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Ein sandiger Weg in der Nähe von Kutaissi

Der vorliegende, erstmals komplett erscheinende Band, von Adolf Endler nochmals ergänzt und korrigiert, bietet hochwertige Preziosen georgischer Literatur und Kultur.
Hamburg

„Von Georgien erzählen“ lautet der bescheidene Untertitel dieser außergewöhnlichen Publikation. Ihr liegt ein zweieinhalb Monate dauernder Aufenthalt in Georgien zugrunde, der nach einer offiziellen Einladung des Georgischen Ministeriums für Kultur und des georgischen Schriftstellerverbandes im Jahr 1969 stattgefunden hatte. Die beiden DDR-Schriftsteller Adolf Endler und Rainer Kirsch waren seinerzeit auserkoren worden, georgische Dichtung aus acht Jahrhunderten ins Deutsche zu übertragen.

Kreuz und quer erkundeten die beiden Schriftsteller das georgische Land und bestaunten dessen Vielseitigkeit. Die atemberaubende Dichte an Bildern, Farben und Gerüchen begann unvermittelt, den Dichter Adolf Endler zu inspirieren. Aufmerksam registriert er zudem das Ineinanderfließen von antiken Mythen und der unmittelbaren Gegenwart.

Landeskundliche Betrachtungen über erlebte Gastfreundschaft sowie auch Höflichkeits- und Verhaltensgewohnheiten regen Endler zum Nachdenken etwa über „Geiz“ und „Sparsamkeit“ an. Er berichtet aber auch über scheinbar ausgefallene Beobachtungen wie etwa das weitgehende Fehlen getragener Bärte bei Männern in Georgien.

Der Vielfalt seiner Eindrücke entspricht eine Unzahl an Notizen, die Endler während seines Aufenthaltes niederschreibt, um sie später zu einem Text zu komponieren:

„Ein sandiger Weg, eine Eisenbahnschranke, ein Licht ohnegleichen - welch nutzloses Schnitzelchen fliegt mir plötzlich aus dem rauschenden Dickicht meiner Notizhefte zu!“

Endler arbeitet mit offenem Visier, wenn er aus seinen Nöten eine Tugend macht. Das Einbeziehen des Lesers in seine Überlegungen verleiht ihnen ihre verblüffende Authentizität.

Der unscheinbare Zettel lässt Endler daran erinnern, dass er in der Nähe von Kutaissi zum ersten Mal ein Feigenblatt, „über das ich als Kind im Kommunionsunterricht so lange gegrübelt hatte“ in Händen hielt. „Wen interessiert es?“, fragt sich Endler und er gibt sich einen Ruck:

„Doch für viele Notizen dieser Art, die ich aussortiere, wegkippe, niemals verwenden werde, bleibe die eine als Beispiel erhalten!: ... ein sandiger Weg in der Nähe von Kutaissi, die Feigenbäume auf der Böschung, eine offene Eisenbahnschranke, ein städtisches Taxi an uns vorbei auf dem Weg in das Dorf - was tut mir das Herz weh, wenn ich dran denke?“

In seinen Notizen reflektiert Endler zudem, wann er in seinem Leben mit Georgien in Verbindung gekommen ist. Bereits während seiner Kindheit war in Feldpostbriefen von Wehrmachtssoldaten von diesem Land berichtet worden.

Zugleich hat sich Adolf Endler in ausführlichen Recherchen mit Georgien beschäftigt. Er stößt dabei auf Persönlichkeiten wie den Ethnologen und Philologen Adolf Dirr (1867-1930) oder den Naturforscher Johann Anton Güldenstädt (1745-1781), die in Georgien bis heute ein großes Ansehen genießen. Was Endler in Bibliotheken ausgegraben hat, wirkt nie gelehrig, sondern bietet eine Fortsetzung seiner georgischen Abenteuer auf deutschem Boden.

Seine Gedanken „Robakidse. Später Nachtrag zu einem Reisebuch“ waren seinerzeit in der ursprünglichen DDR-Ausgabe der Zensur zum Opfer gefallen, da der georgische Schriftsteller Grigol Robakidse (1880-1962) zeitweise mit dem deutschen Nationalsozialismus sympathisiert hatte. Auch insofern ist es bemerkenswert, dass Robakidses Roman „Die gemordete Seele“ vom Arco Verlag zur Frankfurter Buchmesse – Gastland Georgien im Herbst 2018 angekündigt ist.

Endler und Kirsch hatten sich ihren georgischen Gastgebern vertraglich verpflichtet, aus einer Vorlage von 8000 Zeilen georgischer Dichtung wenigstens 2000 Zeilen zu übersetzen. Der hohe Stellenwert von Künstlern und insbesondere der Literatur war ihnen auf Schritt und Tritt begegnet, „das Straßenverzeichnis von Tbilissi“, der Hauptstadt des Landes „ähnelt sehr dem Inhaltsverzeichnis unserer Sammlung georgischer Poesie“.

Anhand 26 ausgewählter Beispiele illustrieren georgische Dichter von Teїmuras I. bis hin zu Paolo Iaschwili die poetische Kraft und Vielfalt einer lebhaften literarischen Tradition. Endler hatte sie den zugrundeliegenden Interlinearübersetzungen von Nelly Amaschukeli in das Deutsche übersetzt.

Dass sich ein ironischer Spötter wie Endler - die DDR hatte ihn nur schwer ertragen und 1979 zusammen mit acht weiteren namhaften Autoren aus ihrem Schriftstellerverband ausgeschlossen - in derart sensibler Weise eine völlig fremde Welt erschlossen hat, verwundert nur auf den ersten Blick.

Die in Aussicht gestellte Mammutaufgabe der Übersetzungen quittierte Endler mit einem Seufzer, der Bände spricht: „Doch ein Wunder geschah, und ich kann es nur erklären, andeutungsweise, indem ich ein Buch schreibe über Georgien, sein Licht, seine Luft, seine Gesichter und Worte, und über unsere Träume: es gelang mir wirklich, in diesem Land der Bankette und Feste so intensiv und so streng zu arbeiten wie niemals zuvor; die Entdeckung Georgiens und die Entdeckung meiner Leistungskraft fallen, einander bedingend, zusammen.“

Sorgsam zusammengestellte Personen-, Sach- und Ortsregister runden diese vorliegende Ausgabe zusätzlich zu einer kundigen Hinführung Georgiens und seiner Geschichte und Kultur ab.

Adolf Endler · Brigitte Schreier-Endler (Hg.)
Kleiner kaukasischer Divan
Wallstein
2018 · 276 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3835332638

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