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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
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Alte Karten von Flandern, Patrick Wilden
Kritik

Gefiederte Bombe

Hamburg

„Wildnis ist eine Ressource, die schrumpfen, aber nicht wachsen kann“, schreibt Aldo Leopold in seinem erstmals 1949 erschienenen Almanach Ein Jahr im Sand County. Nun bei den Naturkunden, von Jürgen Brôcan übersetzt, erschienen, zeigt sich Leopolds Klassiker aktuell wie eh und je. Seine flammenden, fast resignierenden Worte wider jegliche (Anti-) Naturpolitik tun weh, wenn man sie liest. Weil es eben die Wahrheit ist.

Anders als Edward Abbey in seinem einige Jahre später erschienen Wüstenparkbuch Die Einsamkeit der Wüste ist Leopold vor allem bitter-ironisch, fast zynisch in seinen Ausblicken. „Unsere  Gesellschaft des Immer-größer-und-immer-besser ist heute derart hypochondrisch besessen vom eigenen wirtschaftlichen Wohlergehen, dass sie die Fähigkeit, gesund zu bleiben, verloren hat. Die ganze Welt giert dermaßen nach Badewannen, dass sie die für deren Bau notwendige Stabilität verloren hat und sogar den Hahn nicht mehr zudrehen kann. Nichts wäre in diesem Zustand heilsamer als ein bisschen gesunder Verachtung für die Fülle materieller Segnungen.“ Er, der eine kleine Farm erworben hat, auf der er die Tage, die er nicht als einziges Lehrstuhl Mitglied der Naturschutzabteilung der Wisconsiner Uni schreibend im Keller sitzt, verbringt, kämpft fast sein ganzes Leben für den Erhalt und den Aufbau von Naturschutzgebieten. Sowohl im politisch-wissenschaftlichen Arm als auch direkt Hand anlegend, wenn er Kiefer um Kiefer, Strauch um Strauch mitten in den Buschbrand und die Dürre pflanzt – vom einen wie vom anderen zurückgeworfen.

Das Journal aus dem Sand County bildet den ersten Teil des etwas erratischen Konvoluts, dem später Essays aus anderen Gebieten, Betrachtungen zur Ethik, Abgesänge und ein umfangreiches Nachwort Brôcans folgen. Der illustrierte Bericht schildert die Phänomene und Durchquerungen von Fauna und Flora innerhalb von zwölf Monaten in jenem Bezirk aus Marschen, Sand, Hainen und Seen. Aus interessanter Perspektive eines ursprünglich vom Jagdfieber Besessenen, schildert Leopold sowohl, was er sieht, als auch seine eigene Wandlung vom „unbedingt eins auf den Pelz brennen müssen“ zum mahnenden Bewunderer.

Über Gänseflug notiert er:

Schnurgerade ist krumm im Vergleich zu ihrem unbeirrten Anpeilen des nächsten großen Sees zwanzig Meilen südlich.

Übers (eigene) Angeln (im Hochwasser):

Wir baten den Fluss um Forellen und bekamen einen Döbel [...] So sitzen wir auf unserem Hügel neben einer frisch erblühten Kuhschnelle und beobachten die vorüberziehenden Gänse. Ich sehe, wie unsere Straße sanft ins Wasser eintaucht, und komme (mit innerlichem Frohlocken und äußerlicher Gefasstheit) zu dem Schluss, dass sich die Frage nach dem Verkehr, hinein oder hinaus, für heute erledigt hat und allenfalls unter den Karpfen strittig ist.

Beißend wird Aldo Leopold vor allem dann, wenn der Clash mit den Humangebieten sich abzeichnet.

Das Schild „Sie betreten das Green-River-Bodenschutzgebiet“ ist hübsch bemalt. Es steht auf einer Wiese [...] daneben liegt die anmutige Schlaufe eines alten ausgetrockneten Bachbetts. Der neue Lauf wurde linealgerade ausgehoben; der Landingenieur hat ihn „entkringelt“, um den Abfluss zu beschleunigen. Auf dem Hügel im Hintergrund zeichnen sich Reihenkulturen ab, die von den Erosionsingenieuren „gekringelt“ wurden, um den Abfluss zu verlangsamen. Das Wasser muss von diesen vielen Ratschlägen ganz verwirrt sein.

[...]

Im benachbarten Urlaubsort gibt es einen weiteren Naturliebhaber, einen von der Sorte, die schlechte Verse in Birkenrinde ritzt.

Aldo Leopolds Auslassungen sind vor allem in den hinteren Buchteilen knorrig und fatalistisch. Das Erstaunliche ist allerdings, dass dieses Buch trotzdem bald auf die Hundertjahrmarke zugehen wird und zumindest in der Vorstellung, die Teile Wisconsins oder Arizonas, oder wo sonst, die er als zerwirtschaftet, unwild oder abhanden beschreibt, im Vergleich zu ihrem heutigen Anblick noch als halbwegs bukolischer Einklang zwischen Natur und Mensch durchgehen könnten. Der Fakt, dass es zwar heute Nationalparks gibt, aber dass im Falle eines Shut-downs sämtliche Schranken offen sind, alle Parkhüter frei haben, mal eben ein Haufen Autos wild durch die geschützten Zonen fährt und mit der Survival-Axt aus dem Kofferraum alles dem Wagen entgegenstehende kurz- und kleinhackt (Joshua Tree etc.), dürfte nicht nur Leopold wie Szenen aus Wie-die-Rache-begann erscheinen, Monumentalalbtraum Allerseelen irgendwann soon nicht nur in Kinos.

Zum Verhältnis Natur und Ethik schreibt Leopold:

Ein wesentlicher Wandel der Ethik wurde nie ohne innere Veränderung unserer intellektuellen Gewichtung, unserer Bindungen, Zuneigungen und Überzeugungen erreicht. Die Tatsache, dass Philosophie und Religion noch nichts vom Naturschutz gehört haben, beweist, dass er die Grundlagen unseres Verhaltens nach wie vor nicht berührt hat. In unserm Bemühen, den Naturschutz zu vereinfachen, haben wir ihn trivialisiert.

Ein Jahr im Sand County ist ein damals wie heute wichtiges Buch, das einiges über seinen Autor preisgibt. Ein Dokument der Beobachtungen, Ironien und zuletzt Einsamkeiten.

Aldo Leopold · Judith Schalansky (Hg.)
Ein Jahr im Sand County
Übersetzung:
Jürgen Brôcan
Übersetzt von Jürgen Brôcan
Matthes und Seitz
2019 · 258 Seiten · 34,00 Euro
ISBN:
978-3-95757-682-8

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