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Kritik

»Vereinte Kräfte für eine vereinte Welt!«

Badiou gegen Trump
Hamburg

Man kann Trump persiflieren; wenn Stephen Colbert dies tut, ist das höchst unterhaltsam, keine Frage. Die Inkohärenz, zum Beispiel Trumps Kritik an Institutionen, denen er selbst vorsteht, kann man so registrieren, auf sie so ferner aufmerksam machen, bis hin zu #covfefe, wobei Trumps Tweet Colbert zufolge nur zwei Interpretationen gestattete: „sleepy versus stroke”.

 

 

All das ist zumal dann legitim, wenn man zu mehr als Spott nicht mehr in der Lage ist, dies die Kehrseite – etwas Resignatives ist dem beigemengt.

Und vielleicht befolgt man so sogar die Agenda Trumps: Gebannt von #covfefe diskutiert man nicht, was, während Trump den Trottelpräsidenten gibt (und zwar ungeachtet dessen, ob er’s nun ist), sonst durch ihn geschieht oder eben nicht geschieht. Seit Trump im Amt ist, redet man über Trump, aber nicht genug über die Auswirkungen seiner Beschlüsse und seines Kurses insgesamt; und daß er zudem dadurch, was er aus dem Amt macht, dieses beschädigt, daß sein „Bullshit”1 zudem das Diskursive sozusagen an sich in Mitleidenschaft zieht, auch das wäre zu bedenken.

Stattdessen sollte man das also diskutieren – und Trump als Teil dessen; oder: als Symptom. Das tut Alain Badiou in seinem Büchlein Trump, worin er zwei Tage und nochmals zwei Wochen nach der Wahl die „unangenehme Überraschung” überdenkt, die diese Wahl darstellt – und die er sie so benennend schon diskursivierbar macht: „Schrecken”, „Gegen-Ereignis”, „Katastrophe”, das sei ihm in der Wahlnacht dazu eingefallen, doch derlei, „Depression, Angst, Panik”, das helfe nicht.

Stattdessen: Analyse der Gründe. Der Verfall jeder „Vision einer kollektivistischen Ökonomie”, Rußland, China, die Welt – alles zerstückelt und von Kapitalströmen durchzogen, die allein global noch sind. Nun habe „eben alles seinen Preis”, so faßt die Misere Badiou zusammen. Und die, deren Foren etwas dagegenstellten und dagegenstellen noch immer könnten, die Staaten und Staatenbünde, sind längst gekauft, „die Ungleichheit (zu) schützen” und damit „das Ungeheuer (zu) schützen”, das ist die Agenda noch des kommunistischen Chinas oder des DAESH. Politik: „einer der angesehenen Akteure im Raubzug des internationalen Handels (zu) werden”, wobei oligarchisch „die ganze politische Klasse allmählich zu einer einzigen Gruppe” wird.

Populismus ist die Folge: Man wendet sich dem Plebs zu, doch die Wahlfreiheit ist zunehmend virtuell, die Agora Schein, mafios, was sich tut – von „einem »demokratischen Faschismus«” spricht Badiou. Deshalb wird auch nicht mehr gestritten oder kommuniziert, sondern erregt, „Affekte, die benutzt werden, um eine spontane handelnde Einheit zu erzeugen” – das ist, was Sprache noch sein dürfe; und: nicht für jeden. Daß diese Sprache zugleich zwischen Sendern und Empfängern wieder strikt unterscheiden will, bemerkte schon Rancière in La Mésentente (Das Unvernehmen), dies ist die Quintessenz heute schon der Ausbildung statt der Bildung2

Insofern ist Trump nicht neu und „kein großes philosophisches Ereignis”, er ist eher der folgerichtige Schritt eines Übels, das darum aber nicht schon in die Krise umschlägt, die der Badiou in Haßliebe verbundene Žižek erhoffte, der bekanntlich Trump3 (oder eben gar nicht4 oder was auch immer – „and so on and so on”) gewählt hätte. Er ist „als hässliches Symptom der globalen Situation” – oder launiger, mit Michel Onfray, die „aufblasbare Gummipuppe des Kapitals” – für sich gar kein Thema.

Stattdessen gelte es, die Inkohärenz des Kapitalismus transparent zu machen. Daß er wenigen nützt, aber demokratisch die Billigung oder sogar die Plebiszite der Mehrheit braucht. Daß er aber auch nicht alternativlos ist, man darf heute den Kapitalismus anders als früher Könige „schrecklich nennen”, bloß mit der Volte Churchills implizit verbunden: „Es ist kein gutes System, aber es ist das beste.”

Sanders hätte für eine Alternative gestanden, dafür, zu sagen, daß der Kapitalismus Schwächen habe und nicht Sachzwängen oder dergleichen entspreche, am Schnittpunkt zwischen Demokraten und „Kommunismus”, wo zwischen Republikanern und „Faschismus” Trump stehe – als wäre da noch ein Übergang, wenn man Badiou folgt… Clinton hätte dabei von Anfang an das Problem gehabt, alles zu repräsentieren, vernünftig, doch damit, was diese Vernunft wäre, ohne Kontur.

Noch verdeckt sei, daß die Alternative besteht – noch immer, siehe auch Sanders Unsere Revolution –, „ein Konflikt der Extreme”, da jedenfalls das, was Trump vertritt, nicht eigentlich moderierbar ist (oder nach taktischen, aber nicht dialogischen Maßstäben), was auch die Linke prägen wird: ein „Konflikt […], der einem Bürgerkrieg nahekommt”, könnte anstehen, jedenfalls, wenn die Echoräume derer, die ausbeuten, ineffizient sind … was schlecht wäre, hier sind die Positionen Badious und Žižeks fast identisch.

„»Vereinte Kräfte für eine vereinte Welt!«” – eine Friedensvision ist das erst dialektisch, vielleicht, und das mag erschreckend wirken; aber die Fragestellung, die Badiou risikofreudig entwickelt, ist wichtig.

Alain Badiou
Trump · Amerikas Wahl
Übersetzt von Martin Born
Passagen Verlag
2017 · 72 Seiten · 10,20 Euro
ISBN:
9783709202654

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