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Kritik

»Die Vergangenheit des Journalismus«

Hamburg

Katharina Blum hat nichts verbrochen. Und doch wird sie als »Terroristenbraut« bezeichnet. Über Nacht wird in den Medien eine öffentliche Rufmordkampagne gegen sie geführt. Der Boulevard ist skrupellos und mächtig und ihre persönliche Integrität auf einmal nur noch ein Spielball zwischen spekulativen Berichterstattung und gesellschaftlicher Vorverurteilung. Sie bekommt obszöne Anrufe, wird in der Öffentlichkeit bloßgestellt und sieht – sich durch den analogen Shitstorm in die Ecke gedrängt – irgendwann keinen Ausweg mehr. Die Würde ihrer Person erst erfolgreich zerstört, wird die verachtende Berichterstattung zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Katharina Blum ist eine frei erfundene Figur des Literaturnobelpreisträgers Heinrich Böll. In einem seiner bekanntesten Prosatexte »Die verlorene Ehre der Katharina Blum« erzählt Böll die Geschichte einer Frau, die Opfer der verwerflichen Handlungsmaxime manch reichweitenstarker Medienunternehmen wird und den zuständigen Journalisten schließlich aus Verzweiflung erschießt. Der Text erschien 1974 und hat doch bis heute nichts an seiner Kernaussage verloren. Medien berichten, und die Wirklichkeit wird wahr. Manche tun das aufrichtig und ehrlich, andere lassen wiederum einen gewissen Hang zu alternativ-opportunen Fakten erkennen. In jedem Fall funktionieren Medien aber nur, sofern deren Inhalte gelesen werden. Von einem Publikum, das offenbar immer kleiner wird.

Natürlich ist die Öffentlichkeit kein monolithischer Block. Niemand kann davon ausgehen, dass alle Menschen dieselben Inhalte konsumieren. In postfordistischen Zeiten ist unser Konsum individualisiert, wir entscheiden uns aus unterschiedlichen Interessen für unterschiedliche Informationen, die in unterschiedlichen Medien veröffentlicht werden und sich deshalb in unterschiedlichen Lebenswelten abspielen. Eine Person, die jeden Abend zur Tagesschau sinniert, bekommt vielleicht ähnliche Informationen, diese aber auf eine andere Art präsentiert, als jemand, der den ganzen Tag damit beschäftigt ist, durch seinen Social Media Feed zu wischen. Und selbst wenn zwei Menschen dieselben Inhalte konsumierten, hieße das noch lange nicht, dass sie dasselbe verstünden oder dieselben Schlüsse daraus zögen. Jede/r lebt in seiner oder ihrer Wirklichkeit, die im Verlauf der Teilnahme am gesellschaftlichen Prozess der Wirklichkeitskonstruktion aktiv handelnd und kommunizierend konstruiert und eben auch dadurch erhalten wird. Wirklichkeit ist für Menschen immer als Erfahrungswirklichkeit im Plural vorhanden. Dementsprechend gibt es die Wirklichkeit an sich nicht, weil Menschen immer schon in eine sinnhaft konstruierte Umwelt hineingeboren und auf sie hin sozialisiert werden. Kurz: Das, was so scheint, wie es ist, ist nur eine Ausformung jener Wirklichkeit, die es nicht gibt.

Die Anerkennung von Differenz, Dissens und Pluralität unterschiedlicher kognitiver Systeme ebenso wie unterschiedlicher Wirklichkeiten sollte die Ausgangsbasis für den Journalismus des 21. Jahrhunderts darstellen. Aber wer kann heute noch unterscheiden, was Wirklichkeit ist und was Fiktion, wo die Nachricht anfängt und die Meinung aufhört, wie Information sich von Unterhaltung unterscheidet? Lange schon hat sich »das Andere« von Wirklichkeit ausdifferenziert in Fiktion und Simulation, in Virtualität und Hyperwirklichkeit, in Symbolisches und Imaginäres. Und wer dem deutschen Kommunikationswissenschaftler Siegried J. Schmidt Glauben schenkt, sollte mit Wahrheit, Objektivität und Wirklichkeit ohnehin nur äußert vorsichtig hantieren. Nachrichten widerspiegeln nicht die Realität als solche, sie sind eine Interpretation unserer Umwelt, eine Sinngebung der beobachtbaren und nicht-beobachtbaren Geschehnisse. Von Journalist*innen wird erwartet, dass sie objektiv berichten, authentische Bilder produzieren und als Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse fungieren. Sie sollen die Gesellschaft schlicht zur Mündigkeit erziehen. Aber das ist nicht möglich.

Die US-amerikanische Medienwissenschaftlerin Alexandra Kitty hat mit »When Journalism was a Thing« nun ein ganzes Buch zu dieser Unmöglichkeit vorgelegt. Dabei geht es allerdings weniger um das Aufzeigen neuer Möglichkeiten, als vielmehr um die Abrechnung mit der journalistischen Profession als solcher. Sie ist versucht, den stetigen Verfall des Journalismus zu erklären, in zahlreichen (sich hauptsächlich auf den nordamerikanischen Mediensektor beziehenden) Fallbeispielen nach Antworten dafür zu suchen und unter Umständen einen Weg anzubieten, um den »endgültigen Niedergang« zu vermeiden. Ihr Antrieb ist die Wut – und das merkt man ihren Anführungen im Buch überraschend schnell an.

Kitty spricht in ihrem Buch sehr oft von der Vergangenheit des Journalismus. Einer einst »noblen und zweckdienlichen« Berufung, die den Mächtigen auf die Finger schaute und klopfte, sobald die Grenzen der Gerechtigkeit überschritten wurden. Dabei stellt sie die lange Tradition des aufklärerischen und investigativen Journalismus in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Für sie war die Welt des Journalismus noch in Ordnung als Ende der 1960er Jahre die Kriegsverbrechen der USA während des Vietnamkriegs (u.a. durch Seymour Hersh) veröffentlicht wurden und wenig später Richard Nixon durch zwei Reporter der Washington Post (Bob Woodward und Carl Bernstein) seines Amts als Präsident enthoben werden konnte. Journalismus war als vierte Säule der Gesellschaft in der Lage, etwas zu bewegen. Das wird die Autorin in weiterer Folge noch einige Male betonen. Eben wenn sie darüber spricht, mit wie viel Ansehen der Beruf bekleidet war, wie sehr Journalist*innen als Schleusenwärter relevanter Informationen auftraten und dadurch Themenschwerpunkte hin zu einer Abbildung der einzig wahren Wirklichkeit setzen konnten. Das alles sei einmal gewesen. Die Situation habe sich schließlich maßgeblich geändert. Mittlerweile sei der Beruf nicht nur nicht mehr angesehen, sondern, in den Worten von Alexandra Kitty, völlig »irrelevant«.

Das hat ihren Angaben zufolge einerseits mit dem Aufkommen von Online-Journalismus und dem schier unendlichen Vielfalt an Informationsmöglichkeiten zu tun. Informationsmöglichkeiten, die ihrer Meinung nach keine Informationen, sondern lediglich Unterhaltung anböten und deshalb überhaupt keine Nachricht wert wären. Und andererseits seien da auch noch die sozialen Medien, in denen jeder und jede Einzelne den Beruf des Journalisten ausüben könne. Nur mache das die Berufung als solche eben obsolet. Fuck the fucking market! Diese, nun ja, eher schlichte und darüber hinaus technikpessimistische Argumentation zieht sich mit einer kaum zu ertragenden Redundanz durch große Teile ihres Buchs. Sie verklärt dabei die journalistische Vergangenheit und rügt im selben Atemzug die Profession der Gegenwart. Nicht, dass es an dieser nichts auszusetzen gäbe, ist sie doch immerhin mitverantwortlich für den Aufstieg der allerorts aus dem Boden sprießenden Rechtspopulisten. Aber ihre Argumente verfehlen den eigentlichen Kern des Problems. Kitty spricht von der vertanen Weiterentwicklung des Journalismus, diskreditiert die Ausbildung und verschanzt sich hinter den Barrikaden der Wissenschaftskritik. Sie stichelt gegen Kolleg*innen und maßt sich an, darüber zu entscheiden, welche Themen aus ihrer persönlichen Sicht berichtenswert wären (Kim Kardashian eher weniger, Politik eher schon).

Doch das Problem ist die (für US-amerikanische Verhältnisse) relative Absenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Im Gegensatz zu Europa entschied man sich in den USA nämlich erst in den späten 1960er Jahren dazu, einen öffentlich organisierten Rundfunk zu installieren (PBS/NPR). Dieser wird hauptsächlich von privaten Spenden sowie einem vergleichsweise geringen Anteil staatlicher Gelder finanziert und sieht sich von republikanischer Seite immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Forum für linksliberale Belange aller Art zu sein. Eine ideologische Verwirrung der Konservativen, die meinen, dass der Staat sich dadurch in die öffentlichen Angelegenheiten einmische und das dem 1st Amendment zuwiderlaufe. Leider greift auch Kitty diese Argumentation auf, und das gleich mehrmals. »Journalism was never intended to be an actual public service: it is a business, and as such, it is dependent on the marketplace«, um dann an anderer Stelle anzumerken: »If journalism was truly useful and connected to audiences, they would buy it voluntarily and not be forced to fund it against their will, even if it does not provide any use to them«. Blöd nur, dass der freie Markt ohne Zutun des Staates eben solche Inhalte produziert, die zwar kommerziell funktionieren, aber – in den Worten von Alexandra Kitty – »ohne gesellschaftlichen Nutzen sind« (Kim Kardashian und Co). Ein geistloser Widerspruch, der sich durch die ohnehin redundanten Ausführungen zieht wie ein zäher Kaugummi.

Dabei ist ihr Verständnis von Journalismus und Medien ein denkbar einfaches. Journalismus wäre nämlich im besten Fall objektiv, orientierte sich an der Wahrheit und berichtete über Fakten, die es zu finden und schließlich offen zu legen gälte. Das alles hätten Journalist*innen früher getan und würden es heute nicht mehr tun. Kitty schreibt sehr viel und sehr oft darüber, was der Profession fehlte (Psychologie, Journalismus als Wissenschaft, Authentizität, Wahrheit) ohne dabei jemals den aktuellen Stand der Kommunikationswissenschaft mit anzuführen und ohne die jeweils ausführende Journalist*in dahinter mitzudenken. Denn zum einen entstand in den letzten Jahren eine stärkere Auseinandersetzung zur Qualität im Journalismus. Und zum anderen sind Journalist*innen, das haben wir bereits gesehen, Teil jener Wirklichkeit, über die sie berichten. Sie sind keine abstrahierte Entität und damit auch nicht außerhalb des Geschehens zu verorten, sondern eben ein Teil dessen. Das geht mit einer erweiterten Reflexion zum Verständnis und der Verantwortung des Berufs einher. Journalist*innen berichten nicht nur, sie sind immer aktiv involviert. Sie entscheiden darüber, mit welchen Personen sie sprechen, wenn sie Interviews führen. Sie entscheiden, welchen Bildausschnitt sie wählen, wenn sie eine Reportage drehen. Sie entscheiden, welchen Teil der Wirklichkeit sie ihrem Publikum zeigen wollen. Das alles verlangt nach einem moralischen Anspruch, der weit darüber hinausgeht, als einfach nur die Wirklichkeit als solche abbilden zu wollen. Und selbst wenn diese Erwartungen nicht immer erfüllt werden, so sind sie doch vorhanden, werden in der Kommunikationswissenschaft thematisiert und in der Ausbildung berücksichtigt.

Alexandra Kitty schreibt mit der angestauten Wut – über die Präsidentschaft Trumps, die letztendlich nur auf die abgekarteten Zerwürfnisse der Medien zurückzuführen sei; über die destruktiven Verfehlungen unterschiedlicher Journalist*innen, die einer ganzen Branche den Garaus machten; über die verlorene Glaubwürdigkeit und die zerbrochene Authentizität; über das, was sie Pseudo-Journalismus nennt (also von Sportereignissen und Kim Kardashian berichten); und darüber, dass die Wahrheit auf der Straße läge und sie nur zu berichten wäre. Sie nimmt sich die Freiheit heraus und behauptet, dass das »früher« einmal anders gewesen sei. Doch der Sprung über die idealisierte Vorstellung dieser Vergangenheit gelingt nicht. Am Ende bleiben eine erkleckliche Anzahl an Medienbeispielen und der Appell, sich wieder auf »die Wahrheit, die Fakten und die Realität« zu konzentrieren. Bleibt zu hoffen, dass der Journalismus dieses Vorhaben noch erlebt.

Alexandra Kitty
When Journalism was a Thing
zero books
2018
ISBN:
978-1785356544

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