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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
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Literaturbote 131/132 - Die Mayröcker Variationen
Kritik

Gedichtroman auf höchstem Niveau

Alexander Ilitschewskis universalgelehrtem Aserbaidschan-Roman liegt ein Gedicht zugrunde.
Hamburg

Als zweiter Roman der Tetralogie „Die Soldaten des Apscheroner Regiments” erschien 2010, dick wie „Krieg und Frieden”, Alexander Ilitschewskis „Der Perser”. In Russland verkaufte sich das Buch in mehreren Auflagen und erzielte namhafte Preise. Andreas Tretner hat die angemessene deutsche Übersetzung dieses Jahrhundertromans geliefert, wobei er ein wenig ins Laboratorium des Autors sehen lässt: Wie mag Ilitschewski für „Der Perser” vorgegangen sein? Wie erstellt man Vergangenheit? Wie lassen sich neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse in das Netzwerk einspannen, um Vorgefallenes plausibel zu machen? Mit umfassendem Wissen, glühender Lust am Fabulieren und stets wachen Sinnen, in Einprägen und Aufrufen geübt – nutzbar sentimental.

Der heute 47-jährige Ilitschewski, nomadizierender Naturwissenschaftler und Computerspezialist, hat sich vor mehreren Jahren in Israel niedergelassen: wie die Protagonisten seiner Romane ein höchst gebildeter, unbehauster homo sovieticus novus.

Geboren wurde Ilitschewski in Sumgait/Aserbaidschan. Als dort 1988, am Anfang des Konflikts um Berg-Karabach, Aseris ein Pogrom an Armeniern verübten, war seine Familie bereits nach Moskau gezogen. Als Student besuchte er 15 Jahre später die Gegend seiner Kindheit wieder – und erkannte die Orte kaum mehr. Nach Studium und Unterrichtstätigkeit an der besten Hochschule für Naturwissenschaften der Sowjetunion, dem Physikalisch-Technischen Institut in Moskau, machte sich der Autor nach der Wende als einer der ersten Spezialisten in die USA auf; ebenso der Protagonist seines Romans, Ilja Dubnow. Solche Leute waren im Silicon Valley gefragt.

Mit derselben Welle best qualifizierter Russen war auch der um zehn Jahre ältere Alexei Parschtschikov nach Amerika gegangen, ein naturwissenschaftlich wie logisch auf der Höhe seiner Zeit denkender experimenteller Dichter. An der Stanford-Universität stieß er zu den so genannten Language Poets, die strukturelle Sprachspielereien wie die Europäer trieben.

Ilitschewski und Parschtschikov hatten viel gemeinsam.

Ilitschewski, der seit 1996 erst als Lyriker literarisch in Erscheinung trat, verlegte sich bald auf erzählerische Texte. Parschtschikov gehörte dem inneren Kern der so genannten Meta-Realisten (mit Iwan Schdanow und Ilya Kutik) an, die man als Neuauflage der Petersburger Akmeisten, in Opposition zu den Künstlern der Postmoderne, ansah. Ihre Gedichte gelten als dunkel, weil wegen der vielen künstlerisch-philosophischen Quellen, aus denen sie zehren, nur den Geduldigen und quer Belesenen erschließlich. Dafür wurden Parschtschikov und Freunde im Nach-Wende-Russland berühmt-berüchtigt.

2009 starb Parschtschikov in seiner letzten Lebensstation, dem deutschen Köln, wohin er 1995 gezogen war. Ihm ist Ilitschewskis in seiner ersten Version 2010 veröffentlichter Roman gewidmet.

Aber mehr als das: „Der Perser” kann – unter anderem – als eine Art Vermächtnis Parschtschikovs gelesen werden. Zu seinen Lebzeiten stand Ilitschewski in fruchtbarem Austausch mit diesem. In „Der Perser” hat er etwas wahrgemacht, was er im Roman das Freundespaar – den Ich-Erzähler Ilja und, davon unabhängig, die Titelfigur – als Theorie entwickeln lässt.

Die gemeinsam oder nebeneinander entwickelte Idee ist: Wie Leben sich trotz oder sogar mithilfe des Chaos nach einer gewissen Ordnung organisiert, ließe sich auch die Struktur des modernen Gedichts als Formel für ein schöpferisches Gebilde verwenden; Gedanken, wie sie entstehen, wenn Naturwissenschaft eingedenk der Logik von Denkmaschinen mit Sprachkunst an einem Tisch sitzt.

Wo es im Roman ums Programmieren von LUCA geht, so die Abkürzung für die Befehlskette zur Entstehung es Lebens, hat Ilitschewski in „Der Perser” Parschtschikovs zweiteiliges Lang-Gedicht „Erdöl” hergenommen. („Erdöl/Transittal” liegt in einer deutschen Übersetzung vor, die kaum vermitteln kann, worum es in Parschtschikovs Langgedicht geht. Zu empfehlen ist eher die kommentierte Übersetzung ins Amerikanische.) Dieses mit überaus viel Wissen angereicherte Poem rollte Ilitschewski gleichsam aus, um die Struktur als Romangerüst zu verwenden. Wie bei Parschtschikov geht es um Wesen, Möglichkeiten und Geschichte des Erdöls. Ilitschewski füllt die Idee für seinen Roman mit Material zu einer bis dahin ungeschriebenen Geschichte Aserbaidschans, während Parschtschikov das Langgedicht während der Wende in der Geschichte Russlands geschrieben hat: 2013, bei Entstehung von „Erdöl”, war Michail Chodorkovski noch Mächtigster im Land, mit seiner Firma Yukos weltweit auch der Reichste.

In „Erdöl” nahm Parschtschikov sich den zukunftsträchtigen fossilen Brennstoff vor. Das Poem beschreibt eine Art Vision, die den Dichter ereilt, als er in einem Nachtzug unterwegs ist und wach die Wasserscheiden zwischen Nord- und Südgefälle überquert. Dabei wird er sich dessen bewusst, dass das Geäder der Flüsse dem in der Erde verborgenen des Erdöls entspricht. Es speist sich aus der Vergangenheit, die es gewissermaßen aufbewahrt. Erdöl, so Parschtschikov im gleichnamigen Gedicht, werde als Schatz der Zukunft umkämpft, dabei sei es ein Schatz aus der Vergangenheit, der alles Wertvolle am Leben erhalte. – Diese Idee lässt sich als künstlerisches Glaubensbekenntnis lesen, äquivalent mit der Auferstehung im Sinne des orthodoxen Christentums – wenngleich es sich bei den genannten russischen Dichtern um Agnostiker aus jüdischen Familien handelt. Ihr erster Apologet war Ossip Mandelstam, als er den Akmeismus als „Sehnsucht nach Weltkultur” definierte. Joseph Brodsky sprach später von Byzanz als geistiger Heimat und Hellenismus als dazu gehörigem weltoffenen Geist. Diese Grundsatzerklärung der Religion der Poesie hat sich auch Ilitschewski auf die Fahnen geschrieben, ja sie zu einem Programm für „Der Perser” umgeformt.

Worum geht es Ilitschewski in seiner konzeptionellen Großerzählung?

Er schreibt nicht nur die ausständige Geschichte seiner ersten Heimat Aserbaidschan, sondern auch die von Freundschaften, die ein Menschenleben prägen. Im Falle Iljas, des Ich-Erzählers, ist der Freund der Kindheit und Jugend „Der Perser” Haschem. Dieser schüchterne, durch einen Buckel entstellte Flüchtling, der im Teenageralter mit seiner Mutter aus dem Iran über die Grenze kam, hat sich zu einem strahlenden Heiland entwickelt, als Ilja ihn in der Mitte eines Menschenalters aufsucht.

Nämlich führt ein Forschungsauftrag den russoamerikani­schen Erdölexperten auf die Halbinsel Apscheron im Kaspischen Meer. Hier sind die beiden miteinander aufgewachsen. Ilja findet Haschem, von den Bewohnern der Gegend als Guru verehrt, im nunmehrigen Naturreservat. Der „Perser” hat seine „Apostel” dem Projekt der Nachzucht der seltenen Vogelart Hubara verschrieben. Die Gemeinschaft der „Heger” finanziert sich aus den Verkäufen von Jagdfalken, die eben diese Kragentrappen jagen. Am afghanisch-pakistanischen Markt in Quetta werden die Tiere gehandelt. 

Nicht nur, dass der Leser einiges über Hubara und die kaspische Naturlandschaft als auch die archaischen Prinzipien der Region Belutschistan erfährt: Bei Ilitschewski ist alles Material nicht nur mit Wissen, sondern mit darüber hinaus verweisender Bedeutung angereichert. Etwa die Situation von Jagdfalke und Kragentrappe versinnbildlicht menschliches Handeln – betrachtet man Politik mit weitem historischem Horizont; im Falle Apscherons im Interesse des Erdöls an der Grenze Russlands mit Persiens, wo gleichzeitig die Schnittstelle des Christentums mit dem Islam und des Kommunismus mit dem Kapitalismus liegt. Und nichts weniger als die Weltlage beschreibt der gebildete Weltbürger hier in „Der Perser” – mit Ausflügen in und Scheinwerfern aus allen möglichen Perspektiven. Ilitschewski erzählt Geopolitik am Beispiel Aserbaidschans, wo er Ilja Geophysik betreiben lässt. Wie sein Protagonist den Ursprung des Lebens biologisch finden möchte, sucht der Autor im erdölreichen Boden am Kaspischen Meer nach dem Zusammenhalt der Kultur.

Doch in „Der Perser” gibt es nicht nur in intelligenten Debatten viel dazuzulernen: Ungewohnt intensiv vermag es dieser außergewöhnliche Roman, unmittelbar Gegenwärtigkeit herzustellen: Wenn der Protagonist seine Kindheit an bestimmten Gerüchen wiedererkennt oder bei den Beschreibungen der höchst eigenwilligen Musik der Region. „Der Perser” ist auch ein Buch der Gerüche und Geschmäcker, in welchen Ilja, der manische Bilderknipser, seine Heimat wiedererkennt.

Erdöl birgt, verschlossen gehalten, Leben. Es verhilft zu Geld und Macht und bildet die Grundlage der Religion, in dem Fall der zoroastrischen Feueranbetung. Vor allem geht es Ilja beim Erdöl um die biochemische Entschlüsselung. Die Formel des Lebens bzw. zur Freisetzung schöpferischer Energie, denkt Ilja, liege im Erdöl verborgen: Von diesem Einfall geht Ilitschewski aus, der seinen Protagonisten geheime Bohrproben vom Grund der Weltmeere entnehmen und sie in Labors schicken lässt. Iljas Kindheitsfreund, „Der Perser”, fasst zusammen:

Ilja <...> ist Geologe und Meerersforscher, erstellt auf der Basis der Verkehrsanbindungsdaten von Ölbohrinseln ein eigenwilliges ozeanographisches Observatorium, das für Wissenschaft und Praxis, Schürf- und Förderunternehmen gleichermaßen nützlich sein kann. Iljas spezielles Interesse gilt der Erforschung der Metanophagen, das sind die im Öl enthaltenen Bakterien. Er sucht nach dem evolutionären Zusammenhang zwischen den Spenderbakterien aus den „Schwarzen Rauchern" am Grund der Tiefsee und denen, die durch die Bohrsonden zutage treten. Will herausfinden, wie die sich – im Lichte der Hypothesen über die Anfänge irdischen Lebnes – zueinander verhalten. Schickt regelmäßig Ölproben in ein Genfer Labor. Diesbezüglich hat er die fixe Idee, das irdische Sein könnte aus zwei unterschiedlichen Quellen herrühren: Die eine Welt beruht auf chthonischen Prozessen, sie wird durch Methan versorgt. Die andere auf der Photosynthese. So ergibt sich eine positivistische Unterteilung in Licht und Finsternis. Ilja ist aus irgendeinem Grund überzeugt, die Urform des Lebens sei hier in unseren Breiten anzusiedeln... Ich bin stolz auf meinen Freund.

Denn die Ergebnisse locken Ilja genau an die Stelle, wo auch sein Bewusstsein begonnen hat: auf die Insel Apscheron im Kaspischen Meer, nah der Schwarzen Stadt Baku, Ursprung des russischen Erdölbooms. Dass die Geschichte dieser Gegend weitgehend unbekannt ist, weil so gut wie nie beschrieben, nimmt Alexander Ilitschewski zum Anlass, Nachforschungen anzustellen. Als Historiker geht er wie ein Naturwissenschaftler vor, nur erhebt er die Daten humanistisch aus Büchern, anstatt Materie zu analysieren. Bei diesem Verfahren offenbart er eine Neigung zum Enzyklopädischen; etwa, wenn Ilitschewski auf der Suche nach historischen Figuren aus der militanten Geschichte der Sowjetunion vom russlanddeutschen Kommissar Rudolf Abich, dem Verfolger Chlebnikovs und Propagandachef der Persischen Roten Armee, auf den Vulkanologen Hermann von Abich kommt und mit dessen Theorien auf der Stelle einen neuen Seitenarm in den Roman legt.

Mit dieser in Assoziationen wuchernden Methode, die eigentlich für Gedichte typisch ist, fördert der Erzähler stets neue Motive zutage und verspinnt sie zu teils recht fantastischen Geschichten. Darunter sind Ereignisse aus der Geschichte der Sowjetunion, in der der Südkaukasus am Kaspischen Meer eine ungeahnt tragende Rolle spielt. An diesem weißen Fleck in der Geschichte Eurasiens haben sich die Ausläufer so mancher Ideologien und Religionen überlappt und vermischt wie im Erdöl die Inhaltsstoffe: unter Druck von Zeit und Materie im Erdinneren wieder Energie gewordene abgestorbene Lebewesen. Noch immer gäbe es, beharrt Ilitschewski in einem Interview, keine zusammenhängende Geschichte Aserbaidschans zu lesen.

In der Tat dürfte außer im bekannten Abenteuer-Liebesroman „Ali und Nino” nirgends das Schicksal der transkaukasischen Erdöl-Sowjetrepublik zu lesen sein. Ihn verfasste der als Sohn einer Anarchistin und eines Ölmagnaten in Baku geborene Lev Nussimbaum, nachdem er in der Emigration in Berlin den Islam angenommen hatte und sich Essad Bey nannte. Mit „Der Perser” hat nun ein weiterer Kurzzeitbewohner seiner Kindheitsgegend, dem schiitischen Land der turksprachigen Aseris, ein Denkmal gesetzt. Auch der unbehauste Ilitschewski hat sich in Aserbaidschan Heimat schreibend verschafft, indem er  erwachsener Forscher nachbohrt und -fischt, ausschöpft und dem Gefundenen nachspürt.

In „Der Perser” wendet Biologe und Zelltechniker Ilja seine Methoden an einem experimentellen Gedicht an, worin schöpferisches Chaos etwas Lebendiges zusammengebracht hat. Er fördert ein Strukturprinzip zutage, das er auf die Materie „Erdöl” umlegt, die Parschtschikovs Gedicht-Thema als auch Lebensgrundlage Aserbaidschans, aber auch Forschungsgegenstand des (Ich-)Erzählers ist.

Die Titelfigur fasst zusammen:

„Neulich bei deiner Lesung kam mir die Idee, man könnte versuchen, den Introns mit den Methoden der kombinatorischen Gedichtanalyse auf die Schliche zu kommen. Das hätte eine Logik; die KNA hat genau wie ein Gedicht ihre Verknüpfungen auf drei Ebenen: als Rhythmus – gewisse Häufungen von Stickstoffbasen im Genom –, Reim und strophische Reprise. Ich hab es ausprobiert und bin auf Abschnitte mit syllabotonischem Versmaß gestoßen und solche mit freien Versen. Umgekehrt lässt sich in den Versmaßen von Gedichten ohne weiteres die Kombinatorik genetischer Prozesse wiederfinden; alle Verknüpfungsvarianten von betonten und unbetonten Silben – vier für die Zweifüßer, acht für die Dreifüßer und so weiter – kennen wir dort auch. Wie sich zeigt, hat eine Daktyle mehr Chancen, sich im Genom zu verankern als ein Amphibrachus. Ich bin dabei, alle in den Introns vorkommenden Versmaße zu katalogisieren, hab sogar schon die alkäische Strophe gefunden, mit der Horaz so gern operierte...“

Dieser Zellkern von Idee wurde in den intellektuellen Gesprächen zwischen Parschtschikov, auf dessen „Erdöl” der Freundschafts- ­und Entwicklungsroman fußt, und Ilitschevski geteilt, der ihn dem Anderen auch gewidmet hat. Und wie lässt sich ein Dichter auch besser würdigen als fortgesponnen im großartigen Werk eines anderen?

In Parschtschikovs Todesjahr haben Ada Yorath, Venkatraman Ramakrishnan und Thomas Steitz den Chemie-Nobelpreis für ihre Erforschungen von Ribosomen erhalten, welche zwischen Proteinen und Nukleinsäuren wirksam sind. In sogenannten Translationen erschaffen sie aus dem Nichts alles Leben. „Translationen” – bei diesem Terminus springt dem Sprachkünstler der Motor an. Die Strukturen von Ribosomen liefern mehr Fragen als Antworten. Darin sind sie der modernen Lyrik ähnlich, in der aus dem Nichts Assoziationen gewonnen werden, die weiterführen und mit Geisterhand Wahrheiten herausfinden, das spirituelle Pendant zum Leben.

An der Schnittstelle von Naturwissenschaft und Sprachspiel gibt es einen maßgeblichen russischen Avantgardisten, der mit der Landschaft Aserbaidschans an der Grenze zum Iran verbunden ist, (in Zusammenhang mit der politischen Geschichte der Sowjetunion und ihres schiitischen Nachbarstaats,) Dichter-Dichter Velimir Chlebnikov. Ihn baut Ilitschewski als graue Eminenz seines Romans auf; nicht nur, weil die Titelfigur Haschem, „Der Perser”, dieses Urbild des heiligen Narren und Dichterphilosophen verehrt: Chlebnikov changiert bis heute unter den Rezipienten zwischen Nonsenssprachclown und Linguist, er selbst sah sich als Apologet einer neuen Sternensprache der Zukunft.

Für diesen Chlebnikov begeistert sich „Der Perser” Haschem seit seiner Jugend im Theaterzirkel „Roter Tropfen”. Auf der historisch verbürgten Reise in die kurzlebige persische Sowjetrepublik Gilan im Nordiran hat Chlebnikov sich in Baku aufgehalten, wo er Manuskripte gelassen hat, heißt es im Roman. Die Suche darnach hat den Theaterzirkel eine Zeitlang beschäftigt, war in Haschems prägenden Jahren der heilige Gral. Zur gleicher Zeit widmete sich Ilja  unter Anführerschaft des Naturburschen und Segellehrers Stoljarov der Heimat- und Naturkunde, in atemberaubenden Landschaften und an historischen Schauplätzen Aserbaidschans.

Translationen: Nicht nur, dass Ilitschewski zur Auseinandersetzung mit Chlebnikovs Texten diese aus dem Aggregatzustand der russischen Dichtung in Prosa übersetzt – vom hervorragenden Übersetzer ins Deutsche, Andreas Tretner, nur zum Teil wiedergegeben –; als Rekonstruktion der Bakuer Chlebnikov-Gedichte jubelt uns der Autor verschmitzt Gedichte seines Freundes Parschtschikov unter, vermengt mit Zeilen und Requisiten aus einem Schlüsseltext für die Moskauer Dichter der Meta-Realisten der 1980-erjahre, Bulgakovs „Meister und Margerita”.

Das ist in Gedichten denken auf höchstem Niveau! Man muss kein Literaturwissenschaftler sein, um den Roman mit großem Genuss zu lesen und daraus alles Mögliche über die eigenen Sinne, die der menschlichen überlegene physische Eignung von Delfinen zum Dichter oder die Musik der Eizellen während der Befruchtung zu lernen.

Ilitschewski hat Religionskunde und Geschichte, Physik und die Logik, Ornithologie und Biochemie intus. Seinen Assoziationen in alle Verästelungen der Geschichte(n) zu folgen, ist so spannend, dass man „Der Perser” besser mehrmals liest. Nicht zufällig führt uns der universal gebildete Ilitschewski, wenn er im Erdölforscher Ilja ein in der Lebensmitte in eine Krise geratenes Alter Ego gestaltet, unter die Erde. Wie Dantes Ich-Erzähler an Vergil richten sich alle Figuren an einem wohlmeinenden Lehrer aus. „Der Perser” ist eine „Göttliche Komödie” über alles und nichts, was Menschen begegnen kann und was sie daraus machen, einander antun in vielen Fällen, und wobei alles Getriebe aus der Reibung mit dem unbeirrbaren Vorwärts der Zeit entsteht.

Alexander Ilitschewski
Der Perser
Übersetzt von Andreas Tretner
Suhrkamp
2016 · 750 Seiten · 36,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42499-5

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