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Tokyo Fragmente

Tokyo Fragmente 10

 

“Wie schön!”

Die Reihe der Kirschbäume zwischen dem Krankenhausvorplatz und dem Bach, der tief in seiner Schneise im Rücken der Wohnblocks fließt, diese Reihe hat man einst hierher gepflanzt, damit den Genesenen, wenn sie das Spital verlassen, das Herz aufgeht.

“Wie schön!”

Es ist der zweite warme Tag in diesem Jahr, und die Bäume beeilen sich förmlich, ihre Pracht zu entfalten. Im Krankenhaus hatte Mayuko eine Zeichnung gemacht, ein glückliches Mädchen, das mit seinem Luftballon unter der Sonne springt, auf der Rückseite ein Brief, in dem sie sich bedankt, vor allem dafür, daß die Krankenschwester gleich gekommen ist und ihr geholfen hat, die bösen Träume zu vertreiben.

Ich frage sie, ob wir zu Fuß nach Hause gehen wollen, “ganz langsam”, betone ich, “wir haben Zeit”, und sie stimmt zu, was sonst. Nach Hause, ja, schließlich hat sie es eingerichtet, unser zweistöckiges Häuschen, und jetzt wartet es auf sie, kann ruhig noch ein, zwei Stunden warten. Im Arisugasa-Park der den Hang herbstürzende Wasserlauf, die Jungen, die da emporklettern, die Teiche, Fische, Karpfen, mein Brot wird verfüttert, Mayuko kann es ohnehin nicht essen.

2.Frühe Dämmerung, 17 Uhr 11

Wir haben Zeit, obwohl ich verabredet bin. Die Zeit geht über ihre Grenzen und schafft sich, schafft uns Raum.

Yamaguchi-san: ganz Gastgeber, obwohl ich es war, der ihn am Telephon in dieses Tully’s geschleust habe, denn es gibt viele in der Kette, der großzügige Herr Yamaguchi ist nervös, warum sonst wirft er seine unauffällige Jacke auf den Boden, warum sonst verschüttet er Kaffee? Er legt die Dinge so auf den Tisch, daß sie fallen müssen, und läuft ins Café, um einen Putzlappen zu holen, stößt dabei an die Kante vom Nachbartisch. Daß ich jemanden zur Nervosität veranlasse, schmeichelt mir… überhaupt nicht, es ist mir unangenehm, aber heute egal, außerdem siegt die Großzügigkeit rasch über das, was sie verdecken soll (und verdeckt nichts mehr).

Wir sitzen in einer Art Senke, denn dieses Tully’s befindet sich in einer Art Kellergeschoß, einem tiefen Halbstock, und davor ist ein Platz, den zur schmalen Straße hin eine Böschung schützt. Hoch genug, um Distanz zu schaffen, niedrig genug, damit wir das Treiben dort verfolgen können. Ein wenig Draußensitzkultur… Und die Hündchen, auch Hunde, entweder kleine niedliche oder besonders schön gewachsene, reinrassige, große Exemplare (ein Windhund darunter). Jede Menge Hunde mit schicken Kleidern, Pullis, Westen, manikürten, bemalten Klauen, Entschuldigung: Nägeln. Jede Menge reiche Hausfrauen, Ausländerinnen wie Japanerinnen, Botschafterfrauen, Botschaftsangestelltenfrauen, denen ist langweilig, mit ihrer eigenen Schönheit allein haben sie nicht genug zu tun. Keine Kinder. Oder nur eins. Oder schon groß. Oder rund um die Uhr in Klassen, Kursen, Trainingsstunden, Verwahrung. Mayuko liest in den Büchern, die ihr Herr Yamaguchi mitgebracht hat, und spielt mit dem Hündchen, das neben unserer Nebenfrau auf dem Stuhl sitzt. Eine Doppelseite Buch, ein Bündel Streicheleinheiten für das Hündchen.

Als Frau und Hund weggehen, widmet sie sich ganz dem Buch, sie versinkt in ihm. Frozen Heart, Anna und die Schneekönigin. Christian Andersen, Walt Disney. Im Verlag von Yamaguchi-san erschienen, und zwar in sechs Varianten, mit mehr oder weniger Text, mehr oder weniger Bildern, für größere oder kleinere Kinder. Yamaguchi-san hat ein mittleres gewählt, da konnte er nichts falsch machen. Seine Tochter ist sechzehn, aber er erzählt nichts von ihr. Seine unauffällige Kleidung ist von auserlesener Qualität.

Ich erzähle von Yu Nagashima, mit dem ich in Wien zusammen war. “Er ist wie ein Kind”, sage ich und füge hinzu: “Die meisten Künstler sind Kinder geblieben.”

“Interessanter Gedanke”, sagt Herr Yamaguchi. Ich habe ihn nur geäußert, um nicht unfreundlich zu wirken, schließlich ist der Mann vor mir Nagashimas Agent.

3. Feuer/Wasser (Roppongi Hills)

Am späten Nachmittag sind wir in den Roppongi Hills herumspaziert, die eine Art erweitertes Einkaufszentrum sind, teils im Freien und teils überdacht, mit Treppen und Rolltreppen, Brunnen und Terrassen, Glasfront und Garten, der Mori-Turm in der Mitte, Wächter vor den Aufzugtüren, die Büros dort oben nur mit Ausweis zugänglich, das Kunstmuseum im 53. Stock derzeit geschlossen. Monumental, trotzdem menschengemäß. Oder? Fremde, unantastbare Mauern, im Wind sirrende Fahnen. Ein Kino wie in jedem Shopping Center, das auf sich hält, hier aber als eigenes, ovales Gebäude. Der Zufall will es, daß gerade Frozen Heart gegeben wird, in einer Stunde beginnt die Vorstellung, es gibt noch ein paar freie Plätze. Der Zufall – oder die Dynamik der Massenkultur, die der Verlag von Herrn Yamaguchi bedient, der sich dort eher um Randgebiete kümmert, die berühmten Nischen, nichts Monumentales.

Als wir das Kino betreten, staune ich und erinnere mich: an die Riesenkinos, die ich aus Buenos Aires in Erinnerung habe, wo sie noch immer nicht abgerissen oder Supermärkten gewichen sind, jene gewaltigen Lichtspieltheater mit knarrenden und quietschenden, lederbezogenen, zerschlissenen Stühlen, gewaltige Räume, in die sich oft nur eine Handvoll Zuseher verirrt (das Mainstreampublikum zieht die Multiplexkinos in den Einkaufszentren vor). Hier aber ist der Raum bis auf den letzten Platz gefüllt, auch dadurch verstärkt sich der Eindruck einer großen Höhle oder Blase, die wir wie auf Samtpfoten – weicher Teppich! – betreten, um sogleich von einem Gefühl der Entspannung umfaßt zu werden: Hier sind wir geborgen… Es ist eine Mulde, eine Schale für tausend oder zweitausend Personen, mit weicher roter Bestühlung und warmer Beleuchtung, Geborgenheit für jeden einzelnen im großen Gesamt. “Blase”, dieses Wort gebrauche ich in Hommage an Peter Sloterdijk, der soviel Aufhebens um die uns allen urvertraute Raumform gemacht hat, soviel Blabla, Gebläse, von dem ich nichts, aber auch gar nichts erinnere außer jenem warmen Gefühl beim Sitzen-und-Lesen (übers Buch gebeugt), das sich hier beim Sitzen-und-Schauen (entspannt in der Blase) wiederholt. Hat Sloterdijk, wo er doch über alles schreibt, auch über das Kino geschrieben, diesen modernen Uterusort par excellence? Nicht die Spur einer Erinnerung.

4.Herzstück mit Gästen

Was wir sehen, ist ein Produkt der amerikanischen Massenkultur, eine Walt-Disney-Production, ein kindliches Kunst- und/oder Unterhaltungswerk für Erwachsene und Kinder, für Jung und Alt, also für alle, ein Massenprodukt will ein Massenpublikum, der Einzelne will darin aufgehoben sein. Kinder sind nur wenige im Publikum, was auch daran liegen mag, daß wir den Film in englischer Originalfassung sehen, mit japanischen Untertiteln, die Kinder noch nicht lesen können, erst 16-, 17jährige können das. Ausnahmslos alle Einzelnen oder Paare, der Großteil Paare, tragen ein Plastiktablett mit Einheitsprodukten vor sich her, Popcorn und Cola in riesigen Bechern, fast schon Kübeln, das meiste vom Inhalt wird am Ende der Vorstellung übrig geblieben sein, japanische Mägen und Bäuche verweigern die Anpassung an die Supersize-Ideologie, hier gilt immer noch small is beautiful vulgo chisaimono ga kawaii , und so erscheinen die Standardtabletts als – je nach dem – lustige oder befremdliche, letztlich aber nur gleichgültige Anhängsel der Personen.

Was wir sehen, ist eine rührselige Geschichte. Ein Märchen, eine Phantasie… Fantasy. Amerikanische Kinogroßproduktionen rühren immer, sonst wäre die ganze Mühe umsonst. Katharsis, danach fühlt man sich gereinigt (auch wenn man in Wirklichkeit so dreckig ist wie zuvor). Ich weine immer im Kino, in dieser Art von Kino. Ich bin empfindsam, empfänglich für Empfindsamkeit. Attendrissement , die Seele wird weich, die Anspannungen lassen nach (kein deutsches Wort kann den Sachverhalt so knapp und leicht ausdrücken wie das französische). Meine Tochter schaut mich mit nur halb verstohlenen Blicken an:

“Warum weinst du denn?”
“Alle weinen, du doch auch.”
“Ach ja…”

Ein Gespräch aus früheren Zeiten, jetzt sieht man die Tränen nicht mehr, wir haben dunkle Brillen vor den Augen. 3-D. Als ich das erste Mal einen Film mit dieser Technik sah, war ich enttäuscht, ja, entnervt; nach einer Weile zog ich es vor, die Brille abzunehmen und alles verschwommen u sehen. Jetzt geht es, ich gewöhne mich daran, oder die Technik ist besser geworden, oder beides.

Obwohl, die auftrumpfenden 3-D-Szenen in der Vorschau, bei den Zugaben zum Hauptfilm, nerven genauso, dieses “Seht her, was ich kann!” der Figürchen und leblosen Formen, die einem auf der Nase herumtanzen, mit einer Geste, als wäre das nun “die Wirklichkeit”, dieses Herumgetanze auf der Nase. So verstärkt man den Raumeindruck nicht, man zerstört ihn; man zerlegt den Raum, zieht die Einzelheiten, die doch zusammengehören sollen, auseinander, bis jeder Zusammenhang reißt. Nur um der Sensation willen. Da lob’ ich mir den dezenten Raumeindruck der zweidimensionalen Künste, Breitwand, Western, Road-Movie, this land is your land …

Aber so schlimm war es diesmal nicht. Um die ganze Wahrheit zu sagen, es war überhaupt nicht schlimm. Brille und 3-D hatte ich nach zehn, zwanzig Minuten vergessen, kein Techniker und kein Regisseur drängte mir einen Sinneseindruck auf (oder nur in dem Maß, an das ich ohnehin längst gewöhnt bin). (Eher stört mich der Lärm, das Eindruckheischende der Lautstärke der superpotenten Lautsprecher.) So kamen wir ganz normal und wie üblich, genau wie beim Bücherlesen, in die Geschichte hinein. Betraten den Erzählraum, gingen dort mit den Figuren mit, besonders natürlich mit Anna, der Identifikationsfigur.

Obwohl sie alle computergeneriert waren, die Guten wie die Bösen, künstlich lebensecht in maschinellem Realismus, das heißt doch immer wieder verständnislos für das Leben, tollpatschig, stereotyp in ihren physischen wie seelischen Bewegungen. Die Figuren, die Tiere, die Menschen wirken immer noch eher wie Maskottchen als wie Tiere oder Menschen. Aber doch nicht mehr in dem unerträglichen Maß wie beim letzten Disney-Computerfilm, den ich gesehen habe, The Beauty and the Beast. Nein, die wirken nicht stereotyper als die lebensechten Schauspieler in einer beliebigen Seifenoper. Vielleicht hat die Computeranimation in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht, so daß das Schicksal des gezeichneten Films, des sogenannten Zeichentrickfilms, schon jetzt besiegelt ist (Hayao Miyazaki, der alte Zeichenmeister, hat inzwischen klein beigegeben). Was zählt, ist am Ende die Geschichte. Und die stammt aus dem 19. Jahrhundert, wie der Großteil des Disney-Unterhaltungsarsenals. Wie auch die Erzählungen und Erzählweisen der Videogames, die immer mehr die Filmproduktion beeinflussen, aus dem 19. Jahrhundert stammen. Modern ist das alles nicht.

Was zählt, ist die Geschichte, und so sind wir am Ende zufrieden, Mayuko und ich. Eine glockenreine Stimme schmettert rund um den Globus. Die wahre Liebe hat gesiegt, das Eis in uns ist geschmolzen. Im Saal gehen die Lichter an, der Uterus wird bald schließen. Mit trockenen oder genäßten Gesichtern tragen die Zuseher ihre Tabletts mit den halbvollen Papierkübeln nach draußen, zu den Müllbehältern.

5. Ganzes Herz. Was zählt, ist die Geschichte

Es regnet, und wir haben vor, nach Shinjuku zu fahren, schon vor Wochen haben wir die Karten für eine Puppentheatervorstellung reservieren lassen. Vorher will ich zum Rathaus, rauf in den fünfundvierzigsten Stock, wenn wir schon mal in Shinjuku sind. Auch wenn es regnet, egal, wir schauen uns die Wolken an, die Regenschleier.

An so einem Regensonntag ist die Gegend ziemlich ausgestorben, auch der lange unterirdische Schlauch, der vom Bahnhof zum Rathaus führt. Schattenhafte, stumme Touristengruppen in den kaum erleuchteten Untergeschoßen der Zwillingstürme. Oben dann matte Helligkeit, helle Mattigkeit, plötzliche Umstülpung der Tiefe: alles gleich, gleichgültig, langsame Klaviermusik kommt aus Lautsprechern, nicht aus dem schwarz glänzenden Klavier zwischen den weißen griechischen Säulenfragmenten. Tief unten ragen Türme aus dem Dunst, Fingerzeige nicht Gottes, nicht des Teufels, auch nicht der Welt, einfach nur Fingerzeige, an und für sich. Wolken ziehen ziemlich rasch vorbei, zwei oder drei Meter vor meiner Stirn. Die Zeit zieht vorbei und hinterläßt das Gefühl: Es ist gut, daß die Zeit vorbeizieht. (Klingt nach Ingeborg Bachmann, nicht wahr?) Im Café, vor dem Himmelshintergrund, eine Familie aus drei Generationen, vom Enkelkind bis zu den Großeltern, sowie am Nebentisch ein junges Pärchen, der Mann mit Hut auf dem toupierten Haar, die Frau in klobigen Stöckelschuhen. Morning set bis elf Uhr, Sonderpreis… Mourning , klingt tatsächlich wie Trauer.

Wieder unten, beschließen wir, auf dem Erdboden, nicht unter ihm, nach Shinjuku zurückzugehen, in den Flecken rund um den Bahnhof, der sich durch eine extrem hohe Dichte von Kaufhäusern, kleinen Geschäften, Kneipen, Leuchtschildern, menschlichen Werbeträgern und Kundenkeilern auszeichnet (nicht zu vergessen die Kunden und Käufer, die die Straßen verstopfen). Es regnet stärker, dazu Windböen, der Regen prasselt gegen die schräg gehaltenen Schirme. Mayukos Schuhe sind undicht, die Füße bald naß, gestern hat sie noch im Krankenhaus gelegen, die Arme. Ich nehme sie hoch, trage sie, so gut und so lange ich kann, versuche den Schirm so zu halten, daß er Schutz gibt, frage nebenbei nach Kinokuniya, der großen Buchhandlung, aber die Straßen sind hier verwinkelt, Erklärungen schwierig, außerdem gibt es zwei Kinokuniya-Häuser, und sie stehen in entgegengesetzten Richtungen. Ich versuche, einen Platz auf einer der Ruhebänke zu finden, die die Kaufhäuser für erschöpfte Kunden bereithalten, aber diese Idee haben auch andere, außerdem ist Mittagszeit, vor den Restaurants stehen Menschenschlagen. Schließlich finde ich eine Bank vor einer Aufzugstür in einem dritten Stock, neben uns zehn oder fünfzehn Wartende vor einem Sushi-Laden, die uns argwöhnisch beäugen, als ich Mayuko die Schuhe und Strümpfe ausziehe. Leg den Kopf in meinen Schoß und mach die Augen zu, mein Liebling. Ich erzähl dir eine kleine Geschichte.

6.Ganz oben

Das Kinokuniya-Haus ist ein altes, etwas schmuddeliges Gebäude aus den sechziger Jahren mit abgetretenen Fußbodenfliesen in Erd- und Untergeschoß, wo Geschäfte und Restaurants untergebracht sind, während weiter oben die Bücherregale auf grandes surfaces stehen (der Theatersaal ist im vierten Stock). Wir haben noch Zeit bis zur Vorstellung, Mayuko bleibt in der Kinderabteilung im sechsten Stock, dort hat sie jede Menge zu lesen. Ich treibe mich ein wenig herum, zuerst im Buchhandlungshaus, das einige dieser kleinen, speziellen Geschäfte beherbergt: man kann sie förmlich riechen, nicht nur Antiquariate, auch winzige Läden, die “ihre Zeit” überlebt haben, hoffentlich für immer. Nicht uralt, aber alt, dreißig vierzig Jahre, hier ein Lederwarengeschäft mitten in der Plastikwelt, wo man gegerbte und genähte Taschen sowie Cowboyhüte und Gürtel, Schnüre und Geldbörsen bekommt, dort ein Laden für Videokassetten und DVDs, wo man Bresson- und Faßbinder-Filme findet und Dokumentationen von Ballettaudaufführungen in den Opernhäusern der Welt, dazwischen ein schmaler kahler Raum mit Wunderkugelautomaten für Kinder, die vor allem Erwachsene anziehen. Und die statuenhaften Liftfräuleins in Uniform, mit Halstuch und ausladendem Hut, die täglich stundenlang mit steinernem Lächeln immer dieselben überdeutlichen Gesten ausführen, dieselben Sätze aufsagen. Im Erdgeschoß wird das Gebäude von einem Gang durchzogen, an den Enden zwei offene Ausgänge (ohne Türen): als ich, der tödelnde Schaulustige, die Strecke zwischen den Ausgängen hinter mich gebracht habe, hat es zu regnen aufgehört. Ich lasse mich auf die Straße treiben und weiter, von Gesichtern und Körpern umspült, hier ein Blick dort ein Blick, schon wieder vergessen, die Kreuzung mit gekreuzten Zebrastreifen, Vorherrschaft der Fußgeher durch ihre pure Masse (keine Fuzo), die Cafés überfüllt, meine Tochter wartet…

Meine Tochter wartet nicht. Als ich in die Buchhandlung zurückkomme, steht sie genau so da wie vor vierzig Minuten, als ich sie verlassen habe, nur in einer anderen Regalreihe, Buch aufgeschlagen, die perfekte tachiyomisha, Stehendleserin, eine Kunst der japanischen Postmoderne. Sie schickt mich weg, “dreh doch noch eine Runde”, so viele Bücher, so viel zu lesen.

Tachiyomisha, ich habe nachgefragt: ein komischer Ausdruck, das sagt man nicht, amari iwanai. – Tachiyomi suru hito , das geht, der Ausdruck beleidigt das Ohr nicht. Aber ich möchte das (japanische) Ohr beleidigen. Aus Beleidigungen und Fehlern entsteht, wenn man Glück hat (oder geschickt ist), etwas Neues.

7.Stehendleserin

Der Theatersaal ziemlich groß und lang, nach hinten sehr langsam ansteigend, auch ganz vorne kurz ansteigend, eher wie in Kinos. Schwere Holzverzierungen, Schnitzereien an den Längswänden, viel Publikum, viele Stammgäste; professionelle Schauspieler mit lauten, krächzenden, trillernden, summen Stimmen; sorgfältig gearbeitetes Bühnenbild, Lichteffekte, ein riesiger bunter Drachen. Die Spieler schwarz, schattenhaft, nach einer Weile nimmt man sie nicht mehr wahr: ungefähr so, wie ich im Kino gestern die 3-D-Aufdringlichkeiten nach einer Weile nicht mehr wahrgenommen habe.

Nach der Vorstellung gehen wir zurück in das Hochhaus, wo sich Mayuko mittags ausgeruht hatte. Es ist die Flanke eines Kaufhauses mit Büros und ein paar Gaststätten, die nur Insider finden, oder vom Zufall Geleitete wie wir. Mayuko hat Hunger, doch es ist schwierig, unterwegs etwas für ihre geschwächte Verdauung Verträgliches zu finden. Sie besteht auf Sushi, und es stellt sich heraus, daß uns der Zufall zu einem hervorragenden Lokal mit annehmbaren Preisen geführt hat.

Zu Hause dann Übelkeit: “Etwas muß ich doch essen!”
“Ja, aber…” Eine Formel, die sich die nächsten zwei Tage öfters wiederholt.

8.Leichtes Morgenbeben

Im Morgengrauen aufgestanden, wie zu Hause auch; bei meinen Aufenthalten in Tokyo gehe ich um diese Zeit meistens ins Bett. Grau: zarte, zurückhaltende Farbe. Hält sich zurück, zaubert die Umrisse der Dinge unmerklich hervor (“langsame Farbe”). Grau die Gebäude, die Bäume, die Wolken. Die Dinge sind noch ihre eigenen Schatten. Erst später, wenn das Sonnenlicht und mit ihm die anderen Farben kommen, werden sie sich wahrlich erheben.

Eine halbe Stunde war ich in der Welt des Buchs, jetzt hebe ich das Gesicht: Der Himmel ist leergefegt, klar, hell. Erschrecken nicht über die Stille, sondern über die Anwesenheit von all dem, was da ist, sei es auch nur für einen Moment, so der schwarz glänzende Vogel, der das Fensterrechteck quert. Augenblicke später ein Spatz im eckigen Flug über der leere Straße, aufgestiegen vom Müllsack an der Ecke. Der kleine Körper, der im Märchen in die Hand des Schneiderleins paßt (der Vogel ein Stein!), zeichnet unregelmäßige Stufen in die Luft.

Beim nächsten Aufblick sind auch sonnenbeschienene Flecke da, halbe und ganze Hausflächen erscheinen, treten vor oder zurück, der Hochhausturm oben badet im Licht, und hier ein paar Bäume, dunkles Geäst, noch kein Grün. Verschattet wirkt jetzt das Gäßchen vor dem langsam aufleuchtenden Hintergrund, das Gäßchen und alles, was zu ihm gehört, die Dinge, die es in gewisser Weise erst ausmachen: die schrägen Strommasten, die Werbetafel, die Steilböschung, die kreuz und quer stehenden gelblichen Halme, die Stauden, die Müllsäcke an der Ecke (jetzt sind es schon zwei). Ein wieder anderer Spatz auf unserem Balkongeländer hält ein Bruchstück von einem der gelblichen, hier in der Nähe noch grauen im Schnabel: wichtigtuerisch, dieser Kollege. Am Horizont, neben dem blauen Himmel, erglänzen in vertikaler Reihe mehrere Fenster. Küchenfenster, denke ich grundlos, während ich selbst in einem – in unserem – Wohnzimmer sitze.

Beim letzten Aufblick, als Mayuko erwacht und ich von der Fensterfront abschwenke, um ins Schlafgemach hinaufzusteigen, blendet mich eine weiße Hauswand im Mittelgrund. Später gesehen: In Wirklichkeit ist die Wand doch grau, es gibt hier weit und breit keine weißen Häuser. Aber vielleicht ist die Frühmorgenwirklichkeit eine andere als die Tagwirklichkeit.

9.Die Farben von Arakawa

Es ist nicht lange her, da haben wir auf einer Insel in der Inlandsee eine begehbare Skulptur aus weißem, von Italien herbeigeschafftem Marmor gesehen (und begangen), und die Blendwirkung dieses Gesteins auf dem Hügel hoch über dem blauen Meer war unerträglich, obwohl die Sonne noch lange nicht ihre volle Kraft entfaltet hatte. Möglich, daß dieses Grellweiß in Mittelmeergegenden paßt und dort wohltut. In japanischer Umgebung ist es mörderisch. Die japanischen Farben sind entweder dezent, ein wenig blaß wie auf den mit natürlichen Farben gemalten Gemälden (nihonga), oder kraftvoll farbig wie manche Tempel und Schreine mit ihrem Rot und Gold, auch Grün und Blau. Vom reinen Schwarz und Weiß halten sie sich fern, allenfalls gebrauchen sie es an Rändern, auf Zwischenstreifen.

10.Spielen

Im Arisugawa-Park hat sich Mayuko schnell “Freunde gemacht”, wie das auf japanisch heißt (auch europäische Sprachen kennen den Ausdruck). Eine kleine, schmächtige Frau mit zwei Kindern, das Mädchen in Mayukos Alter, der Junge kleiner. Sie sind mit dem Bus aus Meguro, wo sie wohnen, gekommen, die Fahrt ist nicht lang. Mayuko schickt mich weg, sie will ohne mich mit den neuen Freunden spielen, weil sie gehemmt sein könnten durch meine Anwesenheit. So brauche ich der Mutter nicht viel zu erklären, keine langen Entschuldigungen, es ist auf jeden Fall besser, wenn ich jetzt gehe. Und wohin? Um die Ecke, ins Segafredo-Café, der Draußensitzkultur frönen. Und lesen, lesen…

Lesen schauen lesen.

Der andere Rhythmus, denke ich jetzt, wo ich an einem der Rundtischchen sitze, das kleine Notizheft neben dem auf der Tischfläche abgebildeten Fünfzigerjahre-Divengesicht: der andere, größere Rhythmus wird gebildet durch Konzentration auf das Kind und entschiedenes Nutzen der Weltwahrnehmungsmöglichkeiten, wenn das Kind für sich oder mit anderen sein kann, beim Schlafen, Stehendlesen oder Spielen. Und, zweitens, durch den Wechsel von Krankheit und Gesundheit. In einer Phase, die eine halbe oder zwei Stunden oder einen Nachmittag dauern kann, ist Mayuko springlebendig, in der nächsten, die ebensolang dauern kann, macht sich der noch nicht ganz besiegte Virus bemerkbar und sie ist schlaff, traurig, weltabgewandt.

Die Mutter von Rika, Mayukos neuer Freundin, ist verhärmt – oder nein, sie erscheint verhärmt, und auch das ist, nicht einmal auf den ersten Blick, das richtige Wort. Man kann sie sich verhärmt vorstellen, in bestimmten Situationen oder später, nach Jahren stiller Enttäuschungen, aber jetzt ist sie es nicht, und vielleicht niemals, ist niemals verhärmt. Eine Pflanzenexistenz, vegetativ, leise, bewegt sie sich so, als würde sie sich nicht bewegen, ist auf einmal da, auf einmal hier, auf einmal dort. War immer da, hinter meinem Rücken, schräg neben mir. Vegetativ auch die beiden Kinder; sie brauchen eine Weile, dann blühen sie auf. Die Mutter blüht nicht auf, wahrscheinlich lebt sie für ihre Kinder, lebt mit und in ihnen, kommentarlos. (Dasselbe könnte ich von mir sagen, nur daß ich mir ab und zu Kommentare erlaube.)

Verblüht? Nein.
Tagschattengewächs.

11.Blühende Zeit

Ich kehre zurück, verfrüht, aus überflüssiger Sorge; entferne mich wieder, gehe über den Platz auf der Anhöhe, unter der sich der Garten mit den Teichen und Bächen und Wasserfällen erstreckt. Die schöne Leere von einem Verbotspfosten betont, von spielenden Kindern geformt, umgeformt. Drüben eine Reiterstatue: großes, grün kupfernes Pferd, der Mann, der mit Militärhut darauf reitet, ist Taruhito Arisugawa-no-miya, Sproß einer adeligen Familie, die den Park einst der Stadt vermachte. Zu Hause habe ich nach Information gesucht, aber nicht viel gefunden. Der bildhauerisch Porträtierte scheint sich in seinem Leben durch nichts hervorgetan zu haben.

“Eben deshalb verdient er, wenn Sie mich fragen, eine solche Verewigung. Reiterstandbilder sind in Japan selten, im Gegensatz zu Europa, denken Sie an den Heldenplatz in Wien.”

Arisugawa-san ist denn auch dem gewöhnlichen Treiben entwachsen, er ist emporgeblüht, hat das Haupt und die Schultern in die grüne Baumkrone hinein gehoben, oder das Blattwerk hat sich herabgesenkt, um ihn aufzunehmen, oder beides, Baum und Mensch sind zueinander gekommen. Von meinem Sitzplatz am Rand der Leere her betrachtet sieht es aus, als stünde dort nur ein kräftiges bronzenes Tier, mit jenem fernen Pferd verwandt, das sich auf einem Rundplatz in Montevideo vom Straßenverkehr umspülen läßt.

12.Das Pferd des Taruhito Arisugawa-no-miya

Auf der kühlen Marmorsteinstufe unter den Pferdehufen, Die Werkstatt von Walter Kappacher auf den Knien: ein eigenes Vergnügen, dieses Sitzen-und-Spüren-und-Lesen, umgeben von Kindergeschrei und herausgeputzten Müttern. Frühlingsfarben, frisches Grün, das sich vors alte, dunklere drängt, der Schotterboden vor meinen Füßen mit Licht- und Schattenflecken gesprenkelt.

13.Und der Baron in den Bäumen

Im Sandkasten, aber auch sonst im Park, sind viele ausländische Kinder, ganze Kindergartengruppen, Englisch ist die Sprache, die man – vielleicht nur, weil die Ausländer lauter sind – die Sprache, die man hier am meisten hört.

“Schade”, sagt Mayuko, die kein Englisch kann. Manche Japaner machen, wenn sie sie an meiner Seite sehen, den Fehler, sie englisch anzusprechen. Wenn ich die Leute ersuche, japanisch zu sprechen, weil meine Tochter sie sonst nicht versteht, sind sie nicht selten verwirrt. In der Umgebung des Parks befinden sich zahlreiche internationale Schulen mit Reformpädagogik: Summerhill, Montessori, Nishimachi, eine staunenswerte Dichte. Diese Tatsache gefällt Mayuko, ich erzähle ihr, ohne genau Bescheid zu wissen, von Summerhill, wo die Schüler gemeinschaftlich Regeln beschließen und Pläne erstellen können. Neugierig fragt sie nach; gern, sagt sie, würde sie so eine Schule besuchen.

Nachdem sich Mayukos neue Freunde verabschiedet haben (“Bis morgen, unten am Karpfenteich!”), graben wir zusammen einen langen, tiefen Tunnel in den Sand, schütten dann Wasser rein, das wir mit einem geliehenen Kübelchen von der Wasserstelle nahebei holen, und schütten es hinein, um die Strömung zu beobachten, das Wiederauftauchen des Wassers auf der anderen Seite. Nach und nach versammeln sich Kinder um das Bauwerk, zuerst ausländische, die zuvor eine Sandburg zertrampelt haben und auch unser Werk mit Zerstörungslust beäugen, dann mehr und mehr japanische Kinder, die fragen, was das sei, und beim Wassertragen helfen wollen. Zwei bringen tatsächlich mit kleinen Behältern Wasser an den Sandkastenzaun, flankiert von ihren Müttern, die sich jedesmal aufs neue bedanken und “Sumimasen!” sagen, Entschuldigung, bitte, danke. Bei dieser Umständlichkeit versickert das Wasser im Tunnel, die Prozedur dauert zu lange.

Die ausländischen Kinder stören durch ihren latenten Vandalismus, die japanischen durch ihre Höflichkeit.

14.Frau mit grüner Tasche

Neben dem Segafredocafé ein Suppenladen. Nicht Udon oder Soba, sondern Suppen. Die Hühnersuppe wird Mayuko vertragen. Drüben auf der Terrasse des Cafés ißt jemand Spaghetti mit Gabel und Löffel. “Warum mit dem Löffel?” Ich weiß keine Antwort. Nur Japaner und Deutsche verwenden Löffel beim Spaghettiessen. Viele Deutsche, alle Japaner. Kimari , das macht man so (glauben sie).

15.Vergnügung, nicht sehr hoch

Einen Besuch im Vergnügungspark hatte ich der kranken Mayuko versprochen, aber nicht in Disneyland, das erlaubt die Mama nicht. Wenn mir Universitätsstudenten nach den Semesterferien berichten, sie seien in Tokyo gewesen, ist meine Antwortfrage: “In Disneyland?” Es gibt preisgünstige, von der Universitätsgenossenschaft angebotene Studienabschlußreisen nach Disneyland. Die Infantilisierung der Bevölkerung wird systematisch betrieben, gewissermaßen von oben herab…

Aber vielleicht bin ich einem Vorurteil aufgesessen und Tokyo-Disneyland ist gar nicht für Kinder, sondern eher für Erwachsene. In einem Roman von Hiromi Kawakami fährt ein Liebespaar, ein pensionierter Lehrer und eine, wenn ich mich recht erinnere, eine achtunddreißigjährige Frau, nach Disneyland, um ihr Zusammenfinden zu feiern: eine Art Verlobungsreise. Kawakami erzählt das so, als sei es das normalste von der Welt.

Irgendwann werden wir hinfahren, Mayuko und ich; heute noch nicht. In Asakusa gibt es auch einen Vergnügungspark, einen recht kleinen, hinter dem berühmten Tempel, die älteste Einrichtung dieser Art in Japan. Rikas Mutter erinnert sich, als Kind war sie einmal dort. Offenbar kommt sie nicht auf die Idee, ihn ihren Kindern zu zeigen. In Disneyland waren sie schon zwei Mal.

16.Einlaß oder Befreiung. Bild vom künftigen Sommer

In der Sophia-Universitätsbibliothek wirkt die Einlaßfrau peinlich berührt. Wir schauen beide zur Seite, als der Professor mich und meine Tochter durchschleust. Bloß kein Blickkontakt… Mir tun die Leute leid. Ich bin für jede Entschuldigung empfänglich, auch wenn ich mir im Stillen denke: Denkfaulheit kann man nicht entschuldigen.

 

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