeit.
Zwei ist ein Bündnis, ein doppelter Faden, den man nicht zerreißen kann.“

Schrieb er in dem Kurzgeschichtenband „Il contrario di uno“. Eine interessante Auseinandersetzung mit der Mathematik, um diesen Zeiten des grausamen Individualismus zu widerstehen, finden Sie nicht?

Erzählen Sie mir von Ihrer Welt, von diesem Europa, das in einer humanitären Flüchtlingskrise angekommen ist. Vom jüngsten Romanpreis für das Werk „Frohburg“ - eines Dichters, der, so heißt es hier, die Vorteile der modernen Computer für sich entdeckt hat und erst so einen Roman mit tausend und einer Seite schreiben konnte. Erzählen Sie mir von Ihrer Welt. Erzählen Sie mir, was sie wollen, sollte diese Flasche, die gleich ins Meer geworfen wird, jemals in ihre Hände gelangen.

In Erinnerung

Francisco del Puerto

Ps: Dieser Brief wird begleitet von einer Illustration von Irene Fernandez Arcas, in Granada geboren, lebt heute in Berlin. Ich kenne sie aus der Welt der Bücher, wo uns eine Seite zu nächsten bringt, wie wir beide nur zu gut wissen, Sie und ich, Madame.

Und falls  Sie mir tatsächlich antworten sollten, adressieren Sie bitte Ihren Brief an besagtes "Megafon". Da bin ich zuhause.

* Das Colloquium der Zentauren/ Rubén Darío-Stuttgart. Ed. Delta, 1989

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