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Kritik

Literatur als Spiegel – eine Annäherung

Hamburg

Spiegel sind Glasplatten, die an der Rückseite mit einem Metall, meist Aluminium oder Silber, und einer schützenden Lackschicht beschichtet sind. Sie zeigen ein gleich großes Abbild, bei dem rechts und links spiegelverkehrt vertauscht ist. Erst wenn man dieses Spiegelbild durch einen zweiten Spiegel betrachtet, kann man sich exakt so sehen, wie man von anderen gesehen wird. Es gibt auch Spiegel, die verkleinern oder vergrößern, verzerren etc. So weit zur Physik.

Doch Spiegel sind mehr als bloß nützliche Gegenstände. Seit der Antike sind sie aufgeladen mit Bedeutungen und ein beliebtes Motiv in der Welt der Kunst. Spiegel dienen der Betrachtung, sind Symbole für Eitelkeit und werden gern als Mittel auf dem Weg der (Selbst)Erkenntnis eingesetzt. Dies hat Eingang in Redensarten gefunden, z.B. „Jemandem einen Spiegel vorhalten“ oder wenn man das „Spiegelbild der Seele“ zu sehen meint. Symbolisch ist auch der Verlust des Spiegelbilds, der mit dem Teufel oder übernatürlichen Phänomenen in Verbindung gebracht wird, etwa in E.T.A.Hoffmanns Erzählung „Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild“ (enthalten in der Sammlung: Phantasiestücke in Callots Manier).

In Erweiterung dieser Spiegelfunktion der „Abbildung“ wird in der Kunst eine mal magisch-mysteriöse, mal schaurige Welt hinter dem Spiegel zum Leben erweckt, in der vieles möglich scheint und für deren Ausgestaltung es lediglich der reichen Einbildungskraft des Künstlers bedarf. Man denke etwa an den sprechenden Zauberspiegel in Grimms Märchen Schneewittchen. Oder man erinnere Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“. Die Fortsetzung dieses Kinderbuchklassikers trägt den Titel „Alice hinter den Spiegeln“, in dem neue Abenteuer beginnen, als der Spiegel auf dem Kaminsims für Alice zur Tür ins Wunderland wird. Spiegel sind zudem Symbol der Vanitas. Hinter den Spiegeln liegt oft auch das Reich der Toten. Hier sei an den eindrücklichen Film „Orphée“ von Jean Cocteau erinnert, in dem Orpheus durch einen Spiegel hindurch ins Jenseits gelangt, um Eurydike zurückzuholen.

Dieser vielfältige Einsatz von Spiegeln in Kunst und Literatur spielt eine zentrale Rolle im vorliegenden Prosadebüt von Alexandra Bernhardt, das den alternativen Titel „Aus einem Spiegelkabinett“ trägt. 2017 trat die Schriftstellerin mit dem Lyrikband „Et in Arcadia ego“ erstmals an die Öffentlichkeit. Nun legt sie mit „Hinterwelt“ eine Sammlung von zehn kürzeren Texten vor, die als Erzählungen bezeichnet werden und die ich eigen, wenn nicht gar verschroben nennen möchte. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie zunächst leicht lesbar scheinen, doch schnell beginnt sich Irritation bei der Lektüre einzuschleichen. Man bleibt an Zitaten hängen, meint auf einmal Anklänge an schon genau so oder ähnlich Gelesenes zu vernehmen, stößt auf stilistische Eigentümlichkeiten, auf Namen verschiedenster Schriftsteller, beginnt Verbindungen zu spinnen und erkennt, dass Bernhardt ein hochkomplexes Stück Literatur vorlegt, das man als Literaturliteratur bezeichnen könnte, das meist funzt und flutscht, manchmal eckt, sich sperrt, zuweilen aus der Zeit gefallen scheint und auf beinahe jeder Seite mehrfach aufmerken lässt.

Hilfreich für die Beurteilung dieser Erzählungen ist das Buchcover. Es zeigt das Ölbild „Bibliothek“ des österreichischen Künstlers Franz Sedlacek (1891-1945), dessen Werk stilistisch dem Magischen Realismus, der Neuen Sachlichkeit und dem Symbolismus zugeordnet wird, aber auch Bezüge zum Surrealismus aufweist, Stilrichtungen, die auch die vorliegenden Texte färben. Sedlaceks Kunstwerke zählen laut der Expertin Alexandra Matzner „zu den Höhepunkten der grotesk-phantastischen Kunst Österreichs in der Zwischenkriegszeit“1. Auf dem Bild sieht man einen hageren, grauhaarigen Mann mit Halbglatze vor einer im Dunkel liegenden Bibliothekswand, der ein Buch in Händen hält. Sein Blick ist auf das Fenster gerichtet, durch das Licht einfällt. Vor diesem Fenster thront ein knallgelber Papagei auf einem geschmiedeten Metallsockel, sein Schatten zeichnet sich deutlich auf dem Boden ab. Es ist keine realistische Szenerie, denn das leuchtende Gelb des Gefieders, das mit dem Dunkel der Szenerie kontrastiert, wird durch keinerlei Verschattung gemindert, auch nicht auf der lichtabgewandten Seite. Dieses Coverbild scheint gleichsam der Schlüssel zu den Erzählungen zu sein. Sie zeugen von Bernhardts großer Liebe zu Büchern und ihrem umfangreichen Wissen, das auf ihrer persönlichen Bibliothek gelesener Werke gründet und auf mannigfaltige Art und Weise Eingang in die hier vorliegende Prosa fand. Anders ausgedrückt: Man kann „Hinterwelt“ auch ohne oder mit nur geringer literarischer Bildung lesen, vielleicht auch genießen, aber der Reichtum an Bezügen, die sich je nach Repertoire der eigenen Lebenslektüren naturgemäß anders erschließen wird, ist unermesslich, denn man stolpert unentwegt über Entdeckungen, erst recht bei der Zweit- und Drittlektüre, die staunen machen. Es ist Literatur, die Literaturen integriert, sie auf vielfältige Art und Weise spiegelt und sich selbst in diesen spiegelt.

Im dem Buch vorangestellten Zitat des französischen Mönchs und Dichters Alanus ab Insulis, der in der Mitte des 12. Jahrhunderts n. Chr. lebte, heißt es programmatisch:

Omnis mundi creatura / quasi liber et pictura / nobis est, et speculum.

was übersetzt in etwa bedeutet: Jedes Geschöpf der Welt ist gleichsam Buch, Gemälde und Spiegel für uns. Alexandra Bernhardt kreiert ein „Panoptikum von geistigen Chimären“, in dem sie mit Epochen, Szenerien und Erzählhaltungen spielt, und wendet ihre Texte gern auch ins Phantastische, Absurde und Groteske. Die in „Hinterwelt“ integrierte Bibliothek der studierten Gräzistin beginnt bei der Bibel und den Geschichten der griechischen Mythologie, geht über Alanus ab Insulis zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, berücksichtigt viele deutschsprachige, englische und amerikanische Werke, wobei, so ich nichts übersehen habe, leider kein einziges Buch einer Schriftstellerin in Bernhardts Bezugsrahmen liegt, was zur Kenntnis zu nehmen ist. Auch sind keine neuesten literarischen Werke in dieser Bibliothek zu finden.

Das Spiel mit Literatur beginnt bereits mit der Titelwahl. So heißt eine Geschichte „Kurz vor Sonnenaufgang“, ein Anklang an Gerhart Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“, eine andere „Hinter dem Horizont“, die an den gleichnamigen Film von Vincent Ward (1998) denken lässt, eine dritte „Der Anschlag“, der an Stephen Kings gleichnamigen Roman erinnert, usw. Auch manche Untertitel rufen Anklänge wach. So wird die Erzählung „Dem Tod ins Auge“ mit dem Untertitel „Ein Nachtstück in Hoffmanns Manier“ versehen, der wiederum an die anfangs erwähnte Hoffmannsche Sammlung „Phantasiestücke in Callots Manier“ denken lässt. Es ist ein Text in dem sich die Autorin stilistisch der Schreibweise E.T.A.Hoffmanns nähert, seinen Stil also in der eigenen Schreibweise spiegelt.

Den Erzählungen vorangestellt ist jeweils ein Zitat eines Schriftstellers, das einem seiner Werke entlehnt ist, dessen Inhalt aufruft, so man ihn kennt (oder nachgoogelt), und als Spiegel und Hallraum für die Phantasie dient, einer Erweiterung der literarischen Möglichkeiten. Es sind Zitate vom schon erwähnten Hoffmann, von Edgar Allan Poe, Ödön von Horváth, T. E. Lawrence, von Rilke, Zweig, Chandler, Shakespeare, Meyrink und Thoreau. Inhaltlich steht meist ein Ableben im Mittelpunkt. Da ist der Tod eines Schriftstellers, der Suizid einer Schwester, die Ermordung einer Mutter, der makabre Umgang eines Enkels mit dem Tod des Großvaters, ein Unfall, eine Lebertransplantation und es werden Anschläge verübt. Man kann den Inhalt des Buchs natürlich auch antupfen, wie es der Klappentext tut:

Ein überforderter Auftragskiller im Wien der 1920er Jahre, ein spleeniger Kardinal im Rom der Barockzeit, eine mit der Herkunft hadernde junge Ehefrau im Dritten Reich, ein dem Wahnsinn verfallender Dichter und sein Henker, ein durch einen Terroranschlag aufgewühlter Orientalist, ein zivilisationsmüder Önologe auf Handlungsreise in der Mongolei ...

und hätte trotzdem nicht viel mehr erfahren, weil es zwar einen Inhalt in jeder der Geschichten gibt, es aber vor allem um das „Wie“ der Umsetzung geht. Lesend betreten wir eine literarische Welt aus (geheimnisvollen) Anspielungen und poetischen Zeichen, die Genres der Erzählkunst und zahlreiche Werke wachruft, manchmal verwirrt, zuweilen schmunzeln lässt und unseren detektivischen Spürsinn fordert, ein Buch, das eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung verdienen würde.

Alexandra Bernhardt
Hinterwelt oder Aus einem Spiegelkabinett
Sisyphus Verlag
2019 · 160 Seiten · 14,80 Euro
ISBN:
978-3-903125-31-5

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