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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
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PROSANOVA Festival für junge Literatur 2020
Kritik

Barocke Petersilien

Hamburg

Zur Abwechslung verspricht uns ein Klappentext mal nicht zu viel, sondern zu wenig: Alexandru Bulucz' "was Petersilie über die Seele weiß" sei ein

Buch voller Begegnungen. Neben Briefen (…) [und] Geistergesprächen

handle es sich um

[…] Gedichte, die aus Erzählgebilden hervorgehen, mal humorvoll, mal ironisch oder bitter, mal narrativ, mal metrisch und rhythmisch – wie die Klänge jener orthodoxen Mönche, die, mit Holzhämmern auf Stundenhölzer schlagend, ihre Rufe zum Gebet improvisieren

– und abgesehen von jenem einen konkreten Bildmotiv, dem Stundenholz, und dem Background, den es impliziert (als Kirchenglocken-Ersatz in den ehemals osmanisch beherrschten Gebieten Europas), ist diese Schilderung recht allgemein gehalten. '(Geister-)Gespräche wechselnder Partner, bei wechselnden Stimmungen' – so etwas finden wir bald einmal in einem Band deutschsprachiger Gedichte. Doch Bulucz' vorliegende Sammlung von neun (oder, je nach Zählung, elf) Zyklen verfolgen ein viel enger gefasstes, viel stringenteres Programm.

Klar, den Texten ist allen das Element von Zwiesprache gemeinsam, innerer Zwiesprache mit einem abwesenden Gegenüber, aber von Interesse für uns sind die bestimmten Formen, die diese Zwiesprachen annehmen, und, was in ihnen verhandelt wird. Dieser thematische Gehalt wäre dann, ungefähr, "Memento Mori": Umgang mit Sterblichkeit, mit Verschwinden, mit Erinnerung. Das bietet uns auch Gelegenheit, Bulucz' Gedichte als Texte-über-das-Schreiben zu lesen, so, als behandelte jeder Text, wenn er vom Verschwinden spricht, sein eigenes Verschwinden explizit mit.

Formal schlägt sich solche Themensetzung vor allem als Anknüpfung an jenen Texttraditionen, aber auch Traditionen bildender Kunst, nieder, die um dieses Thema im Lauf der Geschichte schon herumgebaut wurden: Bulucz nimmt Instrumentarien, Vokabulare und diskursive Selbstverständlichkeiten zwischen Spätbarock und Klassik wieder auf, was den schwarzen Grund der Stillleben gewissermaßen als Goldgrund seiner Sprache und ihrer Gehalte setzt (… und das Licht reicht nie, um den ganzen Raum auszuleuchten …).

Ganz klassische Versmaße, Reimschemata und Strophenformen werden hier nicht einfach verwendet oder angespielt, sondern souverän, im vollen Bewusstsein ihrer Implikationen, gesetzt – paradoxerweise ist so just in einem Gedichtband, der die Möglichkeit und Drohung des Vergessens zentral behandelt, die Tiefe des materiellen Gedächtnisses der Form stets präsent. Es geht bei Bulucz eben nicht nur um das Bewirken eines Effekts mittels dieser oder jener Klangfolge, Silbenzahl oder Repetition, sondern auch um den diskursiven Schatten, den das jeweilige sprachliche Mittel sozusagen wirft – den Rückgriff auf Lebenszusammenhänge, auf Philosophien (und ja, auch Theologien), die mit solchen Formen zumindest die Entstehungszeit, die gesellschaftliche Einbettung gemeinsam haben/hatten …

Dem entspricht der Umgang des Verfassers mit Topoi und Requisiten – sie sind reichlich, sie sind überdeterminiert, und sie weisen gerne mal vor die Moderne zurück. Beispielsweise die "Petersilie" aus dem Titel. Manifest steht in dem Gedicht, dem sie entstammt, dieses –

Nie nahmst du's ab, als ich von Boris träumte,
von Feldern grüner Pastinaken. Es war dir gleich,
was sich verbarg hinter dem Geschmack des Dills
im Käse aus der Teigtasche,

was Petersilie über die Seele weiß.
Nie fragtest du nach den transsylvanischen Äpfeln
u. warum sie in der kühlenden Erde lagern,
den Pilzen, die Majka anbriet u. salzte,

den Zwetschgen, dem Schnaps, dem Urgroßvater,
dem Holzkreuz am Bach. (…)

– und da steht noch viel mehr, 12 Strophen insgesamt; aber die kulinarisch-nostalgische Stimmung ist trügerisch. Das fängt beim Titel an, "Gespräch mit Baumrinden II": Natürlich könnten wir lesen, der Sprecher hauchte, weirdo, die Rinden der Bäume ums Haus an, betreffend ihre Antwortlosigkeit (die gedankenlos dahinromantisierende Werbeästhetik, mit der wir alle aufgewachsen sind, würde so was ja näher legen, als ernstlich zu fragen, was "Gespräch mit Baumrinden" tatsächlich meinen kann) – aber das ließe uns vergessen, dass das deutsche Wort "Buchstaben", Schrift-selbst, etwas mit dem Ritzen von kultischen Holzstäben zu tun hat, und wie das ist mit dem Einritzen von (beispielsweise) Herzchen und Initialen in die Rinde von Bäumen (was wächst, wächst weiter, bewahrt UND überwuchert die Erinnerung). Das geht weiter mit dem (mutmaßlich) schlecht gewordenen Käse, vom Dill kaschiert; und "was die Petersilie über die Seele weiß" erschiene demnach auch nur wie eine etwas dunkel-raunenden Zaubermetapher (ca.: "der Geschmack oder Geruch  der Petersilie [als Teil des Teigtaschengerichts] tröstet oder täuscht den Esser über Verborgenes, oder Fehlendes, oder eben Schlechtgewordenes am Essen hinweg, weil er irgendwelche Erinnerungen oder Gedanken mobilisiert – über den manifesten Gehalt eines Gerichtes triumphiert Immaterielles"). Tatsächlich klärt uns Bulucz' Nachwort darüber auf, dass er mit der Petersilie den

Aberglauben germanischer und romanischer Völker

laut der "Geschichte und Volkskunde deutscher Heilpflanzen" aufruft – hier gelte sie als "Unglückspflanze", Grabkranz-Pflanze. Bulucz lässt es aber dabei nicht bewenden und liefert noch eine kleine Literaturgeschichte der Petersilie nach, mit Marie Luise Kaschnitz, der Homerischen Odyssee –

Petersilie ist Nekyia. Sie beseelt und bringt die Toten eine zeitlang wieder zum Sprechen (…)

– und, über Hubert Fichte, der Historie zumindest eines ganz realen Massakers auf der Insel Haiti, bei dem starb, wer durch "falsche" Aussprache des Wortes "Petersilie" die "falsche" Herkunft verriet. Das mit Petersilie gewürzte Mahl, wie nun der gewitzigte Leser also nicht nach-spürt, sondern weiß, es ist ein Totenmahl; der da isst, erinnert sich, und führt mit in Rinde eingeritzten Namen sein Gespräch …

Der Anspruch Bulucz', so viel Information, so viel Erinnerung in einem Buch vom Verschwinden aufzubewahren, er wird nochmal anders manifest, wenn wir das erste Mal den Schutzumschlag abnehmen. Dieser ist eng bedruckt mit einem Personen- und Sachregister zum Band. Bulucz zu folgen, ist auch unter Zuhilfenahme dieses Registers nicht ohne Anstrengung. Lohnt sich aber.

Alexandru Bulucz
was Petersilie über die Seele weiß
Schöffling Verlag
2020 · 120 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-89561-507-8

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