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Kritik

Ungeordnete Vielfalt

Sinn und Form | 69. Jahr, Heft IV | Juli/August 2017
Hamburg

Die vierte Ausgabe der nun schon im neunundsechzigsten Jahr erschienen Literatur- und Kulturzeitschrift Sinn und Form wartet mit wohl ausgesuchten Beiträgen auf. Anstatt dem Versuch zu erliegen, zwischen ihnen einen roten Faden auszumachen, soll bei dem vorliegenden literarischen Potpourri doch lieber auf die wichtigsten Alleinstellungsmerkmale hingewiesen werden.

Den Auftakt macht die Erzählung Die Grenze von Olga Tokarczuk und dem anhängenden Interview mit der Autorin, für die allein sich schon der Erwerb der Zeitschrift lohnt. Der Leser wird hier von einem Ich-Erzähler in ein postapokalyptisches Zeitalter eingeführt, die von nur zwei Völkern bewohnt wird; den Zivilisierten und den Wilden. Das Ziel ist es, aus Sicht der Zivilisierten, ihre eigene Welt gegen die barbarischen Wilden zu verteidigen und sie nicht in ihr Land, in das „Grenzland“ eindringen zu lassen. Der Fluss Prath markiert die Grenze, die „geplatzte Naht der Welt, die nie wieder zusammengenäht werden kann“. Die feste Weltordnung des Erzählers, der in einer patriarchalischen Familie aufwuchs, die stolz auf ihre zivilisierten Tugenden wie Beständigkeit und Ordnung sind, wird jäh durch den Besuch einer wilden Frau und ihrer zwei Kinder in Frage gestellt. Das Dreiergespann findet trotz des Verbotes bei der Familie Unterschlupf, die Sehnsucht nach Freiheit in Udina, so nennt sich die Wilde, will aber nicht weichen. Tokarczuks Anliegen in dieser Erzählung war es, die Mechanismen des Umgangs mit dem Fremden aufzudecken. Der Anhaltspunkt bildet hier, der im polnischen Denken noch immer vorherrschende Topos, dass Polen die östliche Grenze der europäischen Zivilisation bildet und deshalb das christliche Europa gegen Angriffe von außen verteidigen müsse. Die eindrucksvolle Parabel, die eigentlich als literarischer Scherz, als Groteske, gemeint war, ist angesichts des heutigen politischen Rechtsruckes von alarmierender Aktualität. 

Weiterhin zu empfehlen ist die Laudatio Peter Bürgers auf Rudolf Borchardt. Bürger zeichnet seine widersprüchliche Haltung zu dem Schriftsteller und Übersetzer nach, der durch seinen Antimodernismus zugleich abstößt und anzieht. Nach Borchardt hat die deutsche Kultur in der Epoche zwischen Lessing und Hegel ihren unübertrefflichen Höhepunkt erreicht, weil Poesie und Wissenschaft hier noch als Einheit gedacht wird. Die Moderne gleicht hingegen dem puren Verfall; die Philosophie ist vom Positivismus gänzlich einverleibt worden und in der Literatur widmet man sich nur noch dem Naturalismus. Einzig Hofmannsthal und George kämpfen nach Borchardt als einsame Widerständler gegen die kulturelle Leere. Entgegen seiner antimodernen Haltung sieht er aber auch im Bewusstsein des Scheiterns und in der schmerzvollen Begegnung des eigenen Selbst das Rettende in der Literatur. An Hofmannsthal schreibt er: „Durch die eigene Arbeit hindurchzugleiten auf die andere Seite, und ihr gegenüber zu sein; wer das nicht mehr kann, stirbt am Selbstgift“.

Die neue Ausgabe besticht aber auch durch ihre lyrischen Beiträge. Es sind dabei zwei polnische Dichterinnen, die ins Auge stoßen. Zum einen Marzanna Kielar, die mythische, mitreißende Bilder vom Tod entwirft („Wie ein Körper im Körper steckt er in dir. Er zählt deine Rippen, befühlt die Knorpelringe um deine Stimme.“) Zum anderen Irit Amiel, die im Zweiten Weltkrieg das Ghetto von Czestochowa mit falschen Papieren überlebte und jetzt in der Poesie nach einer Sprache für das Unzumutbare sucht. In Ich fahre nicht wird die Notwendigkeit des Aufarbeitens der eigenen Vergangenheit, des Nichtumhinkommens der Tragödie, verhandelt. In einem nüchternen, unprätentiösen Ton gelingt es Amiel, für die verstörenden Erinnerungen den richtigen Ton zu finden:

Ich fahre im Sommer nicht nach Portugal und im Winter nicht nach
Kalkutta
besteige weder den Everest noch den Kilimandscharo
Ich fahre im Herbst nach Warschau und suche
nach vergessenen raschelnden Wörtern
längst vom Winde verwehtem Rauch
dem Geist der neuen Zeiten
und den verlorenen seidenen Schatten
des letzten Jahrhunderts

Die Reiseaufzeichnungen von Marcel Schwob, französischer Schriftsteller zu Beginn des 20. Jahrhunderts, sollen hier ebenfalls Erwähnung finden. 1901 machte er sich auf die Reise nach Samoa, wo sein verehrter Brieffreund und Schriftsteller Robert Louis Stevenson kurz zuvor verstarb. Schwob, der unter einer lebensbedrohlichen Krankheit und Morphiumabhängigkeit litt, verhoffte sich durch die Reise eine heilende Wirkung sowie Inspiration für sein literarisches Schaffen. Zwar war geplant, dass er für eine Zeitung Berichte verfasste, der einzige Ertrag der Reise blieb aber schlussendlich die detailverliebten Briefe an seine Frau, welche nun in gekürzter Fassung abgedruckt worden sind. Als Leser spürt man geradezu die salzige Seeluft, wenn man sich den eindringlichen Natur- und Farbbeschreibungen Schwobs annimmt:

Gestern färbte der Westwind die Sonnenscheibe rot. In weniger als drei Minuten verschwindet sie im violetten Dunst und in der blauen Dünung; das Rot des Nachbilds legt sich je nach Blickrichtung der Pupillen auf die Dämpfe, zittert, wird orange und vergeht; das Licht fehlt augenblicklich, der Himmel spannt, als gelte es zu sterben, flüchtige, taubenkehlenfarbende Nuancen aus, bis es erlischt. 

Ganz anders der Beitrag Peter von Matts. Der Schweizer Germanist und Schriftsteller versucht sich hier einer theoretischen Annäherung an das Gedicht als solches. Als Ereignis, als kurz aufleuchtender Blitz kann es gelesen werden, gleichzeitig birgt es die Möglichkeit der Versenkung des Lesenden in sich. Wir sitzen reglos da, versuchen zu verstehen. Die Frage lautet nun: Schließen sich Ereignis, die Performance, und das kontemplative Moment einander aus? Matt hebt als Lösung zu diesem scheinbaren Widerspruch das Enigmatische eines Gedichts hervor. Es will entschlüsselt werden und doch nicht. Des Rätsels Lösung mündet so in einer weiteren Paradoxie („Ich vergehe mich gegen das Ereignis des Gedichts, wenn ich seine Rätsel löse, und ich vergehe mich gegen das Ereignis des Gedichts, wenn ich es nicht löse“), die allerdings, angesichts offensiv geheimnisloser avantgardistischer oder postmoderner Lyrik, weitergedacht werden will.

 

Akademie der Künste (Hg.)
Sinn und Form | 69. Jahr, Heft IV | Juli/August 2017
Sinn und Form
2017 · 11,00 Euro
ISBN:
978-3-943297-36-2

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