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Tokyo Fragmente

Tokyo Fragmente 17

 

Schläfer, Lerner, Spieler

Sieben Uhr morgens, am Flughafenbahnhof beginnt die Strecke, die Waggons sind dementsprechend leer. Von Station zu Station füllen sie sich, draußen ist es kalt, die vorbeiziehenden Felder sind von Rauhreif bedeckt. Stille, am frühen Morgen vielleicht normal, die Stimmbänder noch nicht gelockert, die Gehirne starr, viele lassen den Körper auf einen freien Platz sinken und schlafen weiter. Bald gibt es nur noch Stehplätze, die meisten fahren bis in die Innenstadt, bis zum Endbahnhof, es werden keine Plätze mehr frei. Stille, leises, rhythmisches Schnarchen, Huschgeräusche bildschirmtastender Finger, eher gesehen als gehört. Ein uniformiertes Mädchen hält sich das Schulheft vor das Gesicht. Und wenn die Stille den ganzen Tag anhält? Arbeitsplatzstille, Schulstille, Straßenstille, auch die Autos – Hybride – geräuschlos. Und die Gingkobäume stehen im kräftigsten Gelb, dort drüben bei der Autobahnbrücke. Es ist der rechte Zeitpunkt für meinen Besuch.

Vertrautes

Das kanalisierte Flüßchen in Kanda zieht sich durch die Häuserschluchten und wird von einer Vielzahl von Bäumen und Baumgruppen gegrüßt. Die Stadt wird sich noch einmal ein Stückweit herandrängen an den Wasserlauf, ohne ihn ganz verdrängen zu wollen. Bagger, Rampen, Terrassen, Erde und Wasser werden über- und unterbaut, verbaut, zugebaut – so ist das nun mal in einer großen Stadt.

Und drüben, auf der anderen Seite, herrschen, neben langgezogenen, oft gerillten Mauern und und Dachwellen, aus denen blaue und grüne Fische aufsteigen, die Bäume vor, besonders jetzt, im Spätherst, wenn ihnen das Tageslicht zu leuchten hilft. Heute ist so ein leuchtkräftiger Tag, vielleicht nicht ganz so leuchtend wie vor einem Jahr, denn jeder Tag hat seinen Charakter, aber doch. Ein Tag kann glücken oder nicht, das hängt von uns selbst ab, aber er glückt auch durch sich selbst, geht auf, entfaltet sich (seine Leuchtkraft), läßt die Dinge klar und deutlich erscheinen, oder schemenhaft, fast verhüllt; der Tag – le jour, im Französischen bedeutet das Wort sowohl „Tag“ als auch „Licht – hebt die Umrisse hervor oder läßt sie verschwimmen, er kräftigt ihre Farben oder bringt sie an den Rand des Verlöschens, bevor er schließlich, nach getanem Tageswerk, zur Neige geht. Und die Tage wiederholen sich, zwar kaum je einer nach dem anderen, aber im Jahreskreis, jeden Herbst gibt es einen oder zwei oder drei von dieser Sorte, wobei, ich sagte es schon, keiner dem anderen vollkommen gleicht. Aber daß sie sich wiederholen, macht, daß Unseresgleichen zurückkehren kann, nicht nur an den Ort, sondern in die Zeit, die Ortszeit. Jetzt: die Kanda-Zeit.

Konfuzius herbstlich Aber es gibt auch mich und meine Innenwelt, und ich fürchte, es liegt an uns, daß die Pracht des gelben, von Rot und Grün hier und da gesprenkelten oder durchzogenen Blattwerks vor dem urblauen Himmel diesmal eine Spur schwächer wirkt als vor einem Jahr. Kann sein, daß meine Müdigkeit das Leuchten mindert – obwohl ich das eigentlich nicht glaube, denn für das Ganze – die Atmosphäre – bin ich empfänglicher, wenn die Wahrnehmungskraft für das Einzelne ermattet. Nein, etwas zum zweiten Mal gesehen ist schon nicht mehr dasselbe, der Eindruck kann dich nicht mehr überwältigen, das Sichtbare kann dich nicht in sich aufnehmen wie damals, als die Blätter deinen Geist – das ureigene Strömen – in ihr Werk aufgenommen hatten. Aber das macht nichts, es ist immer noch schön. Vielleicht erst jetzt schön, wo du Abstand nehmen kannst, weil du weißt, daß dir nichts mehr entgehen kann. Du besitzt es, du hast es erworben, und die Natur, die ganze Stadt, aber zuerst die Natur ist großzügig, sie teilt, sie teilt sich, teilt sich mit.

Zweimal Fuji-san

Flüßchen, das durch die Maschen der Stadt schlüpft
wenn's sein muß unter der Erde
Straße, die über den Wasserlauf hüpft
Waggonschlange, die über die Brücke zischt
Blick, der gelockt und gelenkt sich verliert
fündig wird

...schlängelt sich Zwei Männer, einer weißhaarig, Erschöpfung und Ironie des Lebens im Gesicht, der andere mittleren Alters, Gehorsam und Erwartung, queren eilig den Platz vor dem Miyojin von Kanda, einem der beliebtesten Schreine der Stadt. Zwei Geschäftspartner, oder Chef und Juniorchef, Vater und Sohn, Boss und Abteilungsleiter, die sich irgendeinen Segen holen. Segen für die Geschäfte, denn die hier ansässigen Gottheiten, darunter der dicke Ebisu, sind in erster Linie für solche Belange zuständig. Die beiden haben den Segen empfangen, eingesackt, vermutlich auch bezahlt, jetzt geht es an die Arbeit, gleich beginnt die Bürozeit.

Autoweihe Vor einem Seitenpavillon steht ein nagelneuer, schwarz glänzender Crown, die Luxuslimousine von Toyota, makellos wie im Ausstellungsraum. Ein Priester in buntem Ornat weiht den Wagen mit einem weißen Papierwedel ein, während der Besitzer und sein Chauffeur, beide schwarz gekleidet, im Respektabstand daneben stehen. Yakuza, denke ich, aber es könnte genausogut das Fahrzeug eines kaiserlichen Hofbeamten sein.

Und hinter dem Hauptpavillon fegen zwei andere Priester oder Helfer in langen weißen Gewändern mit Binsenruten den Boden, auf den seit der gestrigen Reinigungsprozedur nur wenige Blätter gefallen sind.

Blätterfegen

Meine sicheren Schritte auf den Plätzen und Straßen – trotzdem taumelnd. Tambalear, das spanische Wort. Tambaleando por esta ciudad. Das Ganze wahrnehmen, aber keine Einzelheiten. Dann, irgendwann, bei fortschreitender Ermattung der Sinne und Sehnen (des Sehnens), Umkehrung: nur noch Einzelheiten, Nichtigkeiten, das Nichts. Dieses ist ohne Ende; du könntest endlos gehen, wärst du unsterblich. So aber schreitest du/ich/du durch die altbekannte Tür und läßt dich nieder.

Ermattung

. . . ohne mich umgesehen zu haben. Kein prüfender Blick, nur Einströmen und Abwehren. Kein Prüfen. Verschwommenes Denken. Nicht-Denken, Restaktivität. Erst nach einer Weile wird mir bewußt, wie grauenhaft dieses Saint-Marc-Café ist. Schemen tauchen aus der Verschwommenheit, aus den Schwaden. Zigarettenrauch. Auch die Nichtraucherzone verraucht. Bin soweit, mich in die europäische Antiraucher-Apartheid zu wünschen.

Halt durch (sag ich mir).
Wie lange?

Dieser spezifisch japanische Egoismus, wo die Leute so tun, als merkten sich nichts von dem, was um sie herum vorgeht; als wüßten sie von nichts, als müßte man sie über das gesamte Leben, auch ihr eigenes, immer von neuem aufklären. Die stellen ihre Tasche neben sich, legen den Mantel über zwei Stühle und wollen nicht merken, daß einer verzweifelt nach einem Platz sucht. Kein Phänomen der Großstadt, ich beobachte es überall. Auch das nachfolgende sumimasen, wenn sie aufmerksam gemacht werden. Aufmerksamkeit, die sich sogleich wieder zurückzieht. Aufmerklosigkeit. Enge in den Köpfen, aber vor allem in den Herzen.

Dazu laute Musik, Bebop, eigentlich mag ich das doch. Gar nicht so laut, oder? Man gewöhnt sich... Nach einer Stunde des Lesens, enmimismado, in einer anderen, fernen, auch nicht ganz stillen Welt – hatte ich mich heute morgen nicht über die Stille mokiert? –, nach einer Stunde des Lesens fühle ich mich wohl in dieser Beengtheit, nicht trotz, sondern fast (!) wegen ihr. In der Enge eingerichtet, oder auch: in seiner kleinsten Größe überwand er... sich selbst? Sogar das Tenorsaxophon aus dem Lautsprecher streichelt meine Gehörgänge, kämmt die Augenbrauen, schmeichelt den Gehirnwindungen.

Der salaryman am Nebentisch, in gottgefälliger Mittagspause: zieht Rotz durch seine Nasengänge, bis hinauf in die Hirnwindungen, immer von neuem, denn der Rotz kehrt zurück, wird verdrängt, sinkt ab, kehrt zurück. Rotzt und schlürft, dieser typische Mann, raucht drei Zigaretten hintereinander.  In einer Hand den Glimmstengel, in der anderen das Smartphone, auf dem er herumtupft, wenn die Zigarette für ein paar Sekunden zwischen seinen Lippen steckt. Von Zeit zu Zeit legt er das Telephon auf den Tisch, um die Eiswürfel in seinem Milchkaffee aufzurütteln.

Leser

Lesen ist nicht besser als Handyschauen. Oftmals auch zwanghaft, das Lesen, unfrei. Natürlich trägt jeder andere Welten mit sich herum, sogar viele Welten, im Buch, im Kopf, im Smartphone. Das Internet ist visueller, das Buch (als Medium) literarisch, das heißt buch-stäblich, gedanklich, phantastisch. Spaltung der heutigen Gesellschaft in literate und illiterate Menschen, letztere speist man mit Bildern ab, genau wie im Mittelalter. Die Literaten natürlich in der Minderheit, eine Elite. Neulich die Studentin, die Instagram vorzieht, weil es dort nicht soviel Text gibt. Facebook ist ihr zu literarisch. Trotzdem, Lesen ist nicht besser als Schauen.

8 Uhr 30, Warten auf das Glück (Musashikosugi)

Sehr alte Menschen leben in der Vergangenheit, oft in ihrer Kindheit. Die fernen Erinnerungen haben sich ihrem Gedächtnis eingeprägt, die „Ereignisse“ von gestern oder vorgestern hinterlassen kaum Spuren. So ist auch die Arbeit der Schriftsteller, der Erzähler, sie schürfen in ferner Vergangenheit, nicht unbedingt in der eigenen. Proust begann erst zu schreiben, nachdem er gelebt hatte. Rimbaud hörte mit dem Schreiben auf, bevor er zu leben begann. Vielleicht um mit dem Leben zu beginnen. (Aber manche leben intensiv, in kurzen Zeitspannen. Oder sie nehmen ohne eigene Erfahrung das von anderen Gelebte auf und geben es wieder. Rimbaud war kein Erzähler, sondern ein halluzinierender Dichter.)

Arno Geiger beschreibt den Alzheimerkranken von außen. Man müßte sich in ihn hineinversetzen, von seiner Art des Denkens aus schreiben. Mein Exil der Träume, ebenfalls von außen.

Triviale Erkenntis, daß wir stets in der Gegenwart leben; triviale Erkenntnis, daß wir Vergangenheit und Zukunft mit uns herumtragen. Aber wir ringen und schreiben um das Triviale. Also leben wir auf allen drei sich ineinanderschiebenden Zeitebenen gleichzeitig. Nicht nur die Schriftsteller, sondern alle. Deshalb konnte mich Héctors Frage bei der Lesung in Mexiko nicht berühren. Selbstverständlich verknüpfe ich die Zeitebenen, wer tut das nicht? Alte und Kranke können sie bloß nicht so gut auseinanderhalten. Und Schriftsteller, Erzähler? Können sie auseinanderhalten, müssen es tun, müssen aber auch die Schleusen öffnen, sie riskieren damit die Verwirrung. Man wird sagen können, daß Alte und Kranke und Erzähler wie Proust eben tiefer in der Vergangenheit leben, allein schon deshalb, weil die Strecke hinter ihnen länger ist als die vor ihnen (es sei denn, sie machen geistige Ausflüge ins Jenseits). Sie haben fast keine Zukunft, und ihre Gegenwart ist schwach, sie wird von Vergangenem durchkreuzt, unterminiert. Sie verlieren sich im Labyrinth, finden nicht den – vermutlich ganz nahen – Ausgang, der auf die Gerade der Gegenwart führt.

Kinder leben rückhaltlos in der Gegenwart und konstruieren da ihre Spielwelten, bauen sie im Handumdrehen auf und ab. Sie scheren sich nicht um das Gestern, machen keine großen Zukunftspläne. In Kierkegaards Schema wären sie Ästhetiker und Erotiker. Ethisches Dasein ist ein An- oder Vorzeichen der Verkalkung. Die früher beginnt, als wir wahrhaben wollen.

Gran Tree, 5. Stock

Abstecher nach Yokohama, um einer Bekannten das vor kurzem in Mexiko erschienene Buch zu geben. Sie stammt von den Philippinen, unterrichtet an der handelswissenschaftlichen Fakultät der Keio-Universität Spanisch, oder irgend tut wenigstens so, denn ernsthaft will hier kaum jemand diese Sprache studieren (sagt sie). Der riesige Kasten, in dem sie ein schmales, längliches Büro hat, neben hunderten anderen Büros, wirkt gespenstisch still und leer, man hört die eigenen Schritte selbst dann, wenn man vorsichtig auftritt. Hinter all diesen gleich aussehenden Türen (trotz der Plakate von Tagungen aller Art, in aller Herren Länder: Kyoto, Hawaii, Cancún) verstecken sich Professoren, Lehrende, Forschende, was tun sie nur den lieben langen Tag? Ob sie hin und wieder herauskommen und miteinander reden? Oder springen sie plötzlich auf, blicken auf die Armbanduhr und eilen in einen Hörsaal zur Vorlesung? Gehen sie hin und wieder aufs Klo? Masturbieren Sie vor dem Computerbildschirm?

Zwei bis drei Zeiten

Es war eine merkwürdige Situation bei dieser Doppellesung im Goethe-Institut in Mexiko, Colonia Roma (der Kindheitsgegend von José Emilio Pacheco), als mich die doch so klare und interessante Frage nach der Mehrzeitigkeit einfach nichts anging. Neben mir auf dem Barhocker – allein unsere Sitzgelegenheit erinnerte mich an etwas: an das Landgasthaus meines Vaters – der ostdeutsche Schriftsteller, der munter plauderte, während das Bewußtsein der gegenwärtigen Präsenz verschiedener Weltzeiten jeden ferneren Gedanken in mir und auch das Sprechen blockierte (während ich plauderte). In Japan herrscht in diesem Augenblick eine andere Zeit, Tageszeit nämlich, dreizehn Stunden voraus oder hinterher, ich verwechsle das immer, und es ist mir egal. Drüben ist Morgen, hier ist Abend, oder umgekehrt. Daher auch mein ungutes Gefühl, wenn ich Telephongespräche über die Ozeane hinweg führen muß. Wie kann jemand mit einer Morgenstimme, mit Morgenbildern vor Augen, sich mit jemandem verständigen, der vom Abend umhüllt ist, sich womöglich schon in die Nacht hinein bewegt?

Statt auf Horacios präzise Frage zu antworten, blickte ich auf meine Armbanduhr, die mir in Japan die japanische Zeit und dazu, wenn ich will, in einem kleinen Kästchen mit verstellbaren Angaben die gegenwärtige Zeit in verschiedenen Städten der Welt anzeigt. Ein triviales, billiges, perfekt funktionierendes Ding, viele tragen sowas am Handgelenk. Leider bin ich nicht imstande, die Angabe der Hauptzeit auf dem Ziffernblatt zu ändern, der Mechanismus ist für meine bescheidenen technischen Fähigkeiten zu kompliziert. Letzten Endes bin ich froh über diese Uhr, weil ich in anderen Ländern, in anderen Zeitzonen nicht herumdrücken oder -drehen muß, um ein unerreichbares Resultat, nämlich die auf die hiesige Gegenwart passende Zeitangabe, zu erreichen. Allerdings: Mexiko ist nicht unter diesen Städten. New York ja, Rio de Janeiro ja, Paris ja, Jerusalem ja – und andere Städte mit abgekürzten Namen, die ich nicht identifizieren kann, vermutlich in Afrika oder Zentralasien. Zum Glück liegt Chile ungefähr am selben Meridian, so daß ich die Zeit von Mexiko-Stadt über die von Santiago erfahre. In Santiago de Chile, tief unten im Süden, ist jetzt Frühling, eine ganz andere Jahreszeit.

Plötzlich, über solche Nichtigkeiten plaudernd, erinnerte ich mich an Weihnachten in Buenos Aires, an die Hitze, den Lärm, die Knallerei, die durchtanzte Nacht, die Obsession der Leute, sogenannten Champagner zu trinken, wenigstens einmal im Jahr. Was sollte mir so ein lärmendes, helles, grelles Weihnachten? Tatsächlich aber sieht man auf alten Bilddarstellungen der Geburtsszene manchmal Palmen. Jesus ist in einem heißen Land geboren, zum Glück, sonst wäre er im Stall erfroren. Vielleicht war es auch nicht Dezember, sondern Mai. Hier aber, in Buenos Aires, der sandfarbene Flußstreifen am Horizont, dazu Telephonstimmen aus dem leise rieselnden Schnee...

Ehrlich gesagt, früher fiel mir das Telephonieren – Fernsprechen – sowieso schwer, ganz gleich, ob sich der andere einen Häuserblock oder ein Bundesland weit entfernt aufhielt. Und später die Anrufbeantworter, das künstliche, antwortlose Sprechen darauf. (Die witzigen Mitteilungen der Anrufbeantworterbesitzer!) Oder skypen im 21. Jahrhundert: Leute zu sehen, die sich an einem ganz anderen Ort befinden, aber man tut so, als gehörte man zusammen. Die Wahrheit ist, die Menschen sind auseinander, während sie mit verborgener Verzweiflung die Verbindung suchen. Die Zeiten gehen auseinander, aber manchmal gelingt es einem Erzähler, mit ihnen zu jonglieren, so daß ein hübsches oder gar atemberaubendes Spiel entsteht, bis eine der Kugeln auf dem Boden oder alle der Reihe nach auf den Handflächen des Jongleurs landen, in den Ausgangsmulden. So nämlich lautet die japanische, kaum einem Japaner bewußte Lehre: daß wir unsere Einsamkeit, dieses Hier- und Jetzt-Sein, verhüllen sollen mit schönen Kleidern oder Uniformen, mit angenehmen Worten und geschmackvollen Stellwänden wie die Hofleute in Kyoto vor tausend Jahren, so lange, bis alles zusammenbricht und neu aufgebaut wird – oder besser, man trägt das Alternde schon vorher behutsam ab, treibt heimlich Generalüberholung, besorgt neue Kleider.

Musashikosugi, die eine Seite Mir bleiben noch zwei Stunden, und die will ich in Musashikosugi verbringen, einem äußerst erfolgreich und rasant hochentwickelten Stadtteil (wie es heißt), den ich bei meinem letzten Aufenthalt vor einem Monat gestreift hatte. Hochentwickelt heißt hier auch, in die Höhe entwickelt, fünfzig, sechzig Stockwerke weit. In eines bin ich hineingegangen, habe in der Portiersloge – einem ansehnlichen Büro mit mehreren Bediensteten – nachgefragt und mit großer Höflichkeit Auskunft erhalten: 59 Stockwerke. Das meiste davon Wohnungen, einige Etagen Büros. Damals hatte ich gesehen, daß sich auf der anderen Seite der Geleise ein anderes Musashikosugi erstreckt, und diese andere Seite wollte ich mir doch ein wenig ergehen.

Musashikosugi, die andere

Die andere Seite... Es war nur ein kleiner Rundgang, eher zur Bestätigung als zur Entdeckung geeignet. Die von Wasserläufen durchzogenen Stadtgegenden haben mich immer schon fasziniert, ähnlich wie damals die Landschaft zwischen den beiden an den Rändern meines Kindheitsdorfs sich dahinschlängelnden, streckenweise zwischen Bäumen und Büschen verschwindenden, von Weiden beschatteten Bächen. In Japan die Bewässerungssysteme, diese kulturelle Durchformung der Natur, die natürlichen Restformen in den Großstädten, Wasser und Himmel und Wolken, Schleichwege zwischen Wohnhäusern, Arbeitspfade, hier und da ein Reisfeld, Gemüsefelder, Bäume; Naturdinge, für die ein Shinto-Schrein bürgen muß, damit sie nicht beseitigt werden. In Musashikosugi, auf der anderen, (noch?) nicht modernisierten Seite, ein dichtes Netz von yousui, die früher den Feldern und Arbeitsstellen Wasser zugeleitet haben und immer noch gehütet werden, allein schon deshalb, weil sie da sind, das heißt: aus Gewohnheit.

Mikamineyousui, glaube ich. Habe die Kanji mühsam in mein Notizheft geschrieben (zu Hause aber nicht im Wörterbuch gefunden). Ein Ortsname? Mit aller Vorsicht angesprochen, schreckt die alte Frau beim Laubkehren hoch wie ein scheues Wild. Gibt dann aber freundlich Auskunft, liest mir die steinerne Erklärungstafel vor, die ich allein kaum entziffern könnte. Wahrscheinlich hat sie sich selbst nie die Frage gestellt, an welchem Ort sie befindet, geschweige denn diese Tafel gelesen. Ihre Friseurin hat ihr einen Afrolook auf den Kopf gezaubert: winzige, rötlich gefärbte Löckchen über ganz und gar japanischen, faltigen Gesichtszügen. Nachdem sie meine Bitte erfüllt hat, widmet sie sich sogleich wieder ihrer Arbeit, und es ist – für sie, für mich –, als wäre ich nie dagewesen.

Im Weitergehen fällt mir das Männchen ein, das in einem in mehreren Terrassen ansteigenden, ziemlich naturbelassenen Park hinter dem Bahnhof von Saijo, Hiroshima-ken, kehrte. Ich konnte den wunderbaren Seerosenteich nicht finden, der an einer Seite vom Schotterweg begrenzt wurde und gegenüber, am Fuß einer Steilwiese, in einem Schilfgürtel endete, und fragte das Männchen danach. Es dauerte eine Weile, bis er verstand, was ich meinen könnte. Der Teich war verschwunden, zugeschüttet, planiert, an seiner Stelle ein unansehnlicher leerer Platz, wie geschaffen für parkende Autos – vermutlich wird er eines Tages „umgewidmet“ werden. Ich fragte das Männchen, warum man den Teich beseitigt habe. Zuerst verstand er meine Frage nicht; dann kam, nach längerem Nachsinnen, die Antwort: „Wahrscheinlich hat er gestört.“

Farbenspiel Und jetzt, hier: ein rotes, ins Rosa und wieder zurück spielendes Einfamilienhaus, das ich sofort als Puppenhaus erkenne: eines jener kulissenhaften Gebäude, in denen die Leute ernsthaft wohnen. Ich nähere mich vorsichtig, kein Mensch ist zu sehen, klopfe mit den Fingerknöcheln an die Ziegel, um mich zu vergewissern, daß sie aus irgendeinem leichten, klanglosen Kunststoff sind. Irrtum, es sind echte, schwere Ziegel, nicht übermalt, aus dem Feuer in diese Rottöne gebrannt.

Disneyfall Zurück auf der anderen Seite, jenseits der Geleise, im Wald der wohnlichen Türme, findest du Gelegenheit, echte Disney-Architektur zu be-irgendwas (-staunen?). Echte fakes... oder falsche Echtheit? Disney-Architektur, das Wort stammt von Chikako, die hier in der Gegend wohnt. Alles Fassade, kein Inhalt. Doch Inhalt, klar: Menschen und Waren, Verkaufsdinge und Funktionsstellen. Der notwendige Schein zu diesen Wesen ist die Fassade. Die ganze Stadt, das ganze Land inzwischen disneysiert. Zum Beispiel das Einkaufszentrum Gran Tree mit dem halb englischen, halb spanischen Namen. Könnte irgendwo in Texas oder Arizona stehen. Oder in Monterrey. Oder am Paseo de la Reforma. Im Foyer Wasserspiele, violette Schnüre, die von der Sonne an der Decke regnen. Im Freien, auf der anderen Seite der Decke, eine Grünfläche mit Bäumen, Kinderspielplätzen, Pfaden und Bogenbrückchen: sonniger Erholungsraum zwischen den Turmschatten. Auf diesem streng abgegrenzten, befestigten Rechteck tummeln sich an Wochenenden und Feiertagen hunderte Kinder, beaufsichtigt von ihrer Mutter, ihrem Vater, die wie überall auf der Welt plaudernd oder aufs Handy starrend am Rand einer der Spielzonen stehen. Beaufsichtigt von den Türmen, den Wolken dazwischen. Heute, am Wochentag, schwacher Besuch, die größeren Kinder sind in der Schule, Kindergartengruppen kommen nicht hierher (abunai?), kein einziges männliches Wesen außer mir – halt, doch, einer, der Großvater in der Raucherecke gleich neben dem Aufgang, während die Großmutter unter einem frisch gepflanzten Bäumchen neben dem Enkelkind hockt. Wir sind hier im fünften Stock, so steht es auf der Informationstafel am Eingang vom Gran Tree, dem großen Baum, der hier nirgendwo zu sehen ist. Oder doch? Auf unserer Augenhöhe, im fünften Stock des neunundfünfzigstöckigen Turms gegenüber, gehen gerade die Lichter an. Zeit für mich, zum Flughafen zu fahren.

Später

Als ich am Hotelturm vorbeikomme, in dem ich einen Monat zuvor genächtigt hatte, blinkt die Erinnerung an einen Traum in meinem Kopf auf, und zwar deutlicher als an jenem Novembermorgen, als ich den Traum, im Bett liegend, in die Tages- oder wenigstens Vorstellungswelt hineinzuziehen versuchte. Die Wolken hingen tief, ließen die Türme verschwinden und verwandelten sich, schon in Bodennähe, in feuchten Nebel, ein stetes Sprühen, das die Welt nicht aufglitzern ließ, sondern abstumpfte. Eigentlich müßte dich die Welt an so einem Morgen einhüllen mit ihren Lappen, man müßte sich geborgener fühlen als sonst, aber man flieht dieses stumpfe Grau und verzieht sich in Träume... Siehst du, Héctor, ich bin jetzt, was ich damals träumte, und wenn ich diese Bilder aufschreibe, lebe ich schon in einer anderen Zeit, umstellt von anderen Bildern, von Dingen und Tönen mit klaren Konturen, einem Herd mit zahllosen Brandspuren, einem abgegriffenen Lichtschalter, einer Flucht von drei bis vier bewaldeten Hügelketten in unterschiedlichen Farbtönen je nach ihrer Entfernung, von Vogelgezwitscher, Kinderstimme und Frauenstimme (ich höre ihr Zuhören) hinter einer Schiebetür. Schichtungen, fürwahr; mille plateaux. Geschickt oder ungeschickt, ich versuche zu jonglieren und bewirke, daß die Bälle, die Schichten, die Bahnen wiederkehren.

So ist das nun mal mit Träumen, wenn man sie aufschreibt, werden sie dünn, fransen aus, bis man nichts mehr in der Hand, auf dem Papier, am Bildschirm hat. Se esfuman, los sueños. Werden Rauch, werden Wind (nicht Schall, höchstens ein Flüstern). Ich lag auf dem Hotelbett umgeben von allen meinen Frauen in allen ihren (unseren) Zeiten, alle waren sie da, nicht viele, ich bin kein Don Juan, nur die, mit denen ich zumindest eine lange oder kurze Zeit zusammen gelebt hatte, die Zeit geteilt hatte, nicht nur die Lust, auch den Schlaf, auch das Nichts, Nichtigkeiten. Und ich spürte sie alle, spürte die Lust, die ich in jenem Augenblick, drei oder vier Monate sind seitdem vergangen, empfand, war eine  außerordentlich intensive, aber auch feine, fast unmerkliche Lust, die sich aus den unterschiedlichen Lüsten zusammensetzten, die unsere Körper einander gegeben hatten und auf diese Weise immer noch geben.

Ich habe sie hier, meine Frauen, will sie hier haben. Erst jetzt (vor zwei Monaten) frage ich mich, ob sie das überhaupt wollen, ob sie auch wirklich hier sein wollen, diese Frauen, hier in meinem Traum, in meiner Vorstellung und schließlich, ja, auf meinem Bett, an meiner Seite, über und unter und neben meinem Körper. Ich frage mich, ob ich sie nicht in gewisser Weise zwinge, also vergewaltigte. Eine von diesen sagte vor etwa dreißig Jahren in einer Pariser Wohnung, die mir nicht gehört, nachdem ich sie durch eben diese Wohnung verfolgt, entkleidet, mit ihrer Strumpfhose gefesselt und von hinten genommen hatte (eine Fake-Fesselung, pures Spiel, von ihr gewünscht und still gefordert): „Du hast mich ja vergewaltigt!“ Und kicherte in sich hinein. Ich frage mich also, dreißig Jahre später, ob meine Einbildungskraft sie und die anderen nicht vergewaltigt hat, und die Antwort ist neuerlich: Nein.

Ich bin überzeugt, während ich am Hotelturm vorbei unter -zig Menschen über den breiten Zebrastreifen in Richtung Musashikosugi-Bahnhof gehe, daß sie selbst diese Versammlung gewollt haben. Ich stelle mir vor und weiß, daß sie an gewissen Morgen im Hotel oder zu Hause ähnliche erotische Versammlungen einberufen, willentlich oder unwillentlich oder beides, zuerst im Traum, dann im Wachen; den Traum ein Stück weit ins Leben hineinziehend, bevor er sich verflüchtigen wird, hasta que desvanezca, genau. Jede einzelne dieser Frauen trägt eine Reihe von Männern mit sich, die alle heiligen Zeiten einmal zusammenkommen; ich selbst bin einer von diesen Männern, eine Nummer im erotischen Zirkus, die anderen Nummern kenne ich nicht, manchmal doch, manchmal flüchtig, aber nie haben wir eine Zeit in der Wirklichkeit im selben Bett verbracht, zusammen mit „unserer“ Frau. In all diesen weiblichen Einbildungsspielen komme ich vor, bin ein Akteur, Haupt- oder Nebenrolle, egal. Und ich bin stolz, darin vorzukommen; die Vorstellung davon ist eine zusätzliche Lustquelle für mich, ein Freispiel gewissermaßen.

In meinem (Wach-)Traum damals, ziemlich erdnah im siebten Stock des Turms, dessen langer Schatten meinen Rücken streift, ehe ich die Bahnhofshalle betrete, erregte mich meine jetzige Frau, die Gefährtin meiner wirklichen Tage, am meisten: diese Lust stach hervor wie eine blaue Flamme aus roter Glut. Vielleicht, weil meine Frau die schönste und liebste und schwierigste ist. Vielleicht aber auch nur, weil sie in der Wirklichkeit jeglicher Vorstellung am nächsten kommt. Anders gesagt: weil sie erreichbar ist. Wieder anders gesagt: weil unsere Geschichte Gegenwart ist.

Flucht in den Traum

Bahnsteig in Yokohama
mucksmäuschenstill
Hunderte Leute, die warten
über ihr Handy gebeugt

Was bleibt

A: Man beugt sich über Bücher, nicht über Handys. Handys hebt man wie einen Handspiegel vor sein Gesicht.
B: Und diese Leute beugen sich über ihr Handy; vielleicht lesen sie ja darin. Die Stille könnte man sich vorstellen wie die Stille zwischen den Bücherwänden einer Bibliothek.
A: Luftwurzelbibliothek?
B: Vielleicht, ja.

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