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Kritik

Das Vermächtnis des Joseph Brodsky

Hamburg

Ungewöhnlich sein Leben, ungewöhnlicher sein Nachleben: Joseph Brodsky, Nobelpreisträger für Literatur, 1940 als Sohn jüdischer Eltern in der Sowjetunion geboren, aber 1972 ausgebürgert, erlag 1996 in seiner Wahlheimat USA einem Herzinfarkt und wurde in seiner Herzensheimat Venedig beigesetzt. Doch unter seinem Grabstein pulst etwas beharrlich weiter, behauptet der Lyriker Ulf Stolterfoth, „blutroter milchschimmel“ nämlich, eine Spezies aus dem Reich der Dichtung:

anlässlich der einsegnung des gegangenen, des „pornographischen parasiten“ und/“pseudopoeten in samtenen hosen“ kam es zu einer spontanen schimmelerscheinung/auf dem leichenhemd. heute lebt der blutrote milchschimmel in einem eichensarg/auf dem protestantischen abschnitt des friedhofs von san michele in venedig.

Fantasievoll, witzig, sprachmächtig ist Stolterfoth „auf der suche nach dem letzten schimmel“, einem der schönsten Gedichte in der Anthologie „Die 32 Schimmelarten des Joseph Brodsky“, der eine Online-Anekdote zugrunde liegt: Ist doch in Brodskys deutschem Wikipedia-Eintrag die Rede davon, dass das Museum in der ehemaligen Petersburger Wohnung des Dichters am Tag nach der Eröffnung wieder geschlossen werden musste, weil man dort „32 unterschiedliche Schimmelarten“ entdeckt hatte.

Der Lyriker Alexandru Bulucz hatte 2018 auf Facebook dazu aufgerufen, in Gedichten von maximal 32 Zeilen auf die unfreiwillig komische Wikipedia-Passage zu reagieren. Nicht das Rhizom verbindet die Texte, die in diesem konzeptuellen Kontext entstanden sind, sondern der Schimmel. „Man könnte für einen Moment annehmen, Facebook sei ein Nährboden, auf dem bzw. in dem diverse Schimmelarten, gesundheitsschädliche, groteske, aromatische, harmlose (wie der Schimmel im Schimmelkäse) kultiviert werden“, schreibt Bulucz im Nachwort der Anthologie, die er nun als Original-Ebook bei mikrotext herausgegeben hat.

Bulucz geht es darum, die lyrische Produktion „in einer für die Poesie eher feindlichen Umgebung wie auf Facebook“ anzuregen und nicht – wie er in Bezug auf die Kritik des Lyrikers Hendrik Jackson anmerkt – einen poetischen Übervater zu „verkulten“. Daher hat er Susan Sontags Auslassungen über Brodskys „bad character“ in das mikrotext-Ebook aufgenommen und alle Gedichte, die zuvor auf Facebook gepostet worden sind.

Und so enthält die insgesamt empfehlenswerte Anthologie naturgemäß stärkere und schwächere Texte. Ein Highlight ist die Foto-Dokumentation des Fixpoetry-Kolumnisten Christian Kreis über Brodkys Wohnung in Sankt Petersburg: Karge Bilder mit kargen Bildunterschriften wie „das Bad in der Nische“, „der Draht zum Sohn nach Amerika“ und „Brodskys Kater - Miez. Miez. Miez.“. Vom Schimmel aber keine Spur - als wären alle 32 Arten Spezies aus dem Reich der Dichtung.

 

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Autor*innen: Mit Patrick Wilden, Ulf Stolterfoht, Michael Spyra, Tzveta Sofronieva, Simone Scharbert, Tobias Reußwig, Bastian Reinert, Martin Piekar, José F. A. Oliver, Birthe Mühlhoff, Léonce W. Lupette, Bernd Lüttgerding, Norbert Lange, Christian Kreis, Thorsten Krämer, Claudia Kiefer, Viktor Fritzenkötter, Matthias Friedrich, Manfred H. Freude, Ingo Ebener, Alexandru Bulucz, Timo Brandt, Michael Augustin.

Alexandru Bulucz (Hg.)
Die 32 Schimmelarten des Joseph Brodsky
mikrotext
2018 · 80 Seiten auf dem Smartphone · 2,99 Euro
ISBN:
978-3-944543-76-5

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