Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Neue Schulen

Andrea Dobrowolski

Neue Schulen #10

Die Kolumne Neue Schulen soll Lyrikerinnen über 35, die aus dem Raster der klassischen Literaturförderung herausfallen, einen Raum bieten, in dem sie nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihre Erfahrungen und Gedanken zum zeitgenössischen Literaturbetrieb beschreiben. In unterschiedlichen Formaten wie Besprechung, Kommentar, Essay oder Interview werden im zweiwöchentlichen Rhythmus Texte und Erfahrungen der Autorinnen präsentiert. Yevgeniy Breyger, Olga Galicka und Grit Krüger freuen sich laufend über neue Einsendungen unter .

Kommentar: 

Verschwiegene Schichten

Landschaften können sich vor einem öffnen wie Landkarten. Ihre Bewegung ist dann beinahe mit dem Finger nachvollziehbar, ja greifbar. Man mag mit dem Auge an ihr entlang streichen, sie in sich hineinatmen, sie mit der eigenen Haut ertasten. Doch meist bleibt ein Rest übrig, etwas Unerschlossenes, das man nicht zu erfassen vermag. Vielleicht ist es ein schriller Schrei eines Vogels, ein Räuspern, ein sich um die Ecke Hinwegwinden. Vielleicht liegt ein Stein im Pflastergewinde des Bürgersteigs falsch oder man ertastet im Nacken einen fremden Blick. Das mag Unbehagen auslösen. Oder aber die Landschaft einem  näher bringen. Möglicherweise berührt die trügerische Offenheit dieser Landschaft sogar mehr als mani selbst erwartet hätte. Vielleicht hängt das Gefühl noch tagelang nach. Zumeist ist diese Unsicherheit jedoch schnell vergessen. Landschaften lesen ist ein besonderes, ja ein seltenes Handwerk. In Andrea Dobrowolskis Texten breitet sich die Landschaft vor einem aus, bevor sie sich wieder verhüllt. In ihr sind Geheimnisse zu entdecken:

in den vogellauten liegt
keine botschaft
die landschaft lässt sich
nicht lesen
sie wendet uns
den rücken zu
lauscht dem gesang
der fließenden form

Die Landschaft lässt sich nicht lesen  – in der Tat brauchen wir die Autorin, um den Bewegungen der Landschaft folgen zu können. In Dobrowoliskis Texten nimmt sie die Leserinnen nicht an die Hand. Sie stellt sie auf und lässt sie bald stolpern. Doch erst wenn ich falle, kann ich auch den Boden berühren. Oder die Hauswand, die vor mir liegt. Andrea Dobrowolskis Texte scheuen Berührungen nicht. Erst beim Ertasten von Oberflächen erschließt sich, was bisher hinter ihnen verborgen blieb. Ein kurzes Aufflackern hier und da. Gelegentlich blitzt Wahnsinn auf Funken, die zünden, schreibt die Autorin in tom tower. Ein Anreiz näher hinzuschauen, den Moment zu fixieren. Und doch erfasse ich ihn nie ganz. Die Häuser der Stadt tragen Traumgewänder, die erst zart ausgezogen werden müssen. Erst dann kann ich ertasten, was hinter der Steinfassade verborgen liegt. Als streiche die Hand Schicht für Schicht fremde Erinnerungen ab. Und bei jeder Berührung verändert sich auch etwas in mir selbst. Ich gehe eine Symbiose mit der fremden Oberfläche ein. Doch weiß ich nicht, ob ich mich auch traue, dem unter der Oberfläche Versteckten entgegenzublicken. Ob am Ende die Textur des Steins reißt, oder die des Ichs?

die häuser der stadt tragen traumgewänder
nach dem aufwachen wären sie aus stein
fremd die warmgesehenen flächen
durch den riss im gewebe würde ich sehen
wie kleine welten untergehen
bei tieferen grabungen soll man
auf dunkle zonen stoßen
man muss wohl das sterbenlassen lernen
und ganz am schluss reißt auch der stein

Andrea Dobrowolskis Texte sind voller dunkler Zonen, Zeittore, Grabungen. Als stehe immer etwas zwischen mir selbst und dem, was auf anderen Seite des Gedichts steht. Die Luft so dicht geladen mit dunklen Bildern, dass man sich das, was es dahinter zu erkennen gibt, erst erkämpfen muss. Doch wenn der Katze am Ende das Lachen aus dem Gesicht fällt, bleibt ein Unbehagen. Ist das Lachen je echt gewesen? Oder ist es vielmehr ein trügerischer Schein wie die Mauern aus Honig, hinter den selbst Stille viel zu sagen hat? Ich bleibe mit der Frage allein zurück. Und das ist gut so. Ein kalter Rückenschauer da, wo ich hätte endlich aufatmen können. Die Bilder hängen nach und verändern den Blick auf das, was vor mir liegt. Der Alltag gehört zu Dobrowolskis Texten wie der Weg zur Arbeit oder der Einkauf im Supermarkt. Dabei gibt es jedoch kaum Zeit, anzuhalten. Ich stolpere, blicke auf, betrachte meine Umgebung und stolpere gleich wieder über ein neues Detail. Ich bleibe an jedem einzelnen Bild haften, doch bevor man es erfasst hat steht das nächste vor Augen. Das nächste Unbehagen längst bereit. 

tom tower
wie tempel in denen bücher ein auskommen haben
mauern aus honig hinter denen selbst die stille
viel zu sagen hat worte ziehen in talaren umher
gelegentlich blitzt wahnsinn auf funken die zünden
im schwebenden mief tiefe zeittore öffnen sich
ganz kurz bis die glocke hunderteinmal schlägt
und der katze das lachen aus dem gesicht fällt

Die Texte der Autorin sind schonungslos. Aufgerieben bin ich nach einem Spaziergang mit der Autorin. Doch das, was zurück bleibt, zieht neue Spuren im Bewusstsein. Vielleicht nicht unmittelbar. Doch nach und nach werde ich die Bilder aus den Texten auch im Alltag wiederfinden. Vielleicht erschricke ich davor. Vielleicht lasse ich mich darauf ein. Wer weiß, was sich über von mir dann in der fremden Landschaft offenbart. Die Texte von Andrea Dobrowolski lehren mir einen neuen Blick auf die Umwelt. Sie lehren mir auch, die ausgegrabenen Wahrheiten zu ertragen.

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