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Komm! Ins Offene haus für poesie
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Komm! Ins Offene haus für poesie
Kritik

All diese Geräusche waren Bessermann lieb

Hamburg

Verleger Adrian Kasnitz hat einen neuen Roman veröffentlicht. Neben mehreren Gedichtbänden und einem Vorgängerroman Wodka und Oliven hat Kasnitz vor allem anderer Leute Literatur veröffentlicht, als Verleger des umsichtigen Verlagshauses parasitenpresse in Köln. Bessermann, so der etwas gewöhnungsbedürftige Titel, erscheint bei Launenweber, einem ebenfalls in Köln ansässigen Verlag, der in seinem noch jungen Verlagsprogramm (Gründungsjahr 2015) insgesamt fünf unterschiedliche Reihen herauszugeben plant: italienische Literatur, literarische Porträts, Essays, Kurzromane & Erzählungen sowie ausgefallene Texte früherer Tage. Bessermann kommt als Roman in der Sparte LW erzählt. Der Hardcoverband mit einem poppigen, minimalistischen Fotoeinband ist, vorweg gesagt, eine mehr als solide Veröffentlichung. Thematisch ernst, am Puls des Heute, mit einer aufmerksamen, nicht ganz leichten Erzählkonstruktion und in einer angenehmen, sich zurücknehmenden Sprache liest sich Launenwebers und Verleger Christian Berglars erste Erzählveröffentlichung sehr gut an. Anselm Bessermann, der titelgebende Protagonist ist ein heimgekehrte Kriegsreporter, vielleicht sollte man eher zurückgekehrt sagen oder in sich gekehrt? Jedenfalls möchte man zunächst von einem "einfachen" Sachverhalt ausgehen. Durch seine Einsätze und Erlebnisse "traumatisiert" findet sich Bessermann im Prinzip nicht mehr so leicht zurecht in seinem Leben. Doch was genau traumatisiert heißen soll, wird (wie auch sämtliche anderen aufgefahrenen Klischees und sprachlichen Halbvertrautheiten) im Verlauf der Fabel immer unklarer, bzw. man könnte sagen, alles und jeder/ jede in der "Heimat" ist mindestens so traumatisiert wie Anselm Bessermann und stolpert, ob mit Absicht oder unplanmäßig von einem Szenario ins nächste, ohne sich mit Ruhm zu bekleckern oder vermeintliche Erfolge genießen zu können. Die Welt, die Kasnitz um Bessermann spinnt (der vielleicht nicht zu Unrecht an Joseph Roths Eichmeister Anselm Eibenschütz aus der k.u.k-Loserstory Das falsche Gewicht erinnert), tapert ihren eigenen kleinen, paranoiden Gang. Das meiste fühlt sich bleiern oder sackgassig an, dennoch finden die Figuren kurzzeitige Erfüllung, rennen Träumen hinterher oder improvisieren vor sich hin. Bessermann hat Gewalt und Erotikfantasien, wird von Bildern bzw. Erlebnissen heimgesucht, die sich zwischen ihn und das neue alte Alltagsleben drängen. Das große Nebenfigurenensemble des nur 160 Seiten starken Romans steht in mehr oder weniger direkten Bezügen zu Bessermann, umkreist wie er dieselben Orte oder frequentiert denselben Chatroom, macht sich im Laufe der Handlung selbständig, entwickelt eine eigene Dynamik und scheint ebenso wenig stillzustehen, aber wie ein molekulares Universum doch nicht von der Stelle zu kommen bei dem großen Element (Welt), das sie alle zusammen bilden müssen. Eine Stadtillustration wie vielleicht einer miniaturisierten Version von Balzacs Menschlicher Komödie der heutigen Zeit einer beliebigen Urbanität zugehörig. Tatsächlich sind die Ko-Figuren Agnieszka, Anton, Laura, Katrin, Rieke, Zoé, Petko, Jo, Oskar, Wolfgang, Der Tunesier, Osterode, Ricarda, Schnuck und noch einige mehr sehr gut vorstellbar, sehr plastisch modelliert und für viele kann Sympathie aufgebracht werden.

Kasnitz großer Kniff liegt darin, jede Szene autark zu betrachten im Verhältnis zum Ganzen. Die wie Splitter konzipierten Perspektiven aller Figuren werden abwechselnd eingenommen und in Minikapiteln (sie heißen Agnieszka, Bessermann oder Der Ort oder Der Radfahrer) wie auch längeren inklusive nötiger Sprach-/ Sprechverschiebungen auf die zeitlich springende Handlung angesetzt, sodass Ereignisse mehrfach besprochen werden können, aus jeweils unterschiedlicher Richtung und Duktus. Kernprogression ist dabei das Zueinanderfinden und gegenseitige Umkreisen von Bessermann und der jungen Studentin Agnieszka via Chatroom, die Suche des Pensionärs und Heimatforschers Osterode nach unaufgeklärten/ unverfolgten Verbrechen des späten NS-Regimes an seinen Ahnen im letzten Kriegsjahr entlang der Bernsteinküste, das feucht-fröhliche Draußen-Party-Treiben der Clique um die Geschwister Anton und Rieke und ihre wasteland-Fluchten vor Hunden und Wachmännern bei Sonnenuntergangsbetrunkenem Parkhausdachblick auf die Stadt, die lakonischen Dialoge der beiden bums Wolfgang und Der Tunesier beim gestohlenen Wein trinken. Bessermann wiegelt das meiste ab, das ihm begegnet, ergibt sich seinen Alpträumen, aber den vermeintlichen Bomben auf dem Bahnsteig begegnet Osterode. Agnieszka ist überzeugte Single und ehrgeizige Studentin, liebt aber nichts mehr als sich dem geheimnisvollen Bewundereralias Man Ray im Skype auszuziehen. Kasnitz Bessermann ist hauptsächlich eine Bestandsaufnahme, eine Zustandsbeschreibung, ein Foto mit Hyperlinks zu der Geschichte und Zukunft seiner Abgebildeten, und die minimale Progression der Handlung besteht für den Leser, wie angedeutet, eben darin, auf den Spuren der Abhängigkeiten zu wandeln und das Geflecht und seine möglichen Ausgänge zu finden, zu ahnen, zu sympathisieren, überrascht zu werden.

"[Agnieszka]

Morgens ließ sich Agnieszka am liebsten von ihrer Playlist wecken. Sie lag noch eine Weile im Bett, hörte den Stücken zu, die von Manhattan, Paris oder Wien handelten. Sie hatte die Musik nach Lieblings- und Traumstädten zusammengestellt, und wenn sie dann mit den Songs wach wurde, fühlte es sich ein bisschen so an, als würde sie in einer dieser Städte aufwachen und dort leben. Das Bad war frei, also ging sie duschen. Sie zog sich aus und stellte sich unter den Strahl, der ihren Nacken, ihre Schultern massierte. Sie dachte an Lätta und Latte macchiato, an Langusten und Lautverschiebung. Sie dachte sich Wörter mit L aus, die es gar nicht gab, die es aber geben könnte. Labander, Laugenmädchen, landwierig, lüffe. Vielleicht gab es sie sogar in irgendeinem alten Wörterbuch. Sie musste an den Lachsfisch aus dem englischen Lied denken, an love letters und four-letter words. Sie zog eine Jeans an und ein dunkelgrünes Longsleeve, ging in die Küche, machte sich einen Kaffee und Toast.

[...]"

Man kommt etwas schwierig in das Buch rein, trotz einer spektakulären anfänglichen Rinderaugensektion im Biounterricht, die den Fokus auf genau die Linsenphysik als Fotowerkzeug setzt, die sich durch Bessermanns und auch Agnieszkas Leidenschaften/ Beruf zieht. Aber nach ein paar Gewöhnungen an das Kapitel- und Perspektivenspringen, die Verteilung und dem Ergreifen von Figurensympathien und dem Feststellen der ersten Abhängigkeitsfäden läuft es wie von allein und man will Bessermann nicht mehr aus der Hand legen. Obwohl Kasnitz' Sprache nicht bis ins Letzte gefeilt ist und man sich etwas mehr "Lyrik" des Lyrikers Kasnitz wünscht, tritt dieses Empfinden erstaunlich schnell zurück und die fragmentierte Aufnahme entfaltet sich ohne Hänger und ohne Stolperer. Ein gutes Quasidebüt für Launenweber, einem frischen Verlag, dem man nur weitere so gute Griffe wünscht, und eine ebenso willkommene Prosaergänzung zu Adrian Kasnitz umfangreicher werdender Bibliographie.

Adrian Kasnitz
Bessermann [ein Roman]
Launenweber
2017

Fixpoetry 2017
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