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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
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Kritik

Poetische Verdauung

Hamburg

Zu gern hätte ich das kürzlich im Literaturhaus Freiburg angedachte Gespräch zwischen Alexandru Bulucz und Marion Poschmann verfolgt, zu gern zumindest davon gelesen. Poschmann wurde mir erst kürzlich bei Twitter als "wahre Poeta doctus" bezeichnet - ein Ausdruck, den ich eigentlich ungern benutze, ihn aber schon lange ungesagt mit dem Autor von Was Petersilie über die Seele weiß in Verbindung bringe.

Und doch stößt die*der Leser*in im neuen Gedichtband von Alexandru Bulucz zunächst auf etwas ganz Banales, trifft sie*er gleich eingangs auf das stille Örtchen, das Klo. Denn der rote Faden des Dichters, so könnte man sagen, ist der Darm, oder genauer dessen Aufgabenbereich: die Verdauung. Natürlich hat Was Petersilie über die Seele weiß nichts mit Gesundheitsratgebern in diesem Sinn gemein, findet die Verdauung hier metaphorisch statt. So beginnt bereits das vorangestellte, Paul-Henri Campbell gewidmete Reader's Digest:

"DIGESTION STATT DIEGESE. Schreiben sei Verdauungsstunde,
Darmkontrakt. Ich gehe prompt d'accord!"

Verdauen heißt bewältigen, hinnehmen, überwinden, aber auch verarbeiten, im weiteren, poetischen Sinn: realisieren. Was oder wie aber wird verdaut in den Gedichten? Und was hat Petersilie damit zu tun?

Alexandru Bulucz, geboren 1987, folgte mit 13 Jahren seiner Mutter von Rumänien nach Deutschland. Hier angekommen beschloss er bald selbst, auf ein Internat zu gehen. Er perfektionierte sein Deutsch und Französisch, begann die ersten Übersetzungen, wäre auch beinahe professioneller Basketballspieler geworden. Später initiierte er an der Universität Frankfurt eine individuelle Reihe von Gesprächen mit großen zeitgenössischen Denkern. Beiträge des Autors in den sozialen Netzwerken haben Tiefe und sind äußerst vielfältig. Das alles klingt nach zureichendem Stoff für Gedichtsujets, doch schreibt Bulucz weit über die eigene Vita hinaus. Das im Schutzumschlag aufgeführte Personen- und Sachregister umfasst neben unterschiedlichen Vertretern aus dem künstlerischen und geisteswissenschaftlichen Milieu auch eine Vielzahl an rumänischen Gegenstandsbezeichnungen und Verwandtennamen.

            "Seid gegrüßt, Rose, erbarmt Euch, hab' Euch verwechselt, gestern
             für was denn gehalten, einen Stein, einen Stein im Vogelzug.
Der war ein Wasservogel, u. ich im Kehlsack eine wurzellose
Zwerglinse, um an anderen Orten, in anderen Wassern zu blühen."

Die Gedichte unterscheiden sich sprachlich sehr voneinander, changieren mal von ausgedehnter narrativer Schwatzhaftigkeit über barocke Anklageschrift hin zu betrübter Lakonie; aber immer rührt die*den Leser*in etwas, macht zartfühlend und ereilt sie*ihn in einer schwer sagbaren Schönheit. Und die Objekte gewinnen dabei an Plastizität. Erst ästhetisch verdaut werden Situationen und Zustände hier (für uns) erfahrbar (gemacht), kann sich ihrer richtig erinnert und können sie sich vorgestellt werden. Beim Lesen der Gedichte wird mit Prägnanz eine Gegenwärtigkeit erzeugt, durch die man sich boxen oder die man schön finden kann. Der Dichter macht Dispute sichtbar, welche nur auf dem Weg poetischer Ausdrucksfindung überhaupt konkret zu werden scheinen (L'animal que donc ..., Freuds Artischocke.). Ob es sich hierbei nun um familiäre Erinnerungen oder philosophische Fragestellungen handelt, man fühlt sich gemeint und angesprochen, partizipiert in einem Verwinden und einer Verwunderung über Identität und deren Verschwinden. Dass man selbst niemals "in der Pfütze des Plattenbauhofes" spielte oder mit dem "der Dacia dorthin" gefahren wurde vergisst die*der Lesende*r schnell in jovialer, manchmal fast spöttisch erscheinender Musikalität (Sieben Dignitäten), oder auch in spukhaften Langgedichten, die an geisterhafte Verwandte adressiert zu sein scheinen (Herumkörpernde Halme).

Überhaupt Mystik. Bulucz kreiert häufig einen beklemmenden Ton, lässt sein Ich Kirchen und Wäldern betreten, umschleiert die dort angesiedelten Personenkreise, macht sie durch märchenartige Versprachlichung sichtbar und kontuiert sie findig und genialisch. Wo Maupassants Held sich den Bleistift an Hände und Bart schmiert, um per Abdruck die Existenz des Unsichtbaren, des Horla, zu beweisen, schreibt Bulucz mit dem Stift lieber Gedichte, um mal das Flüchtige, mal das Omnipräsente zu demonstrieren. Vielleicht passiert dies Bulucz beim Schreiben aber auch ganz automatisch: "Die Gestalt der Poesie da nimmt sie je nachdem die Form der Espenrinde u. des Mundes an". Erst nach poetischem Durchleben, nach ästhetischer Verdauung kann dann die psychische, geschweige denn physische Konsequenz folgen.

            "[...] Ich erinner mich,
            an ein Männlein, sein Wiedererwachen am leuchtenden Strauch,
            u. es kann nur die Hagebutt' sein. Es entnahm ihrer Schale
            die Nüsse mir Haarblond u. streute wie jemandem Salz
            in die Wunde den Juckreiz auf Rücken, entlegenste Rücken."

Er ähnelt im Mystifizierungsvorgang seinem großem Vorangänger Paul Celan. Auch Bulucz hat Steine und Haar im bedeutungsdunklen Vokabelgebrauch, umgibt sein Ich mit Rinden, lässt es mit ihnen sprechen. So ließe sich aus Celans Dein Haar überm Meer und Buluczs bereits zitiertem Stundenholz gut ein Diptychon formen, das über der Vergänglichkeit von Zeit, Ort und Mensch prangt.

Beim Verhandeln von Vergangenheit und Gegenwart wirft Bulucz viele Fragen auf: Welches Recht auf das Fällen von Urteilen steht uns überhaupt zu? Was bedeuten Gefühle wie Heimat? Bulucz berührt hier große europäische Themen wie Flucht und Migration, aber auch die damit in Zusammenhang gebrachte Frage nach Moral:

            "Moral, das ist, du wirst dich erinnern, eine Tautologie, von Architekten
            Zeit als Uhrzeit symmetrisch zu erben. Das ist die mit der Mutter-
            milch aufgesogenen Klatschtechnik der Schmetterlinge: In der Mitte
            Gefaltetes, auf einer Seite mit Farbe Betupftes, schnapp zu, Moral, ..."

Was erlaubt uns, moralisch zu urteilen und inwieweit besitzen wir die Fähigkeit zur eigenen, gesellschaftsunabhängigen Moralbildung? Auch Fragen nach Schuld werden gestellt. Der Autor schreibt in Form erinnerter Anekdoten, führt das Thema mal per Tiermetapher, mal als Kuriositätenmeldung ad absurdum:

"[...] Ich las Le Monde dipl.: vom Mittelalter, / von Schweinen vor Gericht. Zuerst den Titel nur u. Untertitel. Manche Tiere seien schuld- / fähig gewesen über hunderte von Jahren."

Wie also urteilen über das Erinnerte, die eigene Kindheit und Orte, über Menschen, die wir gar nicht kennen? Und wie damit umgehen, wenn eine Wertung nicht greift? Auch Religion und Kirche werden als 'Verdauungsorte' ausprobiert, stilistisch eingesponnen (Psalm, Passionslied), das Gotteshaus aber zumindest als unpraktikabel erklärt: "Wo u. warum nur zur Hölle verbergen die Kirchen u. Klöster die Klos?"

Beruhigend, möchte man sagen, nimmt sich die Betrachtung der Großzahl der meist vierzeiligen Gedichte, das oft penible Metrum und Versmaß aus. Die Strophenhaftigkeit hat gebetsmühlenartige Wirkung. Tatsächlich lassen sich viele der Gedichte sehr gut laut sprechen. Fast mantrenhaft lesen wir Briefe, Psalmen, die hypnotischen Sog erzeugen, um uns schließlich doch wieder an die Fragilität und Beeinflussbarkeit der eigenen Erinnerung denken zu lassen.

Die Petersilie schließt den Kreis, sie trägt zur Verdauung bei, gilt als gut für das Herz, gegen Blähungen, ist Teil des Verdauten. Der Dichter selbst klärt im Nachwort die angedachte Bedeutung: Ähnlich der Petersilie, die Alexandru Bulucz in Dostojewskis prägendem Roman Verbrechen und Strafe zwar nicht vorfand, die er aber anwesend fühlte und vermutete, ist es doch die wabernde Existenz eines Personen- und Ortsstabes die einen wesentlichen Kern in unserem Innern bildet. Die poetische Kraft der Gedichte wird von einer Wechselseitigkeit getragen, die zwischen seinem Gegenstand - sei dies nun Mensch, Tier, Pflanze oder Heimatgefühl - und dem worin dieser Ausdruck findet, der Ästhetik selbst, hervorgeht. Und somit eine Wirklichkeit, eine Unmittelbarkeit stattfinden lässt und erschreckend erfahrbar macht.

Ein bisschen Anstrengung kostet es, den Band zu lesen. Nicht alles ist leicht zugänglich und manches muss recherchiert werden. Die Mühe ist es jedoch wert. Der Gedichtband von Alexandru Bulucz ist eine originelle Ausnahmeerscheinung unter den zeitgenössischen Lyrikveröffentlichungen.

Alexandru Bulucz
was Petersilie über die Seele weiß
Schöffling Verlag
2020 · 120 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-89561-507-8

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