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Kultursalon Madame Schoscha

Brief aus Berlin [37]

Monatliche Kolumne des Kultursalons Madame Schoscha
Berlin

Madame Schoscha lebt jetzt schon eine Weile in Barcelona. Ihr alter Bekannter, Herr Altobelli, weiterhin in Berlin. Beide leben sie in einer ganz eigenen Zeit. Und dennoch in dieser Welt, worüber sie sich gegenseitig berichten. Sie schreiben sich Briefe. Im monatlichen Wechsel flattert ein Brief aus Berlin oder Barcelona herein und vereint die aktuelle, kulturelle Erlebniswelt der beiden. Ganz wie im gleichnamigen Kultursalon Madame Schoscha, der sich mehrfach im Jahr an wechselnden Orten zusammenfindet, geben sich die beiden Auskunft über ihre Entdeckungen aus Kunst und Alltag. Letzten Monat erhielt Altobelli zum ersten Mal Post aus New York! Von einem neuen Freund: dem Kunstliebhaber B. Reynard.

 

Altobelli schreibt an B.Reynard - mit Illustrationen von Larisa Lauber (Berlin)
Frust und Frisuren

Lieber Mr. Reynard,

Illustration Larisa Lauber so langsam schwindet meine Hoffnung, dass es sich bei der US-Präsidentschaftswahl um eine groß angelegte Mediensatire à la Orson Welles gehandelt haben könnte. Ich gehörte auch zu den  selbsternannten Zeichendeutern, die bis zum Schluss sicher waren, dass wir mit einem blauen Auge davon kommen würden. Mein Nachruf auf die denkbar knappe Niederlage Trumps lag schon in der Schublade. Einschließlich Wortspielereien wie „Trump l’æil“, die das auf und ab Tigern bei den Fernsehduellen als unbeholfene Illusionskunst entlarven sollte. Die endgültigen Fakten, insofern es noch Fakten gibt, erfordern jetzt eine andere Sprache. Eine Sprache, die aus der eigenen Meinungsblase wieder hinausführt. Soweit das möglich ist. Das gelingt vermutlich nur mit ernstgemeinten Fragen. Wieso wurde nie politische Korrektheit angemahnt wenn große Bevölkerungsgruppen mit einer Selbstverständlichkeit als white trash bezeichnet wurden? Wie steht es um meinen Glauben an die Demokratie? Leben wir tatsächlich in postfaktischen Zeiten? Was werde ich tun, wenn auch in Europa die Ressentiment-geleiteten Wählerstimmen Oberwasser bekommen? Falls die Antworten jetzt nicht wie aus der Pistole geschossen kommen, ist das bestimmt kein schlechtes Zeichen. In der biblischen Prophetengeschichte von Jona ist der widerspenstige Verkünder auch erst bereit, seine Hausaufgaben zu erledigen, nachdem er drei Tage und Nächte im Bauch eines Wals verbracht hat. In präfaktischen Zeiten hat sich Gott noch um die vielen Leute gekümmert, „die nicht wissen was rechts und links ist“. Eine Heidenarbeit, damals und heute. Die New Yorker Künstlerin  Roni Horn bringt in einem aktuellen Interview das komplexe Thema nüchtern auf den Punkt:

„Ohne Bildung funktioniert Demokratie nicht.“

Es ist wohl kein Zufall, dass aktuell ein Song erfolgreich die Runde macht, in dem die menschliche Unzulänglichkeit ins Zentrum gerückt wird:

„Maybe i`m foolish, maybe i`m blind (…)
But i’m only human after all“

Es wird also wieder Allzumenschliches besungen. Aber was ist der Unterschied zum Lied „Human“ von Human League aus dem Jahr 1986? Bei Human League bezog sich die Fehleranfälligkeit des Menschen auf die traurige Trennungsgeschichte eines Paares. 30 Jahre später bei Rag’n’Bone Man wird der Herrgott wieder angesprochen und die menschliche Fehlbarkeit ist fundamental. Als ich zufällig das Video durch das Schaufenster eines Fitnessstudios sah, dachte ich kurzzeitig, ich sähe einen Salafistenprediger aus Köln in neuer Verwandlung. Das ist eindeutig 2016.

 

 

Wenn Cohen und Castro im gleichen Jahr abtreten, kann das doch nur eine Zeitenwende markieren. Haben Sie nicht eine Biografie über Leonard Cohen geschrieben oder verwechsel ich da schon wieder etwas? Darin erzählt er, dass er das Lied „Democracy“ kurz nach der Maueröffnung geschrieben hat als die Hurraschreie noch vernehmbar waren. Er gehörte zu den wenigen Unkenrufen, die damals betonten, dass die Demokratisierung des Ostblocks einen schmerzhaften Prozess mit sich bringen wird. Auf die USA bezogen huldigte er in diesem Song ironiefrei dem mutigen Demokratieprojekt seiner Vorfahren mit echtem Laborcharakter. Frisst die Demokratie gerade ihre Kinder?

 

 

Sophie Hunger hat die kommenden Veränderungen in ihrem Lied „Das Neue“ schon vor Jahren besungen. Damals wusste ich noch nicht worauf sie hinauswollte. Jetzt ergibt alles doch Sinn: 

„30 ist das neue 20
Der Mann ist die neue Frau
Freiheit ist das neue Gefängnis
Und reich ist das neue schlau“

Die Schweizer Künstlerin ist sowohl in Interviews als auch in ihren Texten auf eine kluge Art sperrig und unberechenbar. Sie untergräbt erfolgreich alles Plakative. Wenn Trump sie in sein Beraterteam holen würde, dann wohl als advocatus diaboli.

 

 

Vor 40 Jahren wurde „Anarchy in the UK“ von den Sex Pistols veröffentlicht. Der Sohn von Vivienne Westwood und Malcom McLaren hat am Wochenende Reliquien des Punkzeitalters im geschätzten Millionenwert verbrannt. Punk gehöre nicht ins Museum. Genauso wenig wie ein Elefant in den Porzellanladen. Alexander Kluge attestierte Trump in seiner Wahlanalyse das Charisma eines betrunkenen Elefanten. Den zunächst ulkig klingenden Erfolgstypus habe er bei Max Weber entdeckt. Er beschreibt das stellvertretend niederwalzende und wütende Wesen, das von seinen benachteiligten Anhängern staunend bewundert und schließlich gewählt wird.

 

 

Neben den sorgenvollen Reflexionen schwirrte glücklicherweise immer wieder ihr Name durch meinen Hinterkopf. Wie das so ist mit unerledigter Post. Reynard. Er wurde Platzhalter für meinen Wunsch, dass es endlich Kunst regnen sollte. Ich brauchte Seelenfutter.

Meine alte Freundin Madame Schoscha hatte mir bei meinem letzten Aufenthalt in Barcelona einen neuen Gedichtband empfohlen. „Herzstück“ von Stefan Heuer aus dem Verlagshaus Berlin war in den letzten Tagen die einsame Insel für mich:

„gestundetes eis eine möglichkeit von vielen,
als hätte man die wahl//in der ferne diverse
para diese und jene und wer sich dafür hält.“

Jene mysteriöse blonde Frau, auf die Sie in Ihrem Brief augenzwinkernd angespielt haben, will im Moment nicht meine Fantasie beflügeln. Es mag auch an der weltpolitischen Großwetterlage liegen aber ich bin gerade ganz und gar reiseunlustig. Auch in Gedanken:

„hier ist immer anderswo, immer auf der innenseite
des kopfes, zeitlebens die ankunft im verlassenen
dorf, die dämmerung im rauch, den du für nebel
hieltest/die dunklen wolken brechen auseinander,
sind ein krähenschwarm, und du lädst mich ein
alleine zuhause zu bleiben, dankend nehme ich
an//(…)“

Dieser Gedichtband hat mich dann allerdings mitgenommen. In alle Richtungen mit Herz und Kopf wie lange nichts mehr. Wenn ich in Worte wie ein Kind ins Spiel falle, brauche ich mir über jede weitere Analyse keine Gedanken zu machen.

Zu guter Letzt grüßen Sie bitte den fantastischen Mr. Fox von mir! Und richten Sie ihm aus, ich sei gespannt, welche Gesichter und Stimmungsbilder er von seinen Streifzügen im High Line Park mit nach Hause bringen wird. Ich werde sie jetzt mit wacherem Auge verfolgen als damals in der Berliner Ausstellung.

Bleiben Sie auch wach und tapfer!

Ihr Altobelli

PS: „Wenn nur noch Bosheit und Frisuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Dann borg‘ ich mir Edwards Scherenhände
Und schnippel mich durchs Weltenende“
(Altobelli, November 2016)

PPS: Beigefügt erhalten Sie eine Illustration von der Berliner Künstlerin Larisa Lauber. Sie hat meinen Brief wieder um eine fantastische Dimension erweitert!

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