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Kritik

Sinn und Form | 69. Jahr, Heft VI | November/Dezember 2017

Literatur als Erinnerungsspeicher
Hamburg

In der letzten Ausgabe des Jahres 2017 wird, passend zum Jahreswechsel, vornehmlich über das Vergangene sinniert. Den Anfang macht der russische Schriftsteller Dmitri Bakin, der seinen Protagonisten, einen gealterten Kriegsveteran, auf der Erde liegend an den Krieg erinnern lässt; nostalgisch, gar wehmütig begreift er, dass es das größte Ereignis in seinem Leben war und sein wird. Bakin erzählt hier auf eine sehr eigentümliche Weise, weshalb sich besonders die Grausamkeit so tief in das Herz des Menschen frisst und darin haften bleibt. Denn auf den Gestürzten wartet nur noch das Nichts und ginge es nach ihm, es könnte kommen. Aber selbst das soll ihm verwehrt bleiben.

In einem Interview mit Friedrich Dieckmann überlegt dieser wiederum, wie der richtige Umgang mit einem kontroversen kulturellen Erbe auszusehen hat, wie beispielsweise die Kriegsberichte Ernst Jüngers oder die Schwarzen Hefte Martin Heideggers. Den Vorschlag Walter Jens eines Veröffentlichungsverbots lehnt Dieckmann entschieden ab, er zieht hingegen eine offene Auseinandersetzung mit ihm vor. Aus diesem Grund empfinde er auch die Tendenz zur kulturellen Geringschätzung des Nationalen als selbstzerstörerisch, da sie sich gleichermaßen gegen die Europäische Union richte. An dieser Stelle möchte man allerdings auch daran erinnern, dass gerade die zu hohe Wertschätzung des Nationalen den gleichen Effekt hat, wie derzeit zu beobachten ist. Andrea Zederbauer fasst die Schwierigkeit des kulturellen Erbens in der neuen Wespennest-Ausgabe, die sich mit eben jenem Thema explizit auseinandersetzt, auf sinnvolle Weise zusammen:

Kulturelles Erbe ist kein Wert an sich, sondern es liegt an den jeweiligen Erben auszuhandeln, ob sie die Erbschaft antreten, sie als lebendige Bereicherung begreifen, ihr als Denkmal eine ethisch-didaktische Funktion zuweisen, sie durchbringen, umdeuten oder zerstören wollen. 

Während Dieckmann auf einer ethisch-didaktischen Funktion beharrt, kommt Hans Bender in seinem Essay zu einem anderen Schluss.

Es gibt Zeiten, da sollte man nicht zwanzigjährig sein.

Bender, geboren 1919, nutzt dieses Zitat Vitaliano Brancatis, um die Problematik seiner eigenen Jugend zu beschreiben. Ein junger Mensch, der im Faschismus aufwächst, müsse einen geradezu außerordentlichen Kraftaufwand betreiben, um sich gegen jenen aufzulehnen, so Bender. Er selbst verschlang die Kriegstagebücher Jüngers, die ihm schnell vermittelten: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Sein Verhältnis zu einem solchen kulturellen Erbe ist zwiegespaltener als das Dieckmanns, weil es für ihn eindeutig negative Auswirkungen hatte, war er doch geradezu „infiziert“ vom Jüngerschen Geist. Bender geht aber auch mit der Nachkriegsliteratur hart ins Gericht; sie war zu unentschieden, zu lasch und hat nicht die richtigen Fragen nach den Gründen des Nationalsozialismus gestellt. Helmut Heißenbüttel, nur zwei Jahre später als Bender geboren, lässt seine jungen Jahre ebenfalls Revue passieren, fühlt sie mithilfe von damals Gelesenem ab und resümiert, dass Literatur vor allem auch als Erinnerungsspeicher dient.

Dabei kann ich Stufen und Schichten feststellen. Sehr frühe Lektüren oder gar nur akustisch Aufgenommenes, wie Märchen und Kinderverse, bewahrt am stärksten den ursprünglichen Glanz. Diese gleichsam noch mythologische Verzauberung, die Literatur auf früher Bewusstseinsstufe haben kann, schwächt sich dann ab, vermischt sich mit autobiographischen Realien, mit Persönlichem, Zufälligem.

Cécile Wajsbrot macht sich in diesem Sinne auf eine ähnliche Reise in die Vergangenheit, nach Orten und Menschen ihrer Vorfahren, die im Krieg begraben wurden. Durch die Sprache versucht sie, sich einen Weg zu ihnen zu bahnen, den Menschen, die zu Ziffern geworden sind, muss aber erkennen, dass die Suche vergeblich ist. Alle drei Beiträge sind durchaus lesenswert, haben in dieser geballten Menge aber auch ihre Wucht. Vielleicht hätte es auch einer weniger getan, um den anderen mehr Raum zu geben, wartet die Zeitschrift schließlich mit noch mehr Literaturschätzen auf. Zu nennen wäre hier vor allem die Erinnerung Alois Halbmayrs an den Philosophen Odo Marquard, der sich zeitlebens mit dem „Problembaby“ der Theodizee auseinandersetzte. Scheint er für dieses keine Lösung gefunden zu haben, fiel ihm die Frage nach dem Jenseits wesentlich einfacher:

Ich persönlich finde immer mehr Geschmack an den institutionellen Seiten der Religion, habe aber als Philosoph Schwierigkeiten mit bestimmten Sachen, beispielsweise mit dem Jenseits, mit dem Leben nach dem Tode. Ich gehöre nämlich zu den Leuten, die Auferweckungen fast nur negativ erfahren. Schon die Vorstellung, morgens oder nach dem Mittagsschlaf das Bett zu verlassen, ist bei mir negativ belegt. Wenn der liebe Gott es gut mit mir meint, wird er mir die Auferweckung im Jenseits vielleicht ersparen und mich schlafen lassen.

Zu den Gedichten. Um der Überfrachtung Einhalt zu gebieten, sei nur ein Beitrag genannt – der dafür mit Nachdruck. Marie-Luise Bott hat sich dankenswerterweise mit dem in den Jahren 1916-1921 entstandenen Gedichtzyklus „Schlaflosigkeit“ von Marina Zwetajewa auseinandergesetzt. Wolfgang Hilbigs Kommentare dazu dienten ihr als Aufhänger für eine Neuinterpretation, die von großem Wissen über die russische Dichterin zeugt. Hier nur ein kleiner Ausschnitt aus der Interlinearübersetzung Botts, die, so hoffe ich, Lust auf mehr macht.  

Schlaflosigkeit! Meine Freundin!
Wieder deine Hand
Mit dem dargereichten Kelch
Begegne ich lautlos
Klingender Nacht.

Und wenn sie fragen (ich lehr es dich!),
– Wieso sind deine Wänglein nicht frisch, –
Sag: Mit der Schlaflosigkeit zeche ich,
Mit der Schlaflosigkeit zeche ich...

Akademie der Künste (Hg.)
Sinn und Form | 69. Jahr, Heft VI | November/Dezember 2017
Sinn und Form
2017 · 11,00 Euro

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