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Tokyo Fragmente

Tokyo Fragmente 19

 

Auf dem Weg in Richtung Shibuya durch das Arisugawa-Wäldchen, heute besonders stark der Eindruck, ein Zauberreich zu betreten. Niesen als Zeichen des Übergangs aus einem heißen Milieu in ein kühles. Von der Stadt in den Wald, von der Helle ins Dunkel, von der Blendung durch all die Spiegelungen, die verdoppelten und vervielfachten, schließlich verrücktspielenden Sonnenstrahlen in die ruhige Blindheit – oder zur Wahrnehmung des Schimmerns und Leuchtens, wo das maßvollere Licht nicht von außen zu kommen scheint, sondern von innen, aus den Dingen, den Blättern, den Tümpeln, den Grasbüscheln, sogar von den Menschen.
Und das Austreten dann, ohne Zögern, bereit zu dem Widerstand, der im Zauberreich unnötig ist (dort läßt man sich umschmeicheln).
Noch einmal geniest. Los geht’s.

*

Chiaroscuro

Kann sein, daß ich nur zum Nachdenken hierher komme. Wie an so viele Orte, nur um ein wenig anders denken zu können. Und zu erkennen, beispielsweise, daß man sich als Autor nicht einordnen muß. Nicht einordnen soll. Kein Ort, nirgends. Unverbrüchliche Einsamkeit, und das ist gut so. Man steht, nein, schwebt über den Jahrhunderten. Da und dort läßt man sich nieder, lässt sich herab, wie ein Fallschirmspringer in Zeitlupe. Wie der gemobbte Junge mit dem Regenschirmballon in der letzten Verfilmung von Das fliegende Klassenzimmer. Chronisches (chronologisches?) Nomadisieren. Gegen die Zeit. Vorbild (Vorläufer) Nietzsche.

*

Shimokitazawa. Fast so ein Ort wie Greenwich Village, als ich in den frühen siebziger Jahren, noch ein rechtes Kind, in New York umherflanierte. (Bob Dylan war achtzehn, als er dort ankam, die Blütezeit des Viertels schon vorbei.) Damals kaufte ich mir in einem der Secondhandläden ein Gefängnisinsassenhemd mit Registrierungsnummer, das mir viel, wirklich viel zu groß war und in der österreichischen Provinz die paar Mal, die ich es trug, entrüstete Blicke auf sich zog. Auch in Shimokitazawa, wo sich kleine Läden, Boutiquen, Cafés, Bars, Pachinkohallen, Theater, Kinos, Live-Houses drängen – auch in Shimokitazawa gibt es Secondhandläden, aber sie sind, erwartungsgemäß für einen Wahljapaner wie mich, so proper wie Firsthandläden, alles gewaschen, genäht, sauber, mit sauberen Flecken, und relativ teuer. Ich hatte schon beschlossen, mich wieder in die Wäldchen von Tokyo zu begeben oder weitere Geländewellen, Hügel und Steilhänge zu erkunden, die das Häusermeer überspielt und versteckt und plötzlich doch freigibt und zeigt, als ich auf Tollywood stieß; und zwar nur deshalb stieß oder gestoßen wurde, weil mich die Besitzerin eines mit pseudokünstlerischen Gegenständen vollgestopften Ladens durch eine der Fensterscheiben durch Zeichen darauf hinwies, daß es verboten sei, durch die Fensterscheiben zu photographieren (das Pickerl mit rot durchgestrichener Kamera neben dem Eingang war mir nicht entgangen). In diesem Moment spiegelte sich die Gegenwelt in der Scheibe, sodaß ich mich umdrehte und dachte, Frau, was kümmert mich dein Geschäft, und beschloß, in diesem altgewordenen Neubau gegenüber nachzusehen und herauszufinden, was das Schild unter den fünf oder zehn Apartment-Stockwerken zu bedeuten hat: Tollywood, im zweiten Stock (nach japanischer Zählung). Der Zugang oder die Zugänge, mehrere, waren dunkel, undurchsichtig, verwinkelt, das Schild nicht zu übersehen. Nur Zufälle führen mich an Orte, an denen sich etwas eröffnet, eine andere Welt in dieser. Die Durchlässe sind manchmal leicht zu finden, manchmal bleiben sie verborgen.

Kino oder Wirklichkeit?

„Tollywood“ heißt ein Kino, das zirka dreißig Leuten Platz bietet, knallgelbe Stuhlreihen hat und digital bespielt wird. Ich beschloß, den nächsten Film anzusehen, Beginn in vierzig Minuten, also kaufte ich mir eine Eintrittskarte und schlenderte noch ein bißchen herum, vorbei an einem spitzigen, keilförmigen Haus, an dem sich ein Weg gabelte oder die Kreuzung sternte, wie man’s nimmt – se estrellaba el cruce, wie der Argentinier sagt, aber das hieße dann, daß das Haus zerschellte, was auch nicht ganz zutrifft; der Schiffsbug jedenfalls behängt mit Hippie-Kleidern und -Schuhen, die von Hippie-Omas und -Opas mit violett und grün gefärbtem Haar gekauft werden; dann zurück auf dem anderen der zwei Wege, wo kurz sich der besagten Kreuzung ein Café mit einem nierenförmigen Planschbecken neben dem Eingang befand, ein Tisch und zwei Stühle im seichten Wasser. Der Besitzer kam gerade bei dieser Tür heraus und sperrte sie ab, nahm schlagfertig mein Scherzwort auf: Natürlich sei das keine Sitzgelegenheit für Gäste, aber ich könne gern Platz nehmen, si vous voulez bien vous déchausser... Das Café war eine Bar, die erst um zwanzig Uhr öffnete, „unterhaltsam“, entgegnete der Mann, seinerseits ein gealterter, jedoch wohlgepflegter Hippie, auf meine Frage: tanoshiiyo, und ich versprach, demnächst einmal zu kommen, tat es dann aber nicht, obwohl ich das ernstlich vorhatte. Gut, es war so weit, gleich 16 Uhr, die vorletzte Vorstellung dieses Films, vielleicht für alle Zeiten und alle Orte die vorletzte.

Außer mir waren noch vier andere Zuschauer in dem kleinen Raum, allesamt Frauen, während die Figuren im Film fast alle männlich waren, die Regisseurin hingegen eine Frau. Zur Eingangstür des Kinos gelangt man wie in den Vergnügungsvierteln oder den shotengai durch einen schmalen Gang, und auch der Kassen- und Eintrittsbereich ist eng, das Licht gedämpft, vier Wartestühle an der gelblichen, mit Filmplakaten geschmückten Wand; die Kassa verwaist, der ganze Laden wird von einem einzigen Mann bedient, der den Vorführer, Kassier und Kartenabreißer gibt. Derselbe Ort kommt im Film vor, den ich gleich sehen werde, sogar die Plakate sind zum Teil dieselben, eines davon kündigt den ersten Les Garçons-Bonbons-Film an, sein Nachfolger trägt den Untertitel L’Oiseau-du-paradis. Zuckerjungs, Bonbonboys... und Paradiesvogel. Passende Titel, Ironie vermag sich nicht selbst anzuzeigen, spart sich daher aus (würde Walter Benjamin oder einer aus seiner Epigonenschaft dazu sagen). Der Garçons-Bonbons-Film aber reflektiert dauernd auf sich selbst, das heißt auf seinen Vorläufer, und auf den Ort, an dem er gedreht wurde, er stellt diesen Ort auf hartnäckige, in seiner Hartnäckigkeit wiederum ironische Weise aus: Das hier ist das Kino, in dem ihr diesen Film gerade seht, an einem anderen Ort werdet ihr ihn (vielleicht) nicht zu sehen bekommen. Das hier ist Shimokitazawa, und das ist eine der Kneipen um die Ecke, und das ein verstecktes Schwulentheater, gleich nebenan, und das hier ist das Matsuri von Kitazawa, beim Hachiman-Schrein, weißt du... Klar weiß ich, dort habe ich mich letztes Jahr herumgetrieben, oder war’s vorletztes, als ich Meister Oe besuchte, der ebenfalls gern von Schwulen, Bisexuellen, Hermaphroditen und anderen Ausschweifenden spintisiert, aber ein stilles Familien- und Arbeitsleben in einem der gutbürgerlichen Bezirke jenseits von Kitazawa, doch ganz in der Nähe, führt.

Zuckerbube

Aber was ist das eigentlich für ein Film? Ein Melodram jedenfalls. Am Anfang paradiesisch, plötzlich fällt man aus der Großstadt in einen Zauberwald (hergestellt mittels Filter und Weichzeichner), genau wie in der Wirklichkeit von Tokyo. Der umschwärmte Paradiesvogel, ein hochgewachsener, schweigsamer, femininer Junge mit schulterlangem Haar, wird später getötet. Ein Drama wie von Shakespeare, Macbeth, blutrünstig, ohne Machtgier, getötet wird aus Eifersucht, es fließt soviel Blut, daß man sofort weiß, es ist Spiel. Übermaß als Ironiesignal, das Vergossene wird zum langen, langen Königsmantel, Königsteppich. Dazu Ballett, ein Tänzer, melodramatische Musik, Tschaikowski, Schwanensee. Schwule Ästhetik: Schwelgen in Schönheit und Schmerz. Weichheit und Härte. Oper, Ballett. Üppigkeit, reiche Ausstattung, Kostüme. Barock. Nicht zufällig sind Ballettänzer in aller Welt schwul. Die Ballettschulen, in Japan hochbeliebt, werden ausschließlich von kleinen Mädchen besucht. Sieht man dort doch einmal einen Jungen, dann einen bockigen, der seine Eltern zu hassen beginnt für das, was sie ihm antun. Oder er wird schwul.

Not to be continued. Oder hieß es doch: To be continued? Habe ich diesen Schriftzug am Ende des Films gelesen, an der Leinwand? Jedenfalls ist der Satz, einmal positiv einmal negativ, mit dem Film in meinen Kopf gekommen. Vielleicht ist damit nur gemeint, daß zwei Zuckerjungenfilme reichen, es wird keinen dritten geben. To be continued, das hieße work in progress, wie dieses Buch hier, das langsam seinem Ende zugeht. Wie jedes Tagebuch. Wie jedes Leben. Obwohl man irgendwann die Wende mitbekommt, meistens zu spät, immer zu spät, und man spürt, daß es, wenn auch langsam, sehr langsam, zu Ende geht. Not to be continued: nehmen wir diese Version. Ende. Erstaunlich in diesem Film sind die Wechsel, wie viele es davon gibt, Wechsel zwischen Ebenen, Geschichten, Outfits, wildes Hin und Zurück, Her und Fort. Wechsel zwischen Symbolik und dem, was man so „Wirklichkeit“ nennt. Plane Wirklichkeit. Plain reality. Von der Kneipe, wo die jungen Leute jobben, ins Kammertheater, in den Zauberwald, in die Tragödie. Das Mädchen, eins von den wenigen, von zweien, das dritte entpuppt sich am Ende als Mann, oder entpuppt sich nicht, aber der Zuseher glaubt diese Gewißheit zu haben, also: die Anführerin im Trupp der Kellner schlägt die Zuckerjungs gerne mal auf den Kopf, wie es die Mädchen mit den Jungs in der Wirklichkeit gern tun, sie verteilt Kopfnüsse, und auf der anderen Ebene, der bombastisch inszenierten, werden die Nüsse zu Schüssen, der weiße Unterarm wird zum blanken Messer.

Postmoderne? Ja, wenn das heißt, daß sowieso alles vermischt werden kann. Und vermischt wird, auf Teufel komm raus. Bei Kafka gab es noch die eine Verwandlung, und Murakami H. konstruiert schön die Durchlässe, die Doppelmondwelten, das überschaubare Hin und Her zwischen zwei Welten, die man seit unvordenklichen Zeiten fantasy und reality nennt. Aber hier, bitte, ist der gemeinsame Raum, wenn es einen solchen noch gibt, an allen Stellen durchlöchert, man schlüpft und fällt ständig heraus und hinein, von hier und nach dort, wie man in Kleider schlüpft, die man eine Weile trägt, dann ablegt, Identitäten, Verkleidung. Und die Szenerien selbst weisen nicht nur ein Element auf, das aus einer anderen, mutmaßlich wirklichen Welt stammt, wie das bei Traumdarstellungen üblich ist, wenn der Träumer sich fragt, ob er das, was er geträumt hat, vielleicht doch wirklich erlebt hat, also ob an der Geschichte was „dran“ ist, und dann findet er irgendein Ding, ein Tuch, einen Zettel, eine Schraube, eine Botschaft, einen Schuh, irgendwas, das wirklich da liegt und auch im Traum vorgekommen ist, der also möglicherweise doch kein Traum war – nicht ein Element, disais-je, sondern beliebig viele Elemente, hier im Film, antike griechische Säulen und altjapanische Schwerter, Kimono und himmelblaue Perücke (oder eher: die Farbe von blauem Speiseeis, sog. Kaugummieis), Tatami und Burgmauern (aus Pappe vermutlich). Die Welten kippen dauernd auseinander. Und ineinander. Und man gewöhnt sich daran, am Ende strahlt dieses Flimmern der Phänomene und Geschichten, der Phantome und der Burschen, der mal so, mal so geschminkten Gesichter eine eigenartige Ruhe aus.

Großes Matsuri (im Film + in der Wirklichkeit)

Es gibt in dem Film, Les Garçons-Bonbons 2, sogar Massenzenen, die an die Tradition der großen epischen Filme erinnern – Eisenstein, Visconti, Kurosawa –, ganz simpel und billig produziert, ohne Komparsen; Dokumentarfilmeinsprengsel in die Irrealität, die zugleich witzig sind, ironisch, in alle Richtungen verweisend, weil die Zuckerjungen mitten in der ernsthaft-fröhlichen Menge als Mikoshi-Träger auftreten, mit der Göttersänfte auf ihren Schultern. Im Grunde genommen habe ich hier, im Tollywood, einen hochkünstlerischen, wild-komplexen, chaosmotischen Lokalfilm gesehen, eine Shimokitazawa-Selbstdarstellung mit dem Mikrolichtspieltheater in seinem Zentrum, als Auge des Taifuns, den die Schwulen inszenieren. Ob es hier wirklich viele solche Clubs gibt? Eine tagsüber, wenn man so herumflaniert, unsichtbare Homo-Fauna? Wäre ich Ethnograph – ich bin es ein wenig –, ich würde der Vermutung sogleich nachgehen, würde meinen Forscherinstinkt spielen lassen. In Wirklichkeit bin ich nicht einmal in die Bar mit dem Plantschbecken, in dem sich die Gäste die Füße naß machen, zurückgekehrt. Nächstes Mal...

In Japan „gibt“ es Schwule (wie überall), Homosexualität wurde in der Geschichte kaum verfolgt, Yukio Mishima, in einem seiner Leben ebenfalls ein braver Familienvater, hat mit den Bekenntnissen einer Maske eine exemplarische Entwicklungsgeschichte eines jungen Schwulen verfaßt und sich den Homo-Heiligen Sebastian zum Sinnbild erkoren. Er könnte gut und gern in Les Garçons-Bonbons auftreten, der Gepfeilte mit dem schmachtenden Blick. Tut er aber nicht (nächstes Mal…). In Japan „gibt“ es Schwule, aber sie zeigen sich kaum, obwohl niemand sie zwingt, sich zu verstecken. Kann sein, daß die Scham fortwirkt, von der Mishima erzählt.

Kleines Matsuri (in der Wirklichkeit)

Doch, manche zeigen sich, sogar in der Provinz, bei mir in der Umgebung des Büros, wo ich gerade schreibe, und man sieht sie, sieht sie nicht, übersieht sie wie den schlanken Mann, der im Sommer in Hot Pants herumläuft und im Winter in Frauenschuhen mit hohen Absätzen und immer mit langem, seidig glänzendem Haar, das ihm über die Schultern fällt. Ich weide mich an seinem Anblick, am leichten Schwingen seiner Hüften, aber gesprochen habe ich nie mit ihm. Niemand außer mir scheint ihn zu beachten. Was, der soll schwul sein? Wie kommst du darauf? Dabei weiß man – oder wissen nur ein paar Wißbegierige? –, daß zum Beispiel in den Call Centers fast nur Schwule arbeiten, weil sie eine angenehmere Stimme haben, schöner sprechen und die Kunden nicht sofort abschrecken, wie es die grobschlächtigen heterosexuellen Männer tun. Junge Frauen und Schwule jobben dort, keine Hetero-Typen. Aber die süßen garçons aus dem Film, sind sie überhaupt schwul? Oder sind sie „nur“ Schauspieler, die ihre Rolle spielen?

Im übrigen erinnert das postmoderne Durcheinander im Kitazawa-Paradies doch ein wenig an das Reservat der Verrücktheit, das die zahllosen Variety-Shows des japanischen Fernsehens dem Normalverbraucher bieten. Geplapper, billige Witze, skurrile Einfälle, Dummheiten, schrill-bunte Cosplay-Personen, bärtige Frauen und Männer in Rock und Bluse, die all das repräsentieren, was der Normalverbraucher niemals tun und zeigen darf. Repräsentation dessen, was nicht ist. Oder doch ist, hinter den Fassaden von Shimokitazawa. Die Regisseurin, Leona Hirota, auf dem Kinoplakat und im Abspann Léona, mit accent aigu, um den Nouvelle-Vague-Touch zu akzentuieren (noch eine Assoziation: die chaotischen Filme von Godard), ist in Japan vor allem als Schauspielerin bekannt, die in Fernsehserien und manchmal auch in solchen Shows mitgewirkt hat. Der unwahrscheinliche visuelle Cocktail, den Les Garçons-Bonbons darstellt, ist wohl auch eine – parodistische? – Reaktion auf die japanische Fernseh-Variety-Ästhetik. Und das Ergebnis wird die täglichen Variety-Schauer des TV-Mainstreams, die sich sowieso nie nach Shimokitazawa verirren, einen feuchten Dreck interessieren. Zu verwirrend. Den Vorwurf kenne ich. Bei aller Flexibilität wollen sie an einer, maximal zwei Leinen geführt werden. An der Linearität der Geschichtchen.

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Normaltag (no sex)

Die Zuckerbuben haben auch etwas von den sogenannten idols, „aidoru“ in japanischer Aussprache, den idol groups, denn meistens treten sie in Gruppen auf. Es gibt eine regelrechte Industrie, die diese lebendigen Figuren, männlich wie weiblich, produzieren und vermarkten. In unserem Zusammenhang interessiert die männliche Variante: sanft, hübsch, toupiertes Haar, auffällig oder unauffällig gefärbt, das Gesicht mehr oder minder dezent geschminkt. Wenn sie als Musiker, meistens Sänger, auftreten, geben sie Popmusik aus der Retorte zum besten. Lieb und makellos wie Maskottchen, ecken sie nirgendwo an und sagen immer das, was man von ihnen erwartet. Zuckerbuben, auf andere Art als die garçons von Leona Hirota, die in einer gefährlichen Halbwelt gedeihen. Verehrt werden die Idol-Boys von Schulmädchen ebenso wie von der Generation ihrer Mütter, die ihr Dasein gewöhnlich als Hausfrauen fristen und eine vage Sehnsucht verspüren, in welcher ein Rest von Erotik schwelt. Diese von den Idols ausgestrahlte, sichtlich antrainierte Erotik-light vermeidet jeden Schmutz und schließt schmutzige Phantasien aus, sie leistet dem unbewußten Ideal der Geschlechtslosigkeit Vorschub, das sich in der Gesellschaft breitgemacht hat. L’Oiseau du paradis handelt während seiner gesamten Dauer von Erotik und Sex, aber auch in diesem Film des Off-Off-Kinos, den Youtube-Kommentatoren für sinnlos und geistesgestört halten, wird Erotik und Sex immer nur als Spiel – im Spiel im Spiel… – gezeigt; als etwas, das man sich gegenseitig vormacht, aber nicht praktiziert.

Als ich einmal in einem Essay, der in einer Tageszeitung abgedruckt und online gestellt wurde, aufgrund von japanischen Erfahrungen und mit Bezug auf eine konkrete, lebende Person das Epitheton „geschlechtslos“ verwendet habe, bin ich in einen regelrechten Shitstorm geraten. So etwas darf man nicht sagen, auf den seltsamen, paradoxen Widerspruch von Moralisierung und Erotikbesessenheit, von allgegenwärtiger Pornographie und immer strenger geregelten zwischengeschlechtlichen Umgangsformen, auf dieses Paradox des 21. Jahrhunderts aufmerksam zu machen, bringt die Gemüter der Mainstreamgesellschaft in jene Rage, in der sie so gern schwelgen.

Kino oder Wirklichkeit?

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Der letzte japanische Film, den ich vor den Garçons in einem Kino in Tokyo gesehen hatte, war Odayaka no nichijou, das Sozialdrama vor dem Hintergrund der atomaren Katastrophe in Fukushima. Ein ganz anderes Genre, halb dokumentarisch, mit größtem Ernst erzählt, keinerlei Ironie, totemo majime – die andere der beiden Grundtendenzen in der zeitgenössischen japanischen Kunst, auch Literatur. Fünf Jahre ist das her; ein Jahr zuvor, wenige Wochen nach dem Tsunami in Tohoku, hatte ich begonnen, diese Tokyo Fragmente hier zu sammeln, zu schreiben und umzuschreiben (zu umschreiben?). Alles hat sich normalisiert, wie immer in diesem normalitätsversessenen Land, letzten Endes liegt genau hierin eine seiner Stärken. Zu normal? Vielleicht. Viele Atomkraftwerke sind wieder in Betrieb genommen worden. Die Regierenden wollen dem Land eine Streitmacht wie vor dem letzten Krieg verpassen.

Sechs Jahre schreibe ich schon an diesem work in progress. Es wird keine Auflösung geben, nur ein willkürliches Ende, einen letzten Schnitt. Oder doch eines, das sich aus den Dingen und ihren Geschichten ergibt? Das Show(a)-ten ist verschwunden, die Hoffnung, es wiederzufinden, gleich null. Die Showa-Zeit geht zu Ende, das spüre ich immer deutlicher. So kurz vor dem Ende ist Resignation die bessere Wahl. Wider die sinnlose Empörung!

Ich muß an Canetti denken, ob ich will oder nicht. Der den Tod partout nicht akzeptieren wollte. Wie der Ritter im Siebten Siegel, der im Ernst glaubt, seinen Gegner beim Schachspiel besiegen zu können. Inzwischen sehe ich Canetti manchmal als kleinen Bruder an meiner Hand. Früher war er eher so etwas wie ein gestrenger, Respekt einflößender Vater. Er war klein gewachsen, oder? Vielleicht deshalb seine Empörung.

(Bei Schriftstellern gibt Wikipedia die Körpergröße nicht an, nur bei Sportlern und Pornosternchen. Wie wär’s mit einem Maß der Geistesgröße?)

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Bloß keine Resignation!

Wenn ich in Tokyo bin, lese ich Zeitungen, auf Papier gedruckte, was ich in der Provinz fast nie tue, allein schon deshalb, weil englischsprachige Zeitungen dort kaum verkauft werden. Japanischsprachige kann ich nicht lesen, was mich regelmäßig deprimiert. Meine hartnäckigen Versuche, eine größere Zahl chinesischer Zeichen zu erinnern, waren bisher erfolglos, und die Wahrscheinlichkeit, daß die Mühe doch noch fruchtet, wird immer geringer. Also, wenn ich mir doch einmal Japan Times oder Daily Yomiuri kaufe, lese ich die Zeitungen von vorn bis hinten durch, wie ich es früher oft getan habe. Das Internet – Online-Ausgaben – fördert ein solches Verhalten nicht, man begnügt sich mit einem kleinen Teil des Ganzen, das in der Internetwelt ohnehin nie in den Blick kommen kann, und springt weiter, springt, springt, erschöpft sich in flüchtigen Eindrücken von Dingen, die man sogleich vergißt.

Aber hier, Schwarz auf Weiß, was ich da alles gelesen habe, allein in der Ausgabe vom 29. Juli, und was davon geblieben ist: Die Regierung hat eine Karte mit den Orten veröffentlicht, die für die Lagerung von Atommüll in Frage kommen. Wenig überraschend, daß das spärlich besiedelte Hokkaido am meisten Platz für diesen edlen Zweck bietet. Auch Tohoku, wo vor sechs Jahren der Tsunami Verwüstungen anrichtete, ist geeignet. Und die Präfektur Hiroshima, ebenso Shikoku. Unsere kleinen Inseln... Ungünstig sind Gebiete mit aktiven Vulkanen und erdbebengefährdete Zonen, active fault lines heißt das auf englisch.

Auf einer anderen Seite erfahren wir, daß die Lebenserwartung der Bevölkerung weiter gestiegen ist und Japan mit 81 bzw. 87 durchschnittlicher Lebenszeit (Männer bzw. Frauen) im weltweiten Ranking an zweiter Stelle liegt, knapp hinter Hong Kong (was mich überrascht, die hohe Lebenserwartung in dieser extrem dicht besiedelten, unterhaltsamen Stadt). Unter den Gründen für dieses schöne Ergebnis wird neben verbesserter medizinischer Behandlung die gesunkene Häufigkeit von Selbstmorden angeführt, was wiederum auf neue „Gegenmaßnahmen“ zurückzuführen sei. Die Alten und die Lebensmüden, so scheint es, werden durch Technik und Überredung am Leben erhalten.

Im Sommer bleiben die meisten Bürger zu Hause. Die Schulferien dauern – landesweit gleich – von Ende Juli bis Ende August, aber die eigentlichen Ferien, in denen viele Büros und Firmen geschlossen sind, beschränken sich auf die paar Tage rund um Allerseelen Mitte August. Drei Viertel der Befragten gaben an, sie würden in den Ferien zu Hause bleiben, an ihrem Wohnort; ein Viertel will „zurückkehren“, kaeru, ebenfalls nach Hause, an den Ursprung, das heißt an den Ort, von dem die Familie herstammt und wo die Eltern oder Großeltern oder Urgroßeltern immer noch leben – eine in Japan verbreitete Gewohnheit. Zehn Prozent reisen ins Ausland; wohin, steht nicht im Artikel, vielleicht nach Hawaii, das inzwischen touristisch kolonisiert wurde (also kein echtes Ausland), oder London-Paris-Rom, drei Städte in einer Woche.

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Die Überlagerungen der Wahrnehmung, sorgfältig beschrieben in Yukiguni von Yasunari Kawabata. Den Faltungen der Wirklichkeit nachspürend, die Ebenen auseinanderhaltend, aber auch ihr Ineinander darstellend, die Schwankungen und Unbestimmtheiten. Das Gesicht einer jungen Frau, das sich in der Fensterscheibe des Zugabteils spiegelt, und die draußen vorbeiziehende, folglich wechselhafte Landschaft, die hinter der Folie des Gesichts erscheint, und die Erinnerung Shimamuras an die Frau, wegen der er ins Schneeland fährt, und seine Phantasie, die ihn in den fragmentarischen Gesichtszügen der Mitreisenden die Geliebte ahnen läßt...

Sorgfalt: Das vielfache Sehen.

Das Vielfache sehen.

Mehrfach

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In Akabane steige ich aus der gekühlten U-Bahn in die Hitze, die mich wieder einmal schockiert, das heißt körperlich angreift, aber dann gewöhnt sich der Körper langsam, sehr langsam daran. Hitzebeständigkeit. Der Fluß zieht mich an, die Ahnung des Flusses, der der Karte zufolge in dieser Richtung liegen müßte, aber in Wahrheit gelange ich zu einer dieser Anhöhen, in die man steile Treppen gebaut hat und Terrassen, von denen aus der Flaneur plötzlich einen Blick über die städtische Weite hat. Dort, ja, dort drüben ist ein Damm, der Scheitel einer Bogenbrücke, dort muß der Fluß dahinziehen. Es ist windig hier oben, dadurch etwas kühler, besonders am Rand eines kreisrunden Platzes. Egentlich sind es drei Kreise, die Hauptfläche eingefaßt von einer geteerten Bahn und diese von einer Rinne, in der sich das Regenwasser sammelt bei Regen, damit es ordnungsgemäß abfließen kann. Was wird hier – nicht in der Hitze, sondern an milderen Tagen – gespielt? Baseball braucht eine andere Fläche, also vielleicht Catchball (mit Baseballhandschuh) oder dochiboru, Völkerball (wie das „zu meiner Zeit“ hieß). Umherlaufende Kinder: jetzt nicht; keine Menschenseele, nur ein Mann mit Rosa T-Shirt auf einer Steinbank unter einem der wenigen ausladenden Bäume. Im Hintergrund das Kita-ku-Krankenhaus, so die Aufschrift, die mir sagt, daß ich mich in der Nordstadt befinde, also am Herkunftsort von Hiroji Miyamoto und den anderen Mitgliedern seiner seit 35 Jahren bestehenden Band The Elephant Kashimashi. Hierher wollte ich immer schon mal, nachsehen, wie die Nordstadt wirklich aussieht, die in meiner Phantasie eine Satellitenstadt mit Wohntürmen war, durch die der kalte Wind pfeift. Jetzt stürzt sie im Nu zusammen – einstürzende Neubauten, was sonst – und an ihrer Stelle wächst, gleichfalls im Nu, eine ziemlich normale, bürgerliche Wohngegend, heran. Miyamoto, wenn man ihn auf Musikvideos sieht, macht einen vage proletarischen Eindruck, aber das ist wohl nur Rock-and-Roll-Rhetorik – ein Stil, für den sich die Jungs am Ende der Showa-Zeit entschieden haben und den sie bis heute beibehalten haben. Treue Jungs, treue Band.

Dazu paßt der rundschädelige Mann im rosa T-Shirt, der schon beim ersten, vorsichtigen Seitenblick gar nicht so bürgerlich wirkt. Mit seiner schwarzen Mütze – stil- oder krankheitsbedingt? – sitzt er im Lotossitz auf der Bank wie Buddha auf dem Blütenblatt, mit funkelnden Ringen an den Fingern und einer großen, breitbandigen Uhr am Handgelenk und einer Halskette mit Silberding, einem Figürchen, das ich nicht zu identifizieren vermag. Seine Schuhe, hohe weiße Basketballschuhe, stehen vor der Bank. Breite Schultern, gewölbter Bauch – um die fünfzig, der Mann. Hat die Augen geschlossen, meditiert, bereitet sich auf eine Operation vor – als Arzt oder als Kranker? Als er weggeht, nicht zum Krankenhaus, sondern in die Gegenrichtung, sehe ich an seinem Rücken einen großen dunklen Fleck unter seinem rosa T-Shirt durchscheinen. Tätowierungen. Der Mann ist ein Yakuza. Er verschwindet hinter einer Tür, die zu einem von weißen Wänden umstellten Vorplatz führt, der zu keinem Haus gehört, jedenfalls ist kein Haus sichtbar, das Anwesen vielleicht nur eine ewige Baustelle, work in progress, das virtuell bleibt: der Mann verschwindet im Nichts wie eine Figur in einem epischen Film, wie Harry Dean Stanton, der mit dem schmalen Vogelkopf, in der texanischen Wüste.

Nordstadt

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Eine junge, behelmte Briefträgerin stellt ihr rotes Mofa ab, springt über die Einfriedung, läuft durch den Vorgarten und weiter in den Eingangsbereich des großen, vielstöckigen Wohnhauses.

Eilnachricht!

Aber... Was kann so wichtig sein?

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Ah, es geht darum, Leistungen zu erbringen. In einem fort und so gut wie möglich. Auch in der Freizeit.

Die Baseballkinder, die in der planierten Aulandschaft unweit der Stützsäulen der Autobahnbrücke unter dem tiefen und weiten, weiß- und schwarzwolkigen Himmel mit blauen Öffnungen von ihrem Trainer orientiert werden, und die Grilltypen in voller Ausrüstung, mit weißen Handschuhen, die bald schwarz sein werden (eine Packung liegt bereit), und die uniformierten Radfahrer mit stromlinienförmigen Helmen, genoppten Schuhen, dünnen Oberkörpern und dicken Schenkeln, und ein Blinder mit Taststock im glänzenden Dress, der vorsichtig, mit angestrengter Miene, läuft auf der endlosen Asphaltbahn unter dem Damm, doch immerhin, er kann einen Sport ausüben, den er sich in den Kopf gesetzt hat...

Die Fläche, auf der gegrillt werden darf, ist umgrenzt, geöffnet von 9 bis 17 Uhr, um 16 Uhr bitte das Feuer ausmachen und mit dem Aufräumen beginnen. Rezeption, Aufsicht, Spülplätze, Toiletten, Erste Hilfe. Eintritt 500 Yen.

Vorstadt im Norden

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Die Enge der Gäßchen in diesem Wohnviertel von Akabane, die Schmalheit des Raums zwischen den Haus- und Hüttenwänden, eigentlich Pfade, oft nicht asphaltiert, wo sich der Fremde als Eindringling fühlt, wenigstens anfangs, später merkt er, daß sich die wenigen Bewohner, die ihm an diesem Hitzetag begegnen, gar nicht für ihn interessieren, ihn vielleicht sogar ihrerseits, trotz seines fremdländischen Aussehens, für einen Bewohner halten, wegen seiner fast einheimisch wirkenden, japanisierten Bewegungen und Gesten, in diesem verwirrenden Labyrinth, das ihn beizeiten ausspeien wird: vor die Füße eines hellerleuchteten Konbinis. Der schmale Raum ist öffentlich, doch er wirkt privat, die Privatheit ist zurückhaltend, zurückgehalten, aber nicht vollständig zurückgehalten, sie hält sich mit einem gewissen Offensein die Waage dank der Stell- und Trennwände und Jalousien, die nicht vollständig verbergen, sondern Ahnungen zulassen und Neugier wecken. Dort die Schuhe vor der Schwelle, der Schatten eines Arbeitenden oder einer Nähenden, die Silhouette von zwei Plaudernden oder Essenden. Schatten, Schatten, Spälte waagrecht und senkrecht. Blickdurchlässe. Dämmer. Augenblickliches Öffnen, Verschließen. Strommasten. Blumenstöcke. Fahrräder. Geruch von Sojasauce, jetzt, am Nachmittag…

Akabane

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Einmal, letztes Jahr, aßen wir bei den Suzukis zu Abend, ohne den Familienvater, der auf Dienstreise war. Die drei wohnen recht beengt, wie in Tokyo zu erwarten, in einer mehrstöckigen, labyrinthischen Wohnanlage mit mehreren Pavillons, die in das hier sehr unregelmäßige Gelände gebaut sind, sodaß man, wenn man sich beispielsweise auf der vierten Etage befindet, das Gefühl hat, im Erdgeschoß zu sein, und erst, wenn man die Wohnung durchquert und zum Fenster hinausschaut, bemerkt, wie tief es da hinuntergeht. Gegenüber liegt ein Schulgebäude mit einem kleinen, dicht wuchernden Park;  es sieht aus, als griffen die Zweige zwischen die Pavillons und in die Fenster hinein.

Die meisten Wohnungen dieser Art sind mit Möbeln und allerlei Dingen, die der Bewohner für unverzichtbar hält, verstellt, Saubermachen ist daher schwierig und wird vernachlässigt, dem allgegenwärtigen Reinlichkeitsbedürfnis zum Trotz. So auch in der Wohnung der Suzukis, wo sich die Hausherrin – unternehmungsfreudig und manchmal unkonventionell, da sie und ihr Mann jahrelang in verschiedenen Ländern gelebt haben – recht ungezwungen bewegte. Sie trug ein geblümtes Sommerkleid, ein sogenanntes one piece, und wirkte – zwar nicht geradezu jugendlich, aber elastisch und offen, menschen- und weltzugewandt.

Während ich mir die Bücher im Regal ansah, das den kleinen Eßraum vom Wohnzimmer trennte (ich glaube, ich hatte gerade ein Buch von Paul Auster in der Hand, den ich immer schon lesen wollte, aber nie gelesen habe), lief eine faustgroße Kakerlake – gokiburi – in Richtung Küche und blieb vor Schreck stehen, als Suzuki-san, noch nichts ahnend, einen Schritt auf sie zu machte.

Im nächsten Augenblick schrie sie auf, der Schrei gellte durch die Wohnung und durch die Galerien der Anlage hinaus in den Park, und ihr kleiner Körper, über den sich der dünne Stoff ihres Kleids spannte, jetzt an der Schulter, jetzt an der Hüfte, jetzt am Hintern, wurde durchgeschüttelt, zuckte auf und zusammen wie bei einem Orgasmus, der all die kleinen und größeren Erregungen der erotischen Spiele in einer einzigen großen Welle steigert und zusammenfaßt.

Ich beobachtete den Vorgang, der wenige Sekunden dauerte, mit unzähmbarer Neugier, und es erstaunte mich, daß die Frau, nachdem sie sich erholt hatte (was eine ganze Weile dauerte), nicht die kleinste Geste der Peinlichkeit zeigte. Ich glaube, sie hat nicht einmal sumimasen gesagt.

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Für die beiden Mädchen war das eben Erzählte eine winzige, ganz unerhebliche Episode. „Was ist los?“ Als sie aus irgendeinem Geheimwinkel der Wohnung hervorkamen, hatte sich die Kakerlake schon wieder verkrochen. Mit einiger Verspätung nahmen wir das Abendessen zu uns. Mayuko blieb diese Nacht vereinbarungsgemäß bei Karen, die beiden schliefen auf der großen ausziehbaren Couch hinter dem Bücherregal. Ich ging zu Fuß „nach Hause“, auf dieser langen und breiten, fast schnurgeraden Straße, die hell erleuchtet war und von erstaunlich wenigen Autos befahren wurde. Ich holte mir zwei Dosen Bier aus einem Konbini, steckte eine in meinen Rucksack und öffnete die andere noch auf der Straße. In der einsamen Wohnung lag ich dann auf dem Bett, trank die zweite Dose und ließ die Szene mit dem gokiburi mehrmals, von Blumenkränzen umrahmt, auf meinem inneren Bildschirm ablaufen.

Suzuki-san... Erst jetzt, dank dieser dicken, schreckstarren Kakerlake, hatte ich sie erkannt.

*

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