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Tokyo Fragmente

Tokyo Fragmente 16

 

Calle Horizonte

Ein gesichtsloses Hotel, dachte ich, mit blinden Fenstern und tauben Wänden, aber schon beim Betreten des Zimmers war das Fenster sehend, die Wände sonor, schalldämpfend, manchmal singend. Ein Ausstellungsareal, dachte ich und gab mich drei Tage lang dem Gewoge hin. Gesehene Gesichter, die man gleich wieder vergißt; gehörte, gelesene Sätze, die man beim Umblättern vergißt; gegessene Speisen, die man verzehrt und vergißt.

Auf einmal aber hatte ich Zeit, und an der Rückseite des Hotels, über die ich während drei Tagen hinweggesehen hatte, befanden sich auf einmal seit Generationen bewohnte Häuser, schmale Alleen, tiefe Parks. Und ich stand dort unten, man konnte einfach so auf dem Gehsteig stehen und einen Mann beobachten, der schwankend auf einem Fahrrad fuhr, einen ausladenden runden Verkaufskorb mit Brot und Mehlspeisen vor der Gabel; einen hageren o-beinigen Mann in schlotternden Kleidern, der bald nach links, bald nach rechts zwischen Baumstämmen hindurch in die Wohnzimmer und Küchen hinein den vertrauten Ruf schallen ließ. Man konnte an ihm vorbeigehen und sich umdrehen und kehrtmachen, konnte sehen, wie ein kleines Mädchen an der Hand der Mutter oder (eher) des Hausmädchens aufschreckte, als es einen bemerkte, obwohl man unscheinbar wie ein Engel durch die Luft schritt. Das adrette Hausmädchen lächelte, der stoppelbärtige Mann lächelte, und ich – jetzt schon er, der auf der Straße – wählte eine ihm unbekannte Kuchenart, weil er etwas Unbekanntes kennenlernen wollte. Der Stoppelbärtige, Schlotterige klingelte, schlingerte weiter: in den Tag hinein!

Früchte, aber auf dem Markt (La Merced)

Und er? Stand dann eine ganze Weile unter einem Orangenbäumchen im Duft der reifen Früchte, den fernbekannten Geschmack einer Frucht schmeckend (Guayaba?), den Blick zur Baumkrone auf der anderen Straßenseite gehoben, roten Blütenkerzen entgegen, die aus dem vollen Grün wuchsen, die Schreie der dunklen schattenhaften Vögel hörend, ihr blau schimmerndes Schwarzgefieder betrachtend, den länglichen Schwanz, der beim Fliegen Rautenform annahm.

Ging weiter, unscheinbar wie eh und je, auf die Kreuzung zu, wo die Straße jenseits weiterging, las den Namen vom verdrehten Schild, das zum Rand der Wolken zeigte: Horizontstraße, was sonst?

Gingko-Bäume, in Tokyo Calecita nannte Horacio das kleine Gefäß aus duftendem Holz, das mir eine Frau nach der Lesung geschenkt hatte; eine Frau, die fern der Großstadt in Valle de Bravo wohnt und nur zu ausgesuchten Gelegenheiten in die Stadt kommt, wie sie mir erzählte. Unter „calecita“ hatte ich bisher immer ein Karussell verstanden; dieser Behälter war zweifellos rund, seine Rundheit wurde durch die hellbraunen, gebündelten und gepreßten, schön gebogenen, von braunen Fäden zusammenghaltenen Rindenfasern – oder waren es lange Nadeln? – betont. Ich rieche daran, jetzt, zwei Monate später, auf einer Matte aus gebündeltem und gepreßtem Reisstroh sitzend, und der Duft ist immer noch so stark wie vor zwei Monaten, als ich das Geschenk erhielt.

Calesita Nach der Veranstaltung gingen wir in ein heillos überfülltes, lärmiges Lokal in der Colonia Condesa, und als wir es um Mitternacht verließen, schleppte mich Horacio in eine schickere, teure und entsprechend spärlich besuchte Kneipe, eine Art Pub, wo man vor dem Eintritt die Blicke eines Türstehers über sich ergehen lassen mußte. Sexy Kellnerinnen, die den Thekengästen ab und zu einen pseudoverführerischen Blick zuwarfen. Mystisch-blau erleuchte Dunkelheit, in die ich meiner Erinnerung nach die calesita stellte, diesen mir nach der kurzen Zeit schon lieb gewordenen, obgleich nutzlosen Gegenstand.

Wir redeten, bestellten Tequila und Whisky, Horacio war bald ziemlich betrunken, schäkerte ein bißchen mit einem der Mädchen, verstieg sich zu Lobpreisungen des Freundes an seiner Seite, der weiß Gott welche Leistungen in aller Welt vollbringe, nannte Namen und Titel, die dem Mädchen nichts sagten, machte diese und jene Geistesgröße herunter. Ich sah mich auf einen Thron gehoben wie Gottvater, der langbärtige, auf dem Riesengemälde in der Sixtinischen Kapelle, die ihr alle kennt. De facto sitze ich am liebsten auf dem gelben Plastikschemel in der Küche, wie jetzt eben, den Computer auf den Knien, die Herdplatte auf Augenhöhe neben mir. „Ich bin nichts“: auch das sagt sich leicht. Nicht wahr, Vila Matas?

Als Horacio nicht mehr wußte, wen er durch den Kakao ziehen sollte, wechselte er, angeregt  durch einen Barfrauenblick, zu seinen erotischen Plänen, von denen ich ihm nicht direkt abraten wollte. Ich lehnte an der Theke und schwieg die meiste Zeit. Im Spiegel sah ich über den Flaschenhälsen eine seltsame Gestalt auftauchen, drehte mich nach ihr um, offenbar hatte es die Gestalt darauf abgesehen, Blicke auf sich zu ziehen. Sie war ein hochgewachsener, schlanker, schwarzgekleideter Körper männlichen Geschlechts, Kopf und Schulter unter schwarzem, schwach glänzendem Plastik versteckt, einem zurechtgeschnittenem Müllsack vermutlich. Der Körper vollführte Bewegungen, eine Art Tanz. Er zeigte sich, exhibitionistisch in seiner Verhüllung, trat aber mit niemandem in Beziehung. Nach ein paar Minuten verschwand er, kehrte später zurück, verschwand wieder, tauchte neuerlich auf. Auftritt, Abtritt, Dunkel. Auftritt, Abtritt, Leere.

Erlöser (mit Orange) Mittlerweile hatte aber die Sorge um die calesita in mir zu nagen begonnen. Ich stellte mich auf die Zehen, versuchte, in den Laufgraben zu schauen, der die Unterkörper der Barfrauen verbarg. Oder hatte jemand sie an sich genommen? Der verhüllte Mann? Nein, der war gar nicht in unsere Nähe gekommen. Ich hatte die calesita ins Dunkel gestellt, das Dunkel hatte sie aufgesogen. Ich machte eine Bemerkung zu Horacio, der sich des Problems dankbar annahm. Er sprach die Kellnerinnen darauf an, beschrieb die calesita als Wunderding (schon wieder ein Aleph), wurde dabei immer lauter. Hob die Stimme, alzó la voz. Warum sollten die Kellnerinnen so ein Ding klauen? Ja, warum... Der Duft der Wälder von Balle de Bravo kümmert die Mädels doch einen feuchten Dreck. Das versuchte ich Horacio verständlich zu machen, doch er hatte nun einmal seine Ehre daran gesetzt, das Ding wiederzufinden. Ich drängte zum Aufbruch, war ohnehin hundemüde, wollte nur schlafen.

Ich erinnere mich nicht, ob Horacio freiwillig ging, wer bezahlte, ob ich ihn hinauszog oder ob wir beide hinauskomplimentiert wurden. Jedenfalls saßen wir dann wenige Schritte vom Eingang zum Pub entfernt auf einer Rampe. Ich versuchte Horacio zu beruhigen, und gleichzeitig redete ein junger Mann auf ihn ein, der ihm sein Verhalten in der Kneipe vorwarf. Der Mann, keine fünfundzwanzig Jahre alt, gebärdete sich als Chef, Manager oder Besitzer, egal. Sein betulich-bestimmtes Verhalten stand im Widerspruch zu seinem clownesken Outfit: aufgezwirbelter Schnauzer, goldener Nasenring, Pluderhose, ein Gilet in schillernden Farben zwischen Rot, Violett und Grün. Ich merkte (zu meiner Beunruhigung), daß ich in die vernünftigen Reden dieses Managerclowns einstimmte, vielleicht hatte er einfach recht, das Betragen des Gastes war unangemessen. Langsam wurde Horacio Widerstand schwächer, gegen zwei Männer hatte er keine Chance. Der Clown hielt ein vorbeifahrendes Taxi an, und Horacio gab dem Lenker exakte Anweisungen über den Fahrweg, ein bißchen zu autoritär für meinen Geschmack. Als wir uns vor meinem Hotel verabschiedeten, er im Taxi sitzend, dankte er mir, ich hätte ihn „gerettet“. Me has salvado – keine Ahnung, wovor.

Am nächsten Tag tauchte sie wieder auf, die calesita. Ich fand sie in der großen Buchhandlungstragetasche zwischen Büchern und zwei Mate-Packungen, die ich vor der Lesung in einem chilenischen Restaurant erstanden hatte. Zweifellos hatte ich die calesita gar nicht ins mystische Dunkel hineingestellt, hatte sie nur hineingesehen. Meine Phantasie hatte die Serie der Erregungen heraufbeschworen, und der Kampf war um nichts gegangen: um den Schatten einer Täuschung. Entschuldige, Horacio, Geretteter!

Deutscher Autor in Mexiko (Gregor Sander) Ach, diese Lesungen, diese „Auftritte“ in Mexiko, schon damals in den neunziger Jahren, und jetzt wieder. Auf einem Dorfhügel in der knallenden Sonne sitzend, links neben mir ein Schuldirektor, rechts die stumme Tourismusverantwortliche der Region. Downstage umringt von Schülerinnen wie ein Popstar, und die endlosen Fragen, die sprühende Neugier dieser Jugendlichen. Unvorstellbar drüben auf der anderen Seite des Pazifiks mit all den höflich distanzierten, bescheidwissenden, Neugier simulierenden, zutiefst gelangweilten Gesichtern. Ja, ich vergleiche, denn ohne Vergleich kann man gar nichts verstehen. Aber ich vergleiche nicht zwischen dem Meinen und dem Anderen, sondern zwischen dem einen Anderen und dem anderen Anderen. Ich bin, wie immer, dazwischen. Es ist wie eine Waage, mal sinkt die Schale auf dieser Seite, mal auf jener. Nie kommt sie zum Stillstand.

Calavera der Obdachlosen

Vor zwanzig Jahren die Lesung in einem ebenerdigen Raum, der zur Universität gehörte: drinnen spürte man die an den Außenwänden prall blühenden Bougainville und atmete die Frühlingsluft, die durch die geöffnete Tür strömte. Die Veranstalter hatten mich vorher gewarnt, oft käme zu solchen Gelegenheiten ein Blinder. Ja, und? Als ob ein Blinder nicht hören könnte... Im Gegenteil, dachte ich während der Lesung, die Blinden hören besser, eben weil sie nicht sehen können. Lesungen sind geradezu die idealen Veranstaltungen für sie. Aber die Veranstalter hatten hinzugefügt, dieser bärtige Blinde verhalte sich seltsam, manchmal werde er laut. Während der anderthalb Stunden saß der Blinde fast reglos da. Er war jung, höchstens dreißig, erinnerte mich trotzdem an Borges, vielleicht nur, weil sein Gesicht auf der eigenen Faust ruhte wie das des alten Bibliothekars auf dem Blindenstockknauf. Es kann sein, daß er die ganze Zeit schlief. Falls dem so war, segne ich deinen Schlaf, zwanzig Jahre danach. Kann aber auch sein, daß der Mann mit Borges' Spazierstock in der Hand in meiner kleinen Erzählwelt lustwandelte.

In der Luftwurzelbücherei Diesmal ein Auftritt in der Biblioteca Vasconcelos. Einer Bibliothek, wo die Bücher in luftige Höhen wachsen, so daß mir schwindelig wurde, als ich probeweise emporstieg in den Himmel des Geistes. Etwas wie Luftwurzeln, die einen hinanziehen, trotz der eingebildeten Gefahr. Vor dieser Theaterkulisse sollte ich zusammen mit anderen Auftretenden etwas erzählen. Spärliches Publikum in der weitläufigen Bibliothekshalle, doch einige wurden von uns, von unseren Worten angezogen, sie tröpfelten hinzu. Darunter ein junger Mann mit zwei halbwüchsigen Jungen in knallgrünen T-Shirts an seiner Seite, der eine jenseits, der andere diesseits der Pubertät. Indios, schwarzhaarig, cabezitas negras. Ich dachte, der Zufall hätte sie herbeigeweht, wurde später aber eines Besseren belehrt. Der Mann hörte aufmerksam zu, er schien vollkommen bei der Sache, bei den Worten, und die Kinder saßen still. War er der Vater der beiden?

Nach der Lesung kam er schüchtern zu mir, bat mich um ein Autogramm in das Buch, das er zuvor erstanden hatte. Er sagte, er wolle auch schreiben, und machte eine freundliche Bemerkung über mein Buch, die mir die Vorstellung gab, er kenne nicht nur die (unmögliche) Zusammenfassung, sondern all seine Winkel. Am Ende war er sein Autor, dieser junge, kaum erwachsene Eingeborene, Verwurzelte, dank der Ideen von Leuten wie José Vasconcelos hierher gewehte? War das seine Bibliothek? War er ihr alter, junger, zeitloser Direktor?

Er lächelte, als er sich selbdritt zum Gehen wandte. Er sagte mir noch sein Alter: neunzehn. Wie Ireneo Funes, el memorioso. Die beiden Halbwüchsigen waren seine Cousins. Die grünen Leibchen, die sie trugen, Trikots der mexikanischen Fußballmannschaft.

Ausdruck

Nachtrag zum Vergleich: Das eigentlich Besondere ist die (allerdings kaum zu definierende) Art, wie ich (in Mexiko) aus mir herausgehen – und wie ich dann wieder zu mir selber kommen kann. Wie Nicolas Bouvier schrieb: Reisen (ich würde lieber sagen: Ortswechsel) dient der Selbsterkenntnis. Schon lange habe ich mich nicht mehr so klar, und teilweise neu, gesehen wie hier.

Japan: die Art, wie ich in mir selbst stecke; mich in mir selbst verstecke; wie alle sich in allen verstecken. Ensimismados, das spanische Wort. Verselbstet. Eben deshalb, wegen dieser Einsamkeit, die Obsession (und Lüge) des Sozialen, der Höflichkeit usw.

Ich sehe, daß ich das derzeit für mich (relativ) Fremde, also meinen Besuchsort, höher werte als das mir derzeit (relativ) Vertraute, meinen Wohnort. Auch das ist eine natürliche, oder besser: eingewurzelte Neigung, jedenfalls bei mir. Man sollte sich dieser Neigung von Zeit zu Zeit entgegenstellen, wie andere, die zur Abkanzelung des Fremden neigen, ihrer natürlichen Neigung entgegenwirken sollten.

¡Corran! - Barrio de la Merced (nichts für japanische Touristen)

Japanische Reisegruppen im Flugzeug – in Mexiko habe ich nicht einen einzigen Japaner gesehen. Sie werden durchs Land geführt und damit von ihm ferngehalten. Abstand wahren, Nähe ist gefährlich. Fast nur alte, teils uralte Leute, Grüppchen aus irgendwelchen Provinzstädten und Dörfern, Rentner, die die viele ihnen verbleibende Zeit rumkriegen müssen.  Ebensogut könnten sie zu Hause Videos von den Pyramiden anschauen, vom ethnologischen Museum, von der Kathedrale, vom Templo Mayor, von Urwaldruinen. 3-D, Blue Ray, die Illusionstechnik macht unaufhaltsam Fortschritte, die Filmbilder wirken realer als die Wirklichkeit. Heimkino wäre bequemer, billiger, sicherer, gut für die Umwelt. Mariachi-Musik von der CD, Tacos aus dem Supermarkt. Aber das Rentengeld soll fließen, und auch das Tourismusgeschäft muß gehen, immer weiter, bis nach Sankt Nimmerlein.

Meine zwei Nebenmänner im Flugzeug sind junge Argentinier, die zu den Spielen von River Plate bei der in Japan stattfindenden Fußballvereinsweltmeisterschaft fahren. Der eine stammt  aus Caballito, der andere aus einer der nördlichen Vorstädte von Buenos Aires. Sie sind keine stumpfsinnigen, ewig biersaufenden Fußballfans (solche sind auch im Flugzeug), sondern nützen die Reise, um Japan kennenzulernen. In Mexiko, wo sie einen Tag Aufenthalt hatten, haben sie Tenochtitlán besucht – ein dichtes Programm, zwei Tage fast ohne Schlaf, die jungen Leute verkraften das locker. Offenbar gehören sie zu dem, was meine argentinischen Freunde früher clase media alta nannten. Bürgerlich, relativ gebildet, ungefähr die Art von Menschen, die Domingo Faustino Sarmiento vor Augen hatte, als er vor 170 Jahren mit seinem Buch Facundo für die Zivilisierung des Barbarischen in und um uns plädierte. Beide haben sich ein Buch aus dem Handgepäck geholt: Limonov von Emmanuel Carrère und Tokyo Blues von Haruki Murakami (also Norwegian Wood alias Naokos Lächeln).

Bäumchen im Colegio Nacional de México... Um sechs Uhr früh werden wir in Narita landen. Mein Flugzeug nach Hiroshima geht erst am Abend, von Haneda, dem Flughafen in Tokyo, etwa achtzig Kilometer von Narita entfernt. Ich habe vor, nach Kanda zu fahren, um die mächtigen gelben Kronen der Gingko-Bäume dort zu sehen, und nicht nur zu sehen, sondern abzulichten, visuell aufzubewahren und weiterzugeben, was ich vor genau einem Jahr, als ich dort war, nicht tun konnte, weil die elektrische Ladung meines Fotoapparats zu Ende gegangen war. Coyoacan-Kanda, ist das eine Option? Doppeloption! Option Optikon.

...und im Miyojin von Kanda

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