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Tokyo Fragmente

Tokyo Fragmente #21

 

Und jetzt diese seltsame Geschichte...

Eine Zeitlang bin ich wohl noch in der Gegend herumgeirrt. Im Hauptgang des shotengai habe ich versucht, die großflächigen Bauinformationen von der Wand abzuphotographieren, welche die Stadtverwaltung für die Bürger dort ausgestellt hat. Dabei wurde ich immer wieder gestört von Passanten, die stehen blieben, um mein Blickfeld freizuhalten, damit ich ungestört, wie sie meinten, photographieren könne. Aber ich wollte ganz normale Bilder von der Stadt, von den Plänen und Zukunftsentwürfen und auch von ihnen, den Passanten selbst. Ich werde gerne gestört! Einen solchen Ausruf hätten sie nicht verstanden. Deshalb die Reibung, der Konflikt: wegen der vielen Konfliktvermeidungsversuche. Umgekehrt wie bei Diogenes: Geh mir nicht aus der Sonne.  Warum bestand dieser Philosoph so sehr auf dem Sonnenlicht? Konnte er sich nicht am Schatten erfreuen? In Japan sucht man sich seit jeher vor der Sonneneinstrahlung zu schützen. Warum wandte sich Diogenes nicht den Menschen, den Passanten zu? Müssen wir heute noch einen Menschenfeind verehren?

Wohin?

 

Kurz, ich stand da herum, schlurfte herum, konnte mich nicht entscheiden, ein Bier zu trinken in der Stehkneipe mit den blauen Tüchern vor dem Eingang, ging zurück zur Zeile der kleinen Bars, als gäbe es Hoffnung, es könnte doch noch eine öffnen; stand dann wohl eine Zeitlang im Bahnhof vor den Fahrkartenautomaten, wie ein Ausländer, der sich im dichten Verkehrsnetz nicht zurechtfindet; wurde dann auch wirklich auf englisch angesprochen von einem beflissenen Mann, der nicht verstehen wollte, daß ich keine Hilfe brauchte, so daß er immer wieder, jetzt schon verzweifelt, where? where? rief und mich nicht verstehen wollte, als ich noritakunai! Sagte – aber was hätte ich wollen sollen, wenn nicht fahren, und genau in diesem Augenblick kam von der Seite her, von der Absperrung, eine Frau auf hohen Schuhen auf uns zugestakst, entschlossen im Bild, das ich mir jetzt mache, aber in Wahrheit bemerkte ich sie erst, als der erste Ton aus ihrem Mund kam, oder kurz vorher: „Sie sind doch der... der vom Show-ten? Der von dort, wo es nichts gibt, hab ich recht?“

Es dauerte vielleicht eine Minute und brauchte mehrere Anläufe, bis mir dämmerte, wer die Frau war. Ihr Gesicht war so hell geschminkt, daß die Wangen unter der Deckenbeleuchtung im Schatten lagen. Das nicht sehr lange schwarze Haar hatte sie hochgesteckt, eine Strähne fiel seitlich herab bis unters Ohr; der Oberkörper sehr aufrecht, die Augen genau auf meiner Augenhöhe, die Brust – oder besser: der BH – sichtlich spitz unter der weißen Bluse, die Kostümjacke über dem Unterarm; alles perfekt gestylt, nur der kleine Rucksack, der ihr über die Schulter hing, paßte nicht zum Ensemble: ein himmelblauer Doraemon-Rucksack, wie ihn Schulkinder tragen – oder eher getragen haben, vor dreißig oder vierzig Jahren, in der Showa-Zeit.

„Wo es nichts gibt, genau. Außer Reisfelder und Reiswein und...“
„...und einen wie dich, étranger.“

Es war das Doraemon-Gesicht auf dem Rucksack zusammen mit dem französischen Wort, das meinem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge half. Die Frau sah anders aus, und ihre Stimme war höher als in der Bar, wenn sie getrunken hatte: die feminine Telephonstimme hatte sie wohl aus dem Büro mitgebracht. (Und L‘Étranger? Hatten wir denn über Camus gesprochen? Erst iin, wieder einmal im nachhinein geht mir die Verwandtschaft zwischen den beiden Werken auf, Der Fremde und Ningen shikakku. Einfluß? Dazai hatte in den dreißiger Jahren Französisch studiert, L’Étranger war 1942 erschienen, sechs Jahre später Ningen shikakku.) Ja, Keiko kam gerade aus dem Büro, sie war auf dem Weg nach Hause, wo sie sich abschminken und umziehen würde, um dann, gegen Mitternacht, loszuziehen und die Barlandschaft von Musashikoyama zu durforsten. Früher war das ihre Gewohnheit gewesen… Jetzt nicht mehr. Warum, das konnte ich aus dem schließen, was sie mir wenig später erzählen sollte.

Schon merkwürdig... Was? Eine Frau, die in perfekter Aufmachung – Businesswoman mit Doraemon-Tick, macht sie sympathisch – in die Firma geht, wo sie als Sekretärin arbeitet oder als gebildete und beredte Dame zur Unterhaltung des Chefs und seiner bevorzugten Kunden dient, aber nach der Arbeit, im Nachtleben (dem eigentlichen Leben), wie ein Aschenputtel zwischen den anderen sitzt und die Dinge auf sich zukommen läßt. Normalerweise ist das doch umgekehrt? Tarnkleidung tagsüber und Blickfang nachts. Vor der Absperrung im Musashikoyama-Bahnhof habe ich sie gerade deshalb nicht erkannt, weil sie so auffällig war. Mich hatte früher, im Show-ten, gerade diese Unscheinbarkeit angezogen, das leere Gesicht, die ironisch lächelnden Augen, der einfarbige Rock und die wie unschuldig auf der Sitzfläche ausharrenden Schenkel.

Ob sie heute noch ausgehen würde? Ich war bereit, ein paar Stunden auf sie zu warten.

Tokyo in der Ferne

 

Nein, sagte sie, dazu sei sie zu müde. Außerdem seien die Bars verschwunden, und überhaupt verbringe sie die Abende in letzter Zeit gern zu Hause, im Atelier. (Später erzählte sie mir, daß sie wieder zu malen begonnen hatte und die Hälfte der kleinen Wohnung, aus der ihre Schwester ausgezogen war, zum Atelier umgestaltet hatte.) Sie schlug mir vor, in ein Café in der Nähe zu gehen, ich solle ihr Neuigkeiten erzählen.

„Aber bei uns gibt es doch nichts…“

Sie hakte sich bei mir ein – auf einem Bild von Foujita, ich habe das nachgeprüft, gibt es eine solche Szene – und lenkte mich zum Café de Crié im Shotengai, in einen stinknormalen, alkoholfreien Laden, der obendrein um zehn Uhr schließen würde. Als wir an den Bauprojekttafeln vorbeikamen, setzte sie zu einer Erklärung an, aber ich winkte ab: Erstens wußte ich schon bescheid, und zweitens war die Geschichte zu traurig.

„Richtig“, sagte sie. „Traurig.“ Soudesune, kanashiiwaa… Wie schön die japanische Sprache, die einfachen Wörter aus ihrem Mund. Getragen, fliegend, federleicht. Sie fügte hinzu: „Aber vielleicht ist es besser so.“

Im Café bestellte sie ein Sandwich-Menu mit Oolongtee, wobei sie sich entschuldigte, sie habe heute noch nichts gegessen, in ihrem Zustand sei das ganz „daneben“. Natürlich fragte ich sie über das Show-ten aus, und sie antwortete mir, während sie die Sandwiches verschlang, mit einer Konzentriertheit, als wäre ich ein Kunde oder Geschäftspartner, der ein Anrecht hatte auf einwandfreie, kompakte Information. Yoshiyuki hatte den Barkeeperjob an den Nagel gehängt, die Nachtarbeit sei ihm zu anstrengend geworden, er habe Herzrasen bekommen –„genau wie du“, sagte sie. (Ich glaube nicht, daß ich ihr je von meiner Herzrschwäche erzählt habe.) Er arbeite jetzt als Tontechniker in einem Aufnahmestudio und sei oft bei Konzerttourneen dabei, besonders bei Art-School. Manchmal spiele er bei dieser Band Baß, ersatzweise, weil der reguläre Bassist seinem Brotberuf nachgehen müsse.

Art-School? Brotberuf?

„Art-School heißt die Band, der Bassist arbeitet an einer Uni, genau wie du. Nicht schlecht, die Jungs, aber nicht sehr berühmt, eine Off-Band… Halb-off vielleicht“ – haafü-offü, witziges Wort – „ich glaube, der Job paßt besser für Yoshiyuki. Hinter der Theke... Plattenauflegen, Computer, Discjockey, gut… Aber die Gäste zu unterhalten, dazu hatte er wirklich kein Talent.“ (Ich habe mich sehr gut mit ihm unterhalten, aber vielleicht waren die anderen nicht auf Unterweisungen erpicht, wollten nachts nichts lernen, Schnaps ist Schnaps...) „Der liebt ja nur seine Frau und die Kinder, sowas paßt nicht zu einem Barmann, jetzt haben sie noch ein drittes. Nach der Show-ten-Ära geboren, ein Mädchen, glaube ich.“

An dieser Stelle – vorher hatte sie mich nach meinen Reisen und Büchern gefragt, wollte auch wissen, ob sie darin vorkomme, und ich sagte lachend: Ja, ständig, du bist die Hauptfigur – an dieser Stelle machte sie eine Pause, schaute auf den grell beleuchteten Mittelgang hinaus, wo nur noch wenige Gestalten vorbeihuschten, ehe sie sich aufrichtete, Haltung annahm, Businesswomanhaltung, wenn es das gibt, und mit der tiefen, leicht vibrierenden Stimme, die sie im Show-ten immer gehabt hatte, sagte: „Du bist der erste, dem ich es sage. Ich weiß nicht warum, vielleicht, weil du, weil es... Also gut: Ich bin schwanger.“

Ich glaube, ich schaute sie entgeistert an. Entgeistert nicht wegen dem Inhalt dessen, was sie mir soeben mitgeteilt hatte, sondern darüber, daß sie gerade mir ihr Geheimnis verriet. Was hatte ich denn damit zu tun? Trotzdem. Ich stelle mir vor, daß sich jetzt schon ein Lächeln auf meinem Gesicht zeigte. Irgendwie fühlte ich mich geschmeichelt… und dankbar. Dankbar, weil das Ende ein Anfang war… Ein Anfang ist. „In der zwölften Woche“, fügte sie hinzu. „Mit freiem Auge kann man es noch nicht sehen. Nur auf dem Bildschirm, da kann man es sehen.“

Es war sicher indiskret, daß ich dann nach dem Vater des Kindes fragte.

„Du vielleicht“, rief sie ohne zu zögern, mit etwas zu lauter Stimme, und lachte kurz auf. Dann schwieg sie, strich über ihre Brust, die BH-Spitzen, eine merkwürdige Geste, wie um zu zeigen, daß sie ihr Kind ohne weiteres säugen könne, und mir fiel nichts anderes ein als jener Satz, der mir aus der eigenen Kindheit vertraut ist: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft...“ Den Rest – „und sie empfing vom Heiligen Geiste“ – verschwieg ich. Ohne Absicht war mir der Satz deutsch über die Lippen gekommen. Keiko bat mich, zu übersetzen.

Unmöglich.
Englisch?

Keine Ahnung. Vielleicht etwas wie „the Angel of the Lord brought the message…“
„But who is the Lord?“

The Lord?

 

Das habe ich dich gefragt. Aber letzten Endes ist es egal, es geht mich nichts an. Wie es aussah, würde das Kind, falls es wirklich das Licht der Welt erblickte, ohne Vater aufwachsen. Traurig, aber...

„Soll ich es abtreiben lassen?“ sagte sie in sachlichem Tonfall. „Das müßte ich sofort machen, gleich nächste Woche.“
Ich sah sie zweifelnd an, als hätte ich den Sinn ihrer Worte nicht verstanden.
„Ich meine, womöglich bin ich zu alt, das Risiko, daß es behindert zur Welt kommt, ist hoch.“
Wie alt? Fragte nicht, weil sich das nicht gehört. Sie antwortete ungefragt: „Letzte Woche bin ich vierzig geworden.“

Darüber war ich nun ehrlich schockiert. Ich hatte sie immer für dreißig gehalten, eher jünger, bestimmt nicht viel älter. Das war eine meiner Show-ten-Gewißheiten gewesen. Irgendwann, bald schon, würde sie „den Richtigen“ finden und sich aus dem Nachtleben zurückziehen. Aber mit vierzig, in Japan, selbst in Tokyo…

Sie tat, als merkte sie nichts von meiner Bestürzung. „Ich werde nicht abtreiben lassen“, sagte sie mit Bestimmtheit. „Ich lasse mich nicht von meinem Weg abbringen.“

Welcher Weg? Gibt es denn so etwas wie einen Weg? Plötzlich war mir das Gespräch unangenehm: hazukashii, peinlich. Um abzulenken, fragte ich nach den anderen.

Welche anderen?
Na, Gun-chan zum Beispiel.
„Wer? Ach, der... Keine Ahnung. Sicher arbeitet er in einer anderen Kneipe. Für Kellner und Barkeeper gibt es jede Menge Jobs. Auf hundert Stellen kommt ein lebender Kellner.“

Lebend. Ikiteiru... Als wäre es denkbar, daß auch Gun-chan tot war... Das Gespräch verebbte, Keiko schaute auf ihre kleine, silbern glitzernde Armbanduhr.

„Und der mit dem blauen Blazer?“
„Blazer?“ Sie schien sich wirklich nicht zu erinnern.
„Der Ausländer, l’étranger, tu sais...? Der plauderte fließend japanisch, war aber kein Japaner. Der muß dir doch aufgefallen sein.“
„Du bist der einzige Ausländer, der sich je ins Show-ten verirrt hat.“

Die Kellnerin machte uns mit Umschreibungen dessen, was sie sagen wollte, darauf aufmerksam, daß die Sperrstunde erreicht war. Keiko sprang auf, schaute noch einmal auf ihre silberne Armbanduhr – früher, in Show-ten Zeiten, trug sie keine Uhr, überhaupt keinen Schmuck – und rief: „Es ist spät!“

Zukunft

Zehn Uhr, früh für einen Freitagabend, nicht? Sie begleitete, ja, drängte mich fast zum Bahnhof. Auf der Rolltreppe blieb sie nach einem Schritt stehen, mit einem Kopfrucken, als wäre ihr plötzlich etwas eingefallen. Bei der Absperrung schauten wir uns einen Augenblick an, frontal, wie wir es nie getan hatten. La baldosa… Wir standen auf der einen Bodenfliese, die uns für einen flüchtigen Augenblick vereinte. Ich hatte das Gefühl, noch etwas sagen zu müssen, und sagte unwillkürlich: „In fünf Jahren fahren wir gemeinsam nach Disneyland, nicht wahr?“

Ich sah, wie sie lächelte. Wahrscheinlich wiederholte sie mein eigenes, verzweifeltes Lächeln.

„In fünf Jahren...“

Warum dieser Zeitraum, ich weiß es nicht. Vielleicht stellte ich mir vor, ihr Kind sei dann groß genug, um in dem Vergnügungspark fröhlich herumzulaufen. Und meine eigene Tochter? Ob sie mitkommen wird, wenn sie fünfzehn ist? Oder Disney ätzend finden? Sicher werde ich diese Reise auch in fünf Jahren wieder verschieben. Immer wieder verschieben, bis in mein nächstes Leben.

Keiko umarmte mich. Sie lehnte federleicht an meinem Körper. Wäre ich plötzlich weggegangen, die Feder wäre vom Wind, der über der Rolltreppe spielte, ins Freie geweht worden. In diesem letzten Augenblick war sie wieder, ein letztes Mal, die unscheinbare junge Frau aus dem Show-ten, ein Nachtschattengewächs mit ungeahnten, aufglimmenden, ins Halbdunkel driftenden Energien. Dann aber wich sie zurück, und ich ging, während das Klacken ihrer Absätze in meinen Ohren dröhnte, durch die Absperrung zum Bahnsteig, ohne mich noch einmal umzudrehen.

Grün!

*

Halb elf, als ich in Meguro umsteigen sollte. Zu früh, um nach Hause zu gehen. Also schaute ich mich in der Gegend, wo ich früher Tango getanzt und nach Mitternacht Udon im Stehlokal gegessen hatte, nach einer Bar um, etwas wie das Show-ten würde ich hier... nein, würde ich sicher nicht finden. Immerhin, im sechsten und letzten Stock eines dieser Gebäude, die nichts anderes als Bars und Clubs beherbergen – funktional, gerecht verteilt, etwas für jeden Geschmack –, ein Dutzend Welten in einer Welt, das eine Schild im letzten Stock vor dem Nachthimmel zeigte eine Vinylschallplatte und einen Schriftzug querdrüber, als hätte die Platte einen Riß, in lateinischen Blockbuchtsaben: YUKIJAZZ. Was soviel heißen konnte wie Schneejazz – Anspielung auf Schneeland? – oder Jazz-Courage, aber wahrscheinlich nur ein Name war, der bei dieser Schreibweise nicht einmal verriet, ob sein Träger weiblich oder männlich war.

Er war männlich und hieß Yuki, doch hinter seinem Rücken befand sich kein Plattenspieler und keine Stereoanlage, die diesen Namen verdient hätte, sondern nur ein Handy, das in einer Halterung steckte und mit einem winzigen Verstärker verbunden war. Die Lautsprecher irgendwo im Dunkel des Lokals verborgen, war nur der vordere Teil, die Theke und ihre nächste Umgebung, von blauem, violettem und rötlichem Neonlicht einigermaßen erleuchtet. Der Jazz dudelte wie in einer beliebigen Hotelbar dahin; ich glaube nicht, daß der Barkeeper, ein fröhliches, etwas einfältiges Männchen im Rentenalter, das mit sicheren Handgriffen jede Flasche, jedes Werkzeug, jedes Glas, jede Taste ohne hinzusehen erreichte, sich um die Auswahl und Abfolge der Musikstücke kümmerte, auch wenn er von Zeit zu Zeit am Handy herumfingerte. Spotify? Vermutlich. Alles digitalisiert personalisiert anonymsiert, dachte ich mißmutig, während ich mich an die relative Dunkelheit gewöhnte und in den Ecken des mit wenigen Tischchen bestückten Raums, einander diagonal gegenüber, zwei Paare ausmachte, Mann-Frau, beide eher jung, sowie ein älteres Männerpaar, das mich an Gilbert und George erinnerte, die beiden englischen Kunstfiguren, nicht nur, weil sie mir tags zuvor durch den Kopf gegangen waren, sondern wegen einer tatsächlichen Ähnlichkeit trotz der asiatischen Gesichtszüge der schräg hinter mir Sitzenden.

Das Ambiente und die Leute, auch der Mann an der kürzeren Thekenkante, scheinbar ein alter Bekannter von Yuki, mitsamt seinem Anhängsel, einer aufwändig zurechtgemachten Dame, die alle paar Minuten hinausging und alle paar Minuten zurückkehrte, vielleicht nur, weil sie mit ihren Telephonaten nicht stören wollte, und die beiden Arbeitskollegen links neben mir, die viel tranken, aber nicht aufhörten, von ihrer Arbeit zu reden, sowie der einsam, schweigsam und erhaben Lächelnde, der aus der für ihn reservierten Flasche Cognac trank, nachdem er hier zu Abend gegessen hatte (erstaunlicherweise werkte in einem winzigen Nebenraum ein Koch, der hin und wieder sein Gesicht in die Türöffnung steckte), das alles war mir eher zuwider. Ich sage „eher“, weil ich entschlossen war, zu warten und die Bar nicht zu verlassen, bevor ich mich an ebendieses Ambiente gewöhnt hatte und meine Wangen vom Alkohol – Jameson – warm geworden waren und mich der eine oder andere der Hiesigen in sein Vertrauen gezogen hatte. Im Grunde genommen ging es mir immer so, überall, in jedem Ambiente, auch beim Lesen von Romanen oder von philosophischen Schmökern. Anfangs ist da ein Widerstand oder zumindest ein Unbehagen, doch die Geschichte oder die Kette der Überlegungen oder die Figuren, die ich langsam kennenlerne, beginnen mich zu überzeugen, der Widerstand schmilzt dahin, das Buch oder die Atmosphäre hat mich geöffnet und ich lasse mich gern weiter erobern, besetzen, begreifen. Ja, das Buch öffnet und begreift mich, wie es auch die Menschen tun, sogar dieser Tölpel von Barkeeper mit seiner routinierten Eleganz und der Neuankömmling, der ein wenig scheu – nicht so scheu wie ich selbst – das Gespräch sucht und findet, nicht zuletzt deshalb findet, weil er sich für mein Lieblingsthema, die Erziehung, erwärmt: er hat Kinder, zu Hause, noch klein.

Mein Mann

 

Davor aber, bevor „mein Mann“ gekommen ist, bin ich stock und steif auf dem Barhocker gesessen, habe das neue Notizheft – von Itoya, handlich, mit blauem Cover – hervorgefingert und mitgeschrieben, wie ich es manchmal tue, wenn ich das Gefühl habe, sonst keine Rolle in der Welt zu spielen, habe alles mitgeschrieben, aber das wahllos Mitgeschriebene ist unbrauchbar, das weiß ich im voraus, Unerheblichkeiten wie das grillenhafte Line-Stimmchen aus einem Handy, die teuren Armbanduhren an den Handgelenken, die Männer, die beim Essen rauchen, das routinierte Rauchen und Trinken des Barkeepers in den Pausen zwischen seinen Handbewegungen, kleine Schlückchen von einem verdünnten Getränk (Privatcocktail), daß Armbanduhren sowieso nur noch zum Angeben da sind, weil ständig in all den digitalen Geräten, in jedem Computer und überhaupt überall die Zeit angezeigt wird (je weniger Zeit wir haben, desto mehr wird sie gezeigt), daß dieser Hintergrundjazz kein Vergleich ist zu dem exquisiten Jazz, den ich vor Jahren in den winzigen Jazzbars von Shinsaibashi hörte, daß die Erbsen, die mir da als tsumami hingestellt wurden, sehr gut schmecken (erstes postives Element!), daß hin und wieder auch ein Stückchen gesungener Jazz aus den vierziger oder fünfziger Jahren auftaucht (Billie Holiday), daß Yuki und sein alter Freund über Okinawa reden (anscheinend hat der ein Haus oder eine Wohnung dort und fliegt so oft wie möglich hin), daß Yuki eine kleine Taschenlampe gebraucht, um im Halbdunkel der Regale nach der Privatflasche eines Neuankömmlings zu suchen, der längere Zeit nicht hier gewesen ist, daß der stumme Rémy-Martin-Typ rechts von mir langsam betrunken wird (wie ich selbst), daß er umringt ist von Smartphonern, daß nur einer hier schreibt, nämlich… (wer sonst?), daß ich gern wieder mal eine Zigarette rauchen würde, es aber nicht tun werde, weil ich noch einiges vorhabe und nicht so früh sterben will wie meine Freundin A. D., daß ich aber gern ein bisschen - „passiv“ – mitrauche, daß ein breitschulteriger bauchiger Neger in die Bar tritt und allseits freudig begrüßt wird, aber sofort sein Smartphone zückt und mit irgendwem anderen, Abwesenden, zu reden beginnt, daß mir jetzt erst auffällt, daß mein linker Nebenmann zwei Uhren hat, eine am linken, eine am rechten Handgelenk (zwei verschiedene Zeiten?), und daß er vielleicht nur – wieso „nur“? – der Chef seines linken Nebenmanns ist, und so weiter, Unerheblichkeiten, langsam, nach dem dritten oder vierten Jameson, wird meine Schrift verschwommen, kann sie nicht mehr entziffern, mich auch nicht erinnern, jedenfalls dürfte mir der Neger irgendwann auf die Schulter geklopft haben und von nice ladies gefaselt zu haben, was wie eine Aufforderung zum Handeln klingt, denn an der Stelle des Vorgesetzten und seines Untergebenen sitzen jetzt zwei Frauen, Freundinnen, zum Ausgehdoppel stilisiert, aber im nächsten Augenblick, bevor ich handeln oder nicht-handeln kann, setzt sich ein soeben hereingeschneiter – yuki! – Mann auf den einzigen freien Barhocker, links neben mir, ehe ich hinüberrutschen kann (was ich ohnehin nicht getan hätte), und – zückt kein Handy, sondern beginnt echt ein Gespräch, in das ich mich ziehen lasse, obgleich es so unerheblich ist wie die ganze Bar mit all ihren Details, unerheblich erhaben über Meguro und den Rest der Stadt.

Mehr will ich nicht schreiben, mehr will ich nicht wissen. In meiner Brieftasche steckt noch die Visitenkarte von diesem Gesprächigen, einem recht sanften, gar nicht machomäßigen Mann, der seine Frau und seine Kinder zu lieben glaubt. Soll ich seine Identität verraten, bevor ich sie wegschmeiße? Yasutaka Fuji, Manager, Strategic Business Development, was immer das heißen mag. Manager? Manager. Gedruckte Angaben über Identität und Funktion eines Mannes und der zugehörigen Firma erzeugen vor meinen Augen stets nur ein graues Flimmern, in meinen Ohren ein weißes Rauschen, als befände sich hinter dem Vorhang aus Worten: nichts.

Irgendwann schaute ich, von einer unbestimmten Ahnung gelenkt, hinter mich und bemerkte, daß Gilbert und George nicht mehr an dem Tischchen saßen. Statt dessen – mein Blick war über den feinen ultramarinen Stoff eines Sakkoärmels gestrichen – stand in dem zylinderförmigen Leerraum hinter unseren Rücken ein nicht sehr großer, fast schon kleinwüchsiger, knabenhafter Mann mit höflich lächelndem Gesicht, das von den kleinen runden Augen und einem gestutzten, aber dichten, graumelierten Schnauzer beherrscht wurde. Verschmitzt und aufmunternd… Ja, es war mein Männchen aus dem Show-ten, es trug denselben Blazer mit zwei Reihen goldener Knöpfe und verströmte dieselbe Zuversicht, die sich auf nichts und alles bezog. Er schwankte wie damals, nur leicht, aber spürbar, ließ seinen Körper schaukeln, unentwegt wie das Meer, und zwar eines, das sich von Stürmen nicht mitreißen läßt. Das Mittelmeer, setonaikai, mare nostrum.

Unser Meer

 

Unser Meer, Freund? Das Männchen nickte zustimmend. Es bedeutete uns – Fuji-san, geben wir ihm seinen Namen, hatte sich umgewandt –, im Gespräch fortzufahren. Jetzt, da ich schreibe, in diesem Echo der Zeit, erinnert er mich an den unsichtbaren, nur Kindern sichtbaren Engel in Der Himmel über Berlin, der den Schutzbefohlenen seine leichten Arme von hinten auf die Schulter legt. Genauso tat es mein Männchen, das Yuki, dem Barkeeper, zuzwinkerte, der dann seinerseits nickte, ehe es, wie ich schon sagte, seine Arme auf unsere Schultern, oder auf die Luftpolster auf unseren Schultern legte (denn ich spürte keine Berührung). Die Arme ausgebreitet wie ein Schutzengel.

Wir redeten weiter, Fuji-san und ich, tranken weiter, Rotwein und Whisky, Katsunuma und Jameson, und das Männchen mischte sich ein, das heißt, es pflichtete dem jeweils Sprechenden bei oder gab irgend etwas zu bedenken, aber mit Worten, die unverständlich blieben, auch wenn es keine Fremdsprache war, die es gebrauchte, keine uns unbekannte Sprache, sondern die hiesige, so gebraucht, so gesprochen, daß der Sinn verwehte, verblasen wurde von... irgend etwas Unsichtbarem, einem Geist, von ihm selbst. Nein, es ging nicht um den Sinn, wichtig war die Zuwendung und Aufmunterung, die sich auf alles bezog, was wir vorhatten, und wir hatten etwas vor, haben immer noch etwas vor.

Fliegende Fische (à propos Erziehung)

Erziehung... Ich glaube, ich monologisierte, ließ mich von den eigenen Wörtern treiben. Wenn ich einmal in Fahrt gekommen bin in einer Fremdsprache… Zweifellose redete ich Unsinn, entspann meine Theorie über Neugier und Empfänglichkeit, die angeboren seien, bei jeder Erziehung gehe es darum, diese Qualitäten zu erkennen und sich entfalten zu lassen. Jede Störung durch sogenannte Erzieher vermeiden! Antipädagogik! Keine großen Eingriffe, keine Operationen, sondern behutsames Beistehen, Beiseitestehen… Nicht zu viele Regeln, keine Methoden... So ungefähr.  Keine Tests! Warum Japaner Englisch nicht sprechen und auch nicht verstehen können, das wußte ich genau und versuchte, es – in raschem und gebrochenem Japanisch – zu erklären.

Das Männchen im Zweireiher hinter uns nahm die Arme von unseren Rücken und machte mit den waagrecht gehaltenen Händen eine Bewegung, als würde es die Luft nach unten drücken: Nur mit der Ruhe! Gemach! Aus meiner dunklen Erinnerung an das ausgetauschte Gerede sticht die Mitteilung meines Nebenmanns hervor, seine Frau spreche zu Hause mit den Kindern – zwei Jahre bzw. sechs Monate alt – ausschließlich englisch.

„Die Muttersprache Ihrer Frau?“
„Nein, aber sie hat an der Uni Englisch studiert.“
„Verstehen die Kinder denn, was sie sagt?“ (Oder: „Sind sie denn dafür empfänglich?“)
„Wir wissen es nicht. Die Kleine ist noch zu klein, und der Große spricht fast gar nicht, nur ein paar Wörter, aber so verformt, daß wir sie nicht verstehen. Durch Zeigen verstehen wir, natürlich. Meine Frau sagt, daß sie ihn versteht und daß er Fortschritte macht. Wenn sie Come here! sagt, kommt er, und wenn sie sagt Spit it out!, spuckt er es aus.“

Und so weiter, der Sinn der Rede verschwimmt endgültig im Sog der Zuwendung, Zustimmung. Alles eins. Zuwendung, Abwendung. Wahrscheinlich lag es am Einfluß des Männchens, daß ich meine Zweifel an dieser Methode und an der Obsession des Englischlernens für mich behalten habe. Wenn ich nicht irre.

 

*

Am Montagmorgen sehen sie wieder alle völlig normal aus, Anzüge, Kostüme, helle Hemden, Sakko am Unterarm. Keine Extravaganzen. Keine Vielfalt. Uniform.

 

*

Montagmorgen

Auf dem Kinderspielplatz, wo gestern noch ein Matsuri mit Obon-Tänzen unter rot-weißen Lampions in der Dämmerung stattfand, ist heute früh alles gesäubert. Zwischen Rutschen und Kreiseln wirkt der Platz viel enger als gestern abend, als die Anrainer ihn füllten. Der Boden penibel gekehrt, bis in die letzten Winkel, man sieht die Striche der Rutenbesen.

Einige der Bäume sind durch Pfosten gestützt. Die Menschen haben ihnen unter die ausgebreiteten Arme gegegriffen und diese senkrechten Hilfsmittel hinterlassen. Ein anderer Baum wächst, nach seinem Aufstieg in luftige Höhen, fast waagrecht, nicht nur seine Arme, sondern der Rumpf. Dann aber beschreibt er plötzlich eine Biegung, wächst schließlich zurück in die Richtung, aus der er gekommen ist, so daß sich der Wipfel nun doch über dem Stamm befindet.

Dieser Baum hat die Form eines Bogens, den man auf eines seiner beiden Enden gestellt hat. In der Mitte die Öffnung: blauer Himmel, weiße Wolken, von grünen Blättern gesäumt.

*

Vergnügen im August

 

Vor dem Rückflug noch rasch ein Besuch im Hanayashiki, dem alten Vergnügungspark, ehedem Blumengarten, von Asakusa. Wenig Zeit, wir nehmen ein Taxi, der Navigator verkennt die Wirklichkeit, interpretiert eine Stelle falsch oder ist über eine Neuerung nicht im Bilde, und der Lenker ist nicht bereit, eine wilde Abkürzung zu nehmen.

Umwege. Mittägliches Hasten bei sengender Hitze, zwischen Spielgeräten und Apparaturen. Montag. Erstaunlich viele Besucher. Ersatz für Disneyland, wer sich’s nicht leisten kann, vorsintflutliches Vergnügen. In fünf Jahren...?

Ich stelle meinen Körper in den spärlichen Schatten. Dort wartet er geduldig. Bis ich zurückkomme. Das Riesenrad aus dem Prater! Wiederholung der Wiederholung. Erinnerung an Kirschblüten. Die Mädchen beruhigen sich im Handumdrehen, sie besitzen noch – wie lange noch? – die Fähigkeit des raschen Umschaltens zwischen Lachen und Weinen. Die Dinge schlagen Wellen und können sich jederzeit ändern. Bei uns anderen färbt ein Erlebnis, eine winzige Störung den ganzen Tag. Hic rosa... Und ähnliche Weisheiten, die in der blendenden Schwärze der Melancholie dahinschmelzen.

Dichtes Gedränge in der U-Bahn. Im Waggon die Kühlung zu kalt. Wir erreichen unser Flugzeug im letzten Moment, die letzten Meter vor dem Flugsteig rennen wir. Von der Großstadt in die Provinz. Rasches Umschalten, hic Rhodos, wo noch ein Blumengarten gedeiht (gegenüber vom Konbini).

Wien/Tokyo

 

*

Das Weltende ist beliebt, Sekai no owari, Computerpop, der DJ als Clown: wie diese dickpelzigen Figuren, die in den Einkaufszentren und Fuzos herumtapsen, wo Männchen oder Weibchen drinstecken, die vielleicht gar nichts sehen, sich tastend fortbewegen wie gewisse Insekten. Oder in Disneyland? Disneyland is everywhere! Das wär mal ’ne Nummer. Ende der Wiederbelebung. Ende von Showa, Ende der Show.

Ich wäre nicht ich, hätte ich mir nicht gleich eine CD von Art-School besorgt. Auch hier Weltende, alternativ und ein bißchen zornig. Weltendspiele. Oder traurig. Zornig auf mich selbst. Nanimoneee. Weil ich dir und niemandem näherkomme. Obwohl ich das ursprünglich wollte. In zehn Sekunden geht die Welt unter. In diesen zehn Sekunden werde ich dich endlich berühren. Davon abgesehen... Nichts.

Nanimonee nanimonee nanimonee... Kann man schöner singen. Jubelnd über das Ende. Die Berührung. Das Ende.

Das Ende. Die Berührung. Das Nichts.

Falls es kommt. Und falls du kommst. Falls das alles der Fall ist. Will ich dein Shampoo riechen. Wie ein Affe. Sonst nichts.

Nanimonee nanimonee
nanimonee
nanimo
nani
n

Mare nostrum

 

 

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