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Kritik

Das Gelächter vom Prenzlauer Berg

Adolf Endlers Gedichte in einer vorbildlich edierten Gesamtausgabe
Hamburg

Werner Fuld hat (in seinem »Buch der verbotenen Bücher«) die sehr provokante Frage gestellt, ob es denn auch nur einen einzigen in der DDR erschienenen Roman, eine Erzählung, ein Gedicht, eine einzige zum Druck genehmigte Zeile gäbe, »die all jene Demütigungen und Verletzungen aufwiegen könnte, an denen die Autoren häufig bis zur Selbstaufgabe zu leiden hatten?« Die geschickte Rhetorik dieser Frage fordert natürlich zunächst ein Nein heraus, denn keine Literatur ist solche Verletzungen am Ende wert; aber die eigentlich suggerierte Folgerung, daß jene Bücher fast durchweg wertlos seien, mag man in dieser Ausschließlichkeit nicht unbedingt teilen. Hingegen dürfte trotzdem rasch klar sein, daß aus der ehemaligen DDR unterm Strich wohl doch mehr Lyrik als Prosa haltbar war. Jetzt ist im Göttinger Wallstein Verlag eine kritische Ausgabe der Gedichte von Adolf Endler erschienen, der zwar 1955 aus politischer Überzeugung in die DDR übersiedelte, den man aber 1979 aus dem Schriftstellerverband ausschloß – und sie bietet den willkommenen Anlaß, einen möglichst unvoreingenommenen Blick auf den Dichter zu werfen.

Anders formuliert, jenseits philologischer Interessen: Ist Adolf Endler heute noch lesbar? Die Antwort fällt dem Rezensenten leicht: Ja, dort wo ein überzeitliches Erleben berührt wird; nicht in allen Fällen dort, wo die politische Stoßrichtung allzu zeitverhaftet ist. Dieser Befund rührt nicht an die Tatsache, daß Endler ein bedeutender und fähiger Lyriker war, er zeigt nur einmal mehr, daß allzu Engagiertes – oder genauer gesagt: im Engagement zu konkret Benanntes – leider museal wird, sobald sich die sozialpolitischen Zustände ändern. Was ihm nicht die grundsätzliche Berechtigung zur jeweiligen Zeit, im jeweiligen Staat abspricht. Man muß die »halsbrecherisch anmutende Zickzackroute« (Endlers eigene Worte), die seine Dichtung einschlägt, an dieser Stelle nicht wiederholen, denn sie ist sehr schön im Nachwort der vorliegenden Ausgabe umrissen. Und man muß das harsche Urteil, das der Autor selbst über seine früheren Gedichte fällt, nicht teilen, denn es sind viele sinnreiche Verse darunter, auch wenn sie den typischen Endler-Ton nicht oder noch nicht erreicht haben:

Was blieb von den Kücken
Die wir im Sommer sahn
Im grünen Schutz
Der Gartenkartoffeln?
Mit dem abgeschnittenen Hahnenfuß
Schlägt das Kind
Den Wirbel ans Fenster:
Ich bin drei Zentimeter
Gewachsen.

Der Band mit dem charmant unkoketten Titel »Die Gedichte« beginnt mit jenen Texten, die Endler selbst auswählend und bearbeitend in den Bänden »Der Pudding der Apokalypse« (1999) und »Krähenüberkrächzte Rolltreppe« (2007) zusammengestellt hatte, hier rund 280 Seiten. Darauf folgen in drei Abteilungen die weiteren Veröffentlichungen aus den Jahren 1947-2009, insgesamt etwa 260 Seiten, und schließlich nachgelassene Gedichte im Umfang von ca. 60 Seiten. Der editorische Anhang mit dem soliden Nachwort bringt es auf weitere 260 Seiten – und läßt mit den zahlreichen Varianten und Erläuterungen kaum Leser-Wünsche offen. Auf ähnlich vorbildliche Editionen möchte man für viele jüngst verstorbene Lyrikerinnen und Lyriker hoffen.

Bald fünfzig; und nicht länger nur Gekrächz und Poescher Rab’ ich;
Denn eine Wohnung endlich, eine eig’ne Wohnung hab’ ich!
Ein and’rer Kerl scheint man geworden: Vorwärtsstürmend gab ich
Mein Ehrenwort, daß künftig keinen einz’gen weiter’n Stab ich
– Auch Staates Sicherheit nie wieder untergrab’ ich … –
Über die Heimatstadt zu brechen wagen will, Frau Zapich!

Adolf Endler selbst hat insgesamt einen guten Blick für das Haltbare, Dauerhafte bei der eigenen repräsentativen Auswahl bewiesen; denn er hat das, was sich allzu deutlich auf den Moment, auf die Tagespolitik bezog, weitgehend ausgeklammert. Tatsächlich sind Zeilen wie »So vorwärts! Im Dienst unsres Wissens, / schönrer Arbeit und größerer Kunst, / im Dienst der Liebe, der Freundschaft, / von Abendrot, Morgendunst« usw. usw. heute nur mit der philologisch versierten Brille erträglich. Eine der Stärken der vorliegenden Edition besteht deshalb eben genau darin, die Schwächen und Irrtümer des Dichters nicht stillschweigend unter den Tisch zu kehren. Denn eine echte, aufrichtig empfundene Aufbruchsstimmung glüht beispielsweise in dem Gedicht »Erste Reise in die DDR«: Der Regenbogen, »ein Stück jenes bunten Reifens, / mit dem wir als Kinder spielten«, zuletzt bloß noch »hurtig am Rande der Schädelstätten« getrieben, erhält hier frischen Glanz:

Jetzt unter dem Regenbogen,
dem immer alten und andern,
jetzt reisen die Felder riesig und schön
in eine andere, neue Welt?
Nicht versuchsweise nur
grüß ich den Mann auf der Plattform,
nicht zögernd zeig ich am Himmel
die frische Frühe vorm Abend.

Das utopische Pathos dieses frühen Gedichts weicht natürlich im Laufe der Jahre harscheren Tönen und desillusionierendem Spott. Ein lyrisches Werk, das sich auf politisches Engagement fokussiert, zeigt irgendwann die Grenzen eines solchen Unterfangens. Zum Glück verstand es Endler, die Aktualität des Anlasses in etwas Zeitenüberdauerndes zu verwandeln. Dazu tragen die wandelbare Sprache und die formale Vielfalt bei, hinter denen man jedoch fast immer den Personalstil erkennt. In dieser Abwechslung besteht ein nicht unbeträchtlicher Reiz – kurze und lange Zeilen, Prosagedichte, experimentelle Fügungen und traditionelle Reime, saloppe Alltagssprache und hoher Ton: sie alle finden zu verschiedenen Zeiten Eingang in die Gedichte. Oft bleibt einem Endlers Hohngelächter im Halse stecken, denn nichts schleicht sich schneller an und stößt brutaler zu als ein harmlos trällerndes Reimchen. Natürlich ist nicht jede Vokabel heute noch so provokant wie ehemals, man muß also dann und wann einen gebührenden historischen Abstand dazwischenschalten: »Rosa und Beige kommen wieder in Mode? / Wie ich Euch hasse mit Hirn und mit Hode!« (»Absage«) Aber in das Gelächter, das schon die Zeitgenossen lebendig hielt, kann man auch heute noch und wieder getrost einstimmen:

Das wimmert sich durch
Noch acht Jahrhunderte lang
Dann verschwindet Es
In die Galaxien Stop
Um dort weiterzuwimmern
Nehmen wir an Herr Verzeih
Eins hier heißt seltsam Endler
Ende des Lichtstrahls
Numero zweitausendzwei

Adolf Endler · Robert Gillett (Hg.) · Astrid Köhler (Hg.)
Adolf Endler / Die Gedichte
unter Mitarbeit von Brigitte Schreier-Endler
Wallstein Verlag
2019 · 896 Seiten · 39,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-1949-3

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