Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Neue Schulen

Andrea Dobrowolski, Caroline Danneil, Eva Brunner, Pega Mund

Neue Schulen #6

Die Kolumne Neue Schulen soll Lyrikerinnen über 35, die aus dem Raster der klassischen Literaturförderung herausfallen, einen Raum bieten, in dem sie nicht nur ihre Arbeit, sondern auch ihre Erfahrungen und Gedanken zum zeitgenössischen Literaturbetrieb beschreiben. In unterschiedlichen Formaten wie Besprechung, Kommentar, Essay oder Interview werden im zweiwöchentlichen Rhythmus Texte und Erfahrungen der Autorinnen präsentiert. Yevgeniy Breyger, Olga Galicka und Grit Krüger freuen sich laufend über neue Einsendungen unter .

Dieser Tage ist vieles enttarnt worden, was zu lange erduldet wurde. Grausamkeiten wurden freigelegt, die längst an die Oberfläche gehörten. Nun können wir sie bestaunen und aus diesen Betrachtungen etwas Neues entstehen lassen. Die Rede ist von Weinstein, Spacey, Rattner und all jenen, deren Namen nicht öffentlich genannt werden. Doch kaum war die Wunde aufgetan, meldeten sich schon bald Kritiker dieser Debatte, die die geschilderten Erfahrungen unter Verdacht stellten. Thea Dorn warf dem Hashtag #metoo moralischen Totalitarismus vor. Edo Reents bezeichnete in der FAZ vermeintliche Opfer von Kevin Spacey als „Philister“. Adam Soboczynski sprach in der Zeit im Zusammenhang mit #metoo sogar von zu vernachlässigenden „Unerfreulichkeiten im tagtäglichen Umgang“ und vom Begleichen „kleiner Alltagsrechnungen“. Diese Kritik erinnert nur zu gut an die noch nicht beendete Debatte um das Avenidas-Gedicht von Eugen Gomringer an der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule und die Reaktionen des Feuilletons – gespeist vom giftigen Statement des PEN Deutschland. Die Skeptiker*innen werden zu Verfechter*innen eines absurden Status Quo, in dem man lieber schweigt, als Missstände zu kritisieren. Egal ob es nun um #metoo oder Avenidas geht: Sie sprechen von Moralismus, Rufmord und Zensur. Opfer müssen sich beweisen, sich den Status verdienen, bevor sie erzählen dürfen. Schade, dass man heute noch so über diese Dinge sprechen will.

Vielleicht müssen wir gerade deswegen mehr über weibliche und männliche Erfahrungen sprechen. Dabei müssen wir einen Impuls für neue gesellschaftliche Konstrukte geben. Damit sich endlich ein Netz aufspannt aus Versöhnungen, Annäherungen und neuem Vertrauen. Hier in Neue Schulen geht es um Lyrik. Und wer könnte besser ein Gespräch beginnen als Autorinnen, die fremde und eigene Realität beobachten. Heute sollen sie den Anfang machen. Es sind Autorinnen mit Weitsicht und Tiefgang, aber auch diejenigen, die gern an der Oberfläche mit Spitzen Gegenständen kratzen. Genau da wo es weh tut. Zu Wort sollen Lyrikerinnen kommen, die bereits innerhalb der Neuen Schulen erschienen sind oder in den nächsten Ausgaben vorgestellt werden. Sie zeigen Einblicke in Erlebniswelten, die so manch einem noch immer verborgen bleiben.

ii (Ausschnitt aus samsø)
die verschwiegene sprache wird
von hügeln und stränden gesprochen
auch hinter dem fachwerk schlucken
die kehlen silben die entbehrlich scheinen
der dürre rest eine skizze des sagbaren
so viel leere kommt selten zur geltung
lach ruhig über das wort das sich nicht
aus dem haus traut
(Andrea Dobrowolski)

#metoo zu schreiben, bedeute sich mit „echten“ Opfern auf dem gleichen Marktplatz tummeln, sich mit einem „Ich auch“ egozentrisch in den Mittelpunkt zu stellen, sagt Thea Dorn. Doch was ist ein echtes Opfer? Was echtes Erleben? Auch ich, heißt es doch. Auch ich bin ein Mensch. Auch ich habe etwas erlebt. Auch mir ist etwas in der Welt begegnet, über das es sich zu sprechen lohnt. Und auch ich will darüber erzählen. Andrea Dobrowolski macht vom „Ich“ keinen Gebrauch. Sie lässt die Landschaft erzählen und eben jene Worte verschlucken. Sie versickern zwischen Häuserfassaden, in einsamen Ecken. Wir müssen verstummen, wenn wir sie durch die Landschaft schicken. Wenn sie nicht vorher in der Kehle stecken geblieben sind. Und was macht es? Worte verstecken sich, trauen sich nicht aus dem Haus. Klage durch die Stille. Ein fremder Verdacht. Heutzutage auch Verachtung. 

was wie luftloses licht (Ausschnitt)

„ausgenommen die gräten. was länglich übrig bleibt,
in autokammern verbleicht. störrisches.
was wie zwischen federn oder knöchelchen sich bohrte
in dünnes. leinen bis leiste. jäh, schreckhaft zäh

als wär eine näherin in mich gezogen.
wissentlich gebettet sticht sie im brustkorb auf
zur luftröhre (kommt von dort licht?) und ab, schnell
dass haut sie bewächst, hält’s dach mit ritzen.“
(Caroline Danneil)

Das Atmen wird schwer zwischen all den Alltäglichkeiten, Rechnungen und Unerfreulichkeiten. Über sie sprechen, lässt Worte verpuffen. Sie lösen sich auf, noch bevor sie ausgesprochen wurden. Für Caroline Danneil ist es nicht die Kehle, in der die Worte ersticken. Die vergessenen Tatsachen stecken im Brustkorb, schlagen sich ihren Weg nach oben. So, dass es weh tut. Mit Gewalt an die Oberfläche und daraus vielleicht auch ein Leuchten der Tage. Immer muss etwas bohren, stechen, ritzen. Aus den Wunden neue Bilder. Licht und Luft werden sich bei Danneil nicht vereinen, zu überreizt ist diese Luftröhre, die das Licht tragen soll. Die Autorin entwirft eine Anatomie des Daseins, vielleicht eines weiblichen, vielleicht eines universellen. Auch ich, will man vielleicht hier sagen, auch ich habe diese Luftröhre gesehen und das Licht darin nicht erkannt. Auch ich habe mich einmal an einer störrischen Gräte verschluckt.

(c) Pega Mund

Der Wald verrät anderes. Ein Ort zum Durchatmen. Endlich. Und doch einer, den wir fürchten. Auch in Pega Munds Wald kommen keine Worte zustande, um das Geschehene zu beschreiben. Münder werden bedeckt, mit allerlei an Umwelt überlagert. Doch der Wald legt Zeugenschaft ab über die Wanderung, die durch ihn geschehen ist. Was auf dieser Wanderung geschah bleibt ein Geheimnis. Pega Mund verschlüsselt in Zeilen Erfahrungen.  Ein intimer Moment, der sich nur denjenigen offenbart, die es zulassen. Ein Moment, den nur zwei gesehen und andere vielleicht anzweifeln. Auch ich bin einmal durch den Wald gewandert und habe die Gefahr zu spät erkannt.

bhd
du haderst mit nassen Haaren nur ein Halbsatz anders
der Hafen wäre nicht fremd oder wenigstens ein Hauch
in jener Fallhöhe verstärkt sich dein Hang zum Hybriden
the great sea foamed where sea-grass tangles with shore
-grass ohne Habsucht ohne Haftung aufgelöst verhakt
(Eva Brunner)

Aus den Fassaden ins Fleisch. Der durchbrochene Brustkorb mit Nadeln übersät und von Insekten bewandert wird nun mit Salzwasser übergossen. Das ätzt da weiter, wo schon so viel aufgetan wurde. Die Unannehmlichkeiten summieren sich. Doch wie viele Rechnungen muss man aufstellen, um diese auszugleichen? Wem eine Rechnung stellen und wie? Wo kommt man an auf der Suche nach Gerechtigkeit, die diese Alltagsrechnungen begleicht? Eva Brunner positioniert ihre Worte in Fallhöhe, darunter ein wässriger Abgrund. Das lyrische Ich löst sich auf, bevor es Antworten finden  kann. Die Haare sind nass, die Ankunft fremd. Eine Umgebung, die schäumt, in der man sich verhakt. Am Ufer erzählt lieber das Seegras Geschichten. Auch ich bin ein Wesen aus Schaum und Rausch. Auch ich will am Ende den Weg ans Ufer finden.  

Ein möglicher Gesprächsanfang. Vielleicht ja auch ein baldiger Austausch. Die Texte sind keine Beweise vor Gericht und auch keine Anleitungen. Sie beantworten die hier gestellten Fragen nicht, sie unterstreichen sie. Noch mehr sind sie wertvolle Geschenke, die wir zu schätzen wissen sollten. Gaben, die wir mit Aufmerksamkeit betrachten müssen, bevor wir uns als ihr Adressat verstehen. Schauen wir hin, vertrauen wir vielleicht dem kaum Gesagten. Lassen wir uns darauf ein. Vielleicht finden wir ja auch ein „Auch Ich“ darin und erkennen seine Schönheit. 

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