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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
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Pedrina - Die Pute, die ein Pfau sein wollte / la perua quer quería ser pavo real
Kritik

Gedichte als langer Monolog

Hamburg

Der neunundachtzigjährige österreichische Dichter Alfred Kolleritsch ist in der Literaturszene nicht nur als Autor zahlreicher Gedichtbände, Roman und Erzählungen bekannt, sondern auch als Gründer der wichtigen Literaturzeitschrift manuskripte, die er seit mehr als fünfzig Jahren herausgibt. Nun hat er mit Die Nacht des Sehens seinem Werk einen weiteren Lyrikband hinzugefügt. Und schon der scheinbare Widerspruch des Titels verweist darauf, dass seine Gedichte existentielle Themen reflektieren und der Dichter sie philosophischen Fragen aussetzt.

Sag mir etwas, das nicht verschwindet, lautet die Überschrift des zweiten Kapitels und dieses Motto liegt über all seinen Gedichten. Nichts scheint gegen das Verschwinden, gegen Verlust gefeit zu sein. Selbst die Sprache ist dagegen machtlos. Es gelingt nicht, das Wort an die Dinge zu heften.

Wir sitzen uns blind gegenüber, heißt es in einem anderen Gedicht oder Blind oft reden wir miteinander.

Der Dichter blickt in seinen Gedichten auf Liebe, Verlust, auf Tod, braucht nur wenige Zeilen, um darüber zu reflektieren und die ganzen Assoziationen dieser Schlüsselwörter zu ermöglichen.

Und immer wieder ist es die Nacht, das Dunkle, das angerufen wird. So schreibt er in dem einzigen Gedicht, das eine Überschrift hat:

Erahnen

Das dunkle Kleid
trug sie zum Schutz,
sie las zuvor vom Dunkel,
besorgt, geliebt zu werden,
schützt sie die Wunden.

Ihr tiefes Spüren reicht
bis in die Nacht.

Weil sie die Sonne sucht.

Das dunkle Kleid kommt noch in anderen Gedichten vor. Im folgenden Gedicht bietet die Nacht scheinbar Schutz.

Es ist Nacht,
sie zieht den Tag weg,
das überschwängliche Licht,
es sagt die Wahrheit,
verbrennt die Dinge
zu dem, was sie sind.
Die Urne siegt, den Mond
spiegelt sie
enttäuscht vom Ende.

Kolleritsch greift bestimmte Themenworte immer wieder auf und stellt sie in andere Zusammenhänge, wobei sie dennoch zusammengehören. Sein langjähriger Freund Michael Krüger hat in einem sehr zugewandten und gleichzeitig erläuternden Nachwort geschrieben:

Vielmehr scheinen mir alle Gedichte zusammenzugehören zu einem langen monologischen Gesang über Zeit und Existenz, in dem es Brüche, Unterbrechungen, Einsprüche und Neuansätze geben muss, um die Schwierigkeiten dieses poetischen Projekts zuallererst sichtbar zu machen.

Die kurzen Gedichte sind alle reimlos, kommen manchmal zu keinem eigentlichen Schluss, bleiben ein wenig rätselhaft mit sich scheinbar widersprechenden Metaphern:

Das der Abend treu bleibt
als unvergängliches Vergessen,
ist eingebrannt in jeden Satz,
den man vermeidet.

Manche Gedichte kommunizieren miteinander, manche widersprechen sich. Vieles ließe sich zitieren. Die Gedichte haben ihre eigene Melodie, die beim Lautlesen am besten zu erspüren ist. Und trotz der Schwere der Themen haben sie etwas Berührendes und Lakonisches zugleich.

Alfred Kolleritsch
Die Nacht des Sehens
Mit einer Nachbemerkung von Michael Krüger
Wallstein Verlag
2020 · 90 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-8353-3672-8

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