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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

„Zählt Gott im Himmel die Tage der Menschen oder ihre Nächte?“

Agnar Mykles Roman „Das Lied vom roten Rubin“ von 1956 ist frappierend nah am modernen Menschen im Szenekiez
Hamburg

Wie bei vielen großen Werken der Literatur hält sich auch bei Agnar Mykles 1956 erschienen Roman „Das Lied vom roten Rubin“ die äußere Handlung in Grenzen; stattdessen dominiert das innere Erleben. Der 23-jährige Ask Burlefot kommt 1938 zum Studium an der „Wirtschaftlichen“ in eine nicht namentlich genannte norwegische Küstenstadt. Zuvor war er bereits diversen anderen Tätigkeiten nachgegangen, etwa als Lehrer. Außerdem hat er trotz seines jungen Alters schon zwei Kinder gezeugt, sich jedoch beide Male aus der Verantwortung gezogen; ein Mädchen wurde zur Adoption frei gegeben, das andere, Astrid, wächst bei seiner Mutter auf, der Ask sporadisch finanzielle Unterstützung zukommen lässt. Die Vaterschaft ist der schwarze Schatten auf seiner Seele, sein Geheimnis, das ihn fast täglich plagt und er niemandem offenbart, in ständiger Sorge, dass es doch jemand herausfinden könnte.

Die „Wirtschaftliche“ ist eine private Hochschule, finanziert von Reedern und sonstigen Unternehmern, die sich erhoffen, hier den Nachwuchs für ihre künftigen Geschäfte zu rekrutieren; heute würde man von einer Business School sprechen. Die Wahl ist überraschend, da Ask für sich beansprucht, Sozialist zu sein, auch wenn er das Thema eher von der romantischen als der materialistischen Seite betrachtet – Sozialismus als „Inbegriff von Kultur, Größe, Freiheit Schönheit und Geist“. Mit dem Studium der sozialistischen Theoretiker möchte er sich jedenfalls nicht aufhalten; vielmehr träumt er davon, Komponist oder Literat zu werden, ein Leben zu führen, das „nur aus Musik, nur aus Erotik, nur aus Literatur, nur aus sorgloser Freundschaft [besteht], ein Leben randvoll von überschäumendem, berauschendem, olympischem Unfug“. Dass es dafür eine materielle Grundlage bedarf, versteht sich von selbst.

Entsprechend biegt er sich sein Weltbild zurecht und plant, sich die fünf Jahre an der Wirtschaftsschule mit seinen politischen Ansichten zurückzuhalten, um anschließend sein Wissen geballt in den Dienst der sozialistischen Sache zu stellen. Er betreibt diesen Ansatz so überzeugend, dass er sogar die traditionelle Ansprache zum Jahresabschluss halten darf. Auch hier weiß er seine wahre Gesinnung geschickt zu verbergen, zumal sein Fokus an dem Abend ohnehin weniger auf die Weltrevolution als auf seine hübsche Begleiterin gerichtet ist.

Ask Burlefot ist auf der Suche, nicht nach dem Sinn des Lebens – wenngleich dieser eine Teilsumme des Gesuchten sein dürfte –, sondern sehr viel spezieller nach dem „roten Rubin“; dieser rote Rubin ist kein Frau per se, allerdings ist eine Frau – die Frau – elementare Voraussetzung dafür, ein als richtig empfundenes Leben zu bewerkstelligen (wobei die genaue Definition von „richtig“ freilich ausbleibt). Das Problem dabei ist, dass die Frauen, die Ask kennenlernt, und das sind durchaus einige, seinen strengen Kriterien nicht entsprechen, was er regelmäßig nach kurzer Zeit zu seiner – und auch ihrer – Enttäuschung feststellen muss; immerhin aber hat er von den Versäumnissen der Vergangenheit gelernt und trägt jetzt stets eine Großpackung Verhüttungsmittel bei sich.

Bis er schließlich auf Embla trifft, seine Ballbegleitung. In sie projiziert er all seine romantischen Hoffnungen und Erwartungen, insbesondere, nachdem sie bei einem Treffen der sozialistischen Studentenvereinigung mit kraftvollen Worten zur Rolle der Frau im Sozialismus gesprochen hat; ihr möchte er sich fortan von seiner edelsten und aufrichtigsten Seite zeigen. Was allerdings im ersten Anlauf dazu führt, dass Embla mit dem aus Nazi-Deutschland geflüchteten Genossen Wolfgang zusammenkommt; und in Ask düstere Gedanken aufkeimen, ob sich die Episode Wolfgang mit dem absehbaren Einmarsch der Deutschen in Norwegen nicht beenden ließe –  ein Gedanke, für den er sich umgehend schämt!

Statt der sitzengelassenen Mutter seiner Tochter die angeforderten 50 Kronen für notwendige Anschaffungen zukommen zu lassen, kauft Ask sich ein Motorrad und unternimmt eine Reise nach Paris. Damit endet das Buch. Ein Epilog wirft den Blick ins Jahr 1945, kurz nach Kriegsende. Ask und Embla leben zusammen in einer kleinen Dachwohnung; sie haben 1942 geheiratet. Das gemeinsame Kind liegt im Nebenzimmer. Was aus Wolfgang wurde, erfährt man nicht. Ob Ask seinen „roten Rubin“ gefunden hat, bleibt ebenfalls offen.

Agnar Mykles „Das Lied vom roten Rubin“ gehört zu den bekanntesten Romanen der norwegischen Literatur, Mykle selbst gilt aufgrund seiner hyperrealistischen Erzählweise als ein Wegbereiter für Autoren wie Tomas Espedal oder Karl Ove Knausgård. Wegen des Vorwurfs, Pornographie zu verbreiten, wurde das Buch vorübergehend sogar verboten, was für Mykle ein schwerer Schlag war. Obwohl er bis 1994 lebte, publizierte er kaum noch etwas.

Die Figur der Ask Burlefot ist wegweisend, da sie die Ambivalenz des menschlichen Charakters auf ebenso eindrucksvolle wie humorvolle Art darstellt. Sein idealistisches Streben nach dem Aufrichtigen und Wahren wird immer wieder durch sein eigenes Tun konterkariert. Wobei sich Ask darüber durchaus im Klaren ist, nur kann er eben nicht anders. Damit geht es ihm wie vermutlich den meisten Menschen, die sehr wohl in der Theorie zwischen richtig und falsch unterscheiden können, ihre Maßstäbe in der Praxis aber selten durchhalten; verbunden mit dem nach vorne gerichteten Reflex, sich das eigene Leben und Handeln so zurechtzulegen – man könnte auch sagen: schönzureden! –, dass es weitergeht, weil es eben weitergehend muss; die dafür nötige Selbstgerechtigkeit inklusive. Agnar Mykle hat mit Ask Burlefot eine zeitlose Figur geschaffen, einen modernen Menschen, der heute ebenso gut in Berlin-Neukölln oder einem anderen europäischen Szenekiez zuhause sein könnte.

Agnar Mykle
Das Lied vom roten Rubin
Aus dem Norwegischen übersetzt von Ulrich Sonnenberg.
Ullstein
2019 · 448 Seiten · 26,00 Euro
ISBN:
13 9783550050022

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