Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Neue Schulen

Eva Brunner

Neue Schulen #1

Die Kolumne Neue Schulen soll Lyrikerinnen über 35, die aus dem Raster der klassischen Literaturförderung herausfallen, einen Raum bieten, in dem sie nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihre Erfahrungen und Gedanken zum zeitgenössischen Literaturbetrieb beschreiben. In unterschiedlichen Formaten wie Besprechung, Kommentar, Essay oder Interview werden im zweiwöchentlichen Rhythmus Texte und Erfahrungen der Autorinnen präsentiert. Yevgeniy Breyger, Olga Galicka und Grit Krüger freuen sich laufend über neue Einsendungen unter .

Gedichte: 
Kommentar: 

 

Das Klima ist mehrfarbig

Ein feiner Unterschied zwischen Code & Codierung im Gedicht: Der Code wird von einer Autorin bewusst ins Gedicht eingepflegt. Er kann Schreibanlass sein, Schreibhilfe, Versteckspiel, entschlüsselbares Rätsel oder unentschlüsselbares Geheimnis. Die Codierung hingegen spannt sich als Netz um & im Gedicht. Sie entsteht an der Stelle, wo Spracharbeit auf einem Niveau anlangt, an dem sie sich den Motivationen und Aussageabsichten der Autorin entzieht. Da, wo die Sprache eine Eigendynamik entwickelt und Aussagen hervortreten, die sowohl die Autorin als auch ein/e Leser/in staunend annehmen können.

rrb

lieber Gothic-Barockengel, der du jugendlich an der hohen Hauswand prangst
nimm keine Rasierklinge, lieber Raspa tanzen, Rauchwaren und Rauflust
sind Brandblasen auf dem Raster? wer sucht deinen Puls, Gothic-Barockengel
Herzblätter sinken auf Partys ohne Siegel Atem tauschen, tauch ein, eine Nacht
ganz ohne Schmerzen geht es nicht, raue Hautpunkte drücken, brennen, Rat
Berührungsimpulse lassen sich lösen, kein Halt, aufgeben oder weitermachen

gnk

mit Nachdruck, kein Neuankömmling soll notschreien
und um ihn stand der Wald und rieselt nieder
du nimmst Notiz, nymphenhaft, das Spiel des kleinen Süßfroschs
navigierst Nachahmung, neidfrei, nonstop nährend
in noppiger Langsamkeit, dem Neurastheniker eine Nachtkerze
ohne Nummer zum Baum, der tausendblättrig lebt

Eva Brunner präsentiert mit dem Gedichtzyklus Das Klima ist mehrfarbig eine Textfläche, der es gelingt beide Operationen zu vereinen. Wir stehen vor ihren Gedichten, ohne sie als Rätsel zu betrachten, deren Entschlüsselung auf uns wartet, sobald wir den Code herausgefunden haben werden. Ein schönes Geheimnis liegt vor uns, das keines Verständnisses bedarf. Es liegt offen in der ausgestreckten Hand der Autorin. Nehmen wir es ihr aus der Hand, akzeptieren die subtilen Verflechtungen, erhalten wir eine Fülle von drängenden & dringenden Assoziationen, Erkenntnissen, Antworten, Fragen – sie transformieren sich in unsere eigenen inneren Geheimnisse. Geheimnisse, die wir gerne teilen.

Welche Szenerie erwartet uns (vermeintlich) im Gedicht blp?

blp

Leerstand am Himmel, in your ears a far sea moves
Medikation hilft kaum gegen fehlende Luft, launisch
wer regelmäßig aus dem Schlaf gerissen, legendäre
Lakonie oder schon Meditation notes your handful of
balloons im Nebel grüßen Lemuren deine Füßchen
leicht bewaffnet kämpfen sie für mehr Laisser-faire

Leerstand am Himmel. Eine schlaflose Person schlägt die bekannte Schlacht gegen die Wachheit bei Nacht, beschwört mantraartig ein Meeresrauschen, nimmt Schlaftabletten. Wir kennen diese täglichen scheinbar aussichtslosen Schlachten, aus denen wir schlussendlich meistens als Sieger hervorgehen. Wir fühlen sie nach. Wir kennen die wirren Gedankenprozesse, bevor der ersehnte Schlaf eintritt, das Verschwimmen der Bilder & die surrealen Logiken, die bekannte Muster ablösen: Im Nebel grüßen Lemuren deine Füßchen / leicht bewaffnet kämpfen sie für mehr Laisser-faire. Sind's wirklich ebenjene Logiken, die Brunner uns in blp vorführt? Stehen wir vor einer von der Autorin absichtsvoll umrissenen Szenerie, einer Inszenierung? Lesen eine interessante Anekdote und lassen uns leicht von ihr begeistern? – Fast.

Ja, dieses Gedicht ist ein kleines Theaterstück. Ja, eine Inszenierung. Und was für eine! Was für ein zartes Bild ist es doch, leicht bewaffnet für ein Laisser-faire in den Kampf zu ziehen, Lemuren deine Füßchen grüßen zu lassen. Und ist ein essentieller Kampf mit einer stumpfen Waffe nicht ein treffendes Bild für das Schreiben eines Gedichts – das Nutzen des ungenauesten Werkzeugs Sprache, um ein kleines Stückchen an den Kern von Unsagbarem heranzurücken? Der Code scheint eindeutig zu sein. Als Kafka schrieb, die Sprache müsse die Axt sein für das gefrorene Meer in uns, wurde uns bewusst, wie schwierig es ist, die eigene Axt zu schärfen. Dass wir oft dazu nicht in der Lage sind – nicht weiter schlimm. Es geht um den Versuch. So weit, so gut.

Wenn wir unseren Blick an dieser Stelle schärfen, werden andere Dinge an Brunners Zeilen in den Vordergrund treten. Vielleicht die Assonanzen, das feine Spiel der Ü's & Ä's in Füßchengrüßen, kämpfen für mähr Lässeefär. Weitere Sinnstiftungssysteme fallen auf: Der Buchstabe L, der uns von Beginn an bei den Wortanfängen begleitet (bLp). Weitere Zusammenhänge offenbaren sich, die nun nicht erwähnt werden brauchen. Es bleibt, sich an ihrer Entdeckung zu erfreuen.

Diese Gedichte verwischen ihre Spuren, während sie klare Bilder aufrufen, sodass wir nicht umhinkommen, jeder falschen Fährte bereitwillig zu folgen. Das aufgespannte Sicherheitsnetz, seine zarten Fäden sind zu verlockend. Dennoch haben wir es hier keinesfalls mit Gedichten zu tun, die uns mit wenig zurücklassen. Je besser die Spuren verwischt werden, desto klarer wird, wie unumstößlich ihr Ausgangspunkt ist, das Zentrum auf das die gelegten Pfade verweisen. Je ungreifbarer das Zentrum, desto dringlicher seine Wirkkraft. Code & Codierung treten in den Hintergrund und eröffnen Raum für eine Substanz, von der wir dachten, sie wäre nicht dagewesen. Für Substanz.

rkp

durch Blüten kämmen, Großmut zeigen zehn Karat, du kitzelst kompatibel
a celebration this is, eine Kanone gegen den Kanon, Knall auf Knopfdruck
whose side are they on, das Klima ist mehrfarbig, du erfindest Kapriolen
und weißt doch, wie Kolchose schmeckt, a flap like a hat of skin, Knick
ins heiße Laken, mal komisch mal stark the balled pulp of your heart

Die Gedichte von Eva Brunner erscheinen im Herbst 2017 in der Zeitschrift  PS Politisch Schreiben – Anmerkungen zum Literaturbetrieb.

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