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Tokyo Fragmente

Tokyo Fragmente 11

 

Kazuto Yamaguchi – weltläufige, oder eher: amerikanische Art, beginnende Sympathie durch den Gebrauch der Vornamen zu zeigen – ruft mich am Handy an, er möchte mir noch etwas geben. Ein Exemplar der neuen Nummer der Zeitschrift Granta, die er gerade erst bekommen hat (sie ist der neuen japanischen Literatur gewidmet). Wir treffen uns beim Torii des Inari-Schreins von Oji, wo Kazuto heute einen Autor besucht (er sagt mir nicht, welchen). Ich habe schon viele Schreine gesehen, und fast automatisch trete ich auch durch dieses Tor, aber Mayuko sträubt sich, sie hat Angst vor dem löwenartigen Ungeheuer, das böse Geister und Menschen vom Heiligtum abhalten. Ja, es sieht furchteinflößend aus mit dem blutroten Maulschlitz, den ebenso roten Ohrgängen und Nasenlöchern, aber in Wahrheit möchte Mayuko wohl zum nächstgelegenen Vergnügungspark, den Kazuto unglücklicherweise erwähnt hat, wenige Minuten von hier entfernt, mit der Straßenbahn, der einzigen, die heutzutage noch in Tokyo verkehrt.

Die kleinen, in den Kurven schaukelnden Waggons der Arakawa-Linie erinnern mich dann an die Keifuku-Bahn in Kyoto, auch wenn die hiesige kürzer und nicht so verzweigt ist und die Rückansichten der Häuser – denn diese Züge fahren ja gar nicht auf Straßen, sondern auf für sie allein reservierten Schleichwegen – weniger idyllisch sind, die Gärten eigentlich keine richtigen Gärten, sondern schmale Grünstreifen, ein paar Blumentöpfe, Kletterpflanzen, blinde Mauern, Fußgeher kreuz und quer...

Der Vergnügungspark von Arakawa ist für Kinder gedacht. Seine Dimensionen sind bescheiden, das Riesenrad so, daß auch ein Höhenängstlicher wie ich es benutzen kann; man findet hier rostige, immer noch gut funktionierende Wasserspielanlagen, aber keinerlei Hochtechnologie; Zwischen Achterbahn und Ringelspielen versteckt sich ein Tiergarten mit Tieren, die die Kinder füttern und streicheln können. Meinem Eindruck nach wurde die Anlage um 1970 errichtet oder erneuert, darauf weisen jedenfalls Formen und Farben der zweigeschoßigen Raststätte hin, Orange und Gelb, Wellen und Kreise, ein bißchen Ostblock-Flair. Auf der anderen Seite des   Flusses, der geradlinig und grau im grauen Streckbett dahinfließt, erheben sich graue und braune Wohnkumulationen, für deren Insassen der Arakawa-Yuenchi einst errichtet wurde. Früher oder später werden Parks wie dieser verschwinden, verdrängt von den hochkommerziellen, konsumorientierten, knallbunten und ordentlich teuren Multikomplexen an den Rändern der Stadt.

2. Zeit, die vergeht

Historisch betrachtet liegt der Hanayashiki-Vergnügungspark mindestens zwei Stufen vor dem in Arakawa. Der Begriff der Moderne ist relativ, denn alles war einmal „modern“, auch das, was man heute unter dem Label „retro“ verkauft. Der Hanayashi-Park in Asakusa geht auf die frühe Showa-Zeit zurück – Vorkriegszeit, würde man in Europa sagen. Die Kirschbäume blühen dort zwischen den Pfosten der Achterbahn und knapp unter der Gondel, in der wir über das Areal schweben. Ein winziges Wiener Riesenrad versteckt sich in einem Winkel neben dem Ausgang. Karusselle, bescheidene Überraschungen, blätternde Farbe. Abgetakeltes Personal. Rührend, die Spuren des Zahns der Zeit zu betrachten, egal wie weit sie zurückweisen, auf die siebziger, sechziger Jahre, die Vorkriegszeit. Das Vergehen der Zeit rührt, sobald es sinnlich erfahren wird. Schönheit und Trauer... Yasunari Kawabata wohnte in diesem Viertel.

In der Abenddämmerung gehen wir durch die von Andachts- und Andenkenläden gesäumte Allee, die zum großen Kannon-Tempel führt, zwischen Kirschbäumen, deren weiße Pracht noch ein wenig im natürlichen Abendlicht, mehr aber im künstlichen Gelb und Rosa der Laternen schimmert. Immer noch viele Besucher, aber weniger als vor Einbruch der Dämmerung, da hatten wir lieber Seitenwege genommen.

3. Kleines Riesenrad

Udon gehört zu den leicht verdaulichen Speisen, also suche ich nach dem Restaurant, wo ich vor einigen Jahren den Meister beim Walken des Teigs beobachten konnte: in einer Art Glaskäfig, aus dem er auf mir unbegreifliche Weise – es gab keine Türen – hervortrat, um mir die einfache Mitteilung zu machen, die Nudeln hier schmeckten besonders gut. Ich schenkte ihm Glauben, hatte aber schon gegessen. Hatte damals der Doppelgänger des Meisters zu mir gesprochen hatte?

Den Laden habe ich im Gäßchengewirr auf Anhieb gefunden, der Glaskasten ist um diese Zeit unbesetzt, die am Nachmittag durch die Presse gedrückten Nudeln werden gerade verspeist. Der Mann an der Kassa begutachtet uns kurz, bevor er uns über eine schmale Treppe in den zweiten Stock führt, wo sich Eß- und Zubereitungszimmer ineinander verschachteln und im Blickfeld immer wieder eine blanke Männerstirn, ein weißes Handtuch und ein ausgestreckter Arm erscheinen, gefolgt von einem Sieb, in dem ein Nudelschopf Luftsprünge macht. Eine alte Frau bringt mir ein Täfelchen, auf dem in englischer Sprache steht, daß hier keine ausländische Währung akzeptiert werde. Ich sage einen japanischen Satz, und die Frau lächelt erleichtert. Am Nebentisch bestellt ein Großvater im Kreis der Familie zwei große Flaschen Bier.

4. Rendezvous

Vormittags im Arisugawa-Park, die Familie aus Meguro hat Verspätung. Mayuko wird traurig, sie will das mitgebrachte Brot noch nicht an die Karpfen und Enten und Spatzen verfüttern, es soll ein gemeinschaftliches Vergnügen sein. Kaum schicke ich mich an, zu erklären, daß manche Menschen ihre Versprechen nicht halten oder nicht halten können (obwohl ich mir sage, daß das für Japaner kaum gilt, lieber geben sie keine Versprechen), tauchen Rika und die beiden anderen auf. Während Mayuko mit ihnen spielt, sitze ich abwechselnd im Café und am Rand des schönen leeren Platzes, genau wie gestern, es ist ein nur ganz leicht nervöses Hin und Her. Die Parkbesucher sind elegant gekleidet, viele Kinder zurechtgemacht, aber es gibt scheinbar keine Kindermädchen, ganz anders als im Pariser Jardin du Luxembourg, wo Afrikanerinnen an den „kleinen Weißen“ (oder „weißen Kleinen“) Rache üben, am Nachwuchs der ach so geschäftigen weißen Franzosen, die ihrerseits den historischen oder immerwährenden Imperialismus repräsentieren. Nichts davon hier, in Tokyo gibt es kaum zugewandertes Hauspersonal und schon gar keine Schwarzarbeit, ohne die das westeuropäische Alltagsbewältigungssystem gar nicht funktionieren würde.

5. Schick?

Die schicke internationale Welt von Roppongi und Azabu vor dem Hintergrund von und im Gegensatz zu Kappachers Werkstatt mit ihren Werkzeugen und Ersatzteilen, ihrem Schmieröl und Benzingestank, den Schimpfwörtern und anderen Grobianismen, schlechten Zähnen und unverschämten Blicken, den Blaumännern und ewig schmutzigen Fingern. Versunkene Welt, nicht nur hier, auch in Österreich.

6. Schmutzig?

Wenn man den Azabu-Hügel hinunterschlendert, öffnet sich plötzlich die Masse der Ein- und Zweifamilienhäuser, man steht auf einer Art Rampe und sieht über eine Senke hinweg, die von prekär wirkenden, hüttenartigen Behausungen und einem kleinen Park mit Spielplatz ausgefüllt wird. Gegenüber, auf Roppongi zu, erheben sich andere Hügel, aus denen die bekannten Türme hervorschießen, am höchsten natürlich das Mori-Building. Mayuko läuft zum Spielplatz, schwingt sich auf einen Kirschbaumast, spielt Fußball mit einem strohblonden amerikanischen Jungen. Im Park schlurft ein grauhaariger Einheimischer in Pyjama und Schlapfen herum, es ist halb sechs, die Dämmerung setzt langsam ein, der ojiisan raucht seine Abendzigarette und beäugt die Blumen- und  Pflanzenkistchen an der Rückseite seiner Hütte, ob sich etwa schon Triebe zeigen. Dasselbe tut er Abend für Abend mit jahreszeitlich bedingten Varianten, sommers nach Einbruch der Dunkelheit, winters einen Mantel übergeworfen, doch ohne Strümpfe, zuzeiten pflückt er Erbsen oder Tomaten, während sich fern am Horizont die Skyline wie im Zeitraffer verwandelt. 

7. Abendliche Gewohnheit

Ein Papierwarengeschäft, nicht weit von unserem Heim, Mayuko wird jedesmal überlegt haben, wenn wir daran vorbeigegangen sind. Sie bekommt noch kein Taschengeld, aber sie hat ein wenig gespart, kleine Geschenke und Großzügigkeiten, ihre Geldbörse hat sie nach Tokyo mitgenommen. Etwas wollte sie kaufen, und da ihr Budget klein ist, mußte sie gut überlegen. Am Ende hat sie sich für das Papierwarengeschäft entschieden, das ein freundlicher, unauffälliger Mann in dunkelblauem Kittel allein betreibt. Die Gänge sind eng, die Waren drängen sich in Regalen, Fächern und Kistchen, an Wänden und Drehständern. Mayuko schwankt zwischen Pickerln (wie wir das auf österreichisch nennen), und kleinen bunten Radiergummis, die aussehen wie Kuchen und Torten. Am Ende entscheidet sie sich für die Radiergummis, obwohl sie etwas teurer sind. Ich rate ihr zu; selbstverständlich bin ich bereit, den Fehlbetrag auszulegen, nein, die Hälfte, meine Tochter tut mir leid mit ihren paar Münzen, am liebsten würde ich alles bezahlen. Im Unterschied zu ihrer Mutter, die sich in solchen Fällen nicht erweichen läßt. Attendrissement, schon wieder. Ich weiß, sie muß mir nicht leid tun, ist sie doch glücklich mit ihren Berechnungen, Planungen, Entscheidungen; mit ihrer Kinderökonomie, die sich von der der Erwachsenen letztlich nur durch den Maßstab unterscheidet.

8. Attendrissement (weiter unten)

Trauriger Traum. Mayuko muß in eine Nervenheilanstalt, „probeweise“, sagt sie mit einer Mischung aus Neugier und Zweifel. Sie hat begriffen, daß man sie dortbehalten wird: Die Kinder, die für lange Zeit bleiben („für immer“, so das Gefühl des Traums), sind in der Abteilung, wo das Licht nie ausgemacht wird. Das erzählt sie, während wir auf einer endlosen staubigen Landstraße gehen, wie einst Charlie Chaplin und seine Freunde.

9. Traum

Kireidanaaa... Schon hat die Businessfrau (vulgo Sekretärin) in Business-Uniform und Business-Make-up ihr Handy gezückt, um dem Anblick der Kirschblüten zu speichern. Jedes Jahr dasselbe „Oh wie schön!“, die rhetorisch hochfahrende Sehfreude, aber die Natur ist ja auch jedes Jahr dieselbe, jedes Jahr neu, erneuert, dieselbe. Umgeben wird die junge Frau von einer Gruppe leiserer Salarymen in Business-Uniform, die ihre Gespräche kaum unterbrechen. Schönheit und Gefühlsausdruck sind immer noch Frauensache.

Die Szene spielt im altjapanischen Garten neben dem Mori-Building. In der Mitte des Gartens ein Teich, gegenüber von unserem Standort die vielgeschoßige Glasfront von Asahi-TV mit riesigen Manga-Bildern von erfolgreichen Animé-Serien (Doraemon etc.), und vor einer kleinen Bucht, gleichsam über dem Wasser schwebend, eine etwa zehn Meter hohe Herzform aus vergoldeten Bronzekugeln, die man auch als überdimensionale Tropfen sehen kann. Kein Zweifel, wir haben ein Kunstwerk vor uns. Mayuko will sofort hin, sie mag Herzen, mit derlei Symbolen umgibt sie sich gern, neulich im Krankenhaus habe ich ihr selbst welche auf meinen nächtlichen Brief gezeichnet. Infantilisierte Kunst, verkindlichte Zeichen... Als wir in der Bucht ankommen, verlieren wir bald das Interesse für das Goldzeug, wir machen ein paar Schritte empor zu einem Miniaturwasserfall, dessen Rinnsal hier in den Teich mündet. Zwei Geräuschebenen, die sich hier treffen und durchaus vertragen: das Rauschen des gut abgedichteten Verkehrs der Stadtautobahn hoch über unseren Köpfen; das Plätschern des Wassers in Ohrenhöhe und zu unseren Füßen. Natur und Großstadt, dicht an dicht. All you need is love!

10. Traum/Wiederholung

Und das goldige Herz, kin no kokoro, wie es der Künstler und/oder seine Berater allen Ernstes benannt haben? Wurde anläßlich des Zehnjahresjubiläums des Mori-Kunstmuseums dort aufgestellt. „Ein verführerisches Werk“, erklärte damals der Direktor, „das außerdem die universelle Liebe symbolisiert.“ Danke für die Aufklärung! Das hätte meine Tochter von allein nicht erraten. Ins selbe Horn stößt der Künstler, Jean-Michel Othoniel: „Außerdem verbindet die Skulptur die Generationen miteinander“, denn alle Menschen lieben Herzen und die Liebe eint alle Menschen. Zum Beispiel Vater und Tochter, nicht wahr? Wir beide sind die perfekten Rezipienten von Othoniels Universalkitsch, der sich harmonisch in eine Umgebung fügt, wo alles so kawaii zu wirken bestrebt ist wie Hello Kitty, das Supersymbol der japanischen Pop-Industrie.

11. Japanese boy

Am frühen Abend, als es zu dämmern beginnt, fällt uns die Menschenmenge vor der Bühne auf dem Platz zwischen dem Mori-Building und dem Gebäude von Asahi-TV auf. Wir lassen uns treiben und landen in nächster Nähe der Bühne, zwar außerhalb des Kreises, in dem das erwartungsfrohe Publikum sitzt, aber genau dort, wo man sowohl das Treiben vor als auch das hinter und neben der Bühne beobachten kann. Worauf sie wohl warten? Auf eine Idol-Gruppe, eine Boy-Group, vermute ich, denn das Publikum wird fast zur Gänze von mehr oder weniger jungen Frauen gebildet. Alle zurechtgemacht, säuberlich geschminkt, viele in kurzen Röcken, die Beine gesittet und doch ein wenig verführerisch auf den Stühlen, manche haben schon die von Asahi zur Verfügung gestellten Decken darüber gebreitet. Andere, die meisten, werden bis zum Ende „Bein zeigen“, wie man einst sagte, denn so will es das Fernsehen: Fang für heimliche Blicke.

Zuerst treten zwei Fernsehkomiker auf, die später als Moderatoren fungieren. Sie geben dialogisierte Späße zum Besten, Blödeleien, kleine Schläge auf die Wangen, den Hinterkopf des Freundes. Typisch japanische Geste, auch bei Liebespaaren verbreitet, dieses scherzhafte Zuschlagen, das manchmal auch ein bißchen kräftiger ausfallen kann. Schließlich die Stars, nein: Möchtegernstars, denn das Programm, das hier aufgenommen wird, ist nach europäischem (amerikanischem?) Zuschnitt gestaltet, Deutschland sucht den Superstar etc. Nur ein bißchen abgemildert, abgefedert, weniger kämpferisch, weniger Spott und Hohn. Sieben junge Männer kommen der Reihe nach auf die Bühne, sie alle sollen irgendwas können, vor allem aber sollen sie schick, cool oder herzig sein, kawaii oder kakko ii, damit Herzen der Frauen auf den Stühlen unten und der Zuseherinnen vor den Fernsehgeräten gerührt werden. Sieben gestylte, geschminkte, perfekt frisierte und gekleidete Jungs – und genau wegen dieser Perfektion habe ich dauernd das Gefühl, daß etwas nicht stimmt, zum Beispiel mit dem Zebra-Anzug des einen, der sich ein bißchen rüpelhaft gibt. Ein anderer, er sieht aus wie ein Schulbub, wird aber wohl über zwanzig sein, ist wirklich kawaii, mädchenhaft, sagt seinen Satz, mit dem er (angeblich) Mädchen anspricht, mehrmals fehlerfrei auf, mit Augenaufschlag und zusammengedrückten Knien. Wie dünn er ist, viel zu dünn!

„Der ist doch ein Mädchen“, sagt Mayuko empört, als hätte er sich zu Unrecht hier eingeschlichen. Noch ein zweiter, etwas männlicher zwar, mit komplizierter Frisur, nach der er immer wieder greift, um sich zu versichern, daß sie noch sitzt, wirkt tuntenhaft, und auch noch ein dritter, aber ich glaube, daß das niemandem bewußt ist, den Mädchen im Publikum nicht und auch nicht den Jungs selbst.

Wie die Mitglieder der Idol-Groups sind auch  diese Amateur-Superstars nicht für den realen Umgang gedacht, sondern als Anregung für die Phantasie, in der die Masse der Frauen ihre Sehnsüchte auslebt. Am Ende der Show dürfen sie, die Glücklichen, die eine Zutrittskarte zum Kreis ergattert haben, im Gänsemarsch auf die Bühne steigen und der Reihe nach gimme-five machen mit allen sieben Jungs, und dann ab nach Hause oder ins Restaurant, oishiimono tabeni, genug Berührung, zurück in die Träume.

Gehört habe ich, daß in letzter Zeit die Girl-Groups boomen, junge weibliche „Idole“, die von Männern angehimmelt werden. In geschlechtlicher Hinsicht eine Spiegelverkehrung des hiesigen Events:  eine Handvoll gestylter Sängerinnen oder Superstars auf der Bühne und eine Masse von jungen Männern im Publikum, die sich nach dem sehnen, was ihnen im realen Leben verwehrt ist, weil sie viel zu ängstlich oder viel zu sehr mit Arbeit und Studium beschäftigt sind, um sich dem anderen Geschlecht zu nähern. Die Pop-Industrie, wie sie hierzulande am Laufen gehalten wird, fördert die Flucht aus der Wirklichkeit.

12. Taihen

Bald muß sie wieder in die Schule. Armes Mädchen... Aufstehen um sechs Uhr, fast eine Stunde Schulweg, Unterricht bis weit in den Nachmittag, Hausaufgaben auch für Samstag und Sonntag und jeden Tag sämtlicher Ferien. Eine Stunde Heimweg, und die Hierarchie schon unter Kindern, vielleicht ist sie unerläßlich, wenn hundert oder zweihundert Kinder über stark befahrene Kreuzungen gehen. Und dennoch, gleichzeitig, ist die Hierarchiebildung ein soziales Instrument von klein auf, mit dem hanchou-san, dem Truppführer, und dem absurden Schweigegebot, das der hanchou nach eigener Willkür bricht oder durchbrechen läßt, mit all den Regeln, Kleider- und Frisurvorschriften (kein Schal, nachdem der Frühling offiziell begonnen hat, auch wenn es an manchen Tagen kälter ist als im Winter). Regeln, die man nicht hinterfragt und die die Lehrer nicht erklären könnten, selbst wenn sie es wollten. Das ganze repressive System, die Mikrostrukturen der Macht, die vor vierzig, fünfzig Jahren zu bröckeln begannen, sind sie weltweit klammheimlich zurückgekehrt? Oder war das in Japan nie anders, das System mit seinem Zwang zum Selbstzwang hat niemals Risse bekommen...?

Ich erinnere mich an einen warmen Frühlingstag, als Mayuko in die erste Klasse ging und ich sie auf dem Schulweg begleitete. Damals hatte der hanchou-san sie zurechtgewiesen, weil sie zu weit... ich weiß nicht mehr, ob links oder rechts gegangen war. Wir hatten uns damals auch über das Schweigegebot unterhalten, in deutscher Sprache, damit uns niemand versteht. In einem bestimmten Augenblick wirkte sie ziemlich erbost und rief wörtlich: „Da kann man ja nicht einmal frei in der Welt herumgehen!“

In letzter Zeit sehe ich mich manchmal veranlaßt, sie darauf hinzuweisen, daß man nicht immer, nicht in jeder Situation den vorgegebenen Regeln gehorchen muß. Ich weiß, ich bringe sie mit solchen Bemerkungen in Schwierigkeiten, schließlich will sie zur Gruppe gehören und sich in ihrem Umfeld wohlfühlen. Außerdem braucht sie selbst Regeln, Leitsätze, Werte. Aber die Freiheit, in der Welt frei herumzugehen, die lassen wir uns trotzdem nicht nehmen.

13. Nach der Reise

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